Bewegte Geschichte in schwingenden Worten

„Unser Fühlen ist untrennbar verflochten mit der Position, die wir in der Gesellschaft einnehmen.“ Dieser programmgebende Satz steht weit vorn in der von Benno Gammerl über Oral History erarbeitenden emotionsgeschichtlichen Betrachtung und Analyse schwul-lesbischen Lebens in der Bundesrepublik von der Nachkriegszeit bis etwa zu Beginn der Nullerjahre. Wobei der Fokus in dem in drei Hauptteile untergegliederten Buch anders fühlen: Schwules und lesbisches Leben in der Bundesrepublik. Eine Emotionsgeschichte auf den teils verschiedentlich geprägten aktivistischen Zeiten der so genannten bleiernen Zeit der 50er-Jahre, der emanzipatorischen 70er- und der für LSBTI*-Menschen politisch bewegten 80er-Jahre liegt. 

Individuell gelebte Geschichte

Was nun nicht bedeutet, dass das im Hanser Verlag erschienene anders fühlen die Geschichte schwuler und lesbischer Bewegungen der alten Bundesländer in subjektiven Erzählungen wiedergibt. Vielmehr rahmen gesellschaftspolitische Entwicklungen und erwähnter Aktivismus natürlich auch das Leben der im Buch zu Wort kommenden Personen ein. Denn, das wird auf den 350 Seiten, die der Haupttext des Werks etwa einnimmt, deutlich, ob selber engagiert oder „nur“ Zuschauerin oder Zuschauer, oder gar Gegnerin oder Gegner einzelner Emanzipationbestrebungen: Mittelbar betroffen sind frauenliebende Frauen und männerliebende Männer, wie sie im Buch häufig genannt werden, natürlich in jedem Fall.

Insgesamt hat der Historiker und Professor für Gender- und Sexualitätengeschichte Benno Gammerl für seine Emotionsgeschichte mit 32 Personen gesprochen, die zwischen 1935 und 1970 geboren worden sind, mehr als die Hälfte von Ihnen in den 40er- und 50er-Jahren. Somit liegt ein empfundener Fokus des Buches auch auf der Wahrnehmung der eigenen Sexualität und der des gesellschaftlichen Umgangs mit dieser in den Jahren von 1960 bis in die Mitte der 1980er. Das ist für uns Leser*innen insofern sehr interessant, als dass sich hier eine noch von den Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegserfahrungen betroffene und im Lichte dieser aufgezogene Generation findet, die doch ganz unterschiedlich mit den vermittelten Werten und an mancher Stelle damit gleichzusetzenden Ressentiments umgeht.

So gibt es jene, die schon aus ihrem Selbstempfinden heraus eine Art Konterhaltung zu den Eltern und ihrer als beengend empfundenen Welt einnahmen; dann jene, die irgendwo zwischen den Stühlen standen, sich auf der einen Seite den Erwartungen fügten, diese aber auch durch sexuelle Abenteuer oder eine Art Doppelleben unterliefen, manches Mal begleitet von einer oft als Befreiung empfundenen Hinwendung zum offen homosexuellen Leben in späteren Jahren; und natürlich jene, die noch heute – beziehungsweise zur Zeit der Aufzeichnung der Gespräche in den Jahren 2008 und 2009 – eher von Homophilie und von tief empfundenen, emotional-romantisierten Männer- und Frauenfreundschaften sprechen.

Ein, wenn wir so wollen, altes Narrativ, das sich in den Nachkriegsjahren, die Gammerl im Buch unter der Überschrift „Ausweichen“ behandelt, mit vorsichtigen Bestrebungen verknüpfte, Homosexualität in der Betrachtung zu normalisieren und vor allem eine Entkriminalisierung zu erreichen. Der Strafrechtsparagraph 175 war in den Jahren ein scharfes Schwert, das natürlich auch zur Entmenschlichung homosexueller Männer diente und diese zu kriminellen und auch pädophilen Monstern machen sollte. Mit einer zurückgenommenen, quasi als nicht-sexuell gelebten Homosexualität sollte dieses Feld beackert werden, jedoch nicht in der Breite, sondern angeleitet von einem liberal-elitären Politikverständnis, wie Gammerl resümiert. Was sich mit den Betrachtungen von Raimund Wolfert in dessen Vortrag zu Kurt Hiller und Hans Giese deckt.

Auch die Situationen der frauenbegehrenden oder -liebenden Frauen in dieser Zeit wird durch die Gesprächspartnerinnen Gammerls deutlich: Es war eine prekäre. Selbst wenn sie sich nicht zu Frauen hingezogen gefühlt hätten, die Rolle der Frau war klar als Heimchen am Herd definiert; sie hatte im Grunde keine Rechte innerhalb der Ehe oder ihres Lebens, wenn wir so wollen. Was ihr, wenn es um den Willen einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft ging, natürlich auch jede Selbstbestimmung nahm. Das Beispiel einer der interviewten Frauen, die in ihrer Scheidung nur das Glück hatte nicht als die schuldige Partei betrachtet zu werden, da ihr Ex-Mann in spe dem Alkohol zu offensichtlich zu sehr zusprach, macht das deutlich.

Alles ist Emotion

Im zweiten Teil des Buches, gennant „Aufbrechen“, blickt Gammerl mit seinen Interviewpartner*innen vor allem auf die 1970er-Jahre und hier nehmen beinahe naturgemäß die schwulen und lesbischen Bewegungen einen großen Raum ein. Gammerl geht dabei immer so vor, dass er zuerst die Lage der frauenliebenden Frauen und der männerliebenden Männer in der jeweiligen Zeit beschreibt, um dann darauf einzugehen, wie diese sich auf die Interviewten auswirkte und im weiteren Teil die Empfindungen dieser zu konkretisieren. Natürlich sind die Übergänge an mancher Stelle fließend und wie sich an einem seiner Gesprächspartner zeigt, ist Benno Gammerls Projekt oder Vorgehen bei diesen nicht unumstritten oder führt zu einer Auseinandersetzung der Interpretationshoheit. Hier merken wir auch die Emotionen des Verfassers, wenn er die Situation zwar sachlich einordnet, aber sich dennoch aufgewühlt wahrnehmen lässt. 

Der dritte Teil, „Ankommen“, behandelt die Zeit der 1980er-Jahre und ein Stück darüber hinaus. Hier geht es im schwulen Leben natürlich auch um HIV und Aids (es kann nicht oft genug gesagt werden: Pfui, pfui, pfui Peter Gauweiler), die Act-Up-Bewegung fehlt natürlich nicht, dem Kampf um das Gedenken an die Rosa-Winkel-Häftlinge in der Zeit der Nazidiktatur wird Raum gegeben, ebenso den ersten intersektionalen Ansätzen und allgemeinen Diversifizierungsbemühungen, den Debatten um den Sinn von staatlicher Förderung und mit dem positiv besetzten Klischee des homofreundlichen Westens wird aufgeräumt

Durchzogen ist das Buch von O-Tönen von Frau Schmidt und Herrn Meyer, die ihre Situation in der jeweiligen Zeit eindrücklich und in echten Worten schildern. Diese kleinen Brüche mögen manchen Leser*innen auch dabei helfen, sich recht unmittelbar in die jeweilige, ihnen womöglich fremde oder fremdgewordene Zeit hineinzuversetzen. Darüber hinaus leitet Gammerl die Abschnitte kurz ein und stellt ein zusammenfassendes Fazit ans Ende, das immer eine wunderbar geschmeidige Überleitung in den nächsten Teil bietet und sich natürlich auf die jeweilige Überschrift bezieht. 

Wie wir debattieren

Zwei Dinge sind in anders fühlen immer wieder in aller Deutlichkeit herausgestellt: Das eine ist eine rein aktivistische oder viel mehr debattengeprägte Komponente. Das Buch setzt sich dezidiert und vor allem auch durch Gammerls Einordnung unaufgeregt mit den Widersprüchen und Streitigkeiten zwischen den verschiedenen Emanzipationsbewegungen auseinander. Hier finden wir also nicht nur den Tuntenstreit, sondern weit tiefere Einblicke und erfahren auch, wie die so genannten wohlwollenden Begleiter*innen der Bewegungen manches Mal vielleicht zu wenig wertgeschätzt worden sind. 

Diese Unaufgeregtheit ist es auch, die das Buch auszeichnet und es über das Thema hinausgehend so interessant und empfehlenswert macht. Es kann als eine Anleitung zum ruhigeren Debattieren und reflektierteren Miteinander gelesen werden. So arbeitet anders fühlen nicht nur heraus, wie viele Möglichkeiten allein durch Streitereien zwischen jenen Strömungen, die radikaler und jenen, die bürgerlicher vorgehen wollten, verloren ging, ebenso wie viel Kraft und Zeit die Auseinandersetzungen zwischen lesbischen und schwulen Gruppierungen kosteten. Sondern deutlich wird auch, dass nicht wenige der Menschen im Buch sich gar nicht angesprochen oder erreicht fühlten, sich als nicht intellektuell genug sahen oder genau dies aus der Richtung von Bewegungen gespiegelt bekamen.

Diese Tendenzen sind auch heute spürbar, nicht nur wenn es um Probleme innerhalb der LSBTIQ*-Community geht, aber auch dort. Eine Abschottung vor und auch ein Ausschließen von nicht unmittelbar Mitgemeinten und Betroffenen, da diese nicht für jene würden sprechen können oder sollen und von diesen auch nicht gehört werden müssten. Quasi die Exklusivität eines bestimmten Minderheitenseins. Schwierig und wenig hilfreich. Schlimmstenfalls führt das natürlich schlussendlich auch zu einem Abwägen von Prioritäten der jeweiligen Marginalisierung. Im Buch wird das unter anderem durch die Streitigkeiten jener frauenliebenden Frauen verdeutlicht, die für sich ihr Leben führen wollten und jenen, die damit nicht weniger als eine feministische Revolution verknüpft sehen wollten und den anderen ihre Vollwertigkeit absprachen, selber aber auch Ressentiments als lesbische Frauen in feministischen Bewegungen begegneten.

Gleichberechtigung auch bei Differenzen

Das andere, das eindeutig erarbeitet wird, ist, dass durch die verschiedenen Zeiten hinweg eines nicht als bewiesen angesehen werden kann: Dass es ein deutliches Stadt-Land-Gefälle gegeben habe oder gäbe. Natürlich war es in größeren Städten und Metropolen wie Berlin leichter, Menschen mit gleichen Interessen zu finden und auf den ersten Blick auch sein sexuelles Selbst zu leben; das bedeutet im Umkehrschluss jedoch nicht, dass ein Leben auf dem Land oder in kleineren Gemeinden immerfort mit Unwohlsein und Verstecken einherging. Auch dort konnten sich Gruppen zusammenfinden und auch dort konnte ein*e Jede*r für sich Zufriedenheit und Glück, auch durch Akzeptanz, finden. Nicht zuletzt dank mancher Publikationen, die Benno Gammerl für seine neben den Gesprächen aufwändige – und sicherlich unglaublich erfüllende – Recherche durchsah und uns in den 40 Seiten füllenden Anmerkungen näher bringt. Wie auch ein intensiver Blick auf die reichhaltigen Quellen empfehlenswert ist. Dazu sei noch angemerkt, dass die Lektüre von anders fühlen ein interessanter Genuss ist, sie jedoch durch textuelle und inhaltliche Komplexität bewusst und konzentriert erfolgen sollte.

Es ist hochgradig spannend, wie hier durch sehr individuelle Erfahrungen und subjektive Erinnerungen ein Bild entsteht, das zwar eine heterogene schwul-lesbische Welt zeigt, doch, wie Gammerl es schlüssig zum Ende bilanziert, eines erkennen lässt: Es ist keine stolze Befreiungsgeschichte voller heroischer Momente, sondern das Zusammenkommen vieler Momente und Menschen, die den Fortschritt in gesellschaftlicher und somit auch eigener Akzeptanz brachten. Dass hierbei natürlich noch deutlich Luft nach oben ist und gerade in letzter Zeit wieder Rückwärtsbewegungen erkennbar sind, lässt die sehr persönlichen und reibungsvollen Geschichten der Gesprächspartner*innen noch notwendiger klingen.

Und so sind wir wieder bei den unterschiedlichen Positionen, die wir in der Gesellschaft einnehmen und nach denen sich unser Fühlen richtet. Benno Gammerl schließt damit zu fordern die Verschiedenheit solle deutlich werden und „auf Gleichberechtigung zu pochen, ohne die Differenzen zu leugnen.“ Das kann klappen, vor allem indem Konflikte eben mit dem nötigen Respekt ausgetragen werden. Gammerl appelliert, dass dabei keine unüberwindbaren Gräben entstehen dürften, „weder zwischen den verschiedenen Facetten des queeren Spektrums noch zwischen denen, die sich der gesellschaftlichen Mitte nahe wähnen, und denen, die sich an den Rändern wiederfinden.“ Diesem Appell schließen wir uns an und empfehlen uneingeschränkt die Lektüre von anders fühlen.

Benno Gammerl: anders fühlen: Schwules und lesbisches Leben in der Bundesrepublik. Eine Emotionsgeschichte; 1. Auflage, März 2021; 416 Seiten; 13 Abbildungen; Gebunden, mit Schutzumschlag; ISBN: 978-3-446-26928-6; Hanser Verlag; 25,00 €; auch als eBook; #ohnefolie

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