Das große Schmelzen auf Spitzbergen

Beitragsbild: Cover von Meine Welt schmilzt auf einem Foto eines auf einer losen Eisscholle treibenden Eisbären.

Als Ende Februar die Meldung kam, dass sich der Golfstrom in den letzten Jahren abgeschwächt habe, war dies für viele nicht mehr als eine Randnotiz. Dabei beeinflussen die Meeresströmungen im Atlantik und auf der ganzen Welt das Klima und das Wetter ganz entscheidend. Welche Folgen sich bereits heute durch den menschengemachten Klimawandel erkennen lassen – unter anderem durch veränderte Strömungen im Atlantik und der Arktis – das schildert Line Nagell Ylvisåker in ihrem Erfahrungsbericht Meine Welt schmilzt – Wie das Klima mein Dorf verwandelt. In dem im Verlag Hoffmann und Campe erschienenen Buch beschreibt die Journalistin ihr Leben auf dem im Polarmeer gelegenen und zu Norwegen gehörenden Archipel Spitzbergen und wie sich Leben, Umwelt und Klima in den letzten Jahren verändert haben.

Eine Lawine bricht herein

Sie berichtet von einer Lawine in ihrem Dorf Longyearbyen im Jahr 2015, die zwei Menschenleben forderte und ihre Sicht auf ihre direkte Umwelt veränderte. Sie begann zu realisieren, wie das Klima ihre eher unwirtliche Heimat veränderte und wie Mensch und Umwelt darunter litten und noch immer leiden. Sie geht auf Spitzbergen auf die Suche nach Veränderungen und deren Ursachen, spricht mit Einheimischen, mit Forscherinnen und Experten. Mit Meteorologen geht sie auf ein Forschungsboot in den Fjorden ihrer Heimat, interviewt den Flugwart, der schildert, wie sich seine Wetterprognosen für den Flugverkehr änderten und mit einer Rentierforscherin spricht sie über die veränderten Lebensbedingungen für die Tiere.

Eines der Häuser, in denen Line Nagell Ylvisåker lebte. // © Line Nagell Ylvisåker

Ylvisåker beschreibt aber auch die biologischen, geografischen und meteorologischen Zusammenhänge, die ihre Heimat verändern. Wie sie sie verändern. Welche Folgen das Tauen des Permafrosts hat, wie die Eisbärenpopulation sich veränderte und leidet und wie sich auch die Menschen auf Spitzbergen mit den sich wandelnden Lebensumständen arrangieren müssen, beispielsweise mit neuen Bauorten und -weisen. Und es gibt auch stets eine Reihe von persönlichen Erfahrungen von ihr, ihrer Familie, ihren Freundinnen und Freunden, die dem ganzen eine sehr persönliche und menschliche Note verleihen. Darüber hinaus streut sie auch immer wieder gekonnt den einen oder anderen interessanten Fakt über Spitzbergen ein, beispielsweise zum Spitzbergenvertrag von 1920, eine weltweite „Samenbank“ im Permafrost oder den Besuchen der norwegischen Königsfamilie.

Ein Drama in Zeitlupe

Diese Mischung aus Perspektiven ist es, die dieses Buch so lesenswert macht. Einerseits baut Ylvisåker ihre Schilderungen auf persönlichen Erlebnissen auf – die Lawine 2015, die Entscheidung ihrer Familie, ein neues Haus zu bauen, Familienausflüge in die Fjorde die einmal von Touristen und ein anderes Mal von Eisbären gestört werden – andererseits beschreibt sie aber auch, was mit der Umwelt um sie herum geschieht. Die Expertinnen und Experten, belegen auf Basis wissenschaftlicher Daten, wie sich bestimmte Meeresströmungen und Wassermassen in den Fjorden verändert haben und was dies für das Klima und das Wetter auf Spitzbergen und darüber hinaus bedeutet.

Spitzbergen verändert sich. Line Nagell Ylvisåkers Kinder werden wohl bald eine ganz andere Welt vorfinden. // © Line Nagell Ylvisåker

Ihre Herangehensweise ist dabei eine ganz journalistische. Sie interviewt Ihre Gesprächspartnerinnen und -partner, stellt deren Aussagen in einen Kontext und verliert dennoch nicht den Blick fürs Wesentliche. Ylvisåker argumentiert dabei stets auf der Basis von wissenschaftlichen Fakten, aber wird dabei weder zu technisch noch zu akademisch. Im Gegenteil, sie verweist stets auf entsprechende Messwerte, Erfahrungen und Ergebnisse, aber ein Verzeichnis mit hunderten Endnoten oder ein langes Literaturverzeichnis sind nicht Teil des Buchs. Letzteres umfasst gerade einmal sieben Titel, die überwiegend auch eher der Kategorie Populärwissenschaft zugeordnet werden können.

Schade ist allerdings, dass es keinen Bildteil gibt, der die Botschaft von Meine Welt schmilzt vielleicht noch ein wenig eindringlicher hätte transportieren können, zumal beim Verlag zur Veröffentlichung durchaus Material vorliegt (welches wir mit großem Dank in diesem Beitrag nutzen). Aber gleichzeitig muss klar sein, dass es sich hierbei nicht um einen Reiseführer, sondern um einen Tatsachenbericht handelt. Umso eindrücklicher und angesichts der Corona-Pandemie fast schon ironisch ist es, dass sie in dem im November 2019 verfassten Buch auch auf Mikroorganismen eingeht, die im Permafrost leben und gleichzeitig Chance und Gefahr für die Menschheit und die ganze Welt sein können, wenn das Eis taut.

Schaut auch in die Peripherie

Diese kleinen Kritikpunkte schaden dem Büchlein aber ganz und gar nicht. Mit großer Anschaulichkeit beschreibt Line Nagell Ylvisåker, wie sich eine der wohl verletzlichsten Gegenden der Welt unter dem Eindruck des Klimawandels erwärmt. Meine Welt schmilzt ist somit ein plastisches Beispiel, wie fossile Emissionen, menschlicher Konsum und unser Lebensstil eine Region in einem Maß und einer Geschwindigkeit verändern, die uns größte Sorgen machen soll. Ihr Buch ist somit ein mehr als lesenswerter Tatsachenbericht, ein notwendiger Schrei nach Aufmerksamkeit.

Dämmerung auf Spitzbergen. // © Line Nagell Ylvisåker

Und es kann uns allen als Weckruf dienen, wenn wir unsere Heimat so behalten wollen, wie wir sie kennen und lieben. Was passiert, wenn alles schmilzt, wird uns hier drastisch vor Augen geführt. Selbst Randnotizen und Neuigkeiten aus der Peripherie können schon reichen, um ein ausgewogenes globales Ökosystem außer Kontrolle geraten zu lassen.

HMS

Line Nagell Ylvisåker: Meine Welt schmilzt – Wie das Klima mein Dorf verwandelt; 1. Auflage, Februar 2021; aus dem Norwegischen von: Anne von Canal; 192 Seiten; Hardcover mit Schutzumschlag, ohne Folie; ISBN: 978-3-455-01125-8; Hoffmann und Campe Verlag; 22,00 €

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