Besser verbeugen als verbiegen

Bild oben: SOCIAL DISTANCING 2020 [zensiert], Watercolor & ink on international newsprint, 14 Parts, 2×5 m // © Rinaldo Hopf

ACHTUNG: 18+ / NSFW-Beitrag.

In den vergangen zwölf Monaten haben wir einige Beiträge irgendwie mit „Corona“ beginnen lassen. Einige drehten sich auch sehr fokussiert genau darum, andere wiederum zeigten auf, was trotz der lästigen Pandemie so geht und was sich womöglich sogar aus ihr ergeben kann. Dieser Text gehört zur letzteren Kategorie: Der Künstler Rinaldo Hopf hat sich in diesem Pandemiejahr, neben der Co-Herausgeberschaft von Mein schwules Auge / My Gay Eye, einem neuen, persönlichen Kunstprojekt gewidmet. Ganz treffend trägt es den Titel Social Distancing 2020 und spielt tatsächlich mit Abstand, Nähe und Wahrnehmung. 

Inspiration zur Autofellatio in Los Angeles

Begonnen hat Rinaldo Hopf, der primär in Berlin lebt, aber sich auch regelmäßig in Los Angeles und der Toskana aufhält, mit dem Projekt im vergangenen März, also zu einer Zeit, als uns die Ausmaße Coronas erstmals wirklich bewusst zu werden begannen. Hopf befand sich vor einem Jahr in Los Angeles – und zwar im Rahmen seines dritten Aufenthalts des Artist in Residence-Programms der Tom of Finland Foundation. Was ziemlich gut passte, denn zum einen gibt es schlimmere Orte an denen man den Lockdown verbringen könnte, als das Haus und Grundstück der Stiftung in Kalifornien. Zum anderen befasste sich der Sonderband Mein schwules Auge / My Gay Eye – Tom of Finland Foundation special genau damit.  

SOCIAL DISTANCING 2020, Watercolor & ink on international newsprint // © Rinaldo Hopf

Das Haus, das Grundstück, die dort vorhandenen Kunstwerke: Die alles dient, ganz sinnstiftend und zweckerfüllend, auch der Inspiration und führte zum aktuellen Kunstprojekt Social Distancing 2020, welches wir bereits im aktuellen schwulen Auge Body Issues begutachten und wertschätzen konnten. Rinaldo Hopf bezeichnet das Projekt als „eine erotische Version von total ‚safe‘“. Und dies dürfen wir gleich in mehrerlei Hinsicht so verstehen.

SOCIAL DISTANCING 2020 – PREPARATORY SKETCHES, Watercolor & ink on paper // © Rinaldo Hopf

Hopf hielt beim Malen seiner Modelle natürlich den Mindestabstand ein. Außerdem zeichnet er sie beim Autofellatio – also bei der oralen Selbstbefriedigung, oder schlicht Selfsuck. Etwas, das sich die meisten schon mindestens einmal interessiert in Videos angeschaut haben dürften, die sie doch eigentlich gar nicht schauen. Vom Selbstversuch gar nicht mal zu sprechen. Hopf also zeichnet Männer, die sich selbst einen lutschen, dabei in verschiedensten Posen. Mal recht simpel, sich einfach nach unten beugend; mal im Stehen den Kopf zwischen den Beinen (was nur halb erfolgreich aussieht) oder auch verknüpft mit einer Yoga-ähnlichen Pose. 

Scharf und hintergründig

Also der Mindestabstand wurde eingehalten und die Models bedienen sich nur an sich selbst, das ist natürlich auch noch einmal sicherer als Zwei-, Drei- oder Mehrsamkeit. Was nicht nur, aber insbesondere, in Corona-Zeiten gilt. Von den Motiven, die so ästhetisch wie auch schlicht recht geil sind, einmal abgesehen, sind es auch die bei Rinaldo Hopf immer wieder verwendeten kräftigen Aquarellfarben, die uns Betrachter*innen begeistern können. 

SOCIAL DISTANCING 2020, Watercolor & ink on international newsprint // © Rinaldo Hopf

Eine weitere Ebene eröffnet der Künstler dadurch, dass er als Hintergrund, auf dem er die Zeichnungen platziert, internationale Presse aus der Zeit der Pandemie nutzt. So lesen wir hinter einem Autofellatio-Model eine Überschrift auf der Meinungsseite der The New York Times: „How Italy coped, and will keep coping“ (dt. „Wie Italien es meistert und weiter meistern wird“). Das erlaubt neben der Faszination für die Malerei auch ein Schmunzeln und den Gedanken „Ja, so ginge das auch“. Nordkorea taucht auch auf – fantastisch.

Schaut euch die Bilder an, lasst sie wirken, genießt sie, spielt sie durch und, herrje, so pathetisch es klingt, durchdringt sie und lasst euch durchdringen. Mehr (unzensiertes) Material und von Rinaldo Hopf findet findet ihr auf dessen offizieller Seite.

SOCIAL DISTANCING 2020, Watercolor & ink on international newsprint // © Rinaldo Hopf

Übrigens wird Rinaldo Hopf vom 29. April bis 9. Mai auf der diesjährigen Ausgabe von Instinct im Village Berlin unter dem Motto Instinct#inBETWEEN vertreten sein und dort wohl das große SOCIAL DISTANCING 2020-Original ausstellen. Wir halten euch auf dem Laufenden.

Ebenso lest ihr hier bald unsere Besprechung zu den Body Issues und mehr von Tom of Finland und Rinaldo Hopf.

Eure queer-reviewer

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