Der Kamerad setzt den Schlusspunkt

Der CDU-Politiker Peter Tauber hat am Montag, den 15. März 2021, seinen Rückzug bekanntgegeben. Das hat in seinem Fall nichts mit Maskendeals oder Kontakten in zwielichtigen Staaten zu tun, sondern damit, dass der frühere Generalsekretär und heutige Parlamentarische Staatssekretär bei der Bundesverteidigungsministerin an den Folgen einer Krankheit leidet. Seine Arbeit und sein hohes Engagement für die Partei haben ihn krank gemacht und nun zieht er die mutige und respektable Konsequenz.

Die Geschichte einer Krankheit

Über seine Krankheit und wie sein Lebenswandel im Politikbetrieb diese verursacht hat, hat Tauber im bene! Verlag bereits vor einem Jahr ein Buch mit dem Titel Du musst kein Held sein. Spitzenpolitiker, Marathonläufer, aber nicht unverwundbar herausgegeben. Seine Rückzugsankündigung nehmen wir zum Anlass, dieses Buch aufzugreifen, denn vor dem Hintergrund der Pandemie könnten Taubers Gedanken aktueller kaum sein.

Tauber litt nach der Bundestagswahl 2017 an einer Sigmadivertikulitis, einer Art Entzündung im Darm. Vor allem der Stress während des Wahlkampfs und der aufziehenden Koalitionsverhandlungen hatten dazu geführt, aber auch die Jahre zuvor, der politische Alltag, die Schwierigkeiten bei der Führung der CDU und des Landes und vor allem, dass er zu wenig auf die Signale seines Körpers gehört hatte. Wahlkämpfe fordern ihren Tribut, wie wir unter anderem aus Die Schulz-Story von Markus Feldenkirchen wissen.

Politik als Beruf

Tauber beschreibt eingangs, wie er zur Politik kam, haupt- und ehrenamtlich. Erst bei sich vor Ort in Hessen, dann im Landesverband der Jungen Union und schließlich ab 2009 als Abgeordneter im Deutschen Bundestag. Er illustriert sehr anschaulich die Arbeit und die Aufgaben eines Bundestagsabgeordneten und auch, vor welchen Herausforderungen er als solcher stand. Und unter welchem Pflichtgefühl er von Beginn an arbeitete. Der Bundeskanzlerin bleib dies nicht verborgen, denn 2013 schlug sie ihn als Generalsekretär seiner und ihrer Partei vor.

Von dieser Arbeit berichtet Tauber im Anschluss. Während anfangs noch eine Parteireform („jünger, weiblicher, diverser“) im Vordergrund stand, wurde Tauber ab 2015 zunehmend zum Verteidiger der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung und bekam stellvertretend für die Kanzlerin viele Hiebe ab, auch innerparteilich. Das Erstarken der AfD, die Verrohung der gesellschaftlichen Debatte und die persönlichen Angriffe zehrten an ihm, aber getreu seinem Ethos als „Historiker, Reserveoffizier, Christ“ verrichtete er lange seinen Dienst, ohne dass er die Warnsignale ernst genommen hätte.

Tauber geht in der zweiten Hälfte des Buchs auf seine Krankheit, die Sigmadivertikulitis, ein: die Einlieferung und Behandlung, die kurzzeitige Entlassung sowie erneute Einlieferung mit Operation und Reha. Und darauf, wie er seine Zeit im Krankenhaus erlebte und wie er seither mit seiner Gesundheit umgeht. Dies ist der Teil, in dem er auch viel über Werte schreibt, über Religion und den christlichen Glauben, der ihm nicht nur aus „Parteiräson“ viel bedeutet.

Religion und Reflexion

Die Religion, das darf nicht verhehlt werden, spielt in Taubers Leben eine große Rolle und somit auch im Buch. Es ist sehr erfreulich, wenn er im Glauben Trost findet (anders als übrigens die Protagonistin aus Thea Dorns neuem Roman Trost – Briefe an Max), diesen durch die Krankheit sogar noch gestärkt sieht und er daraus stets neue Kraft schöpft. Diese Religiösität merkt man dem Buch durchaus an (was im bene! Verlag nicht allzu überraschend sein sollte), denn Tauber streut relativ häufig Verweise auf seine christliche Prägung, Bibelzitate oder auch ganze Abschnitte hierzu ein. Das zeigt den Leserinnen und Lesern sehr deutlich Taubers Prägung, auch wenn sie diese vielleicht nicht oder nicht in diesem Umfang teilen.

Während die erste Hälfte des Buchs also eher deskriptiv ist – eine Biografie und seine Innenansichten der Macht – ist dieser Abschnitt einer, der Reflexion zulässt und diesen Prozess bei Peter Tauber beschreibt. Wie bedacht Tauber also in den ersten Jahren seiner Karriere darauf war, dass er nach außen funktionieren musste, spürt man hier deutlich. Es wird offenkundig, wie ein Umdenken bei ihm stattgefunden hat und er nun mehr auf sich selbst und seinen Körper hört. Dabei hinterfragt er gekonnt gesellschaftlich erwartete Bilder von „Stärke“ und „Männlichkeit“ (auch im Buch) und wendet sich im Zweifel gegen sie.

Den Schlusspunkt gefunden

Und er beschreibt sehr anschaulich, dass er nun eine neue Fähigkeit erlernt hat: Selbstbeschränkung. Tauber scheint nun zu wissen, wo seine Grenzen liegen und nun hat er den Punkt gefunden, an dem er vor der Grenze Halt macht und umkehrt. Karl-Ludwig Kley und Thomas de Maizière greifen in ihrem jüngsten Buch Die Kunst guten Führens ebenfalls die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt für ein Karriereende auf, nach Verantwortung, die man auch sich selbst gegenüber hat. Peter Tauber scheint nach dieser Maxime zu handeln und nun seinen Schlusspunkt zu setzen.

Das ist bedauerlich, denn Tauber hat trotz aller Kritik einen guten Job gemacht. Seine Gründlichkeit und seine Ambition merkt man auch Du musst kein Held sein an. Den Leserinnen und Lesern bietet es einen guten und wichtigen Einblick in das Leben eines Berufspolitikers und zeigt, unter welchem Druck diese oft stehen. Es illustriert, wohin es führen kann, nicht auf seinen Körper zu hören. Egal ob es psychische Probleme wie Depressionen oder körperliche Symptome sind, Stress kann uns krank machen und die Pandemie bietet gerade eine übergroße Menge davon, auch und vor allem im Home Office. Peter Taubers Buch ist daher, obwohl bereits vor einem Jahr erschienen, heute aktueller denn je und die demnächst erscheinende neue Auflage sollte auf jeden Fall auf den Leselisten für die kommenden Wochen landen.

HMS

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Peter Tauber: Du musst kein Held sein. Spitzenpolitiker, Marathonläufer, aber nicht unverwundbar; 1. Auflage, März 2020; 224 Seiten; Hardcover, mit Schutzumschlag; ISBN: 978-3-96340-112-1; bene!; 18,00 €; auch als eBook, 14,99 €

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