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Das Problem des Ostens ist der Westen

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Der Jenaer Dramaturg und Theaterwissenschaftler Thomas Oberender, seit 2012 auch Intendant der Berliner Festspiele, hielt am 21. Juli 2019 an der Athener Avtonomi Akadimia, einer „autonomen Akademie, die ihr Bildungskonzept als eine Form aktivistischer Praxis versteht“ einen Vortag, der unter dem Titel Occupy History: Decolonisation of Memory. The East German Revolution and the West German Takevover bei Krytyka Polityczna Athens erschien. Ziemlich genau Jahr später erscheint dieser Vortrag ins Deutsche übersetzt, ein wenig überarbeitet und aktualisiert unter dem Titel Empowerment Ost – Wir wir zusammen wachsen im Tropen Verlag. 

Beide Titel beschreiben den vorliegenden Band recht treffend, wenn auch der für die Athener Version genutzte Titel beinahe als Zusammenfassung des Vortrags verstanden werden darf. Thomas Oberender, der 1989 im Jahr der Maueröffnung 23 Jahre alt war, arbeitet sich auf den einhundert Seiten an der deutsch-deutschen Zusammenführung ab, stellt positive Momente heraus, beleuchtet aber vor allem die Dinge, die seiner Meinung nach falsch gelaufen sind und es zum Teil bis heute tun.

Der Westen bestimmt das Narrativ

Unter anderem kritisiert er in seinem querspringenden Vortrag immer wieder die sehr westdeutsche Sicht auf die Wiedervereinigung, dass schnell „Polit- und Medienprofis aus dem Westen“ unsere Wahrnehmung prägten – eine Perspektive, die auch heute noch dominiere. Ein Beispiel für die Dominanz der alten BRD ist natürlich, dass man in Bonn im Rahmen bürokratischer Prozesse den 3. Oktober 1990 als Feiertag festlegte und nicht den 9. November 1989 aussuchte, den viele Ostdeutsche als eigentlichen Tag der Befreiung empfanden. Dass das aber sicherlich auch mit der sich am gleichen Datum jährenden Reichspogromnacht von 1938 zu tun haben dürfte, merkt Oberländer natürlich auch an.

Zu Beginn seines abgedruckten Vortrags beschreibt er seine interessante Wahrnehmung der DDR. So lebt er zwar dort, doch fühlte sich immer so, als sei er schon draußen, als sei er nicht Teil dieser Gesellschaft. Ein „Bürger des Ostens“ sei er nun dann geworden, wenn es galt, die DDR gegenüber Besuchern aus dem Westen zu verteidigen, was ihn im Nachgang aber auch verwirrt habe.

Er äußert sich wohlwollend, ja lobend, darüber, wie die Revolution in der DDR vonstatten ging, dass sie „zivilisiert oder zivilisierend“ wirkte und dass die Zeit vom Herbst 1989 bis zur Volkskammerwahl im März 1990 ein „kurzes Interim der Erfolgs- und Würdeerfahrungen“ gewesen sei. 

Insbesondere seine eigenen Erfahrungen und die Weise, auf welche er die ersten Jahre nach der Wiedervereinigung verbracht hat, mögen für ihn im besten Sinne prägend gewesen sein. So beginnt seine kritische Auseinandersetzung mit dem Geschehenen erst wesentlich später, wie er es selber anmerkt und es bereits der Buchrücken verrät: „Es fand eine ungeheure Verdrängung des Ostens aus dem Osten statt – was so herausfordernd, chancen- und folgenreich war, dass ich lange 25 Jahre keinen Grund sah, mich nochmal um die DDR zu kümmern. Das änderte sich erst vor etwa fünf Jahren.“

Also im Grunde mit der Entstehung und dem Erstarken der Alternative für Deutschland und dem großen Aufbäumen von Pegida samt aller möglichen Ableger. Thomas Oberender kritisiert scharf, wie das Wahlverhalten der Bürger.innen der neuen Bundesländer aus dem Westen gern mit dem Verweis darauf bewertet wird, dass sie Demokratie eben nie gelernt hätten. Was natürlich in der Tat absoluter vereinfachender Blödsinn ist. Immerhin schafften die Menschen in der DDR eine friedliche Revolution, gründeten Demokratie Jetzt und das Neue Forum, wie er weiter anmerkt. Allerdings wird nun nicht jeder, der heute die AfD wählt und bei Pegida und Co. mitläuft, auch im Widerstand der DDR organisiert gewesen sein. Und die Erläuterung Oberenders, dass die Leute primär so wählen, weil sie mit der Entwicklung der letzten 30 Jahre so unzufrieden seien, ist dann ebenso pauschal, wie die Behauptung, „der Ossi“ könne eben keine Demokratie. Auch vermisst man hier kritische Worte zu diesem durchaus vorhandenen Protestwahlverhalten.

Treuhand = Troika?

Weiterhin – und verständlicherweise – setzt Oberender sich in seinem niedergeschriebenen Vortrag mit der Treuhand und ihrem Erbe auseinander. Völlig richtig schildert er in aller Kürze und Schärfe, wie hier ganze Firmen, Existenzen, teilweise Landstriche, entwertet und vermeintlich verwestlicht worden sind. Welche Spuren die Arbeit der Treuhand teilweise hinterlassen hat, wird insbesondere seit drei, vier Jahren kritisch aufgearbeitet und neu eingeordnet, was völlig richtig ist. Dass sich somit aber auch das Gefühl eingestellt haben mag, man werde nicht wertgeschätzt, ist nachvollziehbar.

So kommt Thomas Oberender auch darauf zu sprechen, dass nur weil Konzepte und Ideen aus dem Osten kamen, sie deswegen nicht per se schlecht gewesen sein müssen. Das erläutert er unter anderem nachvollziehbar am Beispiel der aktuellen Familienpolitik. Natürlich darf auch die Kritik am Elitentransfer nicht fehlen und als hätte Oberender die Zukunft angekündigt, ist die unausgewogene Besetzung von höheren Posten und Ämtern in diesem Jahr ein großes Thema in der öffentlichen Debatte.

Dass Oberender dann allerdings die Funktion der Troika in Griechenland mit dem Agieren der Treuhand vergleicht, ist so hanebüchen, dass man kurz die treffenden Dinge, die er zuvor beschrieben hat, vergessen und das Buch beinahe vor Wut an die Wand werfen möchte. Schließlich versteigt er sich noch dazu, von einer „kolonialen Matrix“, in die all dies einzuordnen sei zu sprechen, schließlich gebe es in erster Linie das „Narrativ des Befreitwerdens“ des Ostens, verknüpft nahezu alles Westliche mit aggressivem Kapitalismus und natürlich, das darf nicht fehlen, mit dem teuflischen Neoliberalismus. Das ist erschütternd undifferenziert und wohlfeil plump und es passt dazu kaum zum Rest des Vortrags, lässt uns Leser.innen somit verwirrt zurück. 

Schließlich schreibt er noch von neueren Protestformen und Möglichkeiten des Aktivseins, wie zum Beispiel Occupy Wall Street, die Fridays for Future-Bewegung, aber auch die Gezi-Proteste, die geprägt werden durch eine Generation, die ein anderes Denken von Teilhabe und Engagement hat. Durch sie entstünden „neue Bilder und Sprachen jenseits der alten Terminologie des Westens.“ Das mag ein wenig drüber formuliert sein, trifft im Kern aber durchaus zu, was durch die teilweise Überforderung gewisser Kreise mit diesen Protestformen bestätigt wird. Aber, das benennt Oberender nicht und sieht es vermutlich auch anders: Allein das ist kein Qualitätsmerkmal und zeichnet auch nicht jede geäußerte Idee aus.

Sind Rezo und Co die Hoffnung?

So sieht er auch in den Generationen Y (hier!) und Z diejenigen, die das wirkliche „zusammen wachsen“ von Ost und West gestalten, benennt in diesem Zusammenhang ein, zwei recht vielversprechende Projekte. Das ist sicherlich wahr, vermutlich braucht es aber gar noch eine Generation länger, um zu einer selbstverständlichen Normalität zu werden. Dann kommt allerdings wieder hinzu, dass wir diese Zeit nutzen, um uns innerhalb unserer Generation mit anderen Dingen auf die Füße zu treten.

In einer Frage-Antwort-Runde antwortet Thomas Oberender darauf, wie seine Zukunftsprognose aussehe, dass ein junger Mann namens Rezo, „ein Influencer auf YouTube mit blauer Locke“ ein „Video mit dem Titel ‚Die Zerstörung der CDU‘ veröffentlicht“ habe. Wie gut er dort die Politik von SPD und CDU analysiere (die SPD hat er ja doch sehr glimpflich davonkommen lassen…) und zu einem „niederschmetternden Fazit“ komme. Damit habe er sicherlich auch den Ausgang der Europawahl beeinflusst. Da hat Herr Oberender sicherlich recht, dass er es aber als „Aufklärung und Politisierung in einer anderen Form“ beschreibt und die Methodik Rezos und die Einseitigkeit seiner Argumentation dann aber nicht einmal hinterfragt, ist schwierig. Weiter äußert er sich lobend zu Tilo Jung, dem fleischgewordenen Style-over-Substance-Konzept, meint diese Leute kämpften um ihre und unsere Zukunft. Zwar hätten sie keine Lösungen parat, aber sie würden eine Aussprache erzwingen. Nee… die erzwingen sie nicht, die wollen sie auch nicht. Rezo will keine Aussprache, er will recht bekommen. Eine Aussprache bedeutet Austausch und auch Kompromisswillen in der Argumentation. Dazu sind weder Rezo, noch Jung oder Greta Thunberg, die er ebenso nennt, bereit. Es geht dort zumeist um absolute Formen und das ist Ideologie und das wiederum ist nichts Neues, digitaler Raum hin oder her.

Empowerment Ost von Thomas Oberender hat viele gute Gedanken, er äußert berechtigte Kritikpunkte und verdeutlicht nachvollziehbar, dass die Quasi-Abwicklung des Ostens in ihrer Wucht nachhaltig Spuren hinterlassen hat und es noch einiges aufzuarbeiten gibt. Schade ist, dass er selber allzu häufig verallgemeinert, was er von anderer Seite selbst kritisiert. Leider vergleicht er auch oft Äpfel mit Birnen und benennt als Hoffnung für unsere Zukunft ausgerechnet jene Lautsprecher, die nicht weniger populistisch sind als die Menschenfänger der AfD, nur dass hier der Populismus von der „guten“ Seite kommt. Im Kern also eine gute Analyse, aus der Oberender allerdings Schlüsse zieht, die primär Mist sind.

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Oberender, Thomas: Empowerment Ost – Wir wir zusammen wachsen; 1. Auflage 2020; 112 Seiten; Klappenbroschur; ISBN: 978-3-608-50470-5; Tropen Verlag; 12,00 €; eBook 9,99 € (ISBN: 978-3-608-12014-1)

AS

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