Der sanfte Diktator

Was wissen jüngere Menschen hierzulande über Tito? Viele vermutlich nicht einmal, dass es ihn überhaupt je gab. Dabei prägte er bis zu seinem Tod 1980 über etwa vier Jahrzehnte ganz maßgeblich die Politik und Gesellschaft in Jugoslawien. Auch ich wusste bis vor kurzem sehr wenig über Josip Broz, so sein bürgerlicher Name. Als ich dann darauf aufmerksam wurde, dass von der Münchener Historikerin Marie-Janine Calic in der Reihe „Diktatoren des 20. Jahrhunderts“ des C.H. Beck-Verlags eine Biografie des jugoslawischen Herrschers erscheinen würde, war mein Interesse nach kurzem Überlegen schnell geweckt. Und das zurecht, wie die Lektüre von Tito – Der ewige Partisan beweisen sollte. Und anders als die kürzlich von uns empfohlene ZDF-Dokureihe Balkan-Style geht dieses Buch einer Thematik sehr tief auf den Grund.

Aufstieg eines Bauernjungen

Josip Broz wurde 1892 als einfacher Bauernjunge in Kumrovec, heute in Kroatien, geboren, und starb 1980 in der heutigen slowenischen Hauptstadt Ljubljana. Wie zu erwarten orientiert sich auch die Biografie Calics an Titos Leben und Werdegang, die sich den gesellschaftlichen und politischen Ereignissen in Europa und der Welt natürlich nicht entziehen konnten. Jedes der 13 Kapitel setzt dabei bei einem bestimmten und den weiteren Verlauf seines Leben prägenden Ereignis ein. Über die Jugend und Ausbildung zum Maschinenschlosser befasst sich der erste Teil des Buchs und mit Titos Leben mit seiner sozialistischen Sozialisierung.

Die Zeit von Ende 1928 bis Anfang 1934 verbrachte Tito im Zuchthaus (vorwiegend im kroatischen Lepoglava) und ging anschließend nach Moskau, um dort für die Komintern, die Weltzentrale der sozialistischen Revolution, zu arbeiten. Beide Perioden hatten massiven Einfluss auf ihn in seinem Glauben an den Sozialismus, wenngleich er diesen nicht ohne eigene Note belassen sollte.

Das Grab von Titos vierter und letzter Frau Jovanka im Tito-Museum in Belgrad. // Foto: © HMS / the little queer review

Vor allem waren beides aber Etappen für Titos Zeit als Partisanenführer im Zweiten Weltkrieg. Im Kampf gegen die nationalsozialistische deutsche Besatzung schaffte Tito es, die erfolgreichste Untergrundarmee zu befehligen, was maßgeblich zu seinem späteren Mythos bei der Gründung und Regentschaft Jugoslawiens beitrug. Nach der Befreiung Jugoslawiens regierte Tito das Land sprichwörtlich mit Zuckerbrot und Peitsche bis zu seinem Tod 1980, zwar nicht ohne Turbulenzen, aber in jedem Fall friedfertiger als dies beispielsweise in der von Stalin regierten Sowjetunion der Fall war.

Fundierte Quellen in guten Zusammenhängen aufbereitet

Was zeichnet nun die Biografie von Marie-Janine Calic aus? Vor allem sind das die Quellen. Sie nutzt eine Vielzahl verschiedener Quellen, Augenzeugenberichte, Interviews mit Tito und Zeitgenossen, aber auch Sekundärliteratur. Die vielen Archive, die die Autorin hierzu durchforsten musste, kann und will man sich besser gar nicht vorstellen. Von den USA, über Großbritannien, Berlin, Belgrad, Zagreb und Moskau bis hin zu vielen kleinen Orten hat sie eine intensive Literaturrecherche betrieben, die den wissenschaftlichen Standards mehr als entsprechen dürfte – zumal für ein Buch, das sich nicht vordergründig an die wissenschaftliche Gemeinschaft richten dürfte. Sich dennoch mit politik- und geschichtswissenschaftlichen Fragestellungen und Fachbegriffen auszukennen dürfte dennoch bei der Lektüre und dem Verständnis des Buchs hilfreich sein, da es hin und wieder doch sehr technisch ist.

Zweitens schafft es die Autorin, die wesentlichen Zusammenhänge gut und schlüssig darzulegen. Als Leserin oder Leser muss man zwar sehr aufmerksam sein, denn einige Namen, Orte und Ereignisse tauchen wiederholt auf, weshalb es sinnvoll ist, Tito mit größter Aufmerksamkeit zu lesen. Aber das ist nicht schwierig, denn es ergibt sich ein sehr guter Lesefluss und oftmals durchbricht die Biografin auch die Chronologie ein wenig, um einen Ausblick auf die Konsequenzen einer gewissen Handlung zu geben, die sich teils erst Jahre später zeigen sollen. Oder umgekehrt geht sie zu Beginn des einen oder anderen Kapitels noch einmal ein paar Monate oder Jahre zurück, um zu zeigen, dass eine Entwicklung auf einer früheren Begebenheit beruht. Das schafft eine sehr umfangreiche Art der Informationsvermittlung. In mehr oder weniger jedem Kapitel gibt es außerdem ein Fallbeispiel für ein Schicksal oder eine Entwicklung, die in diesem Abschnitt beschrieben wird, was zusätzlich zur Anschaulichkeit des Buchs beiträgt.

Tito: Sozialist, Partisan und Staatenlenker

Der Schwerpunkt liegt dabei auf drei Punkten: sozialistische Prägung, Partisanenkampf im Zweiten Weltkrieg und die Regentschaft im sozialistischen Jugoslawien. All dies setzt Calic stets in einen wichtigen Kontext. Der Sozialismus wird in die Geschehnisse in Russland ab der Oktoberrevolution von 1918 eingeordnet. Um dies und die Konsequenzen hieraus vollends zu verstehen, ist allerdings ein Grundwissen um den Bolschewismus, die sozialistische Revolution und Bewegung sowie die Herrschaft Stalins in der Sowjetunion und darüber hinaus erforderlich. Ohne dieses Vorwissen, das hier auch nicht vollständig vermittelt wird, wird die Leserin oder der Leser mit vielen Passagen nicht so viel anfangen können. Ist dieses jedoch vorhanden, so bietet Tito eine wertvolle Ergänzung und einen wichtigen Einblick in das sozialistische System, den man so nicht allzu oft findet.

Der Kampf gegen die Nazis, aber auch die neutrale Positionierung im Kalten Krieg waren große Herausforderungen für Titos Jugoslawien. // Foto: © HMS / the little queer review

Ähnlich trifft das auf den Partisanenkampf zu. Wo ihre Quellen dies hergeben, vermittelt Calic sehr eindrücklich, wie der Partisanenkampf ablief, welche Schlachten geschlagen wurden und wie Tito den Kampf gegen die Nationalsozialisten, aber auch gegen die rivalisierenden Untergrundgruppierungen führte und gewann. Während er sich seitens der Sowjetunion und Stalins eher im Stich gelassen fühlte, schmiedete er Allianzen mit den Westmächten oder manövrierte sie zumindest geschickt in eine Position, in der sie ihm im eigenen Interesse zur Unterstützung kommen mussten. Hier deckt Calic sehr geschickt Stück für Stück das Geschick des späteren Politikers auf.

Diesem und dieser Phase widmet sie sich schließlich mit dem dritten Lebensabschnitt Titos: dem als Staatsführer Jugoslawiens. Nach der versagten Unterstützung im Partisanenkampf folgte Ende der 1940er-Jahre der politische Bruch Titos mit Stalin und der Sowjetunion. Den kapitalistischen Westmächten konnte sich Tito ob seiner sozialistischen Überzeugung dennoch nicht anschließen. Um dennoch im aufziehenden Kalten Krieg ein sozialistisches System in Jugoslawien zu prägen, musste Tito seinen eigenen Weg gehen. Er arrangierte sich mit der Sowjetunion und den westlichen Alliierten, schloss eigene Bündnisse – vor allem die Gründung der Bewegung der Blockfreien Staaten geht auf ihn zurück – und schaffte ein System sui generis, das ein sozialistisches Gemeinwesen mit in anderen kommunistischen Staaten ungekannten Freiheiten verknüpfte. Die schrecklichen Zerfallskriege der 1990er-Jahre zeigen, welch wichtige Rolle Tito damit für die Region spielte, die heute nur noch als „Westbalkan“ bezeichnet wird.

Anerkannter Staatsmann und Vermittler – allerdings nicht ohne Schatten

Tito wurde zu einem geachteten Staatsmann und Vermittler in Ost und West und war auch in der bundesrepublikanischen Ostpolitik ein wesentlicher Faktor. Die Rolle Titos und Jugoslawiens in dieser entscheidenden Phase deutscher Außenpolitik wird von Calic sehr gut beleuchtet und gibt einen wichtigen Einblick auch in die deutsche Geschichte jenseits des Grundlagenvertrags sowie der Verträge von Moskau, Warschau und Prag.

Das Tito-Museum in Belgrad birgt viele Erinnerungsstücke an den früheren Staatsführer. // Foto: © HMS / the little queer review

In den fast 40 Jahren seiner Herrschaft sollte sich immer wieder zeigen, wie gut Tito den Ausgleich zwischen verschiedenen Interessen beherrschte, sein Land in einen deutlichen Aufschwung manövrierte und trotz aller Sollbruchstellen bis zum Ende seines Lebens zusammenhielt. Das ging zwar nicht vollständig ohne Repression und Unterdrückung, ohne Zensur und kleinere Säuberungen, aber dennoch waren diese weit weniger umfangreich als in anderen sozialistischen Regimen. Calic erwähnt auch diese Maßnahmen immer wieder und widmet ihnen eigene Unterabschnitte. Aber gerade in einer Kultur wie der deutschen würde man sich manchmal vielleicht noch ein wenig mehr Informationen zu den Repressionen wünschen, um die Schrecken des Totalitarismus noch deutlicher zu machen.

Alles in allem ist Tito – Der ewige Partisan aber ein überaus ansprechendes Werk, das europäische Geschichte und das sozialistische System aus einem bislang primär von Balkanexperten betrachteten Blickwinkel beleuchtet. Ankerpunkt dafür ist das Leben des wohl wichtigsten Staatsmanns des Balkans nach dem Zweiten Weltkrieg. In aller Tiefe erläutert Marie-Janine Calic die Prägung und das Wirken Josip Broz Titos. Das ist überaus lesenswert, arbeitet es doch ein eher wenig beachtetes Stück europäischer Geschichte gut und kohärent auf. Tito – Der ewige Partisan ist somit ein wertvolles Dokument der Zeitgeschichte für Jung und Alt.

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Marie-Janine Calic: Tito – Der ewige Partisan; 1. Auflage, September 2020; 442 Seiten, mit 42 Abbildungen und 3 Karten; Hardcover mit Schutzumschlag; ISBN: 978-3-406-75548-4; C.H. Beck Verlag; 29,95 €; auch als eBook 22,99 €

HMS

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