Der verrückte und kreative Geist

Ohne lange Einleitung gibt es nun wie versprochen den zweiten Teil unseren langen Gesprächs mit Marcella Rockefeller aka Marcel Kaupp. Den ersten Teil, in dem es unter anderem um die Ursprünge von Marcella, musikalische Vorlieben, darüber, dass Marcel/la mit dem Album das eigene Coming-out aufarbeitet, Arbeiten in Corona-Zeiten und ihren Auftritt im ZDF-Sommergarten ging, findet ihr hier.

Im zweiten und letzten Teil reden wir über Social Media, Georgina Fleur, Homohass in Tschetschenien, die Zusammenarbeit mit Peter Plate und Ulf Leo Sommer und mehr. 

Das Gespräch, das wie gesagt Mitte Juni stattfand, haben wir in Teilen nun in die Vergangenheitsform gesetzt, etwa wenn Auftritte inzwischen stattfanden. Nun also – viel Spaß.

„Social Media kann Gift sein“

the little queer review [tlqr]: Wir reden darüber, dass Marcella das Album nun eben persönlich vorstellen und promoten kann und nicht mehr nur via Instagram und Co. Die Sängerin gibt zu, dass sie nicht so sehr in „diesem Instagram-Game“ drin ist wie manch andere, weil es eben auch nicht dem Auftritt vor Live-Publikum entspricht. Hinzu kommt: Social Media kann Gift sein. Es ist oft so mit Hass durchtränkt. Überall verhärtete Fronten. Das sei auch einer der Gründe, warum sie sich kaum mehr an Debatten im Netz beteilige. Nur manches Mal, wenn es LGBTQ*-thematisch ist und sie dann doch sehr triggere. Das geschah übrigens kurz nach unserem Gespräch, als Ex-Trash-TV-Sternchen Georgina Fleur via Instagram verlautbarte, wie toll und sicher doch Dubai wäre. Marcella hat dem vehement widersprochen. Aus guten Gründen, dem dürften wohl viele Frauen, Homosexuelle, Christen, etc. zustimmen.

Marcel aka Marcella // © Mirko Plengemeyer/Laila Licious

Natürlich, so Marcella, fehle durch die Pandemie die Möglichkeit eines Dialogs auf Augenhöhe, das rechtfertige aber nicht, dass nun so viele davon ausgingen, dass ihre Meinung die einzig wahre sei und bei Widerspruch furchtbar aggressiv würden. 

Da hat sie vollkommen recht, das Phänomen ist eigentlich leider gar keines mehr, es ist schon absoluter Mainstream. Auch wir hier haben uns schon häufiger damit befasst, werden das weiterhin tun und waren natürlich auch schon von Attacken betroffen. Umso wichtiger sind Austausch und Erläuterung. Gleiches gilt für das heikle Thema der Impfungen (nicht nur was Corona angeht) oder auch das Gendern. Die Schwierigkeit, dass keine Seite mehr auch nur im Ansatz die andere anhören und verstehen möchte – was dazu führt, dass sich die Fronten weiter verhärten – muss unbedingt überwunden werden. Nur die eigenen Bubbles zu füttern und selbige nie zu verlassen, ist nicht nur allzu bequem, sondern schlimmstenfalls sogar fatal. Auch das einer der Gründe, warum wir hier bei the little queer review durchaus Wert auf hohe Meinungsvielfalt legen. 

Marcella sagt weiter, dazulernen gehöre zum Leben und es sei eben ein Prozess. Und zu diesem gehörten verstehen und auch verstehen lernen. Und mit Karl-Heinz aus Buxtehude sollte vielleicht gelassener und geduldiger umgegangen werden, der ist vielleicht nicht so in jeder Thematik drin wie manch andere. In diesem Sinne sei Social Media dann auch der falsche Ort, um manche Dinge durchzusetzen, dies gehöre nach draußen in die Welt, vor Ort. Wahre Worte.

Das Video zur neuen Single Die Liebe kennt mich nicht

Bevor es gleich wieder entspannter zugeht, reden wir noch kurz über die Dokumentation Achtung Lebensgefahr! LGBT in Tschetschenien (OT: Welcome to Chechnya) die Marcella gesehen und auf Instagram „empfohlen“ hatte. Zuerst ohne Triggerwarnung. Marcella berichtet von einem guten Freund, der Opfer schwerer körperlicher homofeindlicher Gewalt geworden sei. Dieser sei über Wochen im Krankenhaus gewesen, eine lange Therapie habe sich angeschlossen, der Heilungsprozess innerlich dürfte kaum jemals abgeschlossen sein. Für solche Menschen wäre eine Triggerwarnung natürlich wichtig, meint Marcella. Auf der anderen Seite denke sie sich: Genau solche Angriffe, wie sie teils in der Dokumentation gezeigt werden, träfen die Personen ohne Vorwarnung.

„Der Wind wird rauer“

Marcella Rockefeller [MR]: Mich haben diese Szenen einfach so sehr geschockt. Auch die Geschichten dahinter. Es ist einem bewusst, dass schlimme Dinge auf der Welt passieren. Diese aber dann „on Tape“ zu sehen war furchtbar und man hat erstmal angefangen zu realisieren, WAS das Leben in anderen Ländern für LGBTQIA+ bedeutet. Das sind Flüchtlinge. Die müssen fliehen, nur weil sie lieben wollen. Das können wir uns nicht vorstellen. Natürlich sagen wir hier bei uns: Es fehlt noch einiges an LGBT*-Rechten. Aber wir leben hier schon eines der freiesten Leben. Natürlich gibt es immer Menschen die uns nicht toll finden und auch niemals zu hundert Prozent akzeptieren werden. Ich sag immer: Tiere sind da die besseren Menschen, weil Tiere kennen Homophobie einfach nicht. Aber wenn ich unsere Situation in Deutschland dann mit der in Tschetschenien oder anderen Gegenden vergleiche, in denen queere Menschen verfolgt werden, stelle ich schon fest, dass ich hier in Deutschland sehr privilegiert lebe.

Der Wind wird meiner Meinung nach aber auch hier rauer. Ich bin gespannt ob sich das wieder ein bisschen reguliert, wenn jetzt die Pride losgehen. Meiner Meinung nach sind in der Zeit, in der in puncto Sichtbarkeit kaum was ging, die Stimmen wieder fieser oder die fiesen wieder lauter und mehr geworden. Gerade auch in Hinblick darauf ist es so wichtig, dass solche Dokumentationen gemacht und geschaut und verstanden werden. Darum wollte ich auch, dass das breit geteilt wird. Dass das auch hier ankommt. In der Politik hierzulande scheint die Situation von LGBTQ*-Menschen in Tschetschenien und anderen Ländern ja keine Sau zu interessieren. 

Marcella Rockefeller und ein paar grungy-Italian-Vibes // © Mirko Plengemeyer/Laila Licious

tlqr: Recht hat sie, die gute Marcella. Mal abgesehen von manch engagierten Menschenrechtspolitiker*innen und einigen queerpolitisch engagierten Personen, von denen auch nicht alle über den deutschsprachigen oder europäischen Tellerrand hinausschauen, ist es da eher still im Plenum und den diversen Landtagen, Partnerstädten, etc. Was wir zusätzlich als schlimm empfinden, ist, dass es vielen Politiker*innen in den so queerfeindlichen Ländern manches Mal auch schlichtweg nur um Machterhalt via Gewalt und Populismus geht und natürlich auch die (missbrauchte) machtverheißende Religion gern einen unschönen Faktor spielt. Wie gut das funktionieren kann als Strategie, können wir seit einiger Zeit in Polen und ganz aktuell wieder in Ungarn beobachten. Hass kann Begeisterung schüren. 

MR: Ja, das ist pervers.

tlqr: Und auch was hier passiert ist nicht immer schön, auch da hat Marcella recht, wenn sie sagte, der Ton sei wieder rauer geworden. Und wenn wir mal nur einen Blick auf die letzten Sitzungswochen des Bundestages werfen, stellen wir fest, dass das Beste was uns queeren Menschen zuletzt zuteil wurde, dort Inaktivität war. Abgesehen von der – halbseidenen – Entschädigung für queere Soldat*innen in der Bundeswehr ist nichts geschehen. Keine Abschaffung und/oder Änderung des unsäglichen, verfassungswidrigen Transsexuellengesetzes, das Blutspendeverbot für Männer, die mit Männern schlafen, bleibt, Gesetzesvorschläge zum Schutz vor queerfeindlicher Hasskriminalität wurden weggestimmt. Das ist unschön. Es ist unschön, dass wir queere Menschen da bestenfalls Taktikmaße für die Politik sind. Darüber hinaus ist es erschreckend, wie gut wir menschenfeindliche Politik ohne eine starke religiöse Rechte machen können. Wir sind eben wirklich das Land der Ideen, siehste mal.

„Du bist, wer du bist“

Dankenswerterweise machen auch Marcella Rockefeller und Peter Plate auf diese Dinge aufmerksam. Zum Beispiel im Song „Ich hab genauso Angst wie du“, der zum Welt-Aids-Tag 2020 veröffentlicht wurde und sich im tollen und aufwühlenden Video (in dem auch Bambi Mercury mitwirkt) auch stark mit homofeindlicher Gewalt und der eben doch auch, bei allen Privilegien, teils prekären Lage queerer Menschen in Deutschland auseinandersetzt. 

Petra Pleite mit Marcella für Schüchtern ist mein Glück // © Marcella Rockefeller

MR:Da bin ich auch ultrafroh mit Peter Plate und Ulf Leo Sommer zusammenzuarbeiten. Ich hab mal irgendwo gesagt, ich hab immer Megaangst Menschen kennenzulernen, die ich aus den Medien kenne oder vergöttere durch ihre Schreiberei. Und bei Peter und Ulf ist es wirklich so, dass sie privat nochmals viel mehr hinter dem stehen was sie tun. Peter ruft mich auch vor Auftritten an und sagt: „Du ziehst an, was du willst. Du bist, wer du bist. Ich hab dich als Künstler genommen und du lässt dich zu niemandem formen, der du nicht bist.“ Das finde ich so, so wichtig. Dass er mir auch die Möglichkeit gibt, solche Statements zu setzen. Ich finde es so wichtig, immer und immer auf Themen aufmerksam zu machen. 

Ob das etwas versteckt durch „Original“ war – dass es okay ist, wenn der Kleine da mit der Oma auf einmal mit der Perücke rumtanzt. Ich hoffe da auch einfach Menschen zu erreichen, die nicht eh in meiner Bubble leben. Und wenn sich dann Leute melden, die keinen oder kaum Bezug zu LGBT* haben und schreiben „Das hat mich so berührt“ oder es habe sie nachdenklich gemacht, dann ist das gut und macht mich extrem stolz, eben weil es mal über die Grenzen hinausgeht. 

Und ich sag immer: Ich bin kein Influencer oder keine Influencerin, versuch aber eben doch immer zu sagen: Leute seid dabei! Versucht zu den CSDs zu gehen! Wenn ihr jemanden kennt, gebt der Person einfach das Gefühl, dass sie immer richtig ist. Also wenn die scheiße ist, muss man der das auch sagen [wir lachen herzlich]. Aber in seiner sexuellen Orientierung ist der Mensch absolut richtig. 

Es ist eben so, das soll man auch so sagen: Ihr als Nicht-Teil der LGBTQ*-Community, ihr könnt quasi noch viel mehr machen als wir. Weil ihr eher Menschen trefft, die vielleicht was dagegen haben. Und die hören euch eher zu als einer Drag Queen. Also wie gesagt, es ist so schön und wichtig, dass Peter und Ulf da hinter jeder Idee stehen und muss auch sagen, bisher waren alle Videos auch primär meine Ideen und ich darf machen, was und wie ich will. 

Wenn ich weiß, ein Song soll rauskommen, dann geh ich in den kreativen Prozess, sammle nächtelang Ideen und Eindrücke, bastele eine Story und so weiter. Da wird dann auch selten ein Konzept umgeworfen. Außer bei „Sidekick“. Das wollte ich eigentlich gern in der Psychiatrie spielen lassen, das war aber leider coronabedingt nicht möglich.

Bunte Ideen in der Psychiatrie

tlqr: Schade eigentlich, der Track passt gut in die Psychiatrie

MR: lacht Ja, aber ich hab ja noch einige andere Lieder, die von der Thematik her in der Psychiatrie spielen könnten. Im Prinzip irgendwie alle [wieder lachen wir]. 

tlqr: In dem Sinne eine der letzten Fragen: Was kommt als nächstes für und von Marcella Rockefeller? Gibt’s nach „Die Liebe kennt mich nicht“ schon Ideen für nächste Singles, Alben, Fast-Food-Ketten?

MR: Es ist ein bisschen was in Planung, es gibt Gespräche, eventuell gibt’s ein neues Duett. Man weiß es noch nicht. Ist immer toll oder? „Also wir haben echt vieles, aber wir können zu nichts was sagen!“ [lachen] Also wir haben noch viel Buntes vor und nun mal sehen wo die Reise genau hingeht.

Das Gute ist, zu wissen, dass ich ganz wunderbare Menschen habe, die mich unterstützen, vom ganzen Label [Milchmusik, Anm. d. Red.] her. Es ist so toll, mit einem der größten und erfolgreichsten Songwriter-Duos Deutschlands zusammenzuarbeiten und die Menschen sind einfach alle so normal. Das ist fantastisch. Und keiner bildet sich da irgendwas auf irgendeinen Erfolg ein. Ich laufe da voller Ehrfurcht durchs Studio, sehe die ganzen goldenen Schalplatten, aber dann sind alle so Down-to-Earth. Es ist einfach eine unheimlich familiäre Atmosphäre, wenn wir zusammen sind. Besser könnte es mich nicht treffen. Super. 

Und ich hab da schon ganz andere Menschen kennengelernt. Die halten sich gern für eine ganz andere Krone der Schöpfung und ich denk mir halt: Das ist ein Job. Und wenn du diesen Job gut machst und ganz viele Menschen finden das toll, dann gebührt dem natürlich Respekt. Aber das sollte von den Fans kommen und nicht von den Künstler*innen. Also ich sage ja auch nicht: ‚Ich bin Marcella Rockefeller und nun knie nieder!‘ Sowas fände und finde ich ganz furchtbar. Und ich glaube auch deswegen funktioniert diese Konstellation Berlin-Köln eben so gut. 

tlqr: Und nun, Marcella Rockefeller, die grohohohohohoooße Abschlussfrage: Hättest du gern einen Pool, in dem es schneit?

MR: Wer hätte nicht gern einen Pool, in dem es schneit? Es ist doch… uhm… jaa… „Borderline“ – ich liebe die Nummer einfach sehr! 

tlqr: Ginge auch sehr gut in der Psychiatrie…

MR: …genau, genau. Verrückte Ideen muss man haben und die werden auch immer den verrückten Geist beleben. Und ja: Rotes Kleid und nen Pool, in dem schneit. Besser kann’s doch eigentlich nicht sein. 

tlqr: Das stimmt. Vielen, vielen Dank für deine Zeit und dieses intensive Gespräch.

MR: Sehr gern und danke und alles Gute. 

Wir haben durchaus noch über zwei, drei andere Dinge gesprochen, aber Kükenschreddern (pfui, besser retten), Köln und die Liebe zu diesem oder jenem Song haben es dann doch nicht hier reingeschafft. So viel sei noch gesagt: Wir haben unseren unbedingten, bereits in der Album-Rezension ausformulierten Wunsch, Marcella Rockefeller möge doch bitte, bitte „Ich geh auf Glas“ aufnehmen, erneuert. UND: Ein zweites Album soll und wird kommen. Dieses dann mit mehr neuen Tracks, aber auch einigen neu interpretierten. Das macht uns sehr, sehr zufrieden. Jippie!

Eure queer-reviewer

PS: Natürlich findet ihr nicht wenige Songs von Marcella auch in unserer Spotify-QUEER-SOUNDS-Liste.

PPS: Seid ihr jetzt eigentlich auch ein bisschen verliebt?! Fragen für Freunde…

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