Die Macht der Vielfalt und manche Einseitigkeit

Beitragsbild: Hintergrund Landeshaus Kiel (Foto: Matthias Süßen, CC BY-SA 4.0), darauf das Buchcover.


Diese Rezension ist neben der regulären Besprechung politisch geprägter Bücher auch Teil unserer Kategorie Superdupermegawahljahr 2021.

Die Grünen-Politikerin Aminata Touré hat ein Buch geschrieben, das wie auch die Bücher des Grünen-Co-Vorsitzenden und Teilzeit-Heilsbringers Robert Habeck im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen ist. Touré ist als kritische Stimme in Bezug auf systemischen Rassismus auch über ihre Funktion als Landespolitikerin in Schleswig-Holstein hinaus in Deutschland bekannt, kandidiert aber leider nicht für den 20. Deutschen Bundestag. Aber jüngste Landtagsvizepräsidentin ist ja auch ganz cool. Außerdem ist sie Sprecherin für Migration & Flucht, Antirassismus, Frauen & Gleichstellung, Queer und Religion. 

Die Lesenden mitdenken müssen

Dazu lässt sich wohl einiges sagen oder auch schreiben. Und das hat sie halt gemacht. So geht es in Wir können mehr sein – Die Macht der Vielfalt ziemlich viel und ziemlich gut um Rassismus und so wütend, wie Touré an mancher Stelle zu schreiben meint, ist ihre oft fein strukturierte Analyse gar nicht. Aber sie schreibt eben auch, ziemlich zum Ende des Buches, dass sie halt beim Schreiben irgendwie ebenso jene mitdenken muss, die sich eigentlich gar nicht sooo gern mit ihrem eigenen Rassismus und ihren Vorurteilen auseinandersetzen wollen.

Primär weist sie aber schlicht auf Fakten hin. Das deutlich, aber nicht polemisch. Das ist der eine Punkt. Der andere ist, und hier wird’s dann leider schwierig, dass sie politisch in mancher Hinsicht unausgewogen und wenig realpolitisch argumentiert, dies aber in einem Kontext der vorgibt „alternativlos“ zu sein. Das ist schade und nimmt dem Buch etwas den Impact. Aber eins nach dem anderen.

Zunächst einmal ist das Buch alles in allem knackig geschrieben ohne auf Inhalte zu verzichten. Bedeutet, dass Touré zwar gern mal einen raushaut, aber zuvor ausreichend Input gegeben hat, um die – nicht immer erfreuliche – Pointe entsprechend wirken zu lassen. Wenn Wir können mehr sein eines immer wieder deutlich macht, dann dass wir weit größere Probleme mit rassistischen Strukturen haben, als manch ein freundliches Lächeln in der Bundespressekonferenz es vermuten lässt. Und nur allzu gern dazu neigen, das achselzuckend hinzunehmen; auch jene unter uns, die sich da gar nicht so miteinbeziehen würden, weil wir sind ja urban und haben People of Color im Bekanntenkreis und so. 

69 ist nicht witzig

Und dann gibt es natürlich jene, die 69 zum 69. in der Tat witzig finden. Hier gebührt Aminata Touré größter Respekt, dass sie die nicht einfach als zynische Arschlöcher beschreibt. Ich hätt’s ja gemacht. Stattdessen schreibt sie bisweilen lyrisch (kurze Gedichte durchziehen das Buch, ebenso zitiert sie hier und dort Audre Lorde oder Maya Angelou) und schreibt dazu passend: „Das Schreiben von lyrischen Texten ist für mich eine politische Ausdrucksform.“ Das trifft definitiv zu. Etwas, das geneigte Leser*innen auch im ausgezeichneten Buch Flucht von Andreas Kossert deutlich werden könnte (ernsthaft, eines der besten Bücher aller Zeiten, lest es).

So ist Wir können mehr sein quasi auch eine Art Experiment als Verknüpfung von eben dieser lyrischen Sprache und dem politischen Argument – und allein der Titel ist auch gar nicht so weit weg von dem des vorletzten Buchs von Habeck: Wer wir sein könnten (auch ein Buch über Politik und Sprache). Was aber nicht heißt, dass Touré hier oszilliert oder in irgendwas rein diffundiert. Das wäre auch nicht lyrisch, sondern primär prätentiös. Auch ist es ein Experiment, da Touré recht fein und über das ganze Buch gestreckt in Nebensätzen nachvollziehbar macht, wer eigentlich Schuld ist. Es sind die alten weißen Männer, und was sollen wir sagen: Ist halt so. 

Natürlich gibt es auch Figuren wie Erika Steinbach, Beatrix von Storch, Birgit Kelle oder recht fresh Judith Sevinc Basad. Mehrheitlich sind’s aber eben Männer, wenn wir über diese Strukturen reden und da ist es eine aufwühlende Kombination aus Rassismus, Sexismus (wenn sie die Zahl der weiblichen Ministerpräsidentinnen in der deutschen Geschichte aufzählt, ist das schon so ein Hoppla-Moment; übrigens zieht sie auch das empfehlenswerte Buch In der Männerrepublik von Torsten Körner als Quelle heran), Selbstgerechtigkeit und Anspruchsdenken. Wobei es etwas irritiert, wenn sie schreibt, dass Männer in der Politik eher nicht benachteiligt würden. Hier hätte man sich noch den Nebensatz gewünscht, dass das jedenfalls für alle gelten könne, die nicht beispielsweise Cem Özdemir oder so heißen.

Inkonsequent wenn es um die eigenen Partei geht

Natürlich arbeitet sie sich auch daran ab, noch einmal zu betonen, wie toll es ist, dass ihre Partei Bündnis 90/Die Grünen bei Listenaufstellungen und Co. ihre 50/50-Regel haben und Frauen dadurch nicht zurückgehalten werden. Das stimmt und wenn wir nicht gerade im Saarland sind läuft das ja auch ganz gut. Was dafür etwas kurz kommt, ist, dass die Grünen bei aller Menschenliebe eben doch lange darauf verzichtet haben, ihre sehr weiße erste Reihe zu hinterfragen. Zwar spricht Touré an, dass nun – auch durch sie – daran gearbeitet werde, aber bei allem Platz, den sie den Fehlern im System gibt, wäre es nur fair gewesen, auch die Strukturen ihrer eigenen Partei stärker zu hinterfragen. 

In einem recht langen (und etwas langatmigen) Kapitel beschreibt sie zum Beispiel, was für eine Tour de Force es war, als sie auf einen Listenplatz für die schleswig-holsteinische Landtagswahl kommen wollte (offensichtlich gelang es). Da steht dann der Satz, dass jemand zu ihr sagte, die eine Hälfte des Saales wolle sie ja gern. Wieso schlägt sie hier nicht den Bogen, die andere Hälfte zu hinterfragen? An sonst beinahe jeder anderen Stelle macht sie das, wenn’s aber um die eigene politische Heimat geht, nicht. Das ist inkonsequent.

Denn ansonsten verpasst sie keine Gelegenheit den Unionsparteien und auch den Freien Demokraten immer wieder einen mitzugeben. Oft ja nicht zu unrecht. Doch nun eine kurze Frage: Welche Parteikonstellation ist in Schleswig-Holstein am Regieren? Ach ja – die CDU unter Daniel Günther mit der FDP und den Grünen. Hier beschreibt sie zwar manch eine Schwierigkeit, versucht aber doch irgendwie, die Koalition wenig zu erwähnen. Insofern fehlt auch der Gedanke, dass eine CDU mit Daniel Günther eine andere ist als mit Friedrich Merz oder eine CSU mit dem Scheuer Andi. 

Einseitiges Bashing

Dass kommt wohl nicht von ungefähr, ist Aminata Touré doch eine starke Fürsprecherin eines linken Bündnisses. Auch das durchzieht das Buch und das ist eben Meinung. Sie baut es aber wie erwähnt als einzig echte Möglichkeit auf, um Veränderung zu bewirken. Darüber ließe sich nun trefflich streiten, doch ärgert der Kontext sehr. Viel schreibt sie in Wir können mehr sein vom Wert des Kompromisses und dann haut sie auf den Parteien der demokratischen Mitte rum. 

Ja, die Union hat ein Problem mit Personen wie einem Hans-Georg Maaßen, aber sie hat auch eine Karin Prien, die nicht nur Teil von Armin Laschets Zukunftsteam ist (und bleibt), sondern eben auch mit Tourés Fraktion in Kiel regiert. Und in welchen Parteien sind eigentlich Thilo Sarrazin (gewesen), Boris Palmer, Wolfgang Thierse, Jürgen Trittin, Klaus Ernst oder Sahra Wagenknecht?! Diese Einseitigkeit in einem sonst doch ausgewogenen Buch nervt. Vermittelt Touré doch den Eindruck, dass jene Parteien, mit denen sie nicht so gern arbeiten möchte (es in Schlewsig-Holstein aber doch schafft), mit einer Personalie stehen oder fallen würden. Jene aber, deren Ideen sie goutiert, mögen den einen oder anderen Bad Apple haben, aber so ist das eben, das muss ausgehalten werden. Das ist in höchstem Maße tendenziös und schlicht ärgerlich.

Zwar erwähnt Aminata Touré die Linke nicht direkt als einen Wunschpartner auch für eine Koalition auf Bundesebene, aber bei all dem FDP-Bashing ist deutlich, dass die nicht gemeint sein kann. Theoretisch gäbe es auch die Option Rot-Grün (oder Grün-Rot), aber das geben die Werte schon lange nicht mehr her. Dann eben R2G oder wie auch immer die Reihenfolge wäre. Und natürlich fand die Abstimmung zum Bundeswehreinsatz zur Evakuierung aus Afghanistan erst nach Fertigstellung des Buches statt. Aber wenn wir ernsthaft und aufrichtig über Menschenrechtspolitik sprechen, kann die Linke unmöglich eine Partnerin sein. Teile der Partei haben dem kommunistischen Regime Chinas zum 100. Geburtstag gratuliert (wie auch mancher Sozialdemokrat). Das soll also okay sein, aber wenn Angela Merkel mit Xi Jinping Wirtschaftspolitik macht, tritt sie Menschenrechte mit Füßen?!

Konsequenzen des Gedanken

Hier kann mensch nicht beides haben. Hinzu kommt, dass eine G2R und mehr noch eine R2G-Regierung ein wirtschaftspolitisches Desaster werden dürfte; Investitionen in die Zukunft zugunsten kurzfristiger, teurer, also die Schulden stark erhöhender, Pflastermaßnahmen aufgegeben werden dürften; wir außen- und sicherheitspolitisch noch stärker auf das Abstellgleis gerieten; sie sich stärker vom (böhöhöhsen imperialistischen) Westen ab- und offener und unreflektierter Russland und vor allem dem kommunistischen China zuwenden würde. Da muss noch nicht mal der SED-Nachfolgepartei-Pflock rausgeholt werden. Ein solches Bündnis sollte sich schon rein aus staatspolitischer Verantwortung verbieten. Punkt. 

Der Autor dieser Zeilen hält es nicht für unmöglich, dass gerade in der Zusammenarbeit mit Stimmen wie jener von Aminata Touré eine progressive Politik auch mit den Unionsparteien und den Liberalen möglich ist. Die magische Formel dafür sind gute Werte der eigenen Partei. Und die sehen so schlecht ja nun auch nicht aus. Davon abgesehen – der muss noch – wenn die SPD eines nicht ist, ist es progressiv. Auch in Hinblick auf Queerpolitik nicht, und nein, das hat nicht ausschließlich damit zu tun, dass der Koalitionspartner im Bund die CDU und CSU sind, es hat vor allem damit zu tun, dass die SPD Prioritäten hat und Migration, Frauen und Queer sind das nicht. 

So, das also stört in der recht absoluten Betrachtung Tourés eher. Es ärgert vor allem, weil sie ein wie erwähnt sonst argumentativ feines, mit der ebenfalls erwähnten Betonung vom Wert des  Kompromisses begleitetes Buch geschrieben hat. Wäre das ganze Ding eine Polemik, bitteschön. Aber das ist es nicht und das soll es augenscheinlich auch nicht sein. Es ist auch ein Motivationsbuch, ein großes „Wir schaffen das!“; betont sie doch auch immer wieder, dass durch Gedanken und Sätze wie „Ich kann doch gar nicht politisch sein, dafür bin ich nicht klug/weiß/reich/… genug“ das Debakel einer Nichtveränderung sich schon mal ankündigt.

Plädoyer für Vielfalt

Da ist Wir können mehr sein ein großartiges Plädoyer für mehr Selbstvertrauen zu Engagement. Auch mal über den eigenen Schatten zu springen. Auch einmal den Arm zu heben und zu sagen: „Ich habe auch einen Gedanken“. Sie macht Lust darauf, sich auch als Teil einer systematisch marginalisierten Gruppe (hier egal ob PoC, Queer, Frau, …) in den Fokus zu bringen. Die Art, wie sie hier schreibt, dürfte durchaus viele erreichen, verfällt sie eben nicht in die Bubble-Falle wie das gut gemeinte aber schlecht gemachte Nur mit uns

Dass sie aber doch Bündnisse, die über den Tellerrand hinausgingen, als nicht wertig genug sieht macht Wir können mehr sein schließlich doch zu einer eher zwiespältigen Angelegenheit. Empfohlen sei es dennoch, allein schon weil Aminata Touré einen feinen Einblick in politische Abläufe und das alltägliche und oft unterschätzte politische Arbeiten gibt, plus all die genannten Dinge in Bezug auf Rassismus (wovon wir nur einiges erwähnt haben, sie geht tief in die alltäglichen Erfahrungen, die sie machen musste und muss, rein).

JW

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Aminata Touré: Wir können mehr sein – Die Macht der Vielfalt; 1. Auflage, August 2021; 272 Seiten, Taschenbuch; ISBN: 978-3-462-00061-0; KiWi; 14,00 €; auch als eBook erhältlich

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