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Das Drunter und Drüber im Leben des fabelhaften JVN

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Es ist schon manches Mal verrückt, dieses Leben – in einem Moment arbeitest Du noch zwischen zwei Städten als Friseur; bist unsicher, ob Deine Webserie weiterlaufen und Dein Podcast finanziert werden kann. Dann würfelt man Dich in einem spannenden, unterhaltsamen, aber auch harten Auswahlverfahren mit vier anderen Jungs zusammen und – BOOM! – hast Du Fame und alles ist plötzlich anders. Dabei dachtest Du noch vor kurzem: „War’s das dann jetzt schon für mich?“

So jedenfalls geschah es Jonathan Van Ness, dem nahbaren und wahrlich authentischen Hairstylisten aus Queer Eye, nachdem er zum Casting ebendieser Reality-Show eingeladen worden war. Einigen, auch in Deutschland, ist er bereits im Vorfeld bekannt gewesen: der witzig-quirlige Friseur aus der Funny or Die Webserie Gay of Thrones

Mit Over The Top legt dieser quirlige, in keine Schublade (die ohnehin doof sind) passen wollende, emotionale, Eiskunstlauf liebende, vielseitige und genderqueere Jonathan Van Ness, oder einfach JVN, nun seine Autobiografie vor. Und im Grunde habe ich bereits alles gesagt und die Buchbesprechung ist hiermit abgeschlossen.

Andererseits… der eine oder andere Gedanke lässt sich wohl doch noch ergänzen. Denn der zwischen-zwei-Jobs-pendeln-und-ein-wenig-Internet-Bekanntheit-erlangt-haben-Situation steht ein unterhaltsamer, zuweilen krasser und mit Hindernissen gespickter, Status quo ante entgegen. 

Wobei es sich weniger um einen Zustand, als vielmehr eine sich ständig drehende Spirale handelt, die mal auf- und mal abwärts führt. So auch den Leser, der dank der zugewandten Erzählweise JVNs das Gefühl bekommt, neben ihm zu sitzen während er einem aus dem Leben erzählt. Was natürlich erst recht leicht fällt, wenn man bereits Queer Eye oder Interviews mit ihm oder allen Fab Five gemeinsam gesehen hat. JVN, der von Eiskunstlauf besessen ist, was im Buch mehrmals recht deutlich wird und einige unglaublich lustige (auch für Eiskunstlauf-Fremde) Vergleiche hervorbringt, schafft es den Leser zum Lachen, Kopfnicken und -schütteln, Mitfiebern und auch Weinen zu bringen. 

Nach einem kurzen Prolog oder einem Cold Open, wie man bei Film, Fernsehen und Netflix dazu sagen würde, beginnen wir dann auch mit dem im Jahre 1987 quasi frischgeborenen Baby-JVN, auch wenn er damals noch Jack hieß und noch nicht viel von der Person zu sehen war, die er einmal werden sollte. Wobei das auch nur zum Teil der Wahrheit entspricht. Im Grunde, war er schon immer diese fabelhafte Person, aber eben verdeckt durch Unsicherheit, Selbstzweifel, äußere Einflüsse die so genanntes Anders-Sein ablehnen, gesellschaftliche Konventionen und so weiter. Trotz seiner ihn über alles liebenden Mutter, die ihm lebenslang eine Stütze ist, ist es eben doch ein Leben voller Widerstände und natürlich geschehen auch in einer vermeintlich behüteten Welt entsetzliche Dinge.

Wenn Jonathan darüber schreibt, wie er als kleines Kind sexuell missbraucht wurde, übrigens in einem kirchlichen Umfeld, den Missbrauch zuerst nicht so recht einzuordnen wusste und dann durch die Reaktionen der ihn umgebenen – inklusive einiger ihn liebenden – Menschen emotional im Grunde erneut missbraucht wurde, da ist man als Leser in mehrerlei Hinsicht erschüttert und fühlt sich ohnmächtig. Dieses Gefühl von Ohnmacht ruft er erneut hervor, wenn er u. a. beschreibt, zu welchen wirklich, wirklich dummen und selbstzerstörerischen Handlungen er sich teilweise hat hinreißen lassen. Oder passender, welchen Dingen er sich aussetzt, wohlwissend und letztlich auch hoffend, dass ihn dies oder jenes endgültig an den Abgrund und aus der Scheiße namens „Dasein“ herausführt. So schreibt er auch an einer Stelle, dass es nichts so Schlimmes und Leichtsinniges gab, wovon er nicht dachte, dass er es nicht auch verdient hätte. („There was nothing so bad and nothing so reckless that I didn’t think I deserved it.“)

Die Fab Five auf dem Roten Teppich bei den EMMYS

Die Authentizität gibt einem auch immer wieder einen „Hach ja, weißte…“-Moment, man kann sich durchaus in der einen oder anderen Verhaltensweise wieder entdecken. Insbesondere, wenn man selber Abwärtsspiralen und den Wunsch nach „taub sein“ kennt. Exemplarisch mag da eine sexuelle Drehtür-Situation sein, die er, für mich, erschreckend nachvollziehbar beschreibt. Überhaupt ist seine Offenheit beim Thema Sex erfrischend und sorgt auch für diverse Lacher, der gute JVN kommt auf recht glorreiche Ideen.

Ebenso ehrlich wie über seine sexuellen Erfahrungen und Präferenzen, spricht JVN dann auch über seine HIV-Infektion und seinen Umgang mit dieser. Und er unterschlägt nicht, wie fürchterlich er sich manch einem seiner Freunde, Partner oder Familienmitglieder gegenüber verhalten hat; schreibt offen über seine Drogenprobleme und seine Zeit als Prostituierter, was dann, wenig überraschend, auch recht direkt miteinander zusammenhängt. All dies wird von ihm, wie beinahe jede auch noch so dramatische oder tragische Episode seines Lebens mit einer guten Portion reflektiertem Humor rübergebracht. Was nichts beschönigt, aber uns ein Gefühl davon vermittelt, wie es ihm gelang, weiter zu machen und sich (und die Menschen um ihn herum gleichsam mit) nicht aufzugeben.

Seine Geschichte unterscheidet sich also wesentlich von vielen anderen Promi-Autobiografie-Journal-Stories, wahlweise unterbetitelt als Memoiren oder Reise-ins-irgendwas. Einen Untertitel gibt es allerdings auch hier: A Raw Journey to Self-Love (frei übersetzt: Ein rauer Trip zur Selbst-Liebe). Bei allem Mist, der ihm begegnet, oder den er auch selbst gern mal verzapft, ist Over The Top aber nun keine zermürbende, die letzten Hoffnungen auf Gutes zerschmetternde Leidensgeschichte. Es ist die wahre Geschichte des durchwachsenen Werdegangs eines nichtbinären Tausendsassas. 

Over The Top ist keine sonderlich glatte und weichgespülte Erzählung. Aber eine, die einen authentischen, bewegenden, den Verlust und Gewinn, genauso wie die Trauer und Heiterkeit benötigenden Trip zur Selbst-Liebe hervorragend wiedergibt. Und – Manometer! – ist das ein Trip! 

Van Ness, Jonathan: Over the Top – A Raw Journey to Self-Love; 1. Auflage, September 2019; gebunden, Hardcover, ca. 272 Seiten; ISBN: 978-0-06-290637-3; Harper One, ca. 13 €

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