Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Bedrückend schön

2

Zuletzt aktualisiert am 14. Juli 2020

Überbordendes Macho-Gehabe, der indirekte Druck ein Mädchen mit nach Hause zu bringen, derb coole Sprüche wie „Wie lief es mit dem Mädchen? Großer Hintern, kleiner Hintern?“, die Last einem bestimmten zur hetero-normativen Weltanschauung passenden Bild zu entsprechen, damit verknüpft die mindestens latente Homophobie des „Freundeskreises“ und immer maskulin die Muskeln spielen lassen. Das Dasein als junger, unentschlossener, seiner Sexualität unsicherer Erwachsener (oder später Jugendlicher?) ist nicht einfach. Einfach ist auch der zweite Langfilm Beach Rats von Eliza Hittman nicht. Dafür aber hochinteressant und wunderbar melancholisch-düster.

Ein vernebelter Sommer auf Coney Island

Der 19-jährige Frankie (Harris Dickinson) lebt mit seiner Mutter (Kate Hodge), Schwester und seinem dem Tode nahe krebskranken Vater in Coney Island, Brooklyn. Den Tag verbringt er damit, mit seinen Kumpels durch die Gegend zu streifen, zu kiffen oder sich die Opiate seine Vaters in die Nase zu ziehen. Es geht immer wieder auf die Strandpromenade mit ihren „Attraktionen“ dabei werden Mädels abgechekt, mit einer, Simone (Madeleine Weinstein und nicht mit Harvey verwandt), beginnt er sogar eine Art Beziehung. Letztlich interessiert er sich für sie aber ebensowenig wie für seine Bro-Dudes. Eher interessiert es ihn, seinen Körper zu stählen, sich mit Blitz im Gegenlicht zu fotografieren und auf der Internetseite Brooklyn Boys mit älteren Männern zu chatten, zu cammen und sich mit ihnen im Cruising-Bereich am Strand zu treffen. Doch als homosexuell gelten mag oder kann er nicht. Wie eines seiner Dates es nennt, hat er lediglich „Sex mit Männern.“ 

Imponiergehabe I / Bild: © Salzgeber

Die 1979 geborene Regisseurin Eliza Hittman, die selber aus Brooklyn stammt, kennt Coney Island aus der Zeit ihrer eigenen Jugend, die Dynamik des Ortes und die Menschen, die sich dort aufhalten. Das merkt man ihrem Film deutlich an, denn auch wenn sie einer anderen Generation entspringt als ihre Hauptcharaktere, nährt sie sich diesen mit Respekt und einer subtilen Authentizität an. Die inneren wie auch die äußeren Konflikte des wortkargen, immer ein wenig abseitig wirkenden Frankie werden uns nicht über ellenlange, realitätsfremde Monologe vermittelt, sondern durch Beobachtung, durch das Zeigen und Spiegeln der Oberfläche. So hält sie es auch mit den anderen Figuren in Beach Rats, was äußerst passend ist, um uns eine Welt nahezubringen, in der die Inszenierung des Äußerlichen (Mädels: künstliche Fingernagel, einen Tacken zu viel Make-Up, Haarverlängerungen; Jungs: raspelkurze Haare, Muskeln, zumeist Tattoos, tiefsitzende Hosen) ebenso entscheidend ist, wie das dazugehörige Imponiergehabe. So ist Beach Rats keine klassische Coming-Out-Geschichte, mehr Coming-of-Age verknüpft mit einer durchschimmernden Milieustudie.

Der inzwischen von vielen Seiten bejubelte und hochgehandelte Harris Dickinson (Postcards from London) spielt Frankie mit der passenden Mischung aus Zurückhaltung, Intensität und ein gewissen Verträumtheit. Man merkt ihm im Cam-Chat auf Brooklyn Boys und auch bei der Begegnung mit den jeweiligen Männern seine Neugier, seine Lust, aber auch seine Unsicherheit und Angst an. Den Unwillen zu akzeptieren, dass er womöglich anders ist, als seine Buddies. Deutlich wird das auch an seinem zurückgeworfenen Gesichtsausdruck als er sich mit seiner Freundin Simone unterhält, vielleicht sogar überlegt, sich ihr zu öffnen. Sie: „Es ist einfach heiß, wenn Mädchen rummachen.“ – Er: „Findest Du es heiß, wenn Jungs rummachen?“ – Sie: „Nein, das ist einfach schwul.“ 

Imponiergehabe II / Bild: © Salzgeber

Dabei spielt es keine Rolle, ob er sich für schwul, bi oder einstweilen nur neugierig hält. Durch den indirekten Druck im Zusammenwirken aller Faktoren – Freunde, Familie, Konventionen, … – lastet hier ein zusätzlicher Druck auf Frankie, der es ihm natürlich erschwert, sich mit dem Werden seiner Sexualität auseinanderzusetzen. Stattdessen geht er über seinen Drogenkonsum dem Sex mit Simone aus dem Weg. Auch unabhängig von seiner Sexualität, fällt es Frankie schwer, einen Weg für sich zu zeichnen. „Ich weiß nicht…“ ist ein Satz, den er in verschiedenen Zusammenhängen häufig äußert. Diese Konflikte vermittelt Dickinson wirklich großartig, Regisseurin Hittman sagt dann auch über ihn, dass er „extrem intuitiv arbeitet.“ Das macht sich in jeder Szene bezahlt.

Bilder von schwelgerischer Bedrücktheit 

Wohin nur? Frankie (Harris Dickinson) / Bild: © Salzgeber

Ebenso bezahlt macht sich die Entscheidung, dass die französische Kamerafrau Hélène Louvart den Film auf 16mm drehen konnte. Das lässt ihn einerseits wirken, als sei er in einer Zeitkapsel entstanden und verhilft durch die leicht schleierhafte Grobkörnigkeit weiterhin zu noch mehr Authentizität und einer schwelgerischen Bedrücktheit. Ohne dass man das Gefühl bekäme hier einen Kunstfilm zu schauen, hinterlässt das einen bleibenden Eindruck. Es werden auch die Körper gezeigt, wie selbstverständlich, und während seiner Dates liegt der Fokus auf dem intimen Moment, den Frankie erlebt, ohne dass hier ein besonders voyeuristischer Moment entstünde. Es ist nicht verwunderlich, dass Eliza Hittman 2017 den Regiepreis auf dem Sundance Filmfestival gewann, ebenso den Preis für das beste Drehbuch beim Los Angeles Outfest

Das Ende kommt dann hingegen ein wenig abrupt und man hat das Gefühl, dass doch noch der eine oder andere Ball in der Luft ist. Doch kann man den Film auch als Momentaufnahme des Lebens von Frankie betrachten. In diesem Falle bekäme man ohnehin nur für einen Augenblick Zugang zu dessen Leben. Der Rest, ja, der geht dann eben irgendwie weiter.

© Salzgeber

Tolles Kino. Eine intime, respektvolle Charakterstudie, die dazu noch einen soliden Kommentar zu einem allzu selbstverständlich hingenommenen, hetero-normativen, sich häufig zerstörerisch auswirkenden Gesellschaftsbild, anbietet. 

Beach Rats; USA 2017; Regie & Drehbuch: Eliza Hittman;  Musik: Nicholas Leone; Kamera: Hélène Louvart; Darsteller: Harris Dickinson, Madeleine Weinstein, Kate Hodge, Anton Selyaninov, Neal Huff, Nicole Flyus, Frank Hakaj, David Ivanov, Douglas Everett Davis; Laufzeit: ca. 95 Minuten; FSK: 16; Edition Salzgeber; erhältlich auf DVD, als VoD und Download

AS

Seht hier den deutschsprachigen Trailer

Beitragsbild: Sportlich im Regen / Bild: © Salzgeber

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.