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„Der Hass, der mit den Juden beginnt, endet nie mit den Juden.“

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Zuletzt aktualisiert am 01/05/2020

Antisemitismus ist in der letzten Zeit wieder aktueller denn je, durch alle Schichten und Milieus hindurch. Was man auch daran merkt, dass beiläufig die eine oder andere Person Sachen anmerkt wie: „Ist es denn nicht mal genug?“, wenn sie beispielsweise einen jungen Mann mit Kippa sehen oder am diesjährigen Fest der Deutsch-Israelischen Gesellschaft am Berliner Breitscheidplatz vorbeilaufend: „Für die so viel Schutz! Das ist auch mein Geld…“

Nun – ohne diese unreflektierten und sich oft in ganz andere Bereiche entwickelnden Positionen könnten „die“ eines Tages etwas weniger „Schutz“ benötigen. Aber wer sind „die“? Die Juden? Die Israelis? Die jüdischen Israelis? Die deutschen Juden? Und warum überhaupt „die“? Genau an dieser Stelle setzt der Religionswissenschaftler und baden-württembergische Beauftragte gegen Antisemitismus Michael Blume in seinem neuen Buch „Warum der Antisemitismus uns alle bedroht – Wie neue Medien alte Verschwörungsmythen befeuern“ an.

In insgesamt drei nachvollziehbar untergegliederten Kapiteln macht Blume es sich zur Aufgabe etwas Licht in das Dunkel des scheinbar ewigen Rätsels „Woher kommt Antisemitismus?“ zu bringen. Dass dies keine ganz einfache Reise auch ins Innere des Lesers werden wird, stellt er gleich zu Anfang klar. Warum wir sie dennoch für etwa zweihundert Seiten und über ein paar tausend Jahre mit ihm antreten sollten ebenso: „Mit dem Antisemitismus werden weiterhin auch rassistische, frauenfeindliche und homophobe Mythen verbunden und verbreitet werden.“, bäm! Und schon geht es uns alle was an. Tja. 

Auch das diese Besprechung einleitende Zitat von Rabbi Jonathan Sacks könnte als weiterer Untertitel des Buches dienen, räumt Blume doch gleich an mehreren Stellen mit dem weit verbreiteten Mythos, dass es ohne Juden (und womöglich gar ohne Israel…) dann auch keinen Antisemitismus mehr gäbe auf. Vielmehr stellt der weit gereiste und belesene Autor heraus, dass es gerade diese Beschreibung einer vermeintlichen Problemlösung ist, die mit eine der Ursachen für den zuletzt wieder stärker grassierenden Antisemitismus darstellt. Auch mahnt er ein Ende der semantischen (!) Gleichsetzung von „Judenhass“ und „Antisemitismus“ an.

Apropos semantisch – es geht viel um Sprache, auch Bildsprache in Blumes Buch. Die Entstehung und Entwicklung von Sprache, die Wirkung von Sprache, den bewussten Missbrauch von Sprache, gerade auch in Zeiten von Twitter & Co., aber natürlich auch in der Geschichte, sei es in der NS-Zeit, der Weimarer Republik, in den Zeiten Luthers, im Hochmittelalter überhaupt und so weiter.

„Dann haben eben die Hexen die Ameisen geschickt.“

Vom Titel her mag man ein stärker argumentativ geprägtes Buch erwarten. Doch Appelle und Kommentare begrenzt Michael Blume auf ein geringes Maß, was eine für den Effekt des Buches gesunde Entscheidung ist. Stattdessen ist es eine an Quellen und Anekdoten sehr reiche religions- und geschichtswissenschaftliche Auf- bzw. Erarbeitung der Geschichte des Sem, der Semiten und des Semitismus; der Entwicklung von Sprache, Schrift und Medien. Und schließlich widmet es sich natürlich dem Phänomen des aufkeimenden, immer wieder in Vertreibung und Mord endenden Antisemitismus, seinen diversen Ausprägungen und doch sich im Kern immer ähnlich gerierenden Mythologien unter Zuhilfenahme der großen die Welt umspannenden Verschwörungsmythen.  

Buchvorstellung in der Konrad-Adenauer-Stiftung / ©thelittlequeerreview

Hier richtet Michael Blume dann auch einen seiner Appelle an den Leser: Hört auf von „Verschwörungstheorien“ zu sprechen, es sind Verschwörungsmythen! Wenn es nichts zu beweisen, belegen, ergo es nichts wissenschaftlich Überprüfbares gibt, wird es sich schlicht nicht um Theorien handeln. Dennoch sprechen viele, auch sehr aufgeklärte Zeitgenossen, fortwährend von „Verschwörungstheorien“ im Allgemeinen, aber eben auch im Besonderen, wenn es um das Judentum und ein „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen…“ geht. 

In diesem Zusammenhang fällt auch eines der prägnantesten, und unterhaltsamsten, Beispiele für die konsequente Fortführung und somit Sicherstellung des Weiterbestehens von Verschwörungsmythen. Auf Seite 71 schreibt Blume: „Verschwörungsgläubige vertreten aber keine überprüfbaren – und damit auch widerlegbaren – Theorien, sondern Verschwörungsmythen, die ‚den Feind‘ von vornherein zu kennen meinen und ihn hinter aller Art von negativen Ergebnissen vermuten.“ Deutlicher und zugänglicher geht es wohl kaum. Und weiter: „Wenn nachgewiesen ist, dass keine Hexen, sondern Ameisen die Ernte vernichtet haben – dann haben die Hexen die Ameisen geschickt.“ Im Grunde könnte das Buch an dieser Stelle enden, doch ganz so einfach ist dann eben doch nicht.

Auch erläutert Blume eingehend zwei interessante, einem in der Auseinandersetzung mit Antisemitismus immer wieder begegnende Auffälligkeiten: Es gibt jene, die sagen, wir sind gegen Antisemitismus um „die Juden“ zu schützen. Hierzu erklärt der Autor: „Wer den Antisemitismus nur „den Juden zuliebe“ bekämpft, hat die Bedrohung noch nicht verstanden.“

Die nächste ist, wie sich antisemitische Verschwörungsmythen immer aus einer Überhöhung des Juden, des Semiten, der vermeintlichen Rasse zusammensetzen, wohingegen andere verhasste Gruppen kleingehalten und als von vornherein minderwertig erklärt werden. Eines der aktuelleren Beispiele dafür geben übrigens die Bücher Thilo Sarrazins.

Überhaupt nimmt Michael Blume sich Zeit für Details, bspw. zu erklären, was die Entwicklung der Alphabetschrift mit einer veränderten Wahrnehmung von Zeit somit auch zeitlichen Abläufen zu tun hat, quasi lineares versus zirkuläres Zeitverständnis. In diesen Abschnitten ist das Buch sehr theoretisch und man muss es lesen wollen. Ist das jedoch gegeben, sind diese Passagen überaus spannend, insbesondere wenn man zum Ende des Buches Blumes auf all diesen Ausführungen basierenden, dann als kongenial zu betrachtenden, schlüssigen und fein ausformulierten Schlussbetrachtungen folgen möchte. 

Ebenso spannend sind viele der Studien aus den letzten Jahren auf die Michael Blume seine Argumentation stützt, dass der Antisemitismus nicht nur von stark rechts, stark links, zugewanderten Muslimen und ein paar vor die Wand Gelaufenen immer wieder neu geformt und befördert wird. Hier lohnt sich dann in der Tat auch die erweiterte Lektüre, was dank eines ausgezeichneten Quellenverzeichnisses ein Leichtes ist. 

Positiv hervorzuheben ist vor allen Dingen, dass trotz aller lehrreichen Erläuterungen der Ton nie belehrend wird, höchstens motivierend zu mehr positivem Denken und Sprechen. Denn hierin liegt eines der Hauptanliegen des Autors: Wiederholt nicht ständig die Vorurteile, Mythen und das verquere Gefasel, um es dann als falsch abzutun, sondern besinnt euch auf die positiven Beispiele, erläutert die Geschichte und wählt eine bejahende Sprache. 

Denn, um es mit den Worten Michael Blumes zu sagen, kann man „leise Hoffnung“ sehen, „in der gelingenden Begegnung, im Dialog von Menschen unterschiedlicher […] Weltanschauungen – und also in der Feier von Mehrdeutigkeit auf der gemeinsame Grundlage von Freiheit, Recht und Frieden.“

Ein gutes, notwendiges Buch. Nichts für zwischendurch, aber jede Konzentration wert. Absolut zu empfehlen.

Ein gelesenes Buch / ©thelittlequeerreview

Blume, Michael: Warum der Antisemitismus uns alle bedroht – Wie neue Medien alte Verschwörungsmythen befeuern; Sachbuch; 1. Auflage 2019; 208 Seiten; Format 14x22cm; Hardcover mit Schutzumschlag; ISBN: 978-3-8436-1123-7; Patmos Verlag; 19,00€ (eBook 14,99€)

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