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Brandstifter, Polarisierer, Narzisst, Nationalist, Alpha-Mann, Anti-Intellektueller: Donald Trump

thelittlequeerreview

Im Zuge der Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten am 3.11.2020 schauen wir etwas genauer auf die dortigen politischen Gepflogenheiten, Akteure und Mechanismen, wie auch auf die internationalen Zusammenhänge. Alle bisherigen Beiträge findet ihr unter dem Stichwort US-Wahl.

„Es gibt viele Mörder. Wir haben viele Mörder. Glauben Sie, unser Land ist so unschuldig?“ Dass ein amerikanischer Präsident solch einen Satz sagt, um den russischen Präsidenten in Schutz zu nehmen, das ist mindestens gruselig. Kein Wunder also, dass sich zahlreiche Bücher mit Donald Trump und all den … Unannehmlichkeiten, die seine Präsidentschaft so mit sich bringt, befasst haben. Es lässt sich beinahe sagen, dass manch ein Verlag sicherlich entspannter durch die Corona-Krise kam, weil er zuvor ein oder zwei Trump-Enthüllungsbücher entweder ehemaliger Mitarbeiter oder Vertrauter oder politischer Beobachter veröffentlicht hat.

Einige der Bücher waren und sind zweifelsohne eher der Kategorie Boulevard zuzuordnen, manche sind lediglich beleidigte Abrechnungen in Form einer Hören-Sagen-Oper und andere erlauben tatsächlich interessante Einblicke und geben den Leserinnen und Lesern einen klar analysierten Eindruck von der Präsidentschaft des orangenen Mannes. Das neue Buch von Stephan Bierling, America First – Donald Trump im Weißen Haus. Eine Bilanz. ist so ein analytisches Buch, das in angemessener Länge Hintergrundinformationen mit der Entwicklung Amerikas unter Trump verknüpft, sich mit dem Zustand der Demokratie auseinandersetzt („Mit Trump beschäftigen heißt sich mit dem Zustand der Demokratie zu beschäftigen.“, S. 12) und sowohl ein Fazit zieht, wie auch einen Blick in die Zukunft wagt. 

Auch queere Menschen sind von Trumps Politik betroffen

Stephan Bierling, Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Regensburg, geht in fünfzehn thematisch sortierten Kapiteln auf die Schwerpunkte sowohl des Trump’schen Wahlkampfs, als auch seiner Präsidentschaft ein. Dabei vermittelt der außenpolitisch versierte Autor zuerst das Bild des Amerika kurz vor Trumps Aufstieg, also des Amerikas unter Bush jr. und Barack Obama. Ebenso erläutert er ausführlich das Verhältnis von Trump zur Republikanischen Partei und wie der Mann es schaffte, sich die Partei Untertan zu machen, bis zu dem Punkt, an dem sie mehr eine Lobbyorganisation für Trump zu sein scheint als eine eigenständige, selbstbewusste Partei. Auch geht Bierling auf das Verhältnis der Evangelikalen zu Trump ein (und was es für LGBTIQ*-Personen bedeutet); setzt sich detailliert mit den von Trump begonnen Handelskriegen auseinander; beleuchtet vielseitig das Verhältnis zu Nordkorea und natürlich Russland; seine Abneigung gegenüber Deutschland und der EU bleibt ebenfalls nicht unerwähnt. Schlussendlich kommen wir beim Versagen der Trump-Regierung im Umgang mit der Coronavirus-Pandemie an.

Dankenswerterweise leitet Stephan Bierling jedes Kapitel mit einer Art „Was bisher geschah“ ein. So werden wir nicht prompt in Trump tat dies und sagte das hineingeworfen, sondern bekommen den Kontext, in dem Trump agierte, vermittelt. In den ersten Kapiteln schafft Bierling es, den Leserinnen und Lesern schnell einen Eindruck davon zu vermitteln, was für ein Narzisst, Betrüger, Nationalist und Rassist Trump schon früh war (wer das vertiefen möchte, kann sich anschließend das Buch von dessen Nichte Mary Trump zu Gemüte führen) und dass das vermeintliche Midas-Händchen Trumps oft auch eher Inszenierung als Realität war.

Ein erschreckendes Potpourri an Absurditäten

Es wird nachvollziehbar geschildert, wie Trump sich eine ihm getreue Mannschaft aufbaute und diese nach Bedarf umstellte, bis er schließlich nur von Gefolgsleuten umgeben war und alle Mahner und Warner, die vormals an seiner Seite standen, erfolgreich entfernt hatte. Welchen Einfluss dies auf die Republikanische Partei hatte und wie das in einer absurden, beinahe an Landesverrat grenzenden Abstimmung im Impeachment-Verfahren gegen Trump gipfelte. Da reicht auch die Erklärung nicht, dass Trump ihnen immerhin konservative Richter gibt, nicht nur am Supreme Court, und es manch einem Abgeordneten mal zu bunt wird und sie seine schlimmsten Ideen verhindern konnten.

Bierling bleibt in seiner Beschreibung immer fair, was bei der Person und dem Material sicherlich nicht immer leicht gefallen sein dürfte. Natürlich wertet er in den die Kapiteln abschließenden Faziten durchaus. Beispiel Kapitel 12, „Krisenherd Ostasien“: „Trump war inhaltlich, intellektuell und emotional regelmäßig überfordert […], gab sich Wunschdenken hin oder beging diplomatische Anfängerfehler.“ (S. 213) Die Beurteilungen ergeben sich jedoch aus der vorhergehenden Analyse und diese fällt zumeist nun mal nicht als „bigly good“ aus. 

Der Autor unterschlägt allerdings auch nicht, dass an einigen Punkten, die Trump kritisiert, auch etwas Wahres dran sein kann, ob nun seine Kritik an der WHO, dem UNRWA, usw. Doch die Art, wie er diese Problemfelder populistisch und zündelnd beackert, stellen das eigentliche Problem dar. Stephan Bierling arbeitet fein heraus, wie Trump Lautstärke nutzt, um eine eigentlich erschütternde Bilanz, insbesondere für amerikanische Bürger, zu kaschieren, beispielsweise wenn es um Deregulierung und Steuersenkungen geht oder auch die Auswirkungen seines 21 Monate währenden Handelskriegs mit China durch Zölle.

Außenpolitische Verwerfungen & selbstangefachte Krisen

Die außenpolitische Expertise des Autors kommt besonders in den Teilen des Buches zum Tragen, in denen er zum Beispiel die Reden, die Donald Trump vor der UN hielt, analysiert und einordnet oder auch der Rezeption von Trumps Politik im Nahen und Mittleren Osten. Auch die Verstrickungen mit Russland sortiert Bierling sauber ein und belässt es nicht bei einem „Ohne Putin wäre nichts gegangen.“

Das unbeherrschte und manchmal schlicht dumme Verhalten Trumps durchzieht dabei den Großteil des Buches. Ob man nun lachen oder erschrocken seufzen sollte, wenn man daran erinnert wird, dass Trump quasi unmittelbar nachdem der Mueller-Report ihn „entlastet“ hatte, den Telefonhörer in die Hand nahm und prompt in Kiew anrief um Wolodymyr Selenskyj, den ukrainischen Präsidenten, zu erpressen oder dass er Putin mit dem oben genannten Satz „Es gibt viele Mörder“ verteidigte, muss jede.r selber entscheiden.

Reflektiert & umfassend

Ohne Kritik geht es aber auch hier nicht. Auch wenn’s nur Kleinigkeiten sind. Es verwundert ein wenig, dass Roger Stone so gut wie gar nicht auftaucht, spielte er doch recht lange eine nicht unwesentliche Rolle im Wirken Trumps. Allerdings befasst das Buch sich auch wirklich in erster Linie mit dem Geschehen im Weißen Haus. Manches erläutert Stephan Bierling sehr ausführlich, anderes dann kaum. So wird die Knaus-Ogano-Methode erwähnt und wohl vorausgesetzt, dass die Leserinnen und Leser diese zuordnen können, denn erläutert wird sie nicht. Dafür bspw. einigermaßen ausführlich das Verhältnis der Evangelikalen zu Israel (was in der Tat wichtig ist). Das war’s.

America First – Donald Trump im Weißen Haus. Eine Bilanz. ist eines des besten Bücher zu Trumps Präsidentschaft. Es handelt sich um eine reflektierte, umfassende und analytische Bilanz, so kenntnis- wie quellenreich. Sie führt den Leserinnen und Lesern nicht nur nochmals (oder erstmals) das absurde und gefährliche Wirken des US-Präsidenten vor Augen, sondern beschreibt auch unaufgeregt die Gefahr, die von einer fortgesetzten Präsidentschaft Trumps ausgeht und welche Konsequenzen die Ära Trump für die Republikanische Partei Amerikas hat. 

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Bierling, Stephan: America First – Donald Trump im Weißen Haus. Eine Bilanz; 2. Auflage 2020; 271 Seiten, mit 7 Abbildungen und 1 Grafik; Klappenbroschur; ISBN: 978-3-406-75706-8; C.H. Beck Verlag; 16,95 €; auch als eBook 12,99 €

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