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„Die Farben strahlen so hell“

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Es dürfte wohl nicht allzu viele Menschen geben, die dem Namen Keith Haring nicht einige der figürlichen Linienzeichnungen zuordnen können und erst recht wird es kaum Menschen geben, die den Namen nicht schon einmal gehört haben. Dennoch befasst man sich in der Mainstream-Rezeption relativ wenig mit dem 1990 nur 31-jährig an den Folgen seiner HIV-Infektion verstorbenen Pop-Art-Künstler. Eine detailreiche und authorisierte Biografie erschien 1991 in den USA und 1995 bei uns in Deutschland. Im Rahmen der Ausarbeitung der Biografie führte der Autor John Gruen ausführliche Gespräche mit Keith Haring. Tonaufnahmen dieser Gespräche bilden die Grundlage für die vielfältige Dokumentation Keith Haring – Street Art Boy, die vom heutigen Donnerstag an in der arte-Mediathek verfügbar ist und am 28. August um 21:45 Uhr auf arte ausgestrahlt wird.

Nicht nur ein Film über Keith Haring

Keith Haring blickt seinem Aufstieg entgegen. // Bild: ZDF/© Keith Haring Foundation

Die 52-minütige Dokumentation bildet dabei allerdings viel mehr ab als „nur“ chronologisch das Leben und Schaffen des Ausnahmekünstlers. Vielmehr zeichnet sie auch ein Bild der kulturellen und politischen Umstände der 70er- und insbesondere der 80er-Jahre, in erster Linie natürlich der New Yorks. Aber auch ein Kommentar zu Keith Harings Bemalung der westdeutschen Seite der Berliner Mauer im Jahre 1986 fehlt nicht. 

Eindrucksvoll stellt die Dokumentation dar, wie die etablierte New Yorker Kunstwelt sich der aufstrebenden Underground-Szene verweigerte und wie diese Szene selbst die „Kunstwelt als Ort der Elite“, die sie langweilte, wahrnahm. So wird nach und nach die Annäherung beider Welten aneinander und eben auch die der etablierten und vermeintlich distinguierten Sammler und Händler an Haring toll vermittelt. 

Eine sehr persönliche Note bekommt die Dokumentation auch durch die vielen Kommentare von seinen Eltern, Freunden und anderen Künstlern, die, neben seinen eigenen Worten, den Film tragen. Regisseur und Autor Ben Anthony verknüpft die teilweise bisher unveröffentlichten Archivaufnahmen und Bilder, allesamt von der Keith Haring Foundation stammend, wunderbar mit den Worten Harings und den Interviewelementen seines Umfelds. 

Der Aufstieg Harings ist toll herausgearbeitet. Angefangen bei seinem – abgebrochenen – Studium, zu den sogenannten Subway Drawings, die er meist vom befreundeten Fotografen TsengKwong Chi, der kurz nach Haring starb, festhalten ließ (hier merkt der Film leider nur an, dass Haring seine Zeichnungen fotografieren ließ, lässt die weiteren Infos aber aus), zur Entstehung von The Dog und The Baby,hin zu seinem ersten Atelier, etc. Ebenso erwähnt wird die mit seinem Aufstieg und kommerziellen Erfolg einhergehende Kritik an manchen seiner Schritte, wie der Eröffnung des Pop-Shops, und seinem Ärger darüber, dass viele Kuratoren und Kritiker seinen Ansatz, Kunst sei für alle da, schlicht nicht verstehen wollten. Auch merkt zum Beispiel seine frühere persönliche Assistentin, Julia Gruen, an, dass Haring, als er Bekanntschaft mit Andy Warhol schloss, „alle nur noch mit Vornamen kannte“, und manch eine frühere Freundschaft in den Hintergrund trat. Das allerdings nicht boshaft, sondern eher verständnisvoll. Haring zelebrierte seinen Ruhm und war natürlich nicht frei von Eitelkeit.

„Wie eine Kerze, die an beiden Enden brennt. Ganz hell.“

Keith Haring kämpfte mit seinen Bildern auch gegen die Aidskrise der 80er. // Bild: ZDF / © Keith Haring Foundation

Überhaupt feierte er das Leben und die Kunst, die Musik und das Divers-Sein. So hatte er viele Freundschaften mit People of Color, arbeitete unter anderem eng und freundschaftlich mit dem Choreographen Bill T. Jones zusammen, was in den 80er-Jahren immer noch eher unüblich war und von verschiedenen Seiten kritisiert wurde. Auch das thematisiert die Dokumentation eindrücklich, genauso wie den Ursprung seiner Affinität zu PoC. Dies ist ein wichtiger Punkt in Harings Leben und Werk, der im Lichte der aktuellen Debatten hier auch in angemessener Sensibilität und Vielseitigkeit besprochen wird.

„Free South Africa“ von Keith Haring: Er adressierte mit seinen Bildern auch hochpolitische Themen wie Rassismus. // Bild: ZDF/© Keith Haring Foundation

Keith Haring – Street Art Boy ist, wie könnte es bei diesem Künstler anders sein, natürlich auch ein Porträt der schwulen Szene New Yorks der 80er-Jahre und des lebensbejahenden Exzesses, das besonders durch die Kommentare seiner Freunde an Farbe gewinnt. Diese Farbe kann allerdings auch ein wenig getrübt sein, wenn es dann um die Zeit von Aids, damals auch als „Schwulenkrebs“ bezeichnet, geht. Allerdings wird es hier nicht deprimierend, sondern eher engagierend. Nutzte Haring seine Erkrankung doch auch, um auf die Krankheit, die von „Stigma und Scham“ besetzt war, aufmerksam zu machen, die Menschen zu sensibilisieren. Nur die wenigsten Prominenten bekannten sich zu ihrer Aids-Erkrankung.

Keith Haring kämpfte mit seinen Bilder auch gegen Aids und das damit verbundene Stigma.// Bild: ZDF/© Keith Haring Foundation

Somit ist diese Dokumentation wie eingangs erwähnt, neben einer Betrachtung von Keith Harings Leben und künstlerischem Schaffen auch eine, die uns in eine Art Zwischen-den-Welten-New-York der 80er-Jahre versetzt, wie auch eine sehr politische, die sich mit sozialer Ungleichheit, Rassismus und Homophobie auseinandersetzt. Andererseits ist genau das eine Dokumentation über Harings Leben, denn seine Kunst war immer intensiv, politisch, vielseitig und aufrüttelnd. Ansehen.

Keith Haring – Street Art Boy; BBC Two, ZDF, 2020; Ein Film von Ben Anthony; 52 Minuten; läuft am 28. August 2020 um 21:45 Uhr auf arte (Wdh. 6. September 05:35 Uhr); in der arte-Mediathek verfügbar vom 27.8. bis 25.11.2020

AS

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