Die Person hinter dem Wahnsinn

Seit Anbeginn der Zeit suchen wir nach einer adäquaten Abwägung von Genie und Wahnsinn. Dabei ist Wahnsinn ein überschwänglich großes Wort, das an mancher Stelle kaschiert und anderer überhöht. Ist ein Säufer ein Wahnsinniger? Ist der verdrogte Wahnsinn Quelle aller Kreativität? Ugh, vielleicht, vielleicht auch nicht. Gern vergessen wird, dass diese so wohlklingende Zuschreibung den Menschen und seinen Kopf außen vor lässt. Als würde ohne ein Extra kein Geist möglich sein. Das ist plump. Das ist ungerecht. Die Retrospektive „Methode Rainer Werner Fassbinder“ in der Bundeskunsthalle Bonn versucht den Menschen hinter dem Wahnsinn-Narrativ in den Fokus zu rücken.

Erregende Spurensuche

Ob ihr das gelingt? Schwer zu sagen, wir haben sie noch nicht gesehen. Vielversprechend klingt aber, was die Pressemappe und Einlassungen der die Ausstellungen Gestaltenden (Susanne Kleine für die Bundeskunsthalle und Hans-Peter Reichmann und Isabelle Louise Bastian für das Deutsche Filminstitut und Filmmuseum) so her- und von sich geben. So wird in einer Mitteilung Fassbinders „sperrige, kritische Haltung“ erwähnt, etwas, das wir uns doch heute nur noch und nöcher wünschten, in unserer nun aber allgemein professionalisierten Erregunshaltung dann doch nicht mehr goutieren wollen. 

Angst essen Seele auf (El Hedi Ben Salem, Brigitte Mira) – ein Bewusstsein, das man schon hätte etablieren können // © DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, Frankfurt am Main / Sammlung Peter Gauhe; Foto: Peter Gauhe

Die chronologisch aufgebaute Ausstellung nimmt sich vor „auf eine Spurensuche zu gehen und Fassbinder auch einem breiteren Publikum in all seinen Facetten vorzustellen – untrennbar verbunden mit der deutschen Kultur, Gesellschaft und Politik.“ Sie will betonen, dass Fassbinder bei aller Eigenheit seine Wahlfamilie schätzte, quasi im Sinne eines „Kollektivs“. Auch hier – das muss mensch sich wohl aussuchen dürfen. Es gibt Stimmen, die meinen ohne Fassbinder wären sie nicht geworden und jene, die sagen, sie hätten trotz ihm existieren können. 

Die Ehe der Maria Braun ist ein Film, den es kein zweites Mal gibt. Auch hier passt das Wort sperrig, aber sperrig war auch die Kultur, der Geist der Zeit – den wir in den Erfahrungen der Charaktere abgebildet bekommen (die Ausstellung spricht von „großer Intensität als Abbilder der Gesellschaft“, eine sehr großartige Formulierung). Bleierne Zeit und so. In der Erzählung, die primär im direkten Nachkriegsdeutschland stattfindet, antizipiert Fassbinder (und die Drehbuchautor*innen Peter Märthesheimer und Pea Fröhlich) schon einmal die unversöhnliche Bestimmtheit von verfestigter Unzufriedenheit. Dieser pessimistische Blick, der ihm zum Teil vorgeworfen wurde, ist eine fokussierte Bestandsaufnahme (es folgten Lola und Die Sehnsucht der Veronika Voss, die sog. BRD-Trilogie und Böll’sche-Vergleiche können angebracht sein). 

Gisela Fackeldey, Eva Mattes und Katrin Schaake in Die bitteren Tränen der Petra von Kant (1972) // © Rainer Werner Fassbinder Foundation

Saufen, sniffen und Lyrik?!

Aber er war doch ein cholerischer Säufer mit erweiterten Drogenproblemen – was kann er schon gewusst haben? Nun, er kann gewusst haben wie man Lyrik verfilmt. Das hat er mit Effi Briest bewiesen. Der am 31. Mai 1945 geborene Fassbinder konnte Tonalität, konnte Momente. Wer sich die filmische Shitshow Goethe! von Philipp Stölzl ansieht, kann vielleicht nachvollziehen, wo der Unterscheid zwischen Anspruch und Bewusstsein liegt.

„Fassbinder lebte und forderte Intensität.“, heißt es in der Mitteilung zur Ausstellung. Wohl wahr, hat der Mann doch mehr Filme gedreht als er Lebensjahre zubringen konnte. Dazu spielte er, sprach Hörbücher ein und so weiter. Vielleicht kannst du nur so produktiv sein, wenn du auch ein wenig wahnsinnig… also hier vielleicht manisch, bist?! Und immer wieder – Fassbinder, der Unangepasste, der den Angepassten und sich Anpassenden den Spiegel vorgehalten hat. Und dann ist der zerbrochen, wurde geklebt und nun haben wir Jan Böhmermann und Markus Lanz. Jede Zeit verdient ihre Charaktere.

Rainer Werner Fassbinder während der Dreharbeiten zu Rio das Mortes (1970) // © DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, Frankfurt am Main / Sammlung Peter Gauhe; Foto: Peter Gauhe

Eine Spurensuche ist der Anspruch der Ausstellung, sie will Fassbinder dem breiteren Publikum zugänglich machen „in all seinen Facetten vor[zu]stellen – untrennbar verbunden mit der deutschen Kultur, Gesellschaft und Politik.“ Sie will zeigen, wie Rainer Werner Fassbinder mit Rollenklischees, Antisemitismus , Migration, Queerness umging. „Radikal, innovativ, ungewöhnlich und bahnbrechend“, so beschreiben sie ihn und sein Wirken. Hoffen wir, dass die Ausstellung „Methode Rainer Werner Fassbinder“, dem eigenen Anspruch neben den wirksamen Adjektiven den Menschen zu zeigen, gerecht wird.

JW

Hands Up, Heiliger Johannes! – Rainer Werner Fassbinder und Elke Koska; action-theater. München, 1967 // © DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, Frankfurt am Main / Sammlung Hans Hirtreiter; Foto: Hans Hirtreiter

PS: Zeitnah werden wir den Katalog besprechen (wollen) und uns die Ausstellung natürlich auch ansehen.

PPS: Dass die Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn stattfindet, hat natürlich auch was für sich. 

PPPS: Über die Situation am eigenen Kopf zu scheitern, könnten wir eigentlich auch mal was machen. Das dann nach dem Brainfuck. 

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