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Das gefühlvolle und aufwühlende Zeitporträt „Der Trafikant“

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Österreich im Jahr 1937: kurz vor dem Anschluss Österreichs an Deutschland verlässt der 17-järige Franz Huchel (Simon Morzé) sein Heimatdorf am Attersee im Salzkammergut, um in Wien beim „Trafikanten“ Otto Trsnjek (Johannes Krisch) eine Lehre zu beginnen. Trsnjek, ein Kriegsinvalide, hat in seinem Tabakgeschäft vor allem Kunden aus bürgerlichen Kreisen, unter ihnen auch den hochangesehenen Psychologen Sigmund Freud (Bruno Ganz, in einer seiner letzten Rollen). Franz und Freud haben schnell einen Draht zueinander und es entsteht ein vertrautes Band zwischen den beiden. So wendet sich Franz auch an Freud als er sich unglücklich in die böhmische Varietétänzerin Anezka (Emma Drogunova) verliebt. Dass die Liebe selbst dem berühmten Psychoanalytiker unlösbare Rätsel aufgibt, hilft dem unerfahrenen Franz leider nicht weiter. Als Österreich im Jahr 1938 für den Anschluss an das nationalsozialistische Deutsche Reich stimmt, beginnen schwere Zeiten für Franz und seinen Meister, der politisch aufrecht bleibt und weiterhin jüdische Kunden bedient. Erst verwüsten antisemitische Schläger den Laden, dann wird Otto aus fadenscheinigen Gründen verhaftet. Nun muss Franz auf sich allein gestellt das Geschäft führen und für Trsnjek kämpfen. Rat sucht er bei dem 82-jährigen Freud, der jedoch selbst in Gefahr ist.

Franz „Burschi“ Huchel (Simon Morzé) tanz nach ein paar Krügerln mit Böhmin Anezka (Emma Drogunova). // © ARD Degeto/Tobis/Epo Film/Glory Film/Petro Domenigg

Der aus Graz stammende Regisseur Nikolaus Leytner hat die Geschichte um Franz und Sigmund Freud vor dem historischen Hintergrund des Anschlusses Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich in den Jahren 1937 und 1938 im Jahr 2018 verfilmt. Als Vorlage diente der gleichnamige Roman aus dem Jahr 2012 des Schriftstellers, Drehbuchautors und Schauspielers Robert Seethaler, dessen aktueller Roman Der letzte Tanz von Kritiker.innen wie Publikum gleichermaßen gefeiert wird.

Die Liebesgeschichte zwischen Franz und Anezka wirkt im Film zuweilen ein wenig plump integriert, auch wenn sie den eigentlichen Anstoß für das sich herausbildende vertrauensvolle und freundschaftliche Verhältnis zwischen Freud und Franz gibt. Ansonsten handelt es sich um eine liebevoll inszenierte, hervorragend gespielte Geschichte, in der die Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern, aber auch zwischen Franz und seinem hin und wieder grantelnden Lehrmeister Otto stimmt. Auch sind Franz‘ Traumelemente überzeugend mystisch und teils unheilvoll inszeniert.

Franz (Simon Morzé, li.) geht in dem großbürgerlichen Haushalt von Freud (Bruno Ganz) ein und aus und da liegt sogar Freud auf der Couch.// © ARD Degeto/Tobis/Epo Film/Glory Film/Petro Domenigg

Besonderen Reiz zieht der Film aus seiner unterschwelligen Bedrohungslage und der Art, wie der aufkeimende und sich verstärkt Bahn brechende Antisemitismus in der gutbürgerlichen Nachbarschaft dargestellt ist. Das Grauen, das folgen sollte, lässt sich zu dieser Zeit erahnen, auch weil die guten Leut‘ lieber mitlaufen. Die Kulissen sind zuweilen leider etwas zu deutlich als genau solche zu erkennen, was einem das Gefühl gibt, in eine Art Schneekugel zu blicken. Nichtsdestotrotz ist Der Trafikant ein spannendes und vor allem in der zweiten Hälfte aufwühlendes Zeitporträt.

Der Trafikant lief im Rahmen der diesjährigen SommerKino im Ersten-Filmreihe am 11. August in Erstausstrahlung und ist noch bis zum 18. August in der Mediathek verfügbar.

In den Zeiten des österreichischen „Anschlusses“ wollen die nachbarschaftlichen Wiener Nazis den „Trafikanten“ Otto Trsnjek (Johannes Krisch) einschüchtern. // © ARD Degeto/Tobis/Epo Film/Glory Film/Petro Domenigg

Der Trafikant; Deutschland, Österreich 2018; Regie: Nikolaus Leytner; Drehbuch: Klaus Richter & Nikolaus Leytner; basierend auf dem Roman „Der Trafikant“ von Robert Seethaler; Musik: Matthias Weber; Kamera: Hermann Dunzendorfer; Darsteller: Simon Morzé, Bruno Ganz, Emma Drogunova, Johannes Krisch, Regina Fritsch, Karoline Eichhorn, Erna Mangold, Michael Fritz; Laufzeit ca. 110 Minuten; FSK 12

AS

Beitragsbild: Franz Huchel (Simon Morzé, li.) bewundert Sigmund Freud (Bruno Ganz).
// © ARD Degeto/Tobis/Epo Film/Glory Film/Petro Domenigg

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