Bis zum Ende deiner, meiner, unserer Welt

Verlust und Verantwortung, Schuld und Trauer – alles nicht gerade die schönsten Gefühle. Und doch hat sie vermutlich fast jeder schon einmal in der einen oder anderen Ausprägung durchleben müssen. Sie und die Geschichte einer engen Freundschaft, ja freundschaftliche Liebe, sind die Hauptmotive in Hans Steinbichlers neuem Film HANNES, der am 25. November in die deutschen Kinos kommt.

Eine Freundschaft – ein Leben lang

HANNES ist die Geschichte einer solchen Freundschaft, nämlich der von Moritz (Leonard Scheicher, Das Boot, Das schweigende Klassenzimmer) und dem titelgebenden Hannes (Johannes Nussbaum). Die beiden jungen, am selben Tag im selben Krankenhaus geborenen Männer sind sich in innigster Freundschaft verbunden und hegen den großen Traum: gemeinsam mit dem Motorrad ans Kap Hoorn an der Südspitze Südamerikas zu reisen (bestimmt auch, um dort Pinguine zu sehen 😉). Nächstes Jahr soll es so weit sein, Hannes arbeitet in seinem Job als Pfleger im „Vogelnest“, einem Heim für psychisch kranke Menschen, fleißig auf dieses Ziel hin. Moritz spart nicht so sehr, er lässt das Leben eher locker angehen, scheint weniger einen Plan oder Ziele für sein Leben zu haben.

Hannes (Johannes Nußbaum) und Moritz (Leonard Scheicher) // © Studiocanal GmbH / Luis Zeno Kuhn

Dann allerdings – und damit beginnt der Film – hat Hannes auf Moritz‘ Motorrad einen Unfall und fällt ins Koma. Moritz fühlt sich verantwortlich, ist es doch nicht zuletzt seiner Schludrigkeit zuzuschreiben, dass Hannes jetzt dort liegt. Er beschließt daraufhin, Moritz zumindest seinen Job zu sichern und springt im „Vogelnest“ für ihn ein. Jenseits des Jobs weicht er kaum von Hannes‘ Seite und tut alles ihm Mögliche, um seinen Sandkastenfreund aus dem Koma zu holen, damit sie ihren gemeinsamen Traum von Kap Hoorn verwirklichen können.

All dies umrahmen Steinbichler und das Team der Macherinnen und Macher mit verschiedenen inhaltlichen Elementen, der Schwangerschaft von Hannes‘ Freundin, Rückblenden in die Freundschaft und gemeinsame Vergangenheit von Moritz und Hannes, oder auch und ganz besonders Moritz‘ Erfahrungen und Entwicklung in Hannes‘ Arbeit im „Vogelnest“.

Damit keine Erinnerung verloren geht: Moritz (Leonard Scheicher) führt Hannes‘ (Johannes Nußbaum) Tagebuch weiter. // © Studiocanal GmbH / Luis Zeno Kuhn

Herausforderung und Wachstum

Diese nämlich fordert Moritz mehr als gedacht heraus, lässt ihn aber deutlich in seiner Persönlichkeit wachsen. Mit der anfangs skeptischen Heimleitung, der katholischen Schwester Walrika (famos: Gabriela Maria Schmiede), findet er ein kritisches Korrektiv, das ihm gleichzeitig ein wenig als Mentorin dient. Eine andere Art der Mentorenschaft gibt es mit der leitenden Psychologin, Dr. Redlich (famoser: Verena Altenberger), mit der er eine Affäre beginnt. Leider trägt diese im Gesamtkonglomerat der Handlung allerdings eher wenig zu selbiger und Persönlichkeitsentwicklung von Moritz bei und ist daher einer der schwächeren Nebenhandlungsstränge.

Moritz (Leonard Scheicher) lernt während seiner Arbeit die Psychologin Dr. Redlich (Verena Altenberger) kennen. // © Studiocanal GmbH / Luis Zeno Kuhn

Das Gegenteil ist von der Geschichte um die dritte Frau im „Vogelnest“ zu behaupten. Frau Stemmerle (am famosesten: Hannelore Elsner in ihrer letzten Kinorolle), die Grundschullehrerin von Moritz, ist seit dem Tod ihrer Enkelin Jasmin Bewohnerin des malerisch an einem See in den Voralpen gelegenen Heims. Sie gibt sich die Schuld an deren Tod und ihr Sohn hat sie ins „Vogelnest“ abgeschoben. Moritz kümmert sich mit Hingebung um die alte Frau (gibt sich ihr unter Medikamenteneinfluss vielleicht sogar selbst ein wenig hin), aber in dem Moment, als der Konflikt mit ihrem Sohn und die tatsächliche Schuldfrage noch einmal aufkommt, ist er hellwach und sorgt dafür, dass die beiden ihre Differenzen noch einmal auf den Tisch bringen.

Der gesamte Konflikt um Frau Stemmerle, ihre vermeintliche Schuld und Verantwortung und ihren Umgang hiermit, versinnbildlicht die Gefühlswelt von Moritz. An der Arbeit mit Frau Stemmerle und im „Vogelnest“ ganz allgemein wächst nämlich, wie erwähnt, Moritz in seiner Persönlichkeit. Anfangs noch eher ziellos in seinem Leben, scheint ihm durch die Arbeit mit den Bewohnerinnen und Bewohnern sowie den Bediensteten des Heims die Möglichkeit gegeben, sein Leben in geordnetere Bahnen zu lenken.

Moritz (Leonard Scheicher) kümmert sich um die Psychiatrie-Patientin Frau Stemmerle (Hannelore Elsner). // © Studiocanal GmbH / Luis Zeno Kuhn

Freundschaft in guten wie in schlechten Zeiten

Hannes‘ Zustand verbessert und verschlechtert sich im steten Wechsel, Moritz aber lässt sich zu keinem Zeitpunkt dazu bringen, seinen Freund oder ihre Freundschaft abzuschreiben. Im Gegenteil, zumindest seitens Moritz scheint die Zuneigung zu seinem Freund mit jedem Tag zu wachsen und erst Walrika ist es, die Moritz nach einer Weile die Augen über den tatsächlichen Zustand von Hannes öffnet (wobei hierzu, das muss der Ehre halber erwähnt sein, der ebenfalls überzeugend aufspielende und von Heiner Lauterbach verkörperte behandelnde Arzt Dr. Klaus auch einen wesentlichen Beitrag leistet).

All dies ist eine bedrückende und schwere Geschichte, die die Zuschauerinnen und Zuschauer kaum kalt lassen dürfte. Hans Steinbichler und sein Team erzählen den inneren und äußeren Kampf wie auch die Charakterentwicklung von Moritz so eindrücklich und nachvollziehbar, dass es viele sprachlos und nachdenklich zurücklassen dürfte. Die schauspielerischen Leistungen der beiden Hauptcharaktere Leonard Scheicher und Johannes Nussbaum tragen (neben den vielen ebenfalls sehr gut besetzten Nebenrollen) ihren wesentlichen Teil hierzu bei. Hier zahlt es sich aus, dass das Team um Casting-Chefin Franziska Aigner gezielt ein Duo besetzt hat, das sehr gut miteinander harmoniert.

Rita Falk – ein Krimi für die Freundschaft

Die literarische Vorlage für HANNES stammt von der bayerischen Bestsellerautorin Rita Falk, deren wohl „persönlichste Geschichte“ ihr gleichnamiges Buch Hannes bildet (welches wir wohl auch noch besprechen werden und zum Kinostart als Taschenbuch erscheint). Wie bei den meisten Verfilmungen ihrer Romane, vor allem der bekannten und beliebten Eberhofer-Krimis (der Film Leberkäsjunkie wurde im April als Film des Jahrzehnts ausgezeichnet), wurde auch HANNES zu großen Teilen in der malerischen Heimat Falks und Steinbergers im Voralpenland, um den Starnberger und den Chiemsee, gedreht, die fast schon kitschig-schönen Motorradszenen in den Dolomiten in Südtirol.

Buchautorin Rita Falk // © STUDIOCANAL/Kurt Krieger

Für die Verfilmung passte Dominikus Steinbichler der Cousin des Regisseurs, Falks Vorlage jedoch ein wenig an, um eine stringente Geschichte erzählen zu können. Meist klappt das ganz gut, aber manch eine Feinheit ist dabei nicht ganz austariert. In der Romanvorlage beispielsweise übernimmt Moritz wohl nicht den Job von Hannes, was hier aber gezielt als Kniff genutzt wird, um Moritz‘ Charakterentwicklung plausibel zu erklären.

Wie bereits erwähnt ist das zwar nachvollziehbar erzählt, aber allein die Tatsache, dass ein ungelernter junger Mann ohne Vorerfahrung oder Einarbeitung die Pflege in einem Heim für psychisch Kranke übernehmen soll, dürfte nicht nur Alexander Jorde ein wenig sauer aufstoßen. Auch die Affäre mit Dr. Redlich oder die Schwangerschaft von Hannes‘ Freundin sind nett gemeinte Nebenhandlungsstränge, aber für die Haupterzählung wären sie eher entbehrlich.

v.l.n.r.: Klaus Steinbacher (Kalle), Produzent Nils Dünker, Johannes Nussbaum (Hannes), Leonard Scheicher (Moritz), Roland Schreglmann (Brenning) und Regisseur Hans Steinbichler am Set von HANNES // © Studiocanal GmbH / Luis Zeno Kuhn

Dies darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass HANNES die überaus ergreifende Verfilmung von Rita Falks eigentlich erstem Roman ist. Die Geschichte nimmt ihre Zuschauerinnen und Zuschauer ohne Unterlass mit, lässt sie mitfeiern und mittrauern. Die Handlung ist zumeist sehr nachvollziehbar erzählt und manch nicht vollständig eingewobener Nebenkriegsschauplatz stört nur bedingt. Vor allem die starken Darstellerinnen und Darsteller – noch einmal: Hannelore Elsners letzter Kinofilm – überzeugen und bringen ein schweres Thema im dunklen Herbst in dunkle Vorführräume. Sich hierauf einzulassen lohnt sich aber allemal.

HMS

Hannes; Deutschland, 2021; Regie: Hans Steinbichler; Drehbuch: Dominikus Steinbichler; basierend auf dem gleichnamigen Roman von Rita Falk; Kamera: Christian Marohl; Darstellende: Leonard Schleicher, Johannes Nussbaum, Hannelore Elsner, Verena Altenberger, Gabriela Maria Schmiede, Heiner Lauterbach, Jeanette Hain; ca. 91 Minuten; FSK: 12

Unser Schaffen für the little queer review macht neben viel Freude auch viel Arbeit. Und es kostet uns wortwörtlich Geld, denn weder Hosting noch ein Großteil der Bildnutzung oder dieses neuländische Internet sind für umme. Von unserer Arbeitszeit ganz zu schweigen. Wenn ihr uns also neben Ideen und Feedback gern noch anderweitig unterstützen möchtet, dann könnt ihr das hier via Paypal oder hier via Ko-Fi tun. Vielen Dank!

About the author

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.