Bis dass der Tod uns den Preis nimmt

Bild oben: Öfter mal lüften, gerade während Corona! // Foto: © TVNOW / Frank Dicks

Nobelpreis gewonnen und kurz vor der Verkündigung gestorben? Kein Problem wenn man vier Freunde hat, die sich entschließen, den Tod für fünf Tage gegen alle Widrigkeiten und trotz persönlicher Probleme vor der Welt geheim zu halten. Völlig uneigennützig, versteht sich. 

Das nämlich machen die vier finanziell sehr unterschiedlich ausgestatteten Freunde Annette (Adele Neuhauser), Ella (Iris Berben), Joachim (Heiner Lauterbach) und Friedrich (Michael Wittenborn) nachdem Annette den leblosen Wirtschaftswissenschaftler Hermann (Walter Sittler) in seinem Bett gefunden hat. Hermann allerdings galt als einer der Top-Favoriten auf den diesjährigen Wirtschaftsnobelpreis, eine E-Mail, die sie vom Schwedischen ins Deutsche übersetzen lassen bestätigt gar den zu erwartenden Erhalt des Preises. Doch muss die ausgezeichnete Person für die Zeit der Verkündung noch am Leben sein. Natürlich wollen die vier ihrem guten Freund über Dekaden diese Anerkennung nicht verwehren. Es gibt allerdings einiges zu tun, denn irgendwie ist es nicht so einfach, den Tod einer in der Öffentlichkeit stehenden Person mit Freundschafts- und Verwandtschaftsverhältnissen (Hermanns Schwester: Johanna Gastdorf) für fünf Tage zu verheimlichen, vor allem wenn das eigene Leben irgendwie weitergeht.

Ein toter Akademiker multipliziert mit vier scheiternden Existenzen

So sieht sich Annette zusätzlich zu allem Schmerz über den Tod ihres mehr oder weniger heimlichen Geliebten noch mit einem Video konfrontiert, in dem sie in ihrer Buchhandlung einen renommierten Romanautoren und Holocaust-Überlebenden, der an Parkinson erkrankt ist und im Rollstuhl sitzt, aus eben diesem stößt. Wohl weil er ihr an die Brust gefasst hatte. Das Video geht natürlich viral und Annette muss mit den Konsequenzen leben, samt eines peinlichen Auftritts bei RTL mit Steffen Hallschka (einer der besten Witze kommt hier, scharfsinnig und scharfzüngig), zu dem ihr letztlich auch Ella geraten hat, es könnte doch Werbung für ihren Laden sein. Ella wiederum ist viel beschäftigt mit ihren wechselnden Liebhabern und dem Verarbeiten ihrer Scheidung (Ex-Mann: Harald Krassnitzer), wie auch dem Babysitten ihrer Enkel („Verhütung ist so wichtig.“).

Annette sieht sich mit sexueller Belästigung konfrontiert.// Foto: © TVNOW / Frank Dicks

Friedrich dagegen kommt schon seit langer Zeit nicht mit seiner Quasi-Unsichtbarkeit klar, hegt einen schlurfenden Groll gegen die Welt, sicherlich auch gegen sich selbst und war neidisch auf Herrmanns Erfolge. Als er sich die Chance verschafft, diesen auf einem Investorentreffen für die Uni zu vertreten, verkackt er das so hart, dass man kaum mehr Mitleid mit ihm haben dürfte. Joachim hingegen ist der Ego-Sunnyboy, der mit dem Patent eines Plastikbeutelverschlusses (man kann damit mehr als Plastikbeutel verschließen!) ein Vermögen gemacht hat, zwar in einer unzufriedenen Ehe mit Vera (Tanja Schleiff) steckt, aber alle Freiheiten auslebt. Und er steht kurz vor der Veröffentlichung seines Gedichtbandes, die allerdings hängt auch vom Vorwort des vermuteten Nobelpreisträgers Hermann ab. Trotz Veröffentlichung im Eigenverlag, was genau so tief blicken lässt, wie die verreißenden Anmerkungen Elke Heidenreichs zum Buch. Doch mit der ist ja auch noch ein Treffen geplant.

Humor und Tragik ergänzen einander

Elke Heidenreichs Gastauftritt zählt zu einem der vielen kleinen Highlights in der vierteiligen Mini- beziehungsweise Event-Serie. Derer gibt es allerdings so einige, gerade nachdem die Nummer nach einer etwas holprigen ersten Folge, in der so mancher Witz in den Startlöchern stecken bleibt, Fahrt aufnimmt. Unter Freunden stirbt man nicht lebt von einer guten Mischung aus Gagdichte und reflektierten Betrachtungen übers Älterwerden und dem vielleicht aufkommenden Wunsch, eine Spur zu hinterlassen. Häufig auch in Kombination, insbesondere Iris Berbens Ella legt da gut vor. Leider hat ihr Charakter aber auch den am wenigsten gut vermittelten Konflikt, was vielleicht auch daran liegen mag, dass dieser erst in der vierten Folge zum Höhepunkt kommt.

Es ist ganz anders als es aussieht und wo kommen Sie eigentlich her? // Foto: © TVNOW / Frank Dicks

Tolle Momente geben auch die Einzelverhöre der vier durch den Polizeibeamten (Moritz Führmann), der sie nach ihrer Verhaftung vernimmt. Das dialogstarke, detailgenaue und meist harmonisch verschiedene Stimmungen vereinbarende Drehbuch stammt von Claudius Pläging (Der Vorname), die Regie übernahm Felix Stienz, der nach den sich auf einem ähnlichen Humor-Level bewegenden Serien Merz gegen Merz und Frau Jordan stellt gleich hier erneut eine sichere Hand fürs Inszenieren abstruser Momente ohne Klamauk beweist. So werden die vier Protagonist*innen auch in peinlichen und entblößenden Momenten niemals nur zu einer Schablone für einen Gag übers Altern oder ähnliches.

Das liegt natürlich auch an der klasse Besetzung, egal ob man als Zuschauer*in eine Rolle mehr oder weniger mag, sie alle sind klasse gespielt. Gepaart mit einer wunderbaren Chemie zwischen dem Ensemble funktionieren auch hier der Wechsel und das Zusammenspiel von bissigem Humor und herzergreifender Tragik ausgezeichnet. Auch vergessen Drehbuch und Darsteller*innen nie, dass es sich um eine über gut vierzig Jahre gewachsene Freundschaft handelt, so hat man auch oft den Eindruck einer langjährigen Gruppenehe zuzusehen. Und man möchte sie alle gemeinsam zur Paartherapie schicken.

Sexuelle Abartigkeit oder was geht da im Schlafzimmer vor? // Foto: © TVNOW / Frank Dicks

Die Serie, die derzeit auf TV Now Premium abrufbar ist und 2021 auch auf VOX ausgestrahlt werden soll, basiert auf dem Buch Stockholm von Noa Yedlin, das bisher leider nicht in Deutschland erschienen ist, und der gleichnamigen israelischen Serie (die Produktion beider Serien-Versionen werden von Keshet Tresor Fiction begleitet). Unter Freunden stirbt man nicht ist zum Ende des Jahres 2020 nochmal ein feines Highlight, das generationsübergreifend für Unterhaltung sorgt, mit einer gut erträglichen Moral der Geschichte ums Eck kommt und mit einer famosen Pointe endet. 

Unter Freunden stirbt man nicht; Deutschland 2020; Regie: Felix Stienz; Drehbuch: Claudius Pläging; Kamera: Jakob Beurle; Darsteller: Iris Berben, Adele Neuhauser, Heiner Lauterbach, chael Wittenborn, Walter Sittler, Moritz Führmann, Johanna Gastdorf, Inez Bjorg David, Harald Krassnitzer, Tanja Schleiff, Rojan Juan Barani, Neshe Demir, Harald Krassnitzer, Matthias Zera; 4 Folgen jeweils ca. 45-50 Minuten; FSK: 12

AS

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