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Beautiful Berlin Boys – Ästhetisches Statement für Offenheit und Souveränität

thelittlequeerreview

Zuletzt aktualisiert am 9. November 2020

Ashkan Sahihi, geboren 1963 in Teheran, aufgewachsen in Deutschland, ist wahrlich kein Neuling, was die Fotografie angeht. Ob Fotoserien zu Menschen unter Hypnose, Drogenabhängigen, Achselhöhlen, Frauen in der israelischen Armee, seiner soziologischen Fotostudie Die Berlinerin oder der aktuellen Ausstellung The New York YearsSahihi hat nicht nur ein breites Spektrum, sondern auch immer ein sicheres Auge und Gespür für seine Motive unter Beweis gestellt.

Auch eine Hommage

Seine Zeit in New York City kann auch als Inspiration für seine konzeptionelle Fotoserie Beautiful Berlin Boys herangezogen werden. In die Metropole, die für ihn Sehnsuchtsort war, zog er 1987 und bewegte sich dort in einer „Gemeinschaft voll von Träumern und Sonderlingen“, die „international, bunt und schwul“ war, wie er in seinem Vorwort schreibt.

Rodrigo // © Ashkan Sahihi

Doch dann brach die HIV/Aids-Krise über New York herein und „in nur wenigen Jahren wurde ein erheblicher Teil meiner Freunde […] aus der Kunstszene unvermittelt aus dem Leben gerissen.“ So möchte Sahihi, dass die Fotoserie, die vom 3. Dezember 2016 bis zum 11. Februar 2017 in der Kehrer Galerie Berlin gezeigt wurde, und den zugehörigen Bildband auch als eine „Hommage an all die Freunde, die wir vor so langer Zeit verloren haben“ verstanden wissen.

The Boys in the Book

Die zwanzig Aktaufnahmen, die der renommierte Fotograf (Zeit Magazin, The New Yorker, Vogue) in seinem in ein Tageslichtstudio verwandelten Schlafzimmer aufgenommen hat, sind dabei nicht von einer starken Sexualisierung geprägt, sondern zeigen vielmehr zwanzig ganz unterschiedliche Menschen in offener und verletzlicher Nacktheit. Unterstützt wird dieser Effekt durch die so hochwertige wie minimalistisch-ästhetische Aufmachung des sinnvollerweise im auf Fotokunst spezialisierten Kehrer Verlag erschienen Bandes.

Alle Modelle sind vor dem gleichen weißen Hintergrund fotografiert worden, so dass der Fokus ganz auf den Personen, ihren Körpern, den Gesichtern und den Augen liegt. Alle sind völlig unterschiedlich in Statur, Behaarung und Habitus. Manche sind tätowiert, andere nicht; manche beschnitten, manche nicht. Jeder ist ganz individuell schön.

Friedhelm // © Ashkan Sahihi

Bis auf Tobias sehen wir die Augen aller Fotografierten, auch wenn nicht jeder in die Kamera blickt. So schaut Stepahnos ein wenig verträumt schräg nach unten, ein Eindruck, der durch seine Körperhaltung unterstützt wird. Robin und Friedhelm sind uns in sicherer Pose zugewandt und blicken uns selbstsicher an. Tristan vermittelt gar einen herausfordernd-arroganten Eindruck, wohingegen Damiano beinahe ein wenig verunsichert wirkt. Rafael und Christian strahlen auf sehr unterschiedliche Weise Selbstbewusstsein aus, öffnen ihre Körper förmlich für uns. Lediglich Ruby hat den Körper von uns abgewandt, warum ist nicht klar. So können wir rätseln und derweil in Rubys Blick eintauchen. 

Immer neue Nuancen

Sahihi schreibt in seinem Vorwort, dass die jungen Männer seiner Fotoserie im erweiterten Sinne eine Art Wiederkehr der Menschen aus seiner New Yorker Zeit seien. Dass er, als er 2013 nach Berlin kam, in vielen schwulen Männern die gleiche „Suche nach Ausdrucksformen ihrer Identität“ gesehen habe, wie sie ihn und seine Freunde im New York der 80er-Jahre zusammenbrachten. Diese selbstbestimmte Suche meint man den Modellen anzusehen, auch denen, die ein wenig schüchterner wirken.

Sepehr // © Ashkan Sahihi

Das faszinierende an Beautiful Berlin Boys ist, dass bei jedem erneuten Blättern, jedem weiteren auf den Bildern Verweilen, einem immer wieder eine neue Facette auffallen kann; dass der Bildband die Möglichkeit einer sich stetig verändernden Wahrnehmung der Fotografierten bietet. 

„Wir sehen Dich. Wir lieben Dich.“

Hinzu kommt noch ein Statement, das der Fotograf mit der Akt-Serie abgeben möchte: Der Druck vom rechten Rand, vermehrte körperliche Übergriffe und nicht zuletzt die mangelnde Toleranz von Menschen aus anderen Kulturen und Ländern gegenüber diversen sexuellen Identitäten, lassen ihn besorgt sein und er hält es für nötig, dass „errungene Rechte und Freiheiten verteidigt“ werden müssen. Der Bildband ist vor nun bald vier Jahren erschienen und ein Blick auf die Anzahl an Übergriffen auf Queers allein in Berlin oder der vermeintlich schwulenfeindliche Angriff in Dresden geben seiner Sorge leider einen nach wie vor allzu berechtigen Anlass. 

Beautiful Berlin Boys von Ashkan Sahihi ist ein nicht nur schön anzusehender Bildband von zwanzig völlig unterschiedlichen Akten, sondern auch eine Zusammenstellung die zum Nachdenken über das eigene Selbst und zur Reflexion einlädt, ja es geradezu gebietet, sich eingehend mit dem queeren Sein zu befassen.

Einen Blick ins Buch gibt es hier.

Sahihi, Ashkan: Beautiful Berlin Boys; 2016; Leineneinband; 48 Seiten; 30 x 31,8 cm; 20 Duplexabbildungen; Deutsch, Englisch; Design: Ashkan Sahihi, Hilka Dirgs, Kehrer Design (Loreen Lampe); ISBN: 978-3-86828-763-9; Kehrer Verlag; 35,00 €

AS

Ausschnitt Vorschaubild: Oliver (li.) & Christian (re.) // © Ashkan Sahihi

  1. Peter Berger Peter Berger

    Es wird immer nur der gleiche Typ präsentiert, wenn ich schon lese „beautiful“, muss es das denn immer sein? Für mich ist der Fotograf nur ein notgeiler Sack, mehr nicht, diese „Boys“ bilden nicht die Community ab.

    • thelittlequeerreview thelittlequeerreview

      Hallo Peter,
      wir finden eben gerade nicht, dass es immer nur die gleichen Typen sind, der Band präsentiert sehr unterschiedliche junge Männer. Und sie sollen auch nicht „die Community“ abbilden, sondern einen Teil, wie auch aus dem Text hervorgeht. „Beautiful“ bezieht sich eben auf die Vielseitigkeit und nicht eine bestimmte Vorstellung von Attraktivität. Der Fotograf Ashkan Sahihi ist sehr renommiert, hat ein sehr weites Range und ist in einer glücklichen (heterosexuellen) Beziehung.

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