Bärenliebe in Brüssel

Beitragsbild, v. l. n. r.: AlexXa Divine (Bild mit freundlicher Genehmigung von Mr. Bear Luxemburg, Paul), Impression von der Parade, Mr. Bear Germany (Bilder: © Frank Hebenstreit/the little queer review)

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Haben wir für die Brüssel-Reiseberichte den #brusselsmylove rein intuitiv genommen, so muss mensch sagen, diese Liebe festigt sich, wächst und gedeiht. 

Reisefrust vs. Reiselust

Als queerer Mensch reist man bekanntlich gern zu queeren Events, davon hat es in den letzten Monaten dank dieses Virus ja nur wenige oder solche unter ganz schweren Auflagen gegeben. Und so musste man sich selbst gegenüber schon bei der ersten Frage unheimlich ehrlich sein, nämlich ob man sich diese Reise überhaupt antun will. Je nach Regularien oder auch der kurzfristigen Änderung derselben, konnte das schon eine Tortur sein.

Let’s go Brussels – again! Sascha und Frank // © Frank Hebenstreit/the little queer review

Der Autor dieser Zeilen kann mit Fug und Recht behaupten sein „Ja“ zu einer Einladung von visit.brussels und erneuten Reise nach Brüssel nicht bereut zu haben. Ganz im Gegenteil, die Begegnung mit tollen Menschen und das Wiedererwachen einer Stadt lassen ihn mit Dankbarkeit und Freude in den Zug in die Heimat steigen.
-Besinnliche Pause- Das war zumindest der Plan. Am Ende war es spitz auf Knopf und wir mussten rennen um den Zug überhaupt noch zu bekommen. Da war nix mit besinnlichem Moment und so. Das macht die Reise aber nicht weniger schön, soviel sei gesagt. 

Ein beachtliches Programm hatte die Truppe vom Belgium Bearpride und Mr. Bear Belgium zusammengestellt. Los ging es am 29.09. mit einem familiären Essen im Kreise der Kandidaten für die Wahl. Alles eher etwas zwanglos und informell. Damit die Jungs auch etwas Hunger hatten, wurde vorher noch ein Selbstverteidigungstraining mit dem scheidenden Mr. Bear 2020 Jurgen absolviert. Dieser ist im, wie man so schön sagt, Real Life ein echter Polizist. Er hat seine Amtszeit auf vielen Reisen dafür genutzt auch und gerade bei seinen Polizei Kollegen im In-und Ausland für queere Belange zu sensibilisieren. #alleaqual. 

Preisträger der letzten Jahre: Mr. Bear Hungary, Luxemburg und Belgium und natürlich Fiete Fellfreund // © Frank Hebenstreit/the little queer review

Offizielles Bear-Hotel und Body Positivity

Ein kleines aber feines Hotel direkt an der Zentralstation war das offizielle Bearhotel, was man auch gleich ganz stolz in der Lobby sehen konnte. Das 9HotelCentral beherbergte eine ganze Masse Teilnehmer und Besucher. Direkter Kontakt war also vorprogrammiert und wurde auch gern gesehen. Ein freundliches Wort hier, ein verbindliches Nicken da, freundlich waren die Brüsseler Bären und Besucher. Das merkte man gleich. Aber Moment mal, 9Hotel? Da war doch was? Ach ja, in einem 9Hotel waren wir doch das letzte Mal schon und haben den queeren Bezug deutlich gesehen und gehört. Und schon weiß der geneigte Brüssel Besucher, warum gerade diese Hotels eine gute Wahl sind. 

Die Kneipentour am nächsten Abend ist wohl auch ohne größere Verluste durchgegangen. Nur ein spezieller Gast aus Ungarn hatte ein paar spezielle Umstände zu bewältigen. Balázs, Mr. Bear Hungary 2019 wurde mit dem im restlichen Europa leider nicht anerkannten Impfstoff aus Russland gegen Corona geimpft. Um an den kommenden Veranstaltungen teilnehmen zu können musste er also einen negativen Corona Test vorweisen. Gut das hat geklappt, der Test war negativ und so hatten wir das Glück, auch ihn mitten im Bärenleben erleben zu dürfen. 

Wer aber jetzt meint, dass es die ganze Zeit nur um Party geht, der irrt. Body-Positivity ist die zentrale Botschaft des gesamten Bear-Pride. Zum positiven Umgang miteinander und dem achtsamen Umgang mit sich selbst ruft die Kampagne auf. Merkt man das? Ohne Zweifel. Dazu aber später mehr. 

Am Freitagabend steht Kultur ganz oben auf dem Programm. Ein Besuch in der Villa Horta, einem der bekanntesten und beeindruckendsten Architekten des Jugendstils wurde angeboten. Die große Zahl der Interessenten musste in zwei Gruppen aufgeteilt werden, um allen gerecht zu werden. Fotos machen? Fehlanzeige, das darf man hier nicht. „Das ist ja nahezu ein Verbrechen gegen die Menschheit, dass man das nicht fotografieren darf“ kommentiert ein Teilnehmer. Aber das Lachen auf seinem Gesicht entlarvt den Angriff schnell als Scherz. Unser weiblicher Tourguide bleibt keine Antwort schuldig: „Ach wissen Sie wir haben doch alle verlernt unsere Bilder im Kopf zu machen. Sehen Sie direkt, nicht durch ein Objektiv und behalten Sie so das Schönste im Kopf…“ Recht hat sie. Beeindruckend ist das Haus, welches – obwohl als Ganzes wirkend – in drei Bereiche aufgeteilt ist. Das Privathaus, das Dienstbotenhaus und seine Werkstatt. Beeindruckende Architektur. Ob ich vielleicht doch ein Foto? Ach besser nicht. 

Zeitgleich findet in der Stammbar die Vorstellung der Kandidaten statt. Hier musste man sich also entscheiden, ob Wahlprogramm oder Kultur. Wir wählten die Kultur und waren damit fein. 

Parade und Flucht von Gaysexparty

Samstag war der große Tag. Mittags ein Bear-Lunch im Geheimtipp, der Santa Maria Pastabar. Direkt im Anschluss fanden Architekturführungen in Französisch, Englisch und auch mit niederländischer Möglichkeit statt. Das Tolle: Queere Geschichte kam darin auch nicht zu kurz 

Die ungarische Delegation // © Frank Hebenstreit/the little queer review

Dann bahnte sich endlich der erste Höhepunkt des Bearpride an: Die Parade. Wobei Parade vielleicht ein klitzekleines bisschen hoch gegriffen war. Man bemerkte schon wieder das Familiäre dieser Veranstaltung, wobei hier auch mit Europäischer Prominenz gepunktet wurde. Gleich vier amtierende Mr. Bear liefen mit. Mr. Bear Belgium, klar, Mr. Bear Germany, Mr. Bear Hungary und Mr. Bear Luxemburg. Letzterer strahlte eine gute Laune aus, die sich wie ein Lauffeuer auf die ihn umgebenden Menschen übertrug. Die vermutlich dreistellige Teilnehmerzahl fiel klar und deutlich auf. Auf einem kurzen Kurs zog die Gruppe vom Grand Place zum Bear Market. Aber Dimitri, der Präsident des Bearpride wäre nicht er, wenn er nicht eine kleine Überraschung bereit gehalten hätte. Die Truppe machte auf sein Zeichen einen Halt, genau an der Stelle, an der ein ungarischer homophober Politiker vor einigen Jahren von einer Gaysexparty flüchtete. So gedachten wir alle der Ironie der Geschichte. Das zufriedene und leicht schadenfrohe Lächeln von Balázs bemerkten sicher nicht viele, aber die, die es sehen, konnten es sehr klar deuten. 

Am Bearmarket an der Stammbar endete der Zug. Hier konnten Bear Devotionalien oder auch das offizielle T-Shirt des Bearpride erworben werden. Unnötig zu sagen, dass auch diese offiziellen Shirts dem Jugendstil huldigen. Zum späten Nachmittag hin wurde es leerer, denn die große Veranstaltung auf die alles hinsteuert fand an diesem Abend statt. Die Wahlparty zum Mr. Bear 2022. Da sollte Mann vorher noch mal heim, sich frischmachen, und des Lieblingsoutfit anziehen, oder auch anlegen…. 

Der Abend auf der Bühne // Bild mit freundlicher Genehmigung von Mr. Bear Luxemburg, Paul

Aufgeheizter Abend

Um 23.00 war Start und das Theater Vaudeville, ein prächtiges altehrwürdiges Haus, war bis auf den letzten Meter voll mit Kerlen, Bären, Bearlovern, aber auch Dragqueens, Jeanstypen oder der „average guy“ waren vertreten. Sie alle fieberten einträchtig den Auftritten der Kandidaten entgegen. Frenetischer Jubel brandete auf, als der Abend begann. Eine Gruppenvorführung aller Kandidaten mit dem scheidenden Mr. Bear eröffnete den Abend, direkt gefolgt von einem weiteren Auftritt der Gruppe. Im Anschluss heizte AlexXa Divine mit Radschlag und gekonntem Dragauftritt dem Publikum ein und dann hieß es Bühne frei für jeden einzelnen Kandidaten. Von angedeutetem bis halbem echten Strip, Strassbananen an der wackelnden Hüfte eines Kerls und einem Clownauftritt mit nacktem Hintern im Jock, die Jungs zeigten große Bandbreiten. Auch wenn man merkte, dass sie alle keine Bühnenprofis sind, so wurde doch klar, dass sie bereit waren, alles was sie können zu geben um diese Wahl für sich zu entscheiden. Die Vorauswahl der Jury war also bei jedem der sechs Kerls ein Treffer. 

Und so ging es zur Abstimmung durch das Publikum in die Pause. Kurz vor ein Uhr dann der große Moment, 3. Platz, 2. Platz und der Gewinner ist? Damian, der Clown. Hat der Einsatz des nackten Hinterns also den Sieg gebracht? Nein wohl nicht, denn insgesamt war der Jubel bei ihm schon von Anfang an recht laut. Und seine Botschaft für seine Kandidatur schwang im Takt der Kampagne der Body Positivity. „Ich musste erst akzeptieren, wer ich selbst bin, dabei hatte ich Hilfe. Und diese Hilfe würde ich als Mr. Bear gern anderen zuteilwerden lassen. Woof life!“

Der frisch gekürte Mr. Bear Belgium, Damian // © Frank Hebenstreit/the little queer review

Hat ja geklappt! Zufrieden und verschwitzt verließen die ersten Männer das Haus und läuteten das Ende einer rauschenden Partynacht ein. Aber das war noch nicht das Ende des Pride.

Am Sonntag winkte in der Oasis Sauna, der Bear Splash mit Brunch. Hier allerdings von einer Sauna zu sprechen, ist wohl eher untertrieben. Eine Bel Etage hochkarätigster und luxuriösester Ausstattung ludt zum Verweilen und Genießen ein. Eine Etage tiefer gab es dann das Saunaerlebnis und wenn Mann wollte eben auch mehr…

Selig vereint: Mr. Bear Belgium und Miss Bear 2021 // Foto mit freundlicher Genehmigung der GrrrizzLyon Bear Association

Aber der krönende Abschluss des Bearpride war wieder die Wahl zur Miss Bear, organisiert von Tarek vom Bearzone le Baroque. Hier trugen alle Teilnehmer(innen) als allererstes Ihren Humor und natürlich auch eine gehörige Portion Make up zu Markte. Mit viel Spaß an der Verwandlung und durchaus einem Hang zum Trash setzte sich am Ende Lady Patoutafée als Siegerin durch. Einträchtig posierten also Mister und Miss Bear am Ende eines gelungenen Wochenendes vor den Kameras. 

So senkte sich an diesem Sonntag Abend die Sonne und winkte den zufrieden abreisenden Jungs, Männern und Bären oder Bärenliebhabern hinterher. Und der Gewinner ist? Die Community. Ja und die Fotoalben von Mr. Bear Luxemburg. Auf seinem Facebookprofil hat er über 1.100 Fotos hochgeladen, die so viele wunderbare, sexy und bewegende Momente wiedergeben. Fragt sich, welche man zuerst ansehen soll. 

Ach und eine weitere Frage stellt sich: Kommen wir wieder? Auf jedenFall!

Ein Video bäriger Highlights // © Frank Hebenstreit/the little queer review

Frank Hebenstreit

Die Reise wurde unterstützt von visit.brussels.

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