Die Welt ist schlecht und der „Tatort“ weiß es

Die Tatorte der vergangenen Wochen waren mehr als schon häufig zuvor eine Geschichte um gesellschaftliche Entwicklungen, Missstände, das Abdriften in unschönere Gefilde und doch die Notwendigkeit des aufmerksamen Menschseins, ein Wachrütteln zu mehr Empathie. Dabei rückten allerdings oft die eigentlichen Fälle insofern in den Hintergrund, als dass der jeweilige Mord durch die Ermittlungen zwar das Hervorbrechen der anderen Dramen bedingte, oft aber kaum mehr in direktem Zusammenhang mit der Handlung stand. Was mal besser und mal weniger gut gelingt. Der Dortmunder Tatort Heile Welt ist wieder so einer. Und einer der deprimierendsten Tatorte und allgemein Filme, die ich zuletzt gesehen habe. 

Eine Leiche und viele Opfer

Im Keller des Gerberzentrums, einer Hochhaus-Siedlung in Dortmund, brennt es. Dabei wird die verkohlte Leiche einer jungen Frau gefunden. Schnell stellen die Rechtsmedizinerin Greta Leitner (Sybille Schedwill) und die Neue in der Mordkommission, Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger), fest, dass das Opfer Anna Slomka erschlagen wurde. Gemeinsam mit Martina Bönisch (Anna Schudt), Peter Faber (Jörg Hartmann) und Jan Pawlak (Rick Okon) ermitteln sie sich durch den Hochhauskomplex und schnell bemerken sie, dass sie in einen Schmelztiegel sozialer, religiöser und gesellschaftlicher Konflikte geraten sind. So versucht nicht nur ein populistischer Nachwuchspolitiker (Franz Pätzold) den Mord zur Stimmungsmache zu nutzen, auch die Aktivistin Anna Freytag (Jaëla Probst) instrumentalisiert das Geschehen und prompt sieht Bönisch sich Rassismus-Vorwürfen ausgesetzt, nachdem sie Hakim (Shadi Eck), den Sohn des Imams Abdul Azim Khaled (Ferhat Keskin) vorläufig festgenommen hatte, die nicht nur ihre Karriere gefährden sollen.

Noch lange kein eingespieltes Team: Peter Faber (Jörg Hartmann), Martina Bönisch (Anna Schudt), Jan Pawlak (Rick Okon) und ihrer neue Kollegin Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger). // © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin Menke

So ist auch dieser neue Tatort wieder in erster Linie ein Kommentar zu einem recht aktuellen, da immer mindestens unter der Oberfläche brodelnden, Konfliktthema, das, man verzeihe an dieser Stelle die ausgelutschte Formulierung, gesellschaftlichen Sprengstoff par excellence bereithält. Denn, so scheint es oft und dies gilt auch für die meisten (in)direkt Beteiligten in Heile Welt: Es gibt nur das vermeintlich Gute und das vermeintlich Böse. Schwarz und weiß. Du musst dich entscheiden und jede*r meint die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, nein, mit Suppenkellen. Nur absolute Positionierung oder eben Feindschaft. So etwas lässt keine Debatte und keine Nachfrage zu. Da ist es egal, ob die einen aus Menschenverachtung agieren und lebensfroh ihren gruppenbezogenen Hass zelebrieren und andere aus vermeintlich humanistischen Gründen gefährliche, unreflektierte und unmenschliche Handlungen verüben.

Im Grunde wirbt Heile Welt somit, ohne es deutlich zu formulieren, für mehr Dialog, dafür immer bemüht zu sein, Ansatzpunkte für ein Gespräch zu finden. So setzt er einen Gedanken vom Tatort: Hetzjagd fort, wenn auch weniger plakativ. Am deutlichsten wird das ausgerechnet durch das augenscheinliche Arschloch mit der guten Seele, Faber; aber auch Bönisch sucht diesen Austausch und respektvolle Menschlichkeit. Beide werden am Ende ein Stück mehr leiden und mehr von sich verloren haben, als diejenigen, die ihr unverrückbares Weltbild haben und keine Erschütterung desselben dulden. Das ist gekonnter und spannender Sozialkommentar.

Wo steckt ihr Sohn Hakim? Das wollen oder können Abdul Azim Khaled (Ferhat Keskin, 2.v.r.) und seine Frau Rana Khaled (Meryem Moutaoukkil, 2.v.l.) den Kommissar*innen Martina Bönisch (Anna Schudt, rechts) und Peter Faber (Jörg Hartmann, links) bei der Befragung im Wohnzimmer der Familie nicht verraten. // © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin Menke

Desinteresse an 50 Prozent des Teams

Jedoch misslingt die Neueinführung von Rosa Herzog vollkommen. Nicht nur, dass schon ihre erste Szene eine unsympathische Person präsentiert (vermutlich sollte sie dort tough und durchsetzungsstark wirken, es funktioniert aber nicht) und da impliziert wird, dass sie nun schon für eine gewisse Zeit im Team arbeitet, erfahren wir auch nichts zu ihrer Einordnung. Dann gibt es eine völlig seltsame „Du/Sie“-Konstellation mit Anna Schudts Martina Bönisch, die nie erläutert wird und gleichsam wirkt sie dicke mit Rick Okons Charakter, was aber auch im Dunklen bleibt. Nun aber auch nicht weiter interessiert.

Zwar bekommt sie am Ende die Gelegenheit, etwas „für das Team“ zu tun, doch das kommt forciert daher und bestätigt eine Frage, die sich schon früh bei ihr stellte: Wieso nicht vorher alle Blickwinkel ins Auge fassen? Der Charakter ist schlecht geschrieben und unmotiviert einseitig präsentiert. So wundert es kaum, dass Stefanie Reinsperger, die eine tolle Schauspielerin ist, in der Rolle bisher nicht überzeugt. Als Zuschauer*in sehen wir förmlich in jedem Moment, wie sehr sie mit der Figur Rosa Herzog fremdelt und nicht in sie reinkommt. Was nachvollziehbar ist. Wir werden sehen, ob sich das fängt (oder es das vielleicht sogar schon war).

Florian Zerrer (Sven Gey) ist der Hausmeister in der Gebersiedlung. In einem Kellerraum wird er von Kommissar Jan Pawlak (Rick Okon, hinten) und Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger, links) befragt. // © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin Menke

Apropos Rick Okon: Sein Jan Pawlak hat hier irgendwie wenig zu tun und bekommt einen Nebenhandlungsstrag um seine Familie, der dann allerdings auch nicht aufgelöst wird, wenn er auch mit einem „Ich will ja niemanden vorverurteilen“-Moment glänzt. Ich sehe Rick Okon sehr gern, doch hier hätte man ihn beinahe ersatzlos streichen können, ohne dass der Folge etwas verloren gegangen wäre. 

Spannend und komplex

Allerdings liefert Heile Welt optisch so einiges, insbesondere die Panorama-Aufnahmen der recht tristen Gegend um das Gerberzentrum und auch die Bilder zum Ende, als es zur Eskalation bei einer sogenannten Gedenkstunde kommt, sind große klasse. Anna Schudt streift hier mit einer ungläubigen und gleichsam wissenden Resignation durch die Nebelschwaden bengalischen Feuers, trifft noch eimal auf die Person, die das vermeintlich Richtige zu tun glaubt, jedes Mittel nutzt und ohne deren blinden Eifer viel Leid hätte verhindert werden können. Die Welt ist schlecht, egal wo wir hinsehen.

Eskalation im Gerberzentrum: Nach einer Kundgebung geraten die Unterstützer des rechten Nachwuchspolitikers Nils Jacob mit Gegendemonstranten aneinander. // © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin Menke

Tatort: Heile Welt: Läuft an diesem Sonntag, 21.2.2021, um 20:15 Uhr im Ersten, um 21:45 Uhr auf one und ist bis zum 21. August 2021 in der ARD-Mediathek verfügbar.

Tatort: Heile Welt; Deutschland 2020; Regie: Sebastian Ko; Drehbuch: Jürgen Werner; Musik: Olaf Didolff; Kamera: Philipp Kirsamer; Darsteller: Jörg Hartmann, Anna Schudt, Stefanie Reinsperger, Rick Okon, Sybille Schedwill, Jürg Plüss, Franz Pätzold, Tilman Strauss, Sven Gey, Shadi Eck, Ferhat Keskin, Meryem Moutaoukkil, Jaëla Probst, ; Laufzeit: ca. 89 Minuten; Eine Produktion der Bavaria Fiction GmbH (Niederlassung Köln) im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks für Das Erste

About the author

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.