Das große Plätschern

Zwei Dinge zum Dresdner-Tatort ganz allgemein vorab: Erstens, es ist recht schön anzusehen, welche unterschiedlichen Fälle und Narrative hier entwickelt und erzählt werden. Allein die letzten drei Tatorte, inklusive des aktuellen Falls Rettung so nah, sind drei völlig unterschiedliche Filme. Das spannende Geisel-Drama mit herbem Twist und einem verzweifelt starken Max Riemelt Die Zeit ist gekommen, das emotionale und spannenden Grusel-Drama Parasomnia und nun das Gesellschafts-Drama Rettung so nah. Zweitens fällt auf, dass die einzelnen Folgen den Fokus immer auf einer der beiden Kommissarinnen legen. War es in Parasomnia eher Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) durch ihre Verbindung zur Hauptzeugin, ist es im aktuellen Fall die gesundheitlich angeschlagene Karin Gorniak (Karin Hanczewski). 

Drama allerorten… theoretisch

Der Rettungssanitäter Tarik Wasir (Zejhun Demirov) wird während eines Einsatzes am Elbufer mit einer Plastiktüte erstickt, förmlich hingerichtet. Seine junge Kollegin Greta Blaschke (Luise Aschenbrenner), die derweil mit der Verpflegung einer Patientin beschäftigt war, kann ihm nicht mehr helfen. Zuerst scheint es kein konkretes Motiv zu geben, die Kommissarinnen Gorniak und Winkler hören allerdings von vermehrten Übergriffen auf die Sanitäter*innen.

Rettung so nah?! Hier nicht. // © MDR/MadeFor/Daniela Incoronato

Als wenig später ein kurz zuvor verübter Angriff auf den Einsatzstellenleiter Peter Fritsch bekannt wird und es zu einem Anschlag auf ein Fahrzeug der Wache kommt, bei dem ein Sanitäter stirbt und die Kollegin Elena Joncaowicz schwer verletzt wird, steigt die Angst auf der Wache und der Druck auf die Ermittlerinnen. Nach und nach ergeben sich verschiedene Spuren, doch nichts passt so recht zusammen. Zumal in dem Wagen, auf den der Anschlag verübt wurde, ursprünglich Greta Blaschke sitzen sollte, die sich wiederum verfolgt fühlt. Handelt es sich bei den Vorfällen um eine persönliche Vendetta? 

Rettung so nah bietet also einen Fall, der, wenn wir so wollen, alles hat: Ein gesellschaftlich heißes Thema, welches auch im Film immer wieder von verschiedenen Seiten beleuchtet wird, nämlich den Umgang mit Rettungskräften. Ebenso wird die zeitweise Überforderung von Sanitäter*innen, aber auch die der Kommissarinnen thematisiert, die beide primär körperlich erschöpft und ausgelaugt, aber geistig fit, unterwegs sind. Ebenso geht es in mehrerlei Hinsicht um Einsamkeit und Verlust, Schuldgefühle und Versagensängste und den Druck, den all dies auslösen kann. 

Wir sind alle müde. // © MDR/MadeFor/Daniela Incoronato

Leider, leider, leider jedoch ergibt sich in Rettung so nah nichts Ganzes. Beim Schauen entsteht das Gefühl, Drehbuchautor Christoph Busche möchte ein ganz tiefes emotionales Drama, eine aufrüttelnde gesellschaftskritische Studie und einen spannenden Kriminalfilm mit krassem Twist nach falscher Fährte fein verweben und eine große Geschichte erzählen. Doch alles bleibt im unausgegoren Klein-Klein stecken, nichts ist ausformuliert oder gar fertig auserzählt. 

Es dümpelt oberflächlich vor sich hin

Allein schon die sehr persönliche Anteilnahme Gorniaks an Greta Blaschkes Situation wirkt irritierend. Mit viel Wohlwollen können sich Zuschauer*innen hier eine irgendwie nachvollziehbare Situation bauen, aber authentisch wirkt das dennoch nicht. Ebensowenig sind das die zwei falschen Fährten, auf die Drehbuchautor Busche und Regisseurin Isabel Braak uns hier schicken völlig… seltsam? 

Zumal der Ermittlungserfolg letztlich auf Zufall und einer Art Eingebung beruht und im Grunde beinahe die gesamte Zeit direkt vor den Kommissarinnen lag (also vielleicht doch geistig nicht ganz so fit…). Ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen: Es sollte doch Standard sein, sich das gesamte Umfeld einer verdächtigen Person anzuschauen, oder? Naja… 

Der Hauptverdächtige Jens Schlüter (Golo Euler) mag nicht reden. // © MDR/MadeFor/Hardy Spitz

Das gesellschaftliche wie auch das persönliche Drama verlaufen nach einem 08/15-Schema, was bei der theoretisch aufwühlenden Kritik am „System“ und der emotionalen Düsternis beinahe Anerkennung verdient. So oberflächlich und plakativ, ohne dabei jedoch gänzlich lächerlich zu wirken, muss man auch erstmal eine Geschichte schreiben können. 

In puncto Besetzung lässt sich nicht meckern. Luise Aschenbrenner spielt die vom Leben und Teilen ihrer Vergangenheit überforderte Greta glaubhaft und Golo Euler als mysteriöser Verdächtiger legt ebenfalls eine solide Leistung ab. Alle holen das Beste aus ihren schablonenhaften Rollen. 

Rettung so nah hat also einen großen Plan, kommt aber nie vom Fleck, bleibt oberflächlich und dümpelt so vor sich hin, wie die Elbe in ihren Auen. Irgendwann schließlich fällt ein Schuss, schreckt uns auf, der Tatort endet und alle sind müde. 

Es knallt gleich! // © MDR/MadeFor/Daniela Incoronato

Wir wollen am Ende dieser Besprechung nicht unerwähnt lassen, dass Karin Hanczewski mit zu den zentralen Figuren der 185 Schauspieler*innen gehört, die sich im Rahmen der am Donnerstagabend gestarteten #actout-Kampagne als lesbisch, schwul, bisexuell, queer, nicht-binär und trans* geoutet haben. Das finden wir natürlich super (hier unser Kommentar). Ebenso klasse ist das ausführliche Interview mit sechs der 185, inklusive Hanczewskis, die zwei, drei sehr interessante Einblicke in ihre persönlichen Outing-Geschichten und ihre Erfahrungen geben. Zum Beispiel jener, dass Karin Hanczewski geraten wurde, nicht zu viele Karo-Hemden im Tatort zu tragen, dies seien eben männliche Holzfällerhemden (entspricht dem eher homophob geprägten Stereotyp der lesbischen Frau, wie Eva Meckbach im Gespräch anmerkt). 

Das Karo-Hemd-Problem sei übrigens erst entstanden, nachdem Hanczewski sich dieser Person gegenüber geoutet hatte, die dazu noch sagte, sie solle nicht die nächste Ulrike Folkerts werden. Tja, da haben wir den Salat. Man nennt sowas internalisierte Homophobie. Davon abgesehen: Ulrike Folkerts ist nun nicht die schlimmste Person, die jemand sein könnte. Kommenden Sonntag läuft übrigens der neue Odenthal-Tatort, der in der rechtsextremen Szene spielt. Eine Rolle in dem Film ist mit dem Schauspieler Daniel Noël Fleischmann besetzt. Alle Teil der Kampagne #actout. Womöglich gibt es sie also doch, diese Homolobby, was? 😉🌈

Tatort: Rettung so nah ist bis zum 7.8.2021 in der Mediathek verfügbar.

Tatort: Rettung so nah; Deutschland 2020; Regie: Isabel Braak; Drehbuch: Christoph Busche; Musik: Dürbeck & Dohmen; Darsteller: Karin Hanczewski, Cornelia Gröschel, Martin Brambach, Luise Aschenbrenner, Golo Euler, Annika Blendl, Torsten Ranft, Matthias Kelle, Miete Schymura, Leon Ullrich, Sabrina Amali, Zejhun Demirov, Maxi Nike Hutzel; Laufzeit: ca. 88 Minuten; Eine Produktion der MadeFor im Auftrag des Mitteldeutschen Rundfunks für Das Erste.

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