Äußeres nach innen gerichtet

Manches Mal ist es so einfach, dass es eben das genau nicht mehr ist: Einfach. So etwa beim vorliegenden Bildband NUDES des 30-jährigen Berliner Fotografen Richard Kranzin. Der Band vereint gut 100 analog fotografierte Aufnahmen, die er in den Jahren 2018 bis 2020 von zwar recht verschiedenen, aber durchweg attraktiven und jungen Männern in der vertrauten und sicherlich vertrauensschaffenden Atmosphäre seiner eigenen Wohnung gemacht hat.

Die Worte genommen

Das Problem hierbei ist nun, dass der herausgebende Salzgeber Verlag in seinem den Band einleitenden Text im Grunde nahezu alle Worte verwendet, die mir als Rezensenten nun auch beim Betrachten in den Kopf kamen. Wohlgemerkt lese ich solche Texte erst, nachdem ich einen guten Blick in den Band geworfen habe; allein schon, um der Gefahr zu entgehen, erzählt zu bekommen, wie ich etwas zu betrachten hätte. 

© Richard Kranzin

Nun wird in diesem kurzen Text auf die Besonderheit analoger Fotografie sowie die damit einhegenden Risiken eingegangen. Dass beispielsweise ein Streifen Negativ belichtet und entwickelt wird und anschließend die einzelnen Abzüge „auf Fotopapier in mühsamer Handarbeit durch Entwickler-, Stopp- und Fixierbad gezogen“ werden. Hier können Betrachter*innen gleich etwas gelernt haben und vielleicht auch manch einen (nicht immer herrschenden) Preisunterschied zwischen Analog- und Digitalbildbänden nachvollziehen. Jedenfalls wenn es um Porträtfotografie geht; im Dschungel Neuguineas rechtfertigt das ein anderer Aufwand.

„Kunst der Verletzlichkeit von Maskulinität“

Jedenfalls spart Richard Kranzin sich jenes „endlose Durchklicken von Motivvarianten“, die eben bei digitalen Shootings entstehen. Dafür überlege er sich im Vorfeld sehr genau, welche Position und Haltung, welchen Blick oder welche Stimmung das fertige Bild vermitteln solle. Das glauben wir gut und gern (ja, alle bei the little queer review wollten mal reinschauen), wirken die Bilder doch durchaus sehr fein komponiert. Jedoch nicht statisch, das Gefühl hier eine zwar verharrende Bewegung nicht aber eine eingefrorene Pose zu sehen, unterscheidet NUDES von manch anderem Band.

© Richard Kranzin

Kranzin selber sagt, dass seine Kunst der Verletzlichkeit von Maskulinität auf den Grund gehe und er von „einer wahrhaftigen, sinnlichen und sündenfreien Männlichkeit“ träume. Verletzlich wirken einige seiner Modelle auf den Aufnahmen in der Tat, jedoch nicht so, als würden sie sich einer Bedrohung ausgesetzt sehen. Diese Verletzlichkeit immer mal wieder einzufangen und uns auch in uns selbst suchen zu lassen, ist ein interessantes Thema. Was der Fotograf allerdings mit „sündenfreier Männlichkeit“ genau meint, würde mich durchaus noch interessieren, denn keiner meiner Gedanken dazu ergibt im Zusammenhang mit dem Band Sinn oder wäre zumindest zu simpel, im Kontrast zum Rest des Anspruchs.

Individuelle Empfindungen

Denn der ist es, auch seine Modelle „von ihrer kommerzialisierten Selbstdarstellung in den sozialen Medien, ihrer digitalen Identität“ zu entkoppeln. Das will ihm zumeist gelingen. Darüber hinaus: Ob nun Verletzlichkeit oder eine geheimnisvolle Offenheit, ein uns Herausfordern sie „kennen zu lernen“, das strahlen viele derjenigen Modelle aus, die uns durch die Kamera Kranzins direkt ansehen. Dabei schauen sie nicht einfach „verführerisch“ oder „mysteriös“, sondern individuell empfindend. Nun ist es an uns Betrachtenden herauszufinden, was sie da empfinden und mitgeben wollen. Dass der Fotograf und Verlag darauf verzichtet haben, die gezeigten Fotografien mit Namen zu versehen, lässt dies nur umso interessanter werden.

© Richard Kranzin

Apropos interessant, kleiner Fun Fact: Vor kurzem hat Richard Kranzin auch den Schauspieler Frederic Balonier abgelichtet, der, neben Ralph Kinkel, einer der wenigen augenscheinlichen Gründe war, die Serie The Drag and Us durchzuhalten (und wir mussten drüber schreiben).

Ausdrucksstarke und durchdachte Kunst

Und apropos abgelichtet: Dass vor allem die analoge Schwarz-Weiß-Fotografie über ganz andere Möglichkeiten verfügt, Licht und Schatten einzufangen, diese in die Bildkomposition einfließen zu lassen, verdeutlicht der im Duoton-Verfahren gedruckte glänzend glanzvolle Band NUDES ebenso. Somit auch in diesem Sinne: eine fotografische Studie. 

© Richard Kranzin

Damit ist NUDES von Richard Kranzin nicht einfach nur ein Band mit Bildern junger, schöner, nackter Menschen, sondern ein aufwendig entstandener, sorgsam durchdachter, kunstvoll arrangierter und hochwertig gedruckter Bildband ausdrucksstarker analoger Fotografien.

JW

© Richard Kranzin

PS: Mit der Besprechung von Richard Kranzins NUDES leiten wir unser Bild- bzw. Text-Bildband-Spezial ein: In den kommenden Wochen werden wir uns vermehrt mit den vielseitigen Veröffentlichungen dieses oft ein wenig zur Seite gestellten Genres beschäftigen. Wie immer werden wir auch hier nicht ausschließlich queere Titel besprechen und neben Besprechungen werden wir uns ebenfalls etwas damit befassen, was es eigentlich bedeutet, solch einen Band auf den Weg zu bekommen. 

Richard Kranzin: NUDES; Juli, 2021; Hardcover, gebunden; 176 Seiten; 104 Abbildungen in Duoton, 32 x 24 cm; Texte in deutscher und englischer Sprache; ISBN: 978-3-95985-622-5; Salzgeber Buch; 59,00 €

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