17. IDAHOBIT* – wird’s besser?!

Heute, am 17. Mai 2021, begehen wir nun zum bereits 17. Mal den Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie (passender auch -feindlichkeit), kurz: IDAHOBIT*. Trotz Corona finden diverse kleine und reichlich digitale Veranstaltungen statt; da lohnt es sich, einmal in den sozialen Netzwerken zu schauen. Natürlich haben auch wir die eine oder andere Empfehlung zum heutigen Tag, der insbesondere nach den tragischen Nachrichten der vergangenen Zeit umso wichtiger ist.

Keine gutes Jahr für die LGBTIQ*-Community

Sei es die Hinrichtung eines jungen schwulen Iraners durch dessen Halbbruder; der 29-jährige Normunds Kindzulis, der in der lettischen Stadt Tukums Opfer einer homophoben Brandattacke wurde; der gerade vor Gericht verhandelte Angriff auf ein schwules Paar in Dresden, bei dem einer der beiden zu Tode kam. Die Zunahme queer-feindlicher Über- und Angriffe während der Corona-Pandemie oder die Stagnation in Europa in Bezug auf LGBTIQ*-Rechte, die die neu veröffentlichte Rainbow Map der ILGA (International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association) zeigt. Politische Polarisierung und die Verschärfung im Ton dürften deutlich dazu beitragen, dass es in vielerlei Hinsicht kein gutes Jahr LGBTIQ*-Personen war – EU-Freiheitszone hin oder her.

Die Rainbow Map 2021 (Bild: Screenshot/© ILGA)

So ist es beispielsweise in Bezug auf Deutschland umso bedeutender, den Blick auf die Änderung des Artikel 3 Absatz 3 des Grundgesetzes zu richten. Es ist dringend notwendig, auch die sexuelle Identität unter den Schutz des Grundgesetzes zu stellen. Wir hatten bereits über die Kampagne Grundgesetz für alle berichtet und euch kürzlich ein Update geliefert. In einer „Queeren Kampagnen-Hochzeit“ schließen sich nun die genannte und die Kampagne #zeigdie3 des mygay Magazine zusammen und bündeln so ihre Ressourcen. 

„Die sexuelle Identität ist bislang durch keines der in Art. 3 (3) GG genannten Merkmale geschützt. Auf Basis des bis heute unveränderten Wortlauts des Grundgesetzes billigte das Bundesverfassungsgericht noch in den 1950er und 1970er Jahren die strafrechtliche Verfolgung homosexueller und bisexueller Männer. Bei Scheidung drohte lesbischen Frauen bis in die 80er Jahre der Sorgerechtsentzug ihrer eigenen Kinder durch deutsche Gerichte. Eine Ergänzung des Art. 3 (3) GG ist daher dringend notwendig, um einen dauerhaften Diskriminierungsschutz zu sichern“, so Josefine Liebing, Initiatorin und Mitglied des Koordinationsteams der Initiative Grundgesetz für alle. Darüber hinaus verweist sie auf die Notwendigkeit, auch den Schutz der geschlechtlichen Identität vollumfänglich in Art. 3 (3) GG zu verankern.

Grundgesetzt für alle – die Petition könnt ihr hier unterzeichnen.

CEO und Verleger des mygay Magazine Christian Sommer ergänzt: „Im Bundestag wird derzeit eine Änderung des Artikels 3 GG beraten. Neben einer Ersetzung des Rassebegriffs ist es von historischer Bedeutung, in diesem Zuge endlich einen Diskriminierungsschutz für sexuelle und geschlechtliche Minderheiten festzuschreiben. Das ist die Gelegenheit, endlich das Diskriminierungsverbot zum Schutz von queeren Menschen zu erweitern.“

Mit der Verfolgung homo- und bisexueller Männer bezieht sich Liebling auch auf den unsäglichen Paragrafen 175 Strafgesetzbuch, der in Ost wie West für schmerzhafte Lebenserfahrungen und ungerechtfertigte Verfolgung sorgte. Im Westen Deutschlands gab es schon kurz nach dem Krieg erneute Reformbemühungen, die jedoch scheiterten, wie es unter anderem Raimund Wolfert in einer Hirscheld-Lecture beschreibt. Die Urteile nach dem Paragrafen werden erst seit 2017 als Unrecht anerkannt, wurden in Zuge dessen aufgehoben und es wurden Anstrengungen zur Entschädigung unternommen. So erinnert der 17. Mai auch nicht von ungefähr an diesen Paragrafen.

Gewählt wurde das international bedeutende Datum aber zur Erinnerung an jenen 17. Mai im Jahre 1990 als die Weltgesundheitsorganisation (WHO) entschied, Homosexualität aus ihrem Diagnoseschlüssel für Krankheiten zu streichen. In Bezug auf Transsexualität stellte die Organisation erst im Jahr 2018 fest, dass es sich um keine psychische Erkrankung handele. In der elften Ausgabe der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, ICD-11, wird Transsexualität im Kapitel Sexualgesundheit auftauchen. ICD-11 soll am 1. Januar 2022 in Kraft treten, zu einer Einführung in Deutschland liegen jedoch noch keine Angaben vor. 

Etwas, für das sich auch Nora Eckert im Verein TrIQ TransInterQueer e. V. Berlin engagiert und auch in ihrem Buch Wie alle, nur anders beschreibt. Um andere Diskriminierung geht es in wunderbar illustrierten und ebenfalls sehr persönlichen Buch von Julius Thesing You Don’t Look Gay. Auf andere Art persönlich sind die Portraits vor Verfolgung und Gewalt geflohener Iraner*innen im Bildband There Are No Homosexuals in Iran von Laurence Rasti. Um Sichtbarkeit von Role Models geht es im Sammelband Lesbisch – Feministisch – Sichtbar mit Texten von Susanne Kalka und Illustrationen von Helene Traxler.

In dieser Woche finden übrigens auch im Bundestag zwei Debatten mit Bezug zur LSGBTIQ*-Community statt. Am Mittwoch, 19.05.2021, gegen 18:40 Uhr, werden Anträge der Oppositionsparteien FDP (die auch einen Aktionsplan gegen Homo- und Transphobie fordern), Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke unter dem Tagesordnungspunkt „Situation von LSBTI“ debattiert. Und am Donnerstag, 20.05.2021, geht es gegen 16:50 Uhr in zweiter und dritter Beratung um die Rehabilitierung homosexueller Soldat*innen. Bei dem geplanten Gesetz sehen nicht nur die demokratischen Oppositionsparteien Nachholbedarf. Sofern euch die Debatten interessieren, bitte überprüft noch einmal kurzfristig auf der Homepage des Deutschen Bundestages auf Verschiebungen. Diese sind nämlich nicht unüblich.

Der Fiete & Kefir werden in ihrem Podcast, der am Pfingstwochenende verfügbar sein wird, ebenfalls über Homophobie, repressive Tendenzen und Maßnahmen dagegen sprechen. Darüber hinaus über die umstrittene schwule Serie All you need und manches mehr. Hier findet ihr die ersten vier Folgen des augenzwinkernden gesellschaftspolitischen queeren Formats

Eure queer-reviewer

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