Das große Krabbeln auf dem Teller

In der Nerd-Comedy-Serie The Big Bang Theory macht sich Obernerd Dr. Dr. Sheldon Lee Cooper in der sechsten Folge von Staffel vier (Finger weg von meiner Schwester) einen Spaß daraus, seine Freunde mit Experimenten reinzulegen. Am Ende der Folge verabreicht er seinem Mitbewohner Dr. Leonard Leakey Hofstadter Mango-Raupen-Eis, der dieses unmittelbar wieder ausspuckt. Hätte der sonst so belesene Physiker Insekten essen – Gebrauchsanweisung für ein Nahrungsmittel der Zukunft von Florian J. Schweigert gelesen, dann hätte er sich vielleicht dem Genuss des Insekteneises hingegeben. Oder zumindest nachgefragt, welche Raupe es ist, denn zum Beispiel die Mopane-Raupe aus dem südlichen Afrika gilt als Delikatesse, wie wir in dem Buch erfahren.

Ein Fachmann berichtet über Fremdes

Florian J. Schweigert ist Ernährungswissenschaftler und Veterinärmediziner sowie Professor für Physiologie und Pathophysiologie der Ernährung an der Universität Potsdam und beleuchtet mit seinem 160-seitigen Buch eine Esskultur, die vielen von uns ziemlich fremd ist. Gleichzeitig sollten wir uns genauer damit auseinandersetzen, denn spätestens seit wir den Netflix-Film David Attenborough: Mein Leben auf unserem Planeten gesehen haben, ist zumindest uns klar, dass wir in Sachen Ernährung umdenken müssen, um unseren Planeten nicht über Gebühr zu strapazieren.

Florian J. Schweigert macht genau das: Er zeigt auf, welchen Platz Insekten in unserer täglichen Ernährung einnehmen können, wie sie in anderen Erdteilen als Europa verwendet werden und sogar wie sie bis vor wenigen Jahrzehnten auf unserem Kontinent teils genutzt wurden – bevor sie in Vergessenheit gerieten. In Südostasien, Afrika und Lateinamerika stehen die Krabbelviecher noch heute oft auf dem täglichen Speiseplan und zwar nicht nur, weil die Menschen nichts anderes finden, sondern weil zum Beispiel die bereits angesprochene Mopane-Raupe oder die südostasiatische Wasserwanze sehr schmackhaft und eine wahre Delikatesse sind.

Eine neue Perspektive auf Esskultur, Umwelt und Wirtschaft

Auch die Ursachen für den uns in Westeuropa oft anerzogenen Ekel spricht Schweigert an, um ihn zumindest auf dem Papier für obsolet zu erklären. Das Wichtigste ist aber, dass er auf eine bei uns eher unbeachtete Möglichkeit für eine Ernährung hinweist. denn mit weiterhin steigender Weltbevölkerung und begrenzter Landmasse wird es schon bald schwierig sein, alle Menschen mit ausreichend Proteinen und Nährstoffen zu versorgen. Insekten wie Mehlwürmer, Heuschrecken, die Schwarze Soldatenfliege oder eben verschiedene Raupen können hier einen wesentlichen Beitrag liefern, um diese Lücke zu schließen und gleichzeitig etwas für den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen zu tun.

Aber es sind nicht nur die Aspekte von Natur- und Umweltschutz, sondern auch wirtschaftliche Erwägungen, die die Zucht und den Konsum von Insekten interessant machen. In Südostasien gibt es einige Beispiele, wie Insektenfarmer ihren Lebensunterhalt damit verdienen und es hat sich dort ein ganz eigenes transnationales Netzwerk für den Insektenhandel entwickelt. Die zu erwartenden Erträge sind sehr hoch, die nötigen Aufwände entsprechen in etwa denen der konventionellen Produktion tierischer Produkte – und das bei sehr hohen Nährwerten.

Chancen und Gefahren des Insektenessens

In der Europäischen Union, wie wir ebenfalls lernen, ist durch die Novel-Food-Verordnung von 2015, die 2018 in Kraft trat, die Nutzung von Insekten für Nahrungszwecke reglementiert. Das hat dazu geführt, dass sich auch hierzulande eine Reihe von (Jung-)Unternehmerinnen und Unternehmern in diesem Markt einfanden und so auch bei uns die Initialzündung für Insekten auf dem Teller gegeben haben.

Auch auf Gefahren des Insektenessens geht der Autor natürlich ein bzw. darauf, dass hier noch mehr Forschung notwendig sein wird. Was uns zum Beispiel noch ein wenig unklar ist und worauf auch Schweigert nicht eingeht: Wespen werden als mögliches neuartiges Nahrungsmittel gesehen. Aber bei dem Gedanken daran, wie die Stachel unsere Speiseröhren von innen streicheln wird uns doch eher mulmig zu Mute.

Ein exotisches Buch, das mehr als ein Orchideenthema behandelt

Florian J. Schweigert liefert also ein überaus informatives und detailreiches Buch über eine in unseren Breiten exotische Thematik. Er bringt sein Fachwissen als Ernährungswissenschaftler ein und erklärt sehr gut, wie wir unsere Ernährung gestalten sollten, wie Insekten eine gute Ergänzung zu diesem Speiseplan sind und was sonst zu beachten ist. Überdies mischt er zwischendurch auch immer eine kleine Anekdote oder einen Exkurs in die Entomophagie, die Insektenkunde, ein – analog zum Mehlwurmmehl, das den Wonder Worm Cookies in einem der Rezepte am Ende beigemischt wird. Einer der Exkurse dürfte übrigens auch für Howard Wolowitz interessant sein, der in Staffel fünf von The Big Bang Theory auf die International Space Station fliegt: Es geht um Insekten als Astronautenessen 😉

Insekten essen ist ein wissenschaftlich fundiertes und überwiegend leicht verständliches Büchlein, das den Leserinnen und Lesern auf kurzweilige Art und Weise eine interessante und exotische Perspektive auf die tägliche Ernährung bietet. Dadurch dass es ein solch exotisches Orchideenthema ist, bietet es zugleich einen kleinen Exkurs in die Nahrungsgewohnheiten anderer Länder und Kulturen und trägt somit dazu bei, diese vielleicht ein bisschen besser zu verstehen. Von uns gibt es daher eine klare Leseempfehlung!

Ach ja, noch ein kurzer Nachtrag: Die Rezepte, die Schweigert zum Ende des Büchleins mitliefert und laut eigener Aussage von seinen Studentinnen zusammengetragen wurden, klingen zwar ehrlich gesagt ein wenig uninspiriert, aber gleichzeitig sind sie ein guter Einstieg in eine uns noch unbekannte Form oder Ergänzung der Ernährung. Andererseits handelt es sich hier um ein Sachbuch und den Verweis auf erschienene Insektenkochbücher findet der/die interessierte Leser/in in der weiterführenden Literatur. Wir haben uns jedenfalls vorgenommen, uns an dem einen oder anderen zu versuchen oder uns zumindest Insektenburgerpatties oder Ähnliches zu besorgen. Wir halten euch auf jeden Fall auf dem Laufenden. Bazinga!

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Florian J. Schweigert: Insekten essen – Gebrauchsanweisung für ein Nahrungsmittel der Zukunft; 1. Auflage, Juli 2020; 159 Seiten, mit 10 Abbildungen und 2 Tabellen; Softcover, broschiert; ISBN: 978-3-406-75645-0; C.H. Beck Verlag; 12,95 €; auch als eBook erhältlich (11,49 €)

HMS

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