Could it be loved?

Nur wenige Pflanzen dürften ein so zweigeteiltes Echo hervorrufen wie der Hanf. Eigentlich eine bei uns heimische Art, ist es durch die Nutzung als Droge weitgehend verboten und wird legal in unseren Breiten kaum angebaut. Dabei ranken sich dennoch einige Mythen um diese Pflanze. Die Berlinerin Janika Takats hat dazu ein Buch verfasst, in dem sie mit so manchem Mythos aufräumen und Cannabis ganz ohne Reha rehabilitieren will.

Hanf: eine vielseitige Pflanze

Das kleine Buch vom Cannabis – Was man darf. Wie es wirkt. Wann es hilft. erschien im März 2021 im Heyne-Verlag und behandelt mehr Facetten der Pflanze als sich viele wohl vorstellen können. Angefangen von der Geschichte des Hanfs und dem Verbot als Rauschmittel behandelt Janika Takats anschließend seine biologischen und chemischen Aspekte: Botanik, Zucht und Wirkstoffe.

In die konkrete Anwendung geht es direkt im Anschluss. Nach der medizinischen Wirkung und Nutzungsmöglichkeiten bei einer Reihe von Leiden geht es im vierten Kapitel um „Gesundheit und Lifestyle“. Hierunter fallen Punkte wie die Nutzung quasi aller Pflanzenbestandteile als Lebensmittel, in Kosmetik oder zur Entspannung, aber auch zum rechtlichen Status von Cannabidiol oder konkreten Hinweisen, was beim Kauf zu beachten ist.

Kapitel 5 wiederum behandelt „Genuss und Freizeit“ und beschreibt beispielsweise die Wirkungsweise des Rauschs oder eben Einsatzmöglichkeiten zum Beispiel beim Sport oder im Sexualleben. Auch auf die Gefahren von Cannabis geht Takats hier ein. Bevor sie das Buch mit einem Ausblickskapitel zu den einzelnen Kategorien beschließt, geht es schließlich noch um die Nutzungsmöglichkeiten von Hanf als nachhaltigem Rohstoff, beispielsweise für Kleidung, Papier oder als Energiequelle.

Details und Hintergründe breit herausgearbeitet

Es zeigt sich somit, dass die Einsatzmöglichkeiten von Hanf und Cannabis sehr breit sind, breiter als gedacht. Und das muss man Janika Takats lassen, das arbeitet sie gut und umfänglich heraus. Egal ob es der Konsum von Hanfsamen als Beimischung zum Mehl beim Backen ist (wofür sich übrigens auch Insektenmehl eignet), die Auswirkungen der verschiedenen Formen des Konsums oder auch „Randthemen“ wie die Präsenz von Cannabis in der Popkultur: Janika Takats zeigt, dass sie unglaublich viel über eine Pflanze weiß, die nicht nur hierzulande wohl teils zu Unrecht sehr kritisch gesehen wird. Mit ihrer großen Erklärfreude, die oft in kleinste Details geht, bringt sie somit den Leserinnen und Lesern sehr viele aufschlussreiche Informationen zu Cannabis näher.

Die wesentlichen Hintergründe und Anwendungsmöglichkeiten arbeitet sie also überaus anschaulich heraus, was nicht zuletzt dem geschuldet sein dürfte, dass sie laut Kurzbiografie auch Onlinekurse anbietet, „in denen sie Orientierung und Hilfestellungen zur Anwendung von medizinischem Cannabis, bzw. CBD gibt“. Das wird sehr schön transparent gemacht, denn obwohl Das kleine Buch vom Cannabis doch sehr sachlich an die Thematik herangeht, wird deutlich, dass Takats der Pflanze und ihren Anwendungsmöglichkeiten offen und positiv gegenübersteht – was per se ja nicht schlecht ist. Gleichzeitig muss den Leserinnen und Lesern bewusst sein, dass Takats mit dem Buch nicht zuletzt persönliche Interessen wie den Ausbau des eigenen Kundenkreises verfolgen könnte.

Kein Buch des politischen Diskurses

Unter dem Gesichtspunkt muss man auch einige weitere Details des Buchs betrachten. Ja, es wird sehr deutlich, wie vielseitig die Pflanze Cannabis sein kann und dass vor allem die Politik hierzulande der große Bremser in der Neuregelung oder gar Freigabe von Cannabis ist (auch wenn sich da etwas zu bewegen scheint, irgendwie). Die verschiedenen Positionen der Parteien reißt sie allerdings nur an zwei Stellen ganz kurz an, ohne jedoch hier mehr ins Detail zu gehen. Hier hätte sie besonders im Jahr der Bundestagswahl ein wenig mehr Input geben können, die entsprechende Erfahrung und das Hintergrundwissen scheinen auf jeden Fall an vielen Stellen im Buch durch.

Was auch immer wieder auftaucht – und das ist sehr gut so – sind Warnhinweise. Janika Takats kombiniert diese gekonnt mit deutlichen Erläuterungen auf das Potential der Pflanze. Das ist auch gut so, denn der Sinn dieses Buchs besteht ja gerade darin, die Chancen aufzuzeigen, die die Pflanze bietet, aber zugleich auch Ängste und Missverständnisse anzusprechen und aufzuklären. Als Sicherheitshinweis dient außerdem der obligatorische Verweis im Editorial, dass der Konsum von Drogen gesundheitliche Folgen oder Beeinträchtigungen nach sich ziehen könne, der nicht zuletzt die Autorin und den Verlag rechtlich absichern dürfte.

Leider kein vollständig wissenschaftlicher Anspruch

Dennoch, und das fällt leider eher negativ auf, die Daten- und Faktenlage mag aus Sicht der Autorin in Ordnung sein (so gut es eben bei einem von der Wissenschaft, wie Takats auch stets beont, lange vernachlässigten Forschungsbereich gehen kann), aber aus Sicht eines kritischen Lesers ist sie das leider nicht immer. Auf ca. 230 Seiten Textteil kommen leider nur 47 Fußnoten, was deutlich zu wenig ist.

Klar, Das kleine Buch vom Cannabis erhebt anders als beispielsweise das Buch Maos langer Schatten nicht den Anspruch, eine wissenschaftliche Forschungsarbeit zu sein, sondern will vielmehr ein breiteres Publikum ansprechen und aufklären. Bei etwa 500 Textseiten kommt das Buch zur Übergangsjustiz in China allerdings auf mehr als 1 200 (leider überwiegend chinesischer) Fußnoten, also deutlich mehr als bei Takats. Oder auch die Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim widmet ein Kapitel ihres Buchs Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit der Frage nach dem möglichen Sinn und Unsinn der Legalisierung von Drogen. Das geht auf etwa 30 Seiten (und 60 anhängigen Fußnoten) zwar nicht so sehr in die Tiefe wie hier Janika Takats, aber erscheint wissenschaftlich in Teilen doch fundierter.

Wahrheit vs. gefühltes Wissen

Dazu kommt, dass Das kleine Buch vom Cannabis leider an einigen Stellen auch eher – so scheint es – gefühltes Wissen vermittelt. Relativ häufig (wenn auch nicht immer) heißt es zum Beispiel „Wie eine Studie aus dem Jahr X beweist…“ oder „Forscher aus Land Y haben im Jahr Z herausgefunden, dass…“, ohne dass dazu ein konkreter Verweis auf eine Studie oder wo sie auffindbar ist, folgt. Das ist gerade bei einem so sensiblen Thema und bei einem Buch, das es sich zum Ziel gesetzt hat, über die Chancen der Hanfpflanze aufzuklären, sehr bedauerlich und dürfte die Vorbehalte vieler kritischer Leserinnen und Leser vermutlich nicht restlos ausräumen, auch wenn man in Takats‘ Heimat Berlin mit ähnlichen Ansprüchen an das wissenschaftliche Arbeiten offenbar immer noch Regierende Bürgermeisterin werden kann.

In Summe bleibt somit festzuhalten, dass Das kleine Buch vom Cannabis von Janika Takats zwar durchaus viele sehr interessante Fakten liefert, einen wesentlichen Teil zur Aufklärung zum Thema Hanf und Cannabis beiträgt. Allerdings bleibt leider an vielen Stellen ein fader Beigeschmack, denn für Leserinnen und Leser, die sicher kritischer mit der Thematik auseinandersetzen – trotz aller Chancen handelt es sich bei Cannabis noch immer um eine nach unseren Gesetzen verbotene Droge – fehlen an anderer Stelle die nötigen Quellen zum glaubwürdigen Untermauern diverser Thesen, zumal unter Umständen auch andere Interessen der Autorin deutlich hervortreten. Darüber hinaus verpasst das Buch leider wie erwähnt die Chance, im Wahljahr für Wählerinnen und Wähler sowie Entscheidungsträgerinnen und -träger wichtige Aufklärungsarbeit zu leisten.

HMS

Das kleine Buch vom Cannabis von Janika Takats

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Janika Takats: Das kleine Buch vom Cannabis – Was man darf. Wie es wirkt. Wann es hilft.; 1. Auflage, März 2021; 256 Seiten; Taschenbuch, Broschur; ISBN: 978-3-453-60564-0; Heyne; 9,99 €; auch als eBook erhältlich

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