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Der König schmollt und grollt

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Diesen November hat Netflix royalen Monat – bevor es an diesem Sonntag mit der dritten Staffel von The Crown (unsere Besprechung folgt) weitergeht und zumindest in den USA ab dem 22. November die Serie Heartstrings der Königin des Country Dolly Parton startet, hat man am 1. November The King veröffentlicht. Hier nahmen sich Joel Edgerton (Boy Erased) und David Michôd (The Rover) als Autoren und letzterer ebenso als Regisseur des Stoffes um den englischen König Heinrich V. und insbesondere der Schlacht von Azincourt an.

England, Anfang des 15. Jahrhunderts: Thronfolger-in-Theorie Hal (Timothée Chalamet) und sein Buddy Falstaff (Joel Edgerton) vögeln und saufen sich in bester Studentenverbindungs-Manier durch die Gegend. Mit seinem kranken, geistig umnachteten, kriegsgeilen Vater, König Heinrich IV. (Ben Mendelsohn), hat Hal bereits seit geraumer Zeit abgeschlossen. Erst recht, als er eines Tages dazu gedrängt wird die Familie bei Hofe zu besuchen, um gesagt zu bekommen, dass statt seiner nun sein jüngerer Bruder Thomas of Lancaster (Dean-Charles Chapman) als Thronfolger auserkoren wurde. Doch es kommt anders als gedacht und am Ende muss Hal als Heinrich V. den Thron besteigen, sich etwas sortieren und trotz aller Bemühungen um Frieden gegen Frankreich in den Krieg ziehen.

Der Film basiert eher auf den von Shakespeare geschaffenen Stücken, als auf den von diversen Autoren geschaffenen Geschichtsbüchern. So werden in die knapp zweieinhalb Stunden Film drei Stücke gepresst – Heinrich IV., Teil eins und zwei und Heinrich V., was folgerichtig eine stark geraffte Version der bereits mehrfach filmisch interpretierten Stücke nahelegt. So werden beispielsweise der schwelende Wahnsinn und Verfall Heinrichs IV., ebenso wie dessen Zerwürfnis mit seinem Erstgeborenen Hal in wenigen Szenen abgehandelt und in direktem Vergleich zum Stück Heinrich IV., Teil 2 auch deutlich gekürzt. Des Weiteren sind einige Handlungsmuster verändert oder auch gleich gänzlich auf den Kopf gestellt worden. 

Allerdings wollten Edgerton und Michôd auch keine 1:1 Umsetzung des vorhandenen Stoffes abliefern, sondern eine Neuinterpretation in Form eines Charakterdramas um Hal/Heinrich V. und die ihn umgebenden Menschen, zumeist Männer, insbesondere in Form seines Freundes und Vertrauten Falstaff, des undurchsichtigen Beraters William Gascoigne (Sean Harris) und natürlich seinen Vaters, Heinrich IV.

„You shall suffer the indignity of serving me“

Das gelingt auch recht gut. Die Wandlung Hals zu Heinrich V. wird, wenn auch zügig, dennoch glaubwürdig vollzogen. Anfangs ist Hal ein etwas schlürfiger, dauerbetrunkener und dauergeiler, ziemlich zickiger, häufig oberkörperfreier Bengel – das ist dann auch mehr Berliner Club- denn englische Thronkultur, mehr Berghain als Buckingham. Mit dem Tode seines Vaters und Bruders, nun doch Thronfolger, geht sein Versprechen einher, dass nun ein gänzlich anderer König regieren wird, dann sein Wunsch nach Frieden und der konsequenten Weigerung gegen Frankreich in den Krieg zu ziehen bis zu seiner resignierten Einsicht, dass an einer Auseinandersetzung kein Weg vorbeiführen wird können und letztlich seiner Überfahrt nach Frankreich, wird dem Zuschauer hier nur nicht durch geschliffene Dialoge die Situation verdeutlicht, sondern werden auch Chalamets Augenringe immer dicker und sein Blick immer demoralisierter. Die blasse, grau-blaue, manchmal ins Sandfarbene gehende Farbgebung der Bilder unterstreicht diesen Wandel noch.

Der spätestens seit Call Me By Your Name (den wir bald besprechen werden) als heißer Preis-Scheiß-Favorit geltende Timothée Chalamet legt auch hier wieder eine solide Leistung ab, wobei man in einigen Szenen dann doch merkt, dass da noch Luft nach oben ist. Heinrichs Ansprache vor der Schlacht von Azincourt (auch eine Version der Drehbuchautoren, nicht die aus Shakespeares Heinrich V. bekannte St. Crispins-Tag-Rede) etwa schreit Chalamet zwar mit Inbrunst seinen Gefolgsleuten entgegen, aber so recht mag da der Schlacht-Motivations-Funke nicht überspringen.

Dann ist er allerdings da, der große Moment des Films: die Schlacht von Azincourt. Mitreißend und eindrucksvoll als eine lange Sequenz inszeniert, bzw. entsprechend nachbearbeitet, dass dieser Eindruck glaubhaft entstehen kann, schlachtet sich Heinrich hier durch ein Gemisch aus Rüstungen und Schlamm und Pferden und Blut. Entfernt erinnert das an die Schlacht der Bastarde aus Game of Thrones (Autor Edgerton hat den Film dann auch selber mit GoT verglichen), hier nur alles einen Zacken artifizieller und pfiffiger. Ergänzt um die moralisch-ethische Komponente der Fragestellung: „Wem nützt Krieg und was ist ein vermeintlicher Sieg wert?“, ergibt der Film so in seiner Gesamtheit tatsächlich ein blutverschmiertes Charakterdrama. 

Zu verdanken ist das auch Joel Edgerton, der sich seine Rolle als Falstaff natürlich auch auf den Leib schreiben konnte. Dieser glänzt in jeder seiner Szenen wie lange nicht mehr, sorgt zusätzlich für den ein oder anderen komischen Moment, hat allerdings mit dem von Shakespeare erdachten Falstaff in der Tat nichts mehr zu tun. Grandios auch Sean Harris als zwielichtiger, doch vermeintlich treuer Berater beider Heinrichs, der mit jedem seiner reichlich vorhandenen Auftritte zu fesseln vermag. Etwas überzeichnet dagegen Ben Mendelsohn als Heinrich IV. und Robert Pattinson als sadistischer Dauphin Louis, quasi die Nemesis Heinrichs, beide allerdings liefern eine gute Leistung ab, wobei Pattinson niemals wieder einen französischen Akzent bemühen dürfen sollte. Bei Pattinsons Dauphin kann ich mir auch durchaus vorstellen, dass man hier einen beinahe karikaturesken Ansatz gewählt hat, das würde auch die Reaktion aller Beteiligten auf ebenjenen erklärbar halten. 

Nicht unerwähnt bleiben sollen Dean-Charles Chapman als Hals Bruder Thomas of Lancaster aka Tommen Baratheon (oder eigentlich Lannister…), der äußerst attraktive Tom Glynn-Carney als sehr heißspuriger Henry „Hotspur“ Percy, der für zwei der besten Szenen verantwortlich ist, inklusive eines aufregenden Faustkampfs in Rüstung und Lily-Rose Depp, die zwar groß angekündigt, letztlich aber nur wenige sehr kurze, wenn auch handlungsentscheidende, Auftritte als Prinzession Catherine de Valois hat.

Ein Verlust fürs Kino

Der Ansatz Edgertons und Michôds den Stoff zeitgemäß und bissig zu transportieren, um ihn somit auch für ein jüngeres Publikum ohne Schul- oder Unizwang zugänglich zu machen, möchte ich mal als gelungen bezeichnen. Tatsächlich bringt es viel Freude, den gekürzten oder gänzlich geänderten, doch sehr geschliffenen und zuweilen launigen Dialogen zu folgen, ebenso kleine Gesten zu beobachten, die sehr viel Menschlichkeit transportieren. Es ist eindeutig: Hier wird nicht einfach nur ein Klassiker rezitiert. 

Die ausgezeichneten Bilder von Kameramann Adam Arkapaw (Macbeth, 2015), der bereits beschriebene gekonnte Schnitt Peter Sciberras’ und die stimmungsvolle, auch wieder leicht an GoT erinnernde Musik Nicholas Brittels lassen es einen beinahe bedauern, dass der Film „nur“ auf Netflix veröffentlicht wird und er bis auf wenige Nischen-Ausnahmen nicht in Kinos gezeigt werden wird. Auf jeden Fall solltet ihr ihn in einem möglichst solide abgedunkelten Raum schauen und euch wirklich auf ihn einlassen und nicht nebenher mal noch dies und das machen. Die 140 Minuten sind auch schneller rum, als man glauben mag. 

The King; USA 2019; Regie: David Michôd; Drehbuch: Joel Edgerton & David Michôd;  Musik: Nicholas Britell; Darsteller: Timothée Chalamet, Joel Edgerton, Sean Harris, Robert Pattinson, Ben Mendelsohn, Lily-Rose Depp, Tom Glynn-Carney, Dean-Charles Chapman; Laufzeit: ca. 140 Minuten; FSK: 16

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