Corona und andere Lustspiele

In einer Gruppe von Nachwuchspolitikern auf Facebook gab es in dieser Woche die Frage, ob die Mitglieder merken würden, dass die Lust auf Corona ab-, bzw. das Aggressionspotential der Bevölkerung zunähme. Neben Bestätigung dieser Empfindung gab es zum Glück auch Mahnungen, Durchhalteparolen und Gegenbeispiele. Diese Frage löste dennoch einiges in mir aus: Unverständnis, Ärger, Bestürzung.

Zu allererst ist diese Frage nämlich vollkommen falsch gestellt. Es ist zu vermuten, dass niemand wirklich „Lust“ auf Corona hat. Auch wenn der Norden Deutschlands dieser Tage halb wegfriert, grundsätzlich fänden wir es doch alle schöner, wenn wir unbeschwert vor die Tür gehen könnten, Freunde und Familie treffen, ins Kino, Theater oder Restaurant. Oder wieder reisen. Da geht es nicht darum, ob ich oder irgendjemand anders „Lust“ auf Lockdown hat. Vor allem in einer Gruppe von Nachwuchspolitikern sollte aber so viel Wert auf die treffende Sprache gelegt werden, wenn für das Wohl des Landes gestritten werden soll.

Vom Sinn und der Notwendigkeit von Fristen

Zum anderen ist die Frage aber tatsächlich da: Gibt es (erneut) eine gewisse Corona-Müdigkeit in der Gesellschaft? Und ja, auch ich bemerke sie. Bei anderen, in meinem Umfeld, aber auch bei mir. Das dauernde Verlängern des Lockdowns macht die Menschen mürbe und das ist nachvollziehbar. Sobald eine Frist gesetzt ist – egal welcher Art – erwarten die Menschen, dass danach etwas anders wird. Besser. Und sind umso enttäuschter, wenn es das erst einmal nicht wird. Das ist mehr als nur verständlich (eine Antwort auf den Post unterstellte übrigens auch gezielte Zermürbung – das wiederum ist mir gänzlich unverständlich).

Bei manchen führte Corona zu einem Kreativitätsschub.

Andererseits sind langfristige Prognosen schlicht und einfach nicht möglich und das Setzen von Fristen zur Einschränkung von Grundrechten ist in einer Demokratie geradezu verpflichtend. In der Anfangszeit des Lockdown wurde regelmäßig von einem neuen „Ermächtigungsgesetz“ gesprochen. Der Unterschied zu 1933 aber ist, dass die aktuellen „Ermächtigungen“ stets befristet sind. Und das ist auch gut so, denn erst, wenn wir bei unbefristeten Grundrechtseinschränkungen ankommen, können sich Reichsbürger, Corona-Leugner und Janas-aus-Kassel über eine „Corona-Diktatur“ beschweren.

Flatten the omnipresence

Die Frage bleibt dennoch: Was nimmt den Leuten die „Lust“ auf Corona – oder besser: Wie kann man die Menschen in Deutschland zu mehr Durchhaltewillen animieren? Und wie das in so vielen schlechten Situationen der Fall ist, hilft Ablenkung zumindest ein wenig.

Die Auseinandersetzung mit Corona führt aber auch zu fraglichen Perspektiven, wie in dieser Inside PolitiX-Episode.

Leider ist Corona omnipräsent. Anne Will und Co. scheinen nur dieses Thema zu kennen. Bei Anne Will beispielsweise gab es seit 20. September 2020 (!) nur fünf Sendungen, die sich nicht mit Corona befassten – vier davon übrigens zum Thema USA (eine davon zur Coronainfektion des damaligen Präsidenten Trump). In der Presseschau des Deutschlandfunks nehmen die zusammengestellten Corona-Kommentare noch immer jeden Morgen einen großen Teil der Sendezeit ein. Die Blätter bundesweit berichten ebenso intensiv über das Thema. Bei der Europa 2021 Konferenz ging es nahezu immerfort darum. Beispielsweise in einem Gespräch mit dem griechischen Premierminister Kyriakos Mitsotakis und Dr. Thomas Enders von der Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik zum Thema „Europe – Towards a Green Recovery?“ Statt des avisierten Themas nahm die griechische Impfstrategie einen Großteil der Zeit ein, am Ende ging es noch kurz um das Verhältnis Griechenlands zur Türkei, als sei dieser fortwährend brodelnde Konfliktherd irgendein abseitiges Thema.

Genug Themen sind da

Also: Warum? Es gibt doch aktuell keine großen Entwicklungen. Seit dem ärgerlichen Vorfall um AstraZeneca ist doch eigentlich nichts passiert, im Positiven wie im Negativen. Ja, die Impfkampagne läuft etwas schleppend an, was ärgerlich ist. Und ja, wir bibbern aktuell nicht nur vor Kälte, sondern auch vor Mutationen. Aber muss man denn tatsächlich jede Seite, jede Sendezeit mit immer denselben Inhalten füllen? Und das, wo keine entscheidenden Schritte auf gesamtgesellschaftlicher Ebene getan werden?

Alternative Themen gäbe es doch genug. Gestern war Welttag gegen die weibliche Genitalverstümmelung, am Freitag gab es eine große konzertierte Outing-Kampagne von 185 Schauspielerinnen und Schauspielern, über die nicht nur in den 19- bzw. 20-Uhr-Nachrichten völlig hinweggegangen wurde. In Russland wankt das System Putin (vermutlich nicht genug), das Gedenken an die Auschwitz-Befreiung ging Ende Januar fast unter. Stattdessen gibt es immer wieder dieselben „Neuigkeiten“, die keine sind. Solche Themen sollten aktuell viel mehr aufgegriffen werden, auch um der Gesundheit der öffentlichen Debatte willen. Denn diese gleicht im Moment eher einem Trauer- als einem Lustspiel.

HMS

PS: Wer da nicht mitmachen möchte, wir haben so einige Tipps für Bücher, Serien und Filme, die durch den tristen Corona-Winter begleiten können. Scrollt also gerne einmal unsere Seite für Ideen und Anregungen durch 😉

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