Augen auf beim Knacki-Parship

Beitragsbild: Lenny (Wulf Kurscheid, rechts) lebt bisher mit seiner Mutter Ines (Picco von Groote) alleine. Jetzt soll auch Basso (siehe unten) hier einziehen. Ihr neuer Partner wird aus dem Gefängnis entlassen. // © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin Valentin Menke

Die geneigten Zuschauerinnen und Zuschauer des Kölner Tatort: Der Reiz des Bösen am 19. September dürften noch wissen, was eine Brieffreundschaft ist. In Zeiten vor Videokonferenzen, E-Mails und Messengerdiensten setzte man sich tatsächlich hin und schrieb mit Bekannten Briefe, tauschte sich aus, lernte sich kennen.

Mach die Augen zu und stich mich

So war das auch bei der anfangs alleinerziehenden Mutter Susanne Elvan und ihrem Mann Tarek. Tarek war Insasse in der Kölner Justizvollzugsanstalt und kurz nach seiner Freilassung wird Susanne brutal ermordet, die Augen mit einem Gürtel verbunden, aufgefunden. Recherchen ergeben, dass es bereits ähnliche Morde in Nordrhein-Westfalen gab, einen davon in Wuppertal.

Mord im Parkhaus: Rechtsmediziner Dr. Roth (Joe Bausch) am Tatort, mit Freddy Schenk (Dietmar Bär) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, v.r.). Sie alle stellen fest: Die Leiche ist tot. // © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin Valentin Menke

Der damals leitende Ermittler war der offenbar einst als „Turbo-Jütte“ bekannte heutige Assistent (Robert Riebeling) des Duos Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär). Als er die Ermittlungsfotos im Fall Elvan sieht, kommen in ihm alte Gefühle an den ungelösten Fall hoch. Welche Rolle spielt das von Gefängnispsychologin Bianca Ambach (Tanja Schleiff) zur Resozialisierung von Häftlingen betriebene Brieffreundschaftsportal, das auch bei Jüttes altem Fall im Spiel war?

Fragen und Hintergründe

So die wesentliche Ausgangslage im Tatort diesen Sonntag. Ballauf und Schenk finden sich in einem Gewirr von Fragen wieder: Wieso wurde das Opfer so brutal ermordet? Was hat es mit dem Gürtel auf sich – ein Ritualmord? Hängen die beiden anderen Fälle mit dem Mord an Elvan zusammen? Was weiß Jütte? Und wie passt der spätere Anschlagsversuch auf Psychologin Ambach in das Muster?

Gefängnispsychologin Bianca Ambach (Tanja Schleiff) muss sich den Fragen von Ballauf und Schenk stellen. Manche davon sind ein bißchen vorurteilsbehaftet. // © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin Valentin Menke

Schenk und Ballauf tappen tatsächlich erst einmal im Dunkeln und Jütte hat einen etwas größeren Auftritt. Wir bekommen erfreulicherweise ein wenig mehr Hintergrund zu seiner Figur und erfahren sogar, wo Energiebündel Jütte seine Motivation nur hernimmt *Ironie aus*. Das ist sehr charmant und wir sind gespannt, ob die Macherinnen und Macher der nächsten Folgen diese Hintergründe aufnehmen, die ihnen das Team um Arne Nolting (Buch) und Jan Martin Scharf (Buch und Regie) nun hinlegen.

Rein inhaltlich ist erst einmal relativ wenig auszusetzen an Der Reiz des Bösen. Die Geschichte klingt plausibel, wird anschaulich erzählt und erst zu einem späteren Zeitpunkt zeigt sich deutlich, wie alle Sequenzen tatsächlich ineinandergreifen, auch wenn das in manchen Bildern schon von Beginn an mehr oder auch weniger subtil angedeutet wird. Was anfangs noch für das eine oder andere Rätsel sorgt, fügt sich am Ende durchaus ganz gut zusammen.

Bastian „Basso“ Sommer (Torben Liebrecht) wohnt jetzt bei Ines und deren Sohn Lenny (Wulf Kurscheid). Der Junge soll nicht erfahren, warum Basso wirklich in Haft war. // © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin Valentin Menke

Wer Buße tut…

Etwas überraschend ist jedoch die Reaktion der beiden Kommissare Ballauf und (vor allem) Schenk auf das existierende Resozialisierungsprojekt von Psychologin Ambach, dem sie sehr kritisch gegenüberstehen. Gerade zwei Hüter des Gesetzes sollten doch die in Deutschland übliche Praxis des Strafrechts verkörpern: Wer eine Straftat begangen hat, der soll dafür büßen, durch Geld- oder eben Freiheitsstrafen. Gleichzeitig sollen diese Maßnahmen auch disziplinierenden und erziehenden Charakter haben. Wenn ein Brieffreundschaftsprojekt also dabei hilft, Häftlinge wieder in die Gesellschaft einzugliedern, dann sollte das doch den beiden Hütern von Recht und Ordnung entgegenkommen. Die anfangs doch recht inbrünstige Ablehnung des Projekts irritiert ein wenig. Zumal, ohne zu viel verraten zu wollen, der Täter ähnlich tickt.

Ballauf und Schenk werden vom Justitzbeamten Schröter durch die JVA begleitet. // © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin Valentin Menke

Darüber hinaus bietet der überwiegend im vergangenen September abgedrehte Tatort: Der Reiz des Bösen aber solide Unterhaltung zum Sonntagabend, ohne dabei wesentlich auf Experimente zu setzen. Es handelt sich um einen klassischen Kriminalfall, der ohne große Fehler oder Inkonsistenzen erzählt wird und uns ideal auf die letzte Woche vor der Bundestagswahl einstimmt.

HMS

PS: Der Titel Der Reiz des Bösen erschließt sich nicht so recht, leitet uns Zuschauende aber sicherlich auf eine falsche Fährte. Nach Auflösung des Falls fand ich ihn aber doch eher unpassend. 

PPS: Apropos NRW: Ich freue mich sehr, bald Das Ruhrgebiet – Versuch einer Liebeserklärung, erschienen im Tropen Verlag, von Wolfram Eilenberger zu besprechen.

Tatort: Der Reiz des Bösen wird am 19. September um 20:15 Uhr im Ersten ausgestrahlt und um 21:45 Uhr auf one. Anschließend ist er für sechs Monate in der ARD-Mediathek verfügbar.

Tatort: Der Reiz des Bösen; Deutschland, 2020/21; Drehbuch: Arne Nolting und Jan Martin Scharf; Regie: Jan Martin Scharf; Kamera: Felix Novo de Oliveira; Musik: Ali N. Askin; Darstellende: Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär, Robert Riebeling, Joe Bausch, Tinka Fürst, Sahin Eryilmaz, Juliane Köhler, Nikolaus Benda, Torben Liebrecht, Tanja Schleiff, Theo Trebs, Picco von Groote; Laufzeit: ca. 89 Minuten; Eine Produktion der Bavaria Fiction (Niederlassung Köln) für Das Erste

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