Corona: Was wir alles machen wollen sollen und nicht machen sollen wollen

Beitragsbild: ZDF-Korrespondent Thomas Reichart beschäftigt sich in „Inside PolitiX“ mit Corona. // Foto: © ZDF/Film Freunde Friedl Fernsehproduktion

Vermutlich um junge Zuschauerinnen und Zuschauer zu erreichen – mit der jährlich 40 Millionen Euro teuren Champions League hat das wohl nur bedingt geklappt – hat das ZDF eine neue Reihe mit kurzen Infoformaten gestartet. Die Hauptstadtkorrespondentinnen und -korrespondenten liefern auf Inside PolitiX in zehn bis 15 Minuten Hintergrundinformationen im jungen und hippen Rezo-Style mit als cool empfundenen Schnitten und zugespitzt aufbereiteten Themen.

Corona in Diktaturen und Demokratien

Eines dieser Videos befasst sich mit der Frage, was Deutschland in der Corona-Krise so viel schlechter mache als die asiatischen Staaten, die vermeintlich gut durch die Pandemie kommen. Thomas Reichart, der zuvor fünf Jahre das ZDF-Studio in Peking leitete und damit durchaus eine gewisse Kompetenz bei der Einschätzung der politischen und sozialen Lage der Länder Ostasiens besitzen dürfte, führt als Korrespondent durch dieses Video. Er versucht sich unter anderem an der Frage, ob Diktaturen besser mit dem Virus umgehen können als Demokratien.

Einige Punkte, die Reichart aufwirft haben mich sehr bewegt. Er preist beispielsweise den extrem strikten Lockdown in der chinesischen Stadt Wuhan nach erstmaligem Ausbruch des Virus an. Über alles hinweg macht er einen „Corona-Graben“ zwischen Ost und West aus. Er kritisiert anfangs die Politik und vor allem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sowie unser aller „Arroganz und Behäbigkeit, mit der wir diesem Virus vor allem am Anfang begegnet sind.“ Dass China das anfangs auch getan hat, Corona vertuscht hat, Zahlen geschönt hat und dies vermutlich immer noch tut, ist allerdings auch ein Fakt, der nur spärlich angesprochen wird.

Stattdessen sei in Asien die Nachverfolgung von Infektionsketten weit besser ausgeprägt als bei uns. Neben Problemen bei den Gesundheitsämtern haben wir die immer noch anhaltende Diskussion um die Corona-Warnapp. Das Bewusstsein um Seuchenbekämpfung sei in Asien weit mehr ausgeprägt, weil die Menschen dort viel öfter damit konfrontiert seien. Südkorea beispielsweise leide aktuell unter der dritten Welle mit etwa 500 Ansteckungen pro Tag, aber auch mit funktionierenden Tracking-Maßnahmen und Menschen, die sich an Regeln hielten, die die Regierung vorgibt.

Reichart merkt schließlich an, dass wir – anders als von der AfD und Querdenkern postuliert – alles andere als in einer Corona-Diktatur lebten. Stimmt und er warnt vor einer möglichen zweiten Welle. Schließlich gibt er noch fünf – teils korrekte, teils nur fragmentartig die Wirklichkeit wiedergebende – Gründe, warum die Asiaten es besser schafften, die Pandemie zu bewältigen und auch wirtschaftlich besser aus der Krise kämen und was wir davon lernen könnten. Darauf will ich hier gar nicht mehr eingehen, denn bereits die obigen Punkte haben bei mir ein wenig Bauchschmerzen verursacht.

Unsere Kultur ist eine völlig andere

Was Reichart nämlich völlig außer Acht lässt – oder nur einseitig betrachtet – ist, dass wir hier eine völlig andere Kultur haben als in Asien. Ja, wir legen viel Wert auf unsere Freiheiten und ja, ich fände es persönlich auch besser, wenn sich die Menschen mehr an die Vorgaben hielten, einfach einmal für einige Wochen zu Hause blieben, es keine Reisetätigkeit mehr gäbe und weihnachtliche Feiern dieses Jahr einfach ausfielen.

Stattdessen ärgere ich mich über Kollegen, die aus Berlin an den Bodensee fahren oder Freunde, die gestern noch für zehn Tage nach Spanien flogen. All denen möchte ich zurufen, dass sie sich gefälligst einmal in ihren vier Wänden verbarrikadieren sollen und ihre Familie dieses Jahr halt nur via Zoom oder ähnlich sehen können. Außerdem sollen sie, sofern sie sie nicht haben, die Corona-App installieren und ansonsten einfach die Füße stillhalten.

Wollen wir unkritisch denken und unsere Freiheiten einschränken…

Unser Drang zur Freiheit ist aber nicht ohne Grund. Wir haben hierzulande in den letzten 80 Jahren zwei Diktaturen erlebt, die auf totale Überwachung ausgerichtet waren. Gestapo, SS und Stasi lassen grüßen. Jeder Schritt konnte der letzte gewesen sein. Mit den modernen Formen der Überwachung leben auch in Asien – in Diktaturen oder teils noch jungen Demokratien – heute viele Menschen und kennen es nicht anders.

Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres hält eine Rede bei der Sonderveranstaltung des Deutschen Bundestages aus Anlass des 75. Jahrestag der Gründung der Vereinten Nationen. // Foto: © Deutscher Bundestag / Henning Schacht

Wir aber, wir kennen es anders. Vor kurzem besprach ich hier das ansonsten nicht sonderlich empfehlenswerte Buch von Nic Jordan, die von London nach Australien trampte. An einer Stelle beschreibt sie, wie sie nach einiger Zeit und viel Frust gelernt hätte, wie sie Chinesen dazu bringen konnte, sie mitzunehmen: Gib ihnen klare Befehle und sie führen diese meist ohne zu fragen aus. „Fahr mich nach X“, und sie machen es. Das ist praktisch, denn man bekommt als den Befehl Erteilende/r das, was man will.

…oder die Werte der Aufklärung verteidigen?

Aber ist das das, was wir wollen? Unkritisch denkende Bürgerinnen und Bürger? Klar, Querdenker, Rechtspopulisten und Verschwörungsmythiker brauchen wir nicht, sondern aufgeklärte Bürgerinnen und Bürger, die mündig sind und Rechte und Pflichten andererseits auch annehmen. Erst am Freitag hat UN-Generalsekretär Antonio Guterres in einem Festakt im Deutschen Bundestag Deutschlands Rolle in der Welt gelobt und die Werte der Aufklärung als „Europas größten Beitrag zur Zivilisation“ bezeichnet.

Diese Werte gilt es zu bewahren und weiter zu verbreiten. Denn so manches Element hieraus mag dem von Reichart propagierten Vorsprung der Asiaten widersprechen und es ist an uns zu entscheiden, wie wir leben wollen. In einem Staat, der zwar alle Bewegungen verfolgt und damit effektiv bei der Pandemiebekämpfung ist, aber gleichzeitig auch totale(re) Überwachung und Kontrolle hat. Oder in einem Staat mit einer Gesellschaft aus mündigen Bürgerinnen und Bürgern, die selbst entscheiden, was sie tun, aber neben den Rechten auch ihre Pflichten an- und ernst nehmen. Vom ZDF hätte man sich in einem Beitrag wie dem von Thomas Reichart etwas mehr Ausgewogenheit gewünscht.

HMS

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