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Belangloses Epidemien-Chaos

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Seit dem 27. Januar 2020 breitet sich die als COVID-19 bekannte Atemwegserkrankung in Deutschland aus und seit dem 11. März 2020 wird die durch eine Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 ausgelöste Krankheit von der WHO als Pandemie eingestuft. Bereits vor über zwei Jahren hingegen begann die Entwicklung der Katastrophen-Drama-Thriller-Serie Sløborn, die zwischen Ende August und November 2019 unter anderem auf der Nordseeinsel Norderney und dem polnischen Badeort Sopot gedreht wurde. Die Post-Produktion fand zum Teil bereits unter erschwerten Corona-Bedingungen statt. Ausgestrahlt wurde die nun überraschend zeitgemäße Serie Ende Juli auf ZDFneo und ist seitdem in der ZDF-Mediathek verfügbar. Aber macht ein plötzlich real wütendes Virus eine fiktive Geschichte über den Ausbruch eines fiktiven Virus sehenswert oder interessanter? Naja.

Ganz normales Inselleben gegenseitiger Abneigung

Sløborn – die (fiktive) Nordseeinsel an der Grenze zu Dänemark ist ein bei Touristen beliebter und von ihren Anwohnern mal mehr, mal weniger geschätzter Ort. Das Leben auf der Insel scheint seinen ganz normalen Gang zu gehen: Schülerin Evelin (Emily Kusche) hat eine Affäre mit dem Vertrauenslehrer Milan (Marc Benjamin), während ihre Eltern Helena (Annika Kuhl) und Richard (Wotan Wilke Möhring) primär mit sich selbst und ihrer eigenen Entfremdung befasst sind. Hermann „Herm“ (Adrian Grünewald, Bester Mann) ist beliebtes Mobbing-Opfer in seiner Schule und Prügel-Opfer seines Vaters, dem Polizeichef der Insel, Mikkel Schwarting (Urs Rechn). Papa hat auch Probleme mit dem früheren Schwerenöter und nun zurückkehrenden Sozialarbeiter Magnus (Roland Møller), der mit straffälligen Jugendlichen (u. a. Aaron Hilmer, Anton Nürnberg) auf einem leerstehenden Gutsgelände arbeiten und dafür das alte Elternhaus verkaufen möchte, was seinem mit Drogen dealenden Bruder Jan (Mads Hjulmand) wiederum gar nicht gefällt. Dafür gefällt es der Buchhändlerin und Pastorengattin Merit Ponz (Laura Tonke), dass Starautor Nikolai Wagner (Alexander Scheer) auf die Insel kommt, um in ihrem Laden zu lesen. 

Da ist die Inselwelt noch in Ordnung: „Herm“ (Adrian Grü?newald) und Yvonne (Linda Stockfleth) auf einer Strand-Party. // © ZDF/Krzysztof Wiktor

Während dies also alles seinen Gang geht, schleicht sich ein Virus auf die Insel – die (fiktive) Taubengrippe. Nach und nach bekommen die Bewohner und Besucher seltsame Symptome und ebenso entwickelt sich nach und nach Angst. Wut und Hass brechen sich Bahn und es kommt zum Ausnahmezustand.

Wie in diesem Kino Plus Talk erwähnt, lautete der Arbeitstitel der Serie „Slow Burn“, was der langsamen, schwelenden Entwicklung der Handlung in der Serie entsprechen sollte. Ein Szenario langsam zu entwickeln, die Charaktere untereinander agieren zu lassen, zu sehen wie sich allmählich Differenzen ausbilden oder verstärken, man entweder aneinander gerät oder miteinander wächst, das Grauen dabei erst immer im Hintergrund, von manch einem vielleicht noch ignoriert, dann aber immer deutlicher werdend… Sowas kann richtig gut sein und starke, vielseitige, emotional aufreibende Unterhaltung mit Mehrwert bilden. Doch das geschieht hier nur in den wenigsten Fällen. Sløborn geht zwar langsam, schleichend voran. Aber dass sich langsam etwas entwickeln würde, nein, das kann kaum gesagt werden.

Viel Recherche bis ins Detail, aber keine Liebe zu den Charakteren

Erfinder und Showrunner Christian Alvart (Dogs of Berlin, diverse Tschiller-Tatorte) hat gründlich für die Serie recherchiert. Sprach mit Virologen, ist beim Katastrophenschutz vorstellig geworden, all diese Dinge. Er wollte ein möglichst realistisches Szenario entwerfen, wie es denn im Katastrophenfall aussähe. Da wusste man natürlich noch nicht, dass wir einen ähnlichen, wenn auch weit weniger dramatischen, Fall bald ganz real bei uns im Land haben würden. Somit gruselt es einen schon dezent, wenn man dort die Leute sieht, wie sie sich teilweise gegen Schutzmaßnahmen wehren, wie Personal in Schutzanzügen durch die Gegend läuft und die Insel sukzessive abgeriegelt wird. Allerdings stellt sich auch die Frage, wieso man eine Insel überhaupt mit massiver Gewalt abriegeln muss, denn sie ist ja bereits durch Mutter Natur gut abgeschottet. Ein einfaches Reise- und Betretungsverbot für Nicht-Ansässige hätte es doch auch getan. Von der sich dann abzeichnenden Evakuierung einmal ganz abgesehen.

Merit Ponz (Laura Tonke): geplatzte Träume & voll melancholischem Tiefsinn. // © ZDF/Krzysztof Wiktor

Nichtsdestoweniger steckt in dem gezeichneten Szenario relativ viel Realitätsnähe und das macht diese Momente ohnehin intensiv, noch verstärkt durch die Corona-Situation. Leider scheint jedoch bei der Recherche und dem Aufwand realitätsbezogener Darstellung einzelner, möglicher Abläufe der Aspekt der Charakterentwicklung vergessen worden zu sein. Ebenso scheint man sich am Ende mit der vermeintlich langsamen Charakterentwicklung selber gelangweilt zu haben und entschied sich alles ins möglichst krasse Extrem zu ziehen.

Am Schlimmsten ist es dabei, dass in dieser Serie, die eben auch Drama sein soll, die meisten Charaktere reine Abziehbilder sind. Von tiefsinniger Pfarrersfrau mit Buchladen und zerbrochenen Träumen; kühler, aber mit sich unzufriedener Geschäftsfrau, die dazu noch in jeder Folge ein völlig anderer Mensch zu sein scheint, über den prügelnden Vater, der aber doch seinen Sohn schützen will (und natürlich Polizist sein muss) und der christlich-fundamentalistischen Sekte (aber nur am Rande, pssst) zum durchgeknallten Autoren mit Selbstzweifeln (der ist wenigstens unterhaltsam); den geläuterten Schwerenöter und seinen noch nicht geläuterten Bruder, der den Insulaner-Drogenbedarf abdeckt und dazu natürlich alle Abstufungen von Teenagern, die es so geben kann. Man gibt den Charakteren auch wirklich kaum mehr. Den Charakter Wotan Wilke Möhrings kann man gleich vollends in die Ecke stellen.

Starautor Nikolai Wagner (Alexander Scheer) stolpert reichlich lädiert in die Apokalypse. // © ZDF/Krzysztof Wiktor

Was nicht an den Darstellern liegt. Laura Tonke als Pfarrersfrau gibt eine beeindruckende Leistung und sorgt, insbesondere im Zusammenspiel mit dem von Alexander Scheer herrlich-drüber gespielten Autoren Wagner, für die besseren Szenen der Serie. Emily Kusche, die als Evelin quasi Ankerpunkt der Serie ist, spielt zwischen solide glaubwürdig und Over-Acting; Adrian Grünewald gibt den in sich gekehrten, unsicheren, aber nicht doofen Außenseiter „Herm“ dann auch recht klasse (eine Rolle, die er im Grunde nach Bester Mann nur um einige Facetten zu ergänzen brauchte). Und so weiter und so fort, die Darsteller machen aus einem Drehbuch, das sich wenig aus ihnen macht, dann doch das Beste.

Wen interessiert schon totes Pappmaché?

Irgendwo las ich, dass man bei der Serie auch nicht davor gefeit sei, Hauptfiguren sterben zu sehen. Nun, erstmal ist das bei einer Ensembleserie ja tendenziell schon mal eine große Anzahl an Leuten. Weiterhin ist eine der Hauptfiguren und großen Stars über die Hälfte der Serie lebendig abwesend. Und schließlich ist es einem beinahe völlig egal. Als Zuschauer.in schafft man es kaum ein Verhältnis zu einer der Figuren aufzubauen. Was kümmert mich dann ihr Leid und ihr Ableben? Pappmaché hat mehr Leben in sich als die meisten Charaktere in dieser Serie. Ausnahmen gibt es, wie auch ein, zwei Todesfälle die berühren, beziehungsweise aufgrund ihrer Plötzlichkeit schocken.

Und als es wirklich losgeht, ist auch nichts mehr mit langsamer Entwicklung und derlei. Nee, nee. Da wird dann mal gleich richtig auf die Kacke gehauen und aus allen Rohren geschossen, dabei nahezu jedes Klischee getroffen und größtmögliche Eskalation geschaffen. Dazu opfern die Macher, die paar Eigenschaften die manch ein Charakter hatte, nur um einen Twist hinzubekommen. Sowas ist billig und ärgerlich.

Evelin (Emily Kusche) und ihre Brüder (Maximilian Brauer, Ron Renzenbrink, Phileas Heyblom) fürchten die Evakuierung. // © ZDF/Krzysztof Wiktor

Es ist bedauerlich. Die Serie dreht sich um ein ohnehin gruseliges Szenario und dann ist Teil dieses Szenarios derzeit auch noch unsere Realität. Nicht umsonst überlegte der Sender, ob man die Ausstrahlung nicht doch besser verschieben sollte. Entschied sich dann aber dagegen und band während der Post-Produktion ein paar Hinweise auf die aktuell reale Situation ein, was löblich ist. Aber natürlich ist eine Ausstrahlung sinnvoll und nicht umsonst gingen vor einigen Monaten die Streamingzahlen von Filmen wie Contagion und Outbreak steil nach oben. Da willst du halt auch nicht doof aus der Wäsche gucken und auf vorhandenem Material sitzen bleiben. 

Eine Lehre ließe sich ziehen

Ein Punkt allerdings, der sei lobend erwähnt. In manch einem Zwischenton schafft die Serie es anzudeuten, dass eine Jede oder ein Jeder an ihr/sein eigenes Narrativ glaubt, beziehungsweise gebunden ist. Seien es diejenigen, die an die Rettung glauben, weil es so durch die Lautsprecher gesagt wird. Seien es die irgendwie Neu-Rechten aufständischen Semi-Reichsbürger (auch ein krude gemixtes Angst-Paket, andererseits…), die glauben, man belüge sie und sie müssten sich mit Waffengewalt verteidigen. Oder seien es die Soldaten und Soldatinnen der Bundeswehr, die doch nur ihre Aufgabe machen und an sich den Leuten helfen wollen oder vielmehr sollen. Diese sehr subtil eingeflochtenen Töne müssen die Zuschauerinnen und Zuschauer allerdings auch raushören wollen, weil sie eben auch schnell untergehen können.

Evelin (Emily Kusch, M.) und Mutter Helena (Annika Kuhl, r.) auf der Beerdigung eines Taubengrippe-Opfers. // © ZDF/Krzysztof Wiktor

Somit bleiben unterm Strich acht Folgen, die ganz zuerst verheißungsvoll beginnen und schnell deutlich werden lassen, dass es bald düster wird. Dann geht es schleichend und langatmig voran, dann wird’s laut und dämlich und blutig und schließlich schaudert man ein wenig mehr, als bei einem Corona-Brennpunkt und denkt sich doch: Irgendwie belanglos. 

Sløborn; Deutschland 2020; Idee: Christian Alvart; Darsteller: Emily Kusche, Wotan Wilke Möhring, Alexander Scheer, Laura Tonke, Roland Møller, Annika Kuhl, Adrian Grünewald, Urs Rechn, Marc Benjamin, Tim Bülow, Mads Hjulmand, Arnd Klawitter, Anton Nürnberg, Aaron Hilmer, Karla Nina Diedrich, Lea van Acken; acht Folgen, Folgen 1 bis 7 ca. 47, Folge 8 ca. 60 Minuten; Folgen 7 & 8 erst ab 16 Jahren; bis zum 22.01.2021 verfügbar in der ZDF-Mediathek

AS / Mitarbeit HMS

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