Die Frage nach Vernunft

Diese Rezension ist neben der regulären Besprechung politisch geprägter Bücher auch Teil unserer Kategorie Superdupermegawahljahr 2021.

Noch ist es nicht vorbei, aber bald: Die Kanzlerinnenschaft Angela Merkels endet aller Voraussicht nach in diesem Jahr. Am 26. September findet die Wahl zum 20. Deutschen Bundestag statt, einige Wochen später dürfte eine neue Kanzlerin oder ein neuer Kanzler vom Bundestag gewählt werden. Nun hat Angela Merkel uns viele Jahre begleitet, geführt, vielleicht auch beruhigt. Die einen werden sie vermissen, die anderen wünschten sie – mal leiser, mal lauter – seit geraumer Zeit weg. 

Bilanz wohin mensch schaut

Wie es meist so ist – ein endgültiges Fazit fällt schwer, zumal während das Ende noch gar nicht das Ende ist. Die Geschichte fällt ihre Urteile und in Bezug auf Angela Merkel und das Deutschland in den ersten grob 20 Jahren des neuen Jahrtausends läuft diese eben noch. Dennoch will natürlich niemand zu spät kommen und so wird ordentlich be- und teils verurteilende Bilanz gezogen. Stefan Aust und Karin Klocke haben mit Frau Bundeskanzlerin für TVNOW eine vierteilige, nicht uninteressante, wenn auch bisweilen tendenziöse Dokumentation zusammengeschnitten; Sat.1 zeigte Die Ära Merkel – Gesichter einer Kanzlerin, in der Weggefährt*innen und andere Menschen zu Wort kamen; Themenabende gab es dazu und wird es sicherlich nochmals geben.

Robin Alexander hat nach Die Getriebenen kürzlich Machtverfall veröffentlicht, beide handeln scheinbar von Krisen, sind im Grunde aber Abrechnungen mit Merkel und ihrer Politik. Und bei Rowohlt Berlin legte die Wirtschaftsjournalistin Ursula Weidenfeld dieser Tage ihr Buch Die Kanzlerin – Porträt einer Epoche vor. Neben der vor einem Monat erschienen, nun in die zweite Auflage gehenden Mammut-Biografie Merkels von Ralph Bollmann (der auch in erwähnter Sat.1-Dokumentation zu Wort kommt und von Weidenfeld immer mal aus einem früheren Buch über Angela Merkel zitiert wird; unsere Besprechung zu dem 800-Seiten-Werk folgt), sicherlich eines der nicht nur von der Hauptstadtblase am heißesten erwarteten Bücher zu Angela Merkel und „ihrer“ Zeit. Kann dieses, mal ganz groß „Porträt einer Epoche“ untertitelte, Buch die Erwartungen erfüllen? Ja und nein. 

Gleich zu Beginn und auch im Verlauf des Buches stellt die Journalistin Ursula Weidenfeld, die gut sieben Jahre jünger ist als Angela Merkel, aber wie sie zur Generation der Babybommer zählt, fest, dass es schwierig sein dürfte, jetzt schon Bilanz zu ziehen, da dazu geneigt werden könne, die „Rolle der Gegenwart und der handelnden Personen in der Politik zu übertreiben“ und darüber hinaus andere Faktoren zu unterschätzen. In der Tat, auch ein Thema, mit dem sich manche Ex-Politiker*innen in dem Buch „Alleiner kannst Du gar nicht sein“ befassen. An mancher Stelle wirkt diese Anmerkung Weidenfelds wie ein sachlicher Hinweis, an anderer schon einmal als vorwegnehmende Entschuldigung, sollte sich eines ihrer teils recht deutlichen Urteile doch als unzutreffend erweisen. Wir werden darauf zurückkommen.

Wieso sind es immer westdeutsche Männer?

Was fasziniert, ist, dass sich die Autorin die Zeit nimmt, anfangs mit sich, oder wenn wir so wollen auch uns Lesenden, zu debattieren, wer denn eigentlich geeignet sei, Angela Merkels Leben und Wirken einzuordnen. Dabei stellt sie fest, dass sich vor allem westdeutsche Männer mit ihr auseinandergesetzt haben. Fällt dabei etwas raus? Sollte es eine Frau sein? Sollte es ein aus Ostdeutschland stammender Mann sein? Eine aus Ostdeutschland stammende Frau? Zu diesem interessanten Gedankengang gibt es zwar kein abschließendes Fazit, aber es stößt einen Prozess an, der es wert ist, durchdacht zu werden. Und natürlich insofern gibt es ein Teil-Fazit, als dass mit ihr eine Frau aus Nordrhein-Westfalen ein Buch über Merkel geschrieben hat.

Dieses Buch, um die 300 Seiten stark, mit einigen der durchaus nicht unbekannten Fotos der Kanzlerin angereichert (siehe erwähnte TVNOW-Dokumentation), ist dabei in erster Linie eine recht kompakte, aber auch kurzweilige Erläuterung der politischen Jahre Merkels. Allerdings nimmt Weidenfeld sich auch gut fünfzig Seiten Zeit, um über die Sozialisierung Merkels in der DDR zu schreiben und dabei mit so manch einem Klischee oder mancher Unwahrheit über die Kanzlerin aufzuräumen. Das ist dankenswert, ebenso sehr, wie dass Weidenfeld dabei auf jede Polemik verzichtet. Hier merken wir auch, dass sie sich mit der Geschichte der Geschichte auseinandergesetzt und Quellen analysiert hat. Sicherlich gäbe es zu dieser Zeit noch mehr zu sagen und zu schreiben, aber einen guten Eindruck bekommen wir hier vermittelt.

An späterer Stelle wird sie immer wieder darauf zurückkommen, dass eben auch Merkels Herkunft etwas damit zu tun habe, wie sie Entscheidungen trifft, dass Misstrauen sie immer begleitete, sie dadurch aber auch die beobachtende und nicht vorpreschende „uneitle Eitelkeit“ perfektionieren konnte. Da mag nicht jede Leserin und jeder Leser immerfort zustimmen, da Weidenfeld hier aber so gut wie nie zu einem „Es musste so kommen“ neigt, lässt sich damit gut umgehen und im Zweifel ein anderer Schluss ziehen, ohne das Buch zu verteufeln.

Gute Momente und plumpe One-Liner

Wie es überhaupt wenig zu verteufeln gibt in den neun Kapiteln, die zwar grob chronologisch ablaufen, vor allem aber thematisch aufgebaut sind, was ein feiner Kniff ist. So gibt es neben der Einleitung „Abgang“ das beschriebene Kapitel „Leben“; nicht fehlen dürfen hier „Männer“ und „Frauen“. Was die Männer angeht, nimmt Weidenfeld sich auch hier viel Zeit und räumt die „schwarze Witwe“ aus dem Weg. Eben eines jener gängigen Klischees, mitkreiert von westdeutschen, cis-männlichen Journalisten, die, wenn es um Angela Merkel ging, wohl immer vergaßen, dass Politik Verdrängung ist. Weidenfeld beschreibt und analysiert das sehr fein, nutzt das Kapitel auch um einiges über die Abläufe in der Politik zu erläutern.

Im Kapitel „Frauen“ gibt es ein Unterkapitel „Freundin“ und es wundert, dass hier Annegret Kramp-Karrenbauer nicht auftaucht. Das tut sie dann im Kapitel „Enttäuschungen“, was auch naheliegt. Dennoch verband die beiden zeitweilig ein enges Verhältnis. Übrigens erläutert Weidenfeld an nicht wenigen Stellen die Abwesenheit von Emotion bei Merkel. Dabei geht es nicht immer nur darum, dass sie diese nicht zur Schau stellt, sondern sie spricht sie hier nicht selten schlicht ab und macht da auch das große Hadern der CDU mit ihrer langjährigen Chefin aus (und sie nehme dem konservativen Herzen der Partei die Möglichkeit zur Debatte von Themen wie der Ehe für alle). Auch bei einer Gegenüberstellung von AKK und AM, die eine „fühle“ die CDU, die andere wisse sie zu nutzen – daneben das Bild mit einer hocherfreuten Kanzlerin, die die gerade zur CDU-Vorsitzenden gewählte Kramp-Karrenbauer herzt. 

Hier wird’s dann immer mal etwas seltsam: Immerfort versucht Weidenfeld nun den Mythos zu begründen, dass Angela Merkels gezeigte Emotionen antrainiert, inszeniert und ergo also gestellt wären. Ob 2014 in Rio de Janeiro mit dem damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck wie auch überhaupt mit Fußballern, in der späteren Zeit mit Barack Obama (ihr Verhältnis zu ihm scheint Weidenfeld, die Obamas erste Memoiren wohl gelesen hat, ebenfalls eher falsch einzuschätzen) oder eben auch bei öffentlichen Auftritten im Ausland.

Eine letzte Analyse…

Dafür befasst sie sich lange und oft damit, dass Angela Merkel so etwas wie gelebte Langeweile, damit aber auch Verlässlichkeit sei; ihr jedes Charisma fehle, sie sicherlich eine Person sei, die nur in Deutschland gewählt werden dürfte – in Frankreich entscheide man sich für die Macrons und Sarkozys. Was stimmt. Sie kombiniert das aber auch damit, dass die großen Entwürfe fehlten, dass Merkel nur das abhandeln würde, was gerade ein Problem sei und so weiter. Da ist auch etwas dran, aber wir wählen so gut wie nie die großen Pläne. Schade, aber ist so. Es wäre mal Zeit, aber vielen Deutschen fehlt der Mut dazu, denn Veränderung ist unangenehmen und daher in letzter Konsequenz nicht gewollt. Man sollte einer Kanzlerin, die nach aktuellem Stand gut durch harte, und schnell folgende Krisen geführt hat, hier zugestehen, dass das selten die Zeit für die großen Würfe ist. 

Aber leider kommt Weidenfeld dann eben doch immer wieder in diese typisch deutsche Interpretation der Dinge: Nie passt’s, aber irgendwie geht’s. Alles ist komplex, aber wieso eigentlich? Klar kommen wir zehn Minuten zu spät, aber wehe es kommt noch jemand später! Etwas, das Weidenfeld an einer Stelle auch analysiert, wenn sie darüber schreibt, warum ein sinnstiftendes, humanes Europa nicht umgesetzt werden konnte: „weil die Deutschen so sind, wie sie sind, […]“ Und dann tappt sie in die gleiche, polemische „Es ist nie gut genug“-Falle. Das ist bedauerlich. Die letzten Teile des Buches – „Katastrophen“ und „Enttäuschungen“ und auch „Vermächtnis“ – lesen sich wie aus dem Choral all jener, die schon lange wussten: Mit einer Frau wird es schwierig, mit einer aus dem Osten erst recht und überhaupt bleib sie viel zu lange. Edmund Stoiber dürfte vor Begeisterung ein Haarstreif einen Millimeter weiter nach rechts verrutschen. Sie verfällt hier leider, leider ebenso in den Robin Alexander’schen-Polittainment-Ton, der lieber mal einen raushat, als eine wirklich sinnstiftende Analyse zu geben. 

…die der Vernunft entsagt

Ist das dann Ironie des Schicksals? Opfer der eigenen Kritik zu werden?! Möglich, vielleicht entscheidet darüber auch die Geschichte. Festzuhalten bleibt, dass Ursula Weidenfeld mitnichten ein unfeines Buch geschrieben hat, sie ist in jeder Hinsicht weit von den Gertrud Höhler’schen Stupiditätsexzessen entfernt, arbeitet vieles kompakt und griffig auf. Was das angeht: Für jene, die schon interessiert sind, ist in den Abläufen nichts Neues zu finden. Dafür aber eben in der Betrachtung und Analyse, die in Einzelpunkten zumeist fair, wenn auch nicht immer positiv ausfällt. Das aber ist ebensowenig Aufgabe eines solchen Buches, wie alles in jeden noch so feinen Kontext einzuordnen.

Leider ergeht sie sich aber doch an mancher Stelle in einer gewissen journalistischen Hochnäsigkeit, es doch besser zu wissen, auch sie ist nicht davor gefeit, es als eine im Westen aufgewachsene Person ohnehin besser im Blick haben zu wollen, sie neigt schließlich vermehrt zu manch einer überdramatischen Formulierung, stellt Dinge, die weit auseinanderliegen, in eine direkte Beziehung und ihre am Ende beinahe dystopisch klingenden Einschätzungen hinterlassen ein seltsames Gefühl. Vor allem jenes, hier das Buch nicht einer, sondern zweier Autorinnen gelesen zu haben, denn ihr Fazit hat mit vielem davor wenig zu tun. Es scheint zudem so, als hadere Ursula Weidenfeld ein wenig zu sehr mit der Vernunft Angela Merkels und was nun daraus zu machen sei. Es war wohl zu früh für diese dennoch kurzweilige Porträt-Bilanz. 

AS

Ein paar Gedanken, die uns noch wichtig sind, es aber nicht mehr in die Besprechung schafften:

I: An nicht wenigen Stellen, entsteht der Eindruck, Ursula Weidenfeld romantisiere die CDU ein wenig (zu sehr). 

II: Wir wollen jetzt Roberts Reise von Michael Schindhelm lesen.

III: Weidenfeld scheint auch damit zu hadern, in welcher Rolle sie eine Kanzlerin oder einen Kanzler gern sehen möchte: Soll diese Person sich nun in alles einmischen oder eben die zuständigen Ministerien agieren lassen, dann aber dort auch die Verantwortung für Fehler verorten können dürfen?! Sie widerspricht sich hier häufiger, was irritiert und an mancher Stelle so wirkt, als mache sie sich die Welt, wie sie ihr gefällt.

IV: Wer Merkel über so lange Zeit „begleitet“ hat, sollte mehr Nuancen aus ihrem Verhalten lesen können (wollen).

V: Ursula Weidenfeld, wie auch viele andere Kommentierende und Journalistinnen und Journalisten, scheinen den meisten Deutschen ein großes Wissen über politische Abläufe, den Föderalismus und derlei zuzutrauen. Wir wagen das zu bezweifeln, auch wenn wir es uns wünschten. Aber dennoch: Wenn dem so wäre, wäre es doch auch egal, dass Merkel verklausuliert spricht, denn es wüssten ja beinahe alle, was sie meint. Oder?!

VI: Ja, ja, wir müssen noch Barack Obamas Erinnerungen besprechen. Folgt!

Ursula Weidenfeld: Die Kanzlerin – Porträt einer Epoche; 1. Auflage, August 2021; Hardcover mit Schutzumschlag, mit Lesebändchen; 352 Seiten; Rowohlt Berlin; ISBN: 978-3-7371-0123-3; 22,00 €, auch als eBook erhältlich

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