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Die letzten düsteren Jahre im Exil, durchbrochen von vereinzelten Sonnenstrahlen

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Zuletzt aktualisiert am 26. März 2020

Rupert Everett hat beinahe zehn Jahre darum gekämpft, endlich sein absolutes Wunschprojekt realisieren zu können – einen Film über die letzten Lebensjahre Oscar Wildes nach seiner Entlassung aus der zweijährigen Haft mit Zwangsarbeit. 

Grob unsittliches Verhalten

Everett übernimmt in dem Film nicht nur die Hauptrolle, sondern führte auch Regie, ein Debüt für ihn, und schrieb das Drehbuch. Neben ihm sind Colin Firth, dessen Beteiligung wohl einer der wesentlichen Gründe war, dass die Finanzierung am Ende zustande kam, als Reggie Turner und Emily Watson in einer kleinen, aber nuancierten Rolle als Wildes entfremdete Ehefrau Constance die bekanntesten Namen des talentierten Casts.

Oscar Wilde wurde am 25. Mai 1895 wegen grob unsittlichen Verhaltens (engl.: gross indeceny) zu zwei Jahren Zuchthaus mit Zwangsarbeit verurteilt. Als Grund seiner Verurteilung waren aber offiziell nicht seine Homosexualität oder sein Verhältnis zu Lord Alfred Bosie Douglas, sondern sein Umgang mit männlichen Prostituierten genannt worden. Am 19. Mai 1897 wurde er aus der Haft entlassen und verließ England noch am selben Tag, um nach Paris zu gehen, wo er unter dem Namen Sebastian Melmoth seine letzten drei Jahre verbrachte. 

Edwin Thomas (Robbie) & Rupert Everett (Wilde) // © Concorde Filmverleih / Wilhelm Moser

Genau um diese drei letzten Jahre im Leben des irischen Schriftstellers dreht sich der Film Everetts. Wildes vorheriges Leben wird nur in wenigen und dann auch eher halluzinatorisch geprägten Rückblenden, sowie dem einen oder anderen Gespräch gestreift. 

Oscar Wilde erfährt Unterstützung und vor allem Gesellschaft von seinem alten Freund Reggie und seinem ersten Geliebten, Vertrauten und Lektoren Robert „Robbie“ Ross (den Neuentdeckung Edwin Thomas bravurös verkörpert). Ross wird es später auch sein, der den Nachlass von Wilde verwaltet. Eines Tages kommt auch Bosie Douglas (Colin Morgan, den meisten bekannt aus Merlin, der eine gute Performance bietet, allerdings wenig Ähnlichkeit mit dem wirklichen Lord Douglas hat) Wilde besuchen – seine vermeintlich große Liebe und letzten Endes Grund für den Skandal um Wilde, doch so recht von ihm lassen kann und will Wilde nicht.

Rupert Everett (Wilde) & Colin Morgan (Bosie) // © Concorde Filmverleih

Selbst-Zerstörerisch

Es mag sich einem kurz die Frage aufdrängen, ob Rupert Everett, der Eitelkeit nicht unbekannt, wirklich die richtige Besetzung als Oscar Wilde ist, auch wenn er denselben bereits auf der Bühne verkörpert hat. Sie kann nur bejaht werden, auch bei einem direkten Vergleich mit Stephen Fry, der Oscar Wilde kongenial im gleichnamigen Film (engl.: Wilde) spielte. Everett ist sich nicht zu schade, den kranken, gebrochenen Mann, der Wilde in diesen letzten Jahren war, in all seinen dunklen Facetten darzustellen. 

Colin Firth als treuer Freund Reggie // © Concorde Filmverleih

So wird auch immer wieder betont, dass Oscar Wilde nicht nur Opfer der viktorianischen Gesellschaft und der Justiz war, sondern auch selber Täter – als ein Mensch, der aus Eitelkeit, Egoismus, auch Geltungsdrang, nicht nur sich selber, sondern auch die Menschen um ihn herum – auch solche, die er liebt – zerstört. 

Ein kleines Problem des Films ist allerdings, dass sich die eine oder andere Szene etwas unnötig streckt und die erste Viertelstunde einen äußerst schwierigen Einstieg bietet. Hinzu kommt, dass, wer sich noch nie mit der Lebensgeschichte Wildes befasst hat, an der einen oder anderen Stelle ein wenig verloren sein dürfte. Wer hier nicht wirklich den Wunsch hat diesen Film ganz bewusst zu schauen, wird ihn schlimmstenfalls einfach lassen. Was schade wäre, da es sich lohnt und man den Film im besten Sinne als eine Erfahrung bezeichnen kann. 

Emily Watson als Constance Wilde // © Concorde Filmverleih

Ein Herzensprojekt

Everett hat ein solides Drehbuch abgefasst, auch wenn manch ein Dialog etwas holpriger geraten ist, als er selbst es sich beim Verfassen gewünscht haben dürfte, das fällt insbesondere im Vergleich mit eingebrachten Originalzitaten Wildes auf. Sehr zu begrüßen ist, dass der Film in der englischsprachigen Originalfassung über einige Strecken sowohl auf französisch, als auch italienisch ist (natürlich mit Untertiteln), das verleiht ihm eine große Authentizität und trägt wesentlich zum Gefühl des Films bei. In der deutschen Fassung sind die französischen Dialoge wohl direkt übersetzt worden. 

Der Score von Gabriel Yared ist zurückhaltend-elegant, nahezu frei von Pathos und unterstützt die Wirkung einzelner Szenen entsprechend gut, ebenso wie die Ausleuchtung in den meisten Fällen passt, auch wenn die Inszenierung hier und da ein wenig hölzern wirken mag.

Rupert Everett als Oscar Wilde // © Concorde Filmverleih

Man merkt The Happy Prince deutlich an, dass es sich um ein absolutes Herzensprojekt Rupert Everetts handelt, was er auch in einem empfehlenswerten Interview mit Sigrid Fischer im Deutschlandfunk betont. Ebenso ist dieser feine Film nur zu empfehlen, am besten kombiniert mit Everetts unvergessener Leistung in Another Country.

Happy Prince Poster

The Happy Prince; Belgien, Deutschland, Italien, Vereinigtes Königreich, 2018; Regie: Rupert Everett; Drehbuch: Rupert Everett;  Musik: Gabriel Yared; Darsteller: Rupert Everett, Colin Morgan, Edwin Thomas, Colin Firth, Emily Watson, Tom Wilkinson, Anna Chancellor, John Standing; Laufzeit: ca. 106 Minuten; FSK: 12; Concorde Filmverleih; Prädikat: Besonders wertvoll; erhältlich auf DVD, Blu-ray und digital

Seht hier den deutschsprachigen Trailer

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