Bären, Bars und Regenbogen

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Und wenn mensch dann noch so viel erlebt, wie unser Reporterteam in Brüssel, dann kann aus einem angedachten Einzelbericht auch schon mal eine Serie werden. Wir fanden die Erlebnisse von Frank mit seinem Angetrauten Sascha und Fiete so unterhaltsam, dass wir keinesfalls davon auch nur etwas streichen wollten. Also haben wir uns freudestrahlend dazu entschlossen, Euch in drei Teilen von diesen unglaublichen Tagen in der Hauptstadt Europas zu berichten. Und heute gibt es Teil zwei (Teil eins findet ihr hier).

Tag II

Nach einem fundamental hochwertigen Frühstück lassen wir uns erst mal von Schokolade leiten, denn der Eintritt in das Schokoladenmuseum ist ja durch die Brussels Card frei. Auf mehreren Etagen wird uns die Geschichte der belgischen Pralinenschokolade näher gebracht. Beginnend bei der Kakao-Pflanzung und endend mit einer coronaregelkonformen Verkostung der hier vor Ort hergestellten Schoki verlassen wir glücklich das Haus und lassen den Endorphinen freien Lauf. Ganz um die Ecke befindet sich ein Wahrzeichen von Brüssel. Und ja wir sind Männer und es geht um den Schwanz also ist es queer… oder so. Wir machen dem Manneken Piss unsere Aufwartung. Nun ja… Größe ist bekanntlich nicht alles, aber wenn man dann der Putte auf dem Eckbrunnen gegenübersteht, das ist schon ernüchternd. 

Bears und Bars

Die queeren Highlights kommen ab dem Spätnachmittag. In seinem Lokal „Bearzone Le Baroque“ wartet schon Tarek auf uns, der aus dem Libanon floh, um er selbst zu sein. Da es in seinem Heimatland weder Akzeptanz noch Toleranz seiner Homosexualität gegenüber gab, war er sich im Klaren, dass nur der Weggang eine Option ist. 

Frei erzählt er über die Zeit, in der er gewiss war, einen Ort zu finden, an dem er sicher sein und leben kann. Diesen hat er in Brüssel gefunden. Und doch schwingt immer wieder ein kurzer Schatten über sein Gesicht. Er betreibt nun das Lokal in dem sich nicht nur die Bears von Brüssel treffen und hat mit seinem Freund Jan einen wirklich stattlichen Kerl an seiner Seite. Man merkt ihm an, dass er angekommen ist. Was er am meisten aus der Heimat vermisse? Die Geschmäcker und die Gerüche. Er hat sich jetzt mit einem libanesischen Kochbuch beschäftigt und macht immer mal kleine geschmackliche Reisen in die Vergangenheit. Und kurz nachdem Tarek das gesagt hat, steht sein Mann Jan auf und verabschiedet sich. „Ich muss meinen Mann füttern.“ sagt er und geht eine Etage höher, Essen machen. Ein ganz normales wunderbares queeres Leben. Mitten in Brüssel. 

Wir kommen mit Dimitri vom Bearpride ins Gespräch. Der wird in Brüssel nämlich von einer eigenen Organisation gestaltet. Während vieles in den letzten anderthalb Jahren online gelaufen ist, wird der BelgianBearPride vom 29.09. bis zum 03.10. dieses Jahr hoffentlich wieder ganz analog stattfinden. Es wird eine Parade geben, aber auch sehr viel Programmpunkte drum herum. Das fällt angesichts der Vielzahl der queeren Möglichkeiten in dieser Stadt nicht besonders schwer zu glauben. 

v. l. n. r. und von oben nach unten: Frederick und Dimitri mit Fiete; Sascha und Frank mit Brüssel; KlamottenLaden für Manneken Piss; Frank und Sacha bei Manneken Piss; Skulptur (Love, Hate); Zauberhaftes Brüssel; Jan und Tarek vor dem Bearzone Le Baroque; Choco-Museum; Tarek und Fiete // © Frank Hebenstreit/the little queer review

Was ins Auge sticht? Auch hier hat die queere Community wieder einmal die Unterstützung von visit.brussels. Aber nicht nur die. Das 9Hotel Central ist das offizielle Hotel für den Bearpride. Moment mal, wir wohnen doch auch in einem 9Hotel. Da werden wir wohl mal bei unserem Hoteldirektor nachfragen, aber davon später mehr. Zurück zum Bearpride. Der ist nicht nur aufgrund der eigenen Organisation etwas ganz Besonderes. Zurzeit läuft auf der Website noch eine Aktion zum Thema Body Positivity. Die Ergebnisse dieses Projektes werden dann spezifisch für den Bearpride aufbereitet. Naja klar… es geht ja auch um Bear Body Positivity. Und bitte was das Thema angeht, können Dimitri und sein Mann Frederick (Inhaber der „Stammbar“, siehe auch den ersten den Teil des Reiseberichts) beide mit guten Beispiel voran gehen, was sie auch tun. Sie wirken gesettled und angekommen in der Mitte der Community. Beide sehen sich als aktiven Teil dieser LGBTIQ+ Community. Sie setzen sich ein, leben vor und werden an jeder Ecke des Viertels gegrüßt. 

Kulturelle Dämmerung

Wir erfahren, dass es zum Bearpride auch noch eine Misswahl geben wird. Ach was? Ja einen Mister Bear oder Mister Leather können doch alle wählen. Vergleiche mit den großen Bear Prides scheuen Sie nicht. Sitges und all die anderen mögen größer oder internationaler sein, aber eine Miss Bear, das gibt es eben nur zum Bearpride in Brüssel. Hier kommt dann auch Tarek wieder ins Spiel, der ist nämlich einer der Organisatoren. Während viele so eine Wahl sehr ernst nehmen, steht bei der Miss Bear einfach der Spaß im Vordergrund. Wir sehen uns Videos aus den Vorjahren an und müssen alle schallend lachen. Schön, wenn wir in der Community so den Humor haben, auch über uns selbst lachen zu können. Allein deshalb muss man konstatieren, wer zum Bearpride nach Brüssel fährt, der wird seinen Spaß haben.

Langsam senkt sich die Dämmerung über Brüssel und wir uns erst in den Pool und danach nur noch in die Kissen. Was für ein Tag. 

Tag III

Heute machen wir in Kultur. Das Palais Coudenberg lockt mit einer ziemlich einzigartigen Attraktion. Kellergewölbe und Restarchitektur eines groß angelegten Palastes, der im 17. Jh. durch ein Feuer zerstört wurde. Danach wurde die Ruine dann irgendwann eingerissen, und die Basis als Fundament für die neue Gestaltung genommen. Das ist wirklich spannend, wenn man mal sehen kann, wo früher die Straße verlief und eine bemerkenswerte Kapelle eigentlich drei Etagen über einem thronte und da oben läuft heute Straßenverkehr. 

Dann mal ordentlich den öffentlichen Nahverkehr ausgenutzt und eine Tour zum Atomium. Das liegt bekanntlich etwas weiter draußen. Im direkten Umfeld bieten auch die großen und verzierten Messehallen einen wirklich beeindruckenden Anblick. Von dort geht man über einen außergewöhnlich ländlich gestalteten Weg zu einem DER Wahrzeichen von Brüssel. Wer es auch von innen sehen möchte, tut gut daran, vorher zu recherchieren, wann es denn nun geöffnet hat. Wir standen jedenfalls davor. Heute zu. Das hat uns aber einen der wunderbaren Parks entdecken lassen, mit denen Brüssel ebenfalls übersät ist. Und so konnten wir fast in Waldesstille unser Mittagessen genießen und der Natur zuhören. Gut ein paar Geräusche außer der Natur waren zu hören, aber sehr wenige. 

v. l. n. r. und von oben nach unten: Palais Coudenberg Bozar; Aux Merveilleux de Fred;
Brussels-Details; Atomium; Straßenzüge mit janz viel Kunst

Wieder Spätnachmittag und wieder wenden wir uns der queeren Seite der Stadt zu. Laurent vom Belgian Pride hat sich mit uns zum Interview verabredet.

Regenbogenfarben

Auf der Terrasse einer queeren Bar genießen wir unseren Kaffee und kommen schnell ins Plaudern. Der Mann hat aber auch viel zu erzählen. So erfahren wir, was der Belgian Pride schon alles auf die Beine gestellt hat. Unter dem #WeCare wurde schon im Mai ein wahres Feuerwerk an digitalen Veranstaltungen abgefeuert. Klar, die Corona-Regeln. Wie völlig überraschend, ist es prinzipiell einfacher, eine große Veranstaltung real zu planen, als diese digital durchzuführen. Davon hat sich das ganze Team nicht abhalten lassen, denn es geht in allererster Linie auch weiterhin um. Sichtbarkeit. Und die hatte man im Mai, als Brüssel zur Rainbow-City wurde. Quer über die ganze Stadt verteilt leuchteten Gebäude in Regenbogenfarben. Auch das historische Brüsseler Rathaus. 

Aber wir erfahren noch, warum die Internetseite gerade Stillstand hatte. Ein großer Kunstwettbewerb war ausgeschrieben und nun beschäftigen sich viele Menschen mit der Auswahl der eingereichten Vorschläge. Die Kunstfakultät der Universität ist hier dabei und es sind Werke gesucht, die dann im September im Rahmen einer großen Ausstellung in ausgewählten Hotellobbies ausgestellt werden. Ganz nah an den Brüsselbesuchern werden diese LGBTIQ+ Kunstwerke präsentiert. Sichtbarkeit pur.

Mit spannenden Eindrücken wenden wir uns dem Essen zu aber eines muss vorher noch sein. Wir wandern noch einmal durch die Altstadt zu einem wirklich alt eingesessenen Laden. In der Abenddämmerung strahlt warmes Licht durch die großen Fenster und lockt die Blicke auf den Riesenlüster, der den Laden dominiert. Aux Merveilleux de Fred steht oben dran – das Wunderbare…. Und das ist wunderbar! Funkelnder Kristallglanz hängt in üppiger Pracht an der Decke und lenkt das Auge des Betrachters ganz von allein auf die leckeren Süßwaren in der Theke. Waffeln und Baiser… Wenn das Baiser ist, dann habe ich bisher kein echtes Baiser geschmeckt. Fluffig, süß und mit Liebe von Hand zubereitet. Nix mit knack und bröselig. 

Mit diesem Geschmack auf der Zunge sinken wir ins Bett und schlummern selig dem letzten ganzen Tag entgegen… Das geht aber auch fix hier. 

Frank Hebenstreit

Die Reise wurde unterstützt durch visit.brussels und Thalys.

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