„Du musst nichts tun, was Du nicht wirklich willst“

Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen ist seit einiger Zeit beinahe täglich Thema von Berichterstattung. Sei es die – dringend gebotene und viel zu zögerlich erfolgende – Aufarbeitung der nahezu unzähligen Missbräuche durch Angehörige der katholischen und evangelischen Kirche, seien es die diversen aktuellen Fälle in Nordrhein-Westfalen oder auch der Fall des im Dezember 2014 wegen sexuellen Missbrauchs verurteilten Neonazis Tino Brandt. Auf Grundlage dieses Falls hat Regisseur und Drehbuchautor Florian Forsch seine fiktive Geschichte um einen unsicheren Jugendlichen und die ihn manipulierende und missbrauchende Person entwickelt. Der stille und intensive Kurzfilm Bester Mann wurde 2018 als bester mittellanger Film mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet und war als bester Kurzfilm für den Österreichischen Filmpreis 2019 nominiert. 

Wir bauen uns ein „schuldiges“ Opfer

Für den etwas hageren Teenager Kevin ist es nichts Neues gemobbt zu werden. Doch als ihn eines Tages ein paar seiner Mitschüler im Wald abziehen und den Reifen seines Fahrrads die Luft ablassen kommt ihm ein Unbekannter zu Hilfe. Kevin ist sofort beeindruckt und fasziniert von dem etwas doppelt so alten Bennie. Erst recht, als der Kevin erzählt, er sei Talentscout, der „Models und so“ suche, aus dem Fotostudio in seinem Bungalow in seiner gut gesicherten Kleingarten-Anlage. Kevin will unbedingt, dass Bennie Fotos von ihm macht, überredet ihn beinahe. Selbst als die Fotos etwas freizügiger werden, lässt Kevin sich nach einigem Zögern darauf ein. Stück für Stück tastet Bennie sich weiter an Kevins Körper und in seine Seele vor, der genießt das Gefühl der Anerkennung und endlich einen guten Freund gefunden zu haben. Doch merkt Kevin nicht, auf wen er sich da eingelassen hat, wer wirklich hinter Bennie mit seinen ominösen Kontakten, der Deutschlandfahne im Kleingarten und der Thor-Hammer-Kette um den Hals steckt.

Beste Buddies?! Kevin (Adrian Grünewald) und Bennie (Frederik Schmid) // © Edition Salzgeber

Regisseur Florian Forsch hatte, wie er in einem Gespräch mit dem Verleih Edition Salzgeber angibt, ursprünglich vor, einen Film darüber zu machen, wie Jugendliche für die rechtsextreme Szene geködert werden. Doch dann stieß er über den o. g. Fall in Thüringen: Dort hatte ein Anführer der rechten Szene Jugendliche an Freier verkauft und nutzte das so eingenommene Geld um die Szene finanziell zu unterstützen. Aus dieser insgesamt 66 Fälle umfassenden wahren Begebenheit entwickelte Forsch die fiktive Geschichte um Kevin und Bennie. Den Fokus richtet er dabei auf die Manipulation und Anbahnung, das Schaffen eines emotionalen Abhängigkeitsverhältnisses und nicht auf die, durchaus stattfindende, Missbrauchstat als solche.

Bester Mann, entstanden als Abschlussfilm von Florian Forsch an der Kunsthochschule für Medien Köln (Postgraduiertenstudium), zeigt so eindrücklich wie erschreckend den gut funktionierenden Mechanismus des sogenannten Groomings. Bennie geht mit absoluter Selbstsicherheit und -gewissheit vor, um sein Opfer für sich einzunehmen, es zu manipulieren, ihm das Gefühl von Autarkie im Sinne von Entscheidungsfreiheit zu vermitteln und ihm durch Verbrüderung doch das Gefühl von gegenseitiger Abhängigkeit zu geben. Das wird besonders grausig an Stellen wie jener deutlich, an welcher Bennie sagt: „Ich dachte, Du bist jemand, auf den man sich verlassen kann“ und Kevin damit in vielerlei Hinsicht eine „Schuld“ auflädt. Schließlich hat man sich doch verbrüdert, hat Kevin doch die im übertragenen Sinne ausgestreckte, helfende Hand Bennies und im Wortsinne dessen Geschenke angenommen. 

Das Tabu der Sexualität und ihrer Sprache

So gewissenhaft, wie gewissenlos: Bennie (Frederik Schmid) // @ Edition Salzgeber

Kevin müsse sich einfach nur ein bisschen entspannen oder nicht auf einmal so ‚ne Pussy sein – es sind diese ins Mark gehenden Sätze, die den immer Gehänselten und Verletzlichen und um Anerkennung und Freundschaft buhlenden Jugendlichen dazu bringen „über seinen Schatten zu springen“, so als würde er hier irgendetwas frei entscheiden können. Obwohl doch Bennie durch methodische Manipulation Kevin längst jede Option genommen hat. Sich sein Opfer geschaffen hat, das nun selber glauben soll, die Grenzüberschreitung gewollt zu haben. 

In einem Film wie diesem, der beinahe wie ein Kammerspiel inszeniert ist, ist es ausnehmend wichtig, dass die beiden Hauptdarsteller miteinander funktionieren. Das tun sie absolut. Fredrik Schmid verkörpert das stolze Machtbewusstsein Bennies so selbstverständlich, dass es beunruhigend ist. Nur an einer Stelle meint man ein Gewissen ausmachen zu können, das kann aber auch Sorge über etwas ganz anderes sein. Adrian Grünewald (Sløborn) gibt den verschüchterten Jungen, der so gern cool und respektiert wäre mit der richtigen Mischung aus Furcht und Neugier, teilweise aufkeimendem Übermut. Aber eben auch das Spiel miteinander läuft auf ganzer Linie und ist so glaubwürdig, dass es den Zuschauer.innen erst recht mulmig wird.

Endlich mal cool sein: Kevin (Adrian Grünewald) // © Edition Salzgeber

Dass Forsch sich für diese Art des Erzählens und der Inszenierung entschieden hat, ist in vielerlei Hinsicht zu begrüßen. Zum einen bedeuten die von ihm gewollten Auslassungen, dass wir Zuschauende uns stärker mit dem Geschehen auseinandersetzen und intensiver reflektieren müssen. Zum anderen öffnet sie ganz andere Möglichkeiten das hier thematisierte Tabu in den Mittelpunkt von Diskussionen zu rücken. Eine Diskussion, die dringend notwendig ist – der Film sollte in jedem Fall verpflichtend für den Schulunterricht werden. Denn vor allem darum geht es; solche Missbrauchssituationen finden auch gestützt durch die Tabuisierung von Sexualität und vom Sprechen über Sexualität statt. Ein Problem im Übrigen, das auch Matthias Katsch in seinem Buch Damit es aufhört anspricht und als eines der wesentlichen, den fortgesetzten sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen mit ermöglichendes und vor allem vereinfachendes, ausmacht. Wir werden das Buch zeitnah noch eigehend besprechen. 

Ein Film, der in die Breite wirken sollte

Interessant ist an Bester Mann auch, wie für uns, die wir den Film schauen, kein Zweifel an der Gesinnung Bennies gelassen wird: Die Deutschlandfahne im mehr als gut abgesicherten und abgeschirmten Garten; die Thor-Hammer-Kette; das „White-Male“-Shirt, das sich Kevin heimlich von der Wäscheleine nimmt und in dem er stolz Selfies macht. Doch scheint Kevin das nicht zu registrieren. Spielt es keine Rolle für ihn? Ist er zu jung und naiv um es einordnen zu können? Dumm ist er jedenfalls nicht. Ein- oder zweimal stellt er das im Grunde doch völlig inhaltsleere Gelaber Bennies von Blut-und-Ehre mit einer smarten Gegenfrage. Doch Bennie weiß dann wieder gekonnt abzulenken. Abgesehen davon, dass Beeindruckt-, Naiv- und (Nicht-)Dumm-Sein ohnehin drei sehr unterschiedliche Kategorien sind. 

Das Ende des Films gibt uns dann neben den bereits angesprochenen Themen noch ein wenig mehr zum Auseinandersetzen mit auf den Weg. Das Schlussbild zum einen, aber auch die Reaktion Kevins auf den ihm angetanen Missbrauch zum anderen sind mindestens doppeldeutig (nicht zu verwechseln mit relativierend!). All das macht klar, dass der Film in die Breite wirken und vielseitig diskutiert werden sollte.

Plakat // © Salzgeber

Subtil, aber deutlich und unangenehm, weil notwendig, vermittelt der Kurzfilm Bester Mann Strategien zur Anbahnung („Grooming“) sexuellen Missbrauchs und die Schaffung eines für die Opfer nur schwer zu durchbrechenden Schuldnarrativs. Er stellt ein Tabu in den Mittelpunkt und eröffnet ein Debattenfeld, ohne dabei das Erzählen einer Geschichte außen vorzulassen. Ein Film der verpflichtend für den Schulunterricht werden sollte.

Anmerkung: Bei der Umsetzung des Stoffes wurde Florian Forsch auch vom Verein Zartbitter e. V. unterstützt (wenn auch leider nur in einem sehr begrenzt möglichen Rahmen, wie Ursula Enders aus dem Vorstand im Presseheft schreibt). Die Beratungsstelle gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen erarbeitet derzeit didaktisches Begleitmaterial zum Film, das noch in diesem Jahr erscheinen soll.

Bester Mann; Deutschland/Österreich 2018; Regie & Drehbuch: Florian Forsch; Musik & Ton: Moritz Kerschbaumer; Kamera: Dino Osmanovic; Darsteller: Adrian Grünewald, Frederik Schmid, Thomas Bartholomäus; Laufzeit: ca. 44 Minuten; FSK: 12; Edition Salzgeber; erhältlich auf DVD (ca. 15,00 €), als VoD und Download

AS

Seht hier den Trailer:

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Comments

    1. Lieber J*hannes, danke für deinen Kommentar. Unseres Wissens nach ist das Gegenteil von queer cis-Heterosexualität. Und Pädosexualität kommt leider bei Menschen jeder sexuellen Orientierung vor. Um deine Frage zu beantworten ein Auszug aus der „Über uns“-Seite: „the little queer review setzt sich aus queerer und queer-freundschaftlicher Sicht mit gesellschafts- und kulturpolitischen Themen auseinander.“ Somit behandeln wir nicht nur dezidiert queere Themen, sondern nehmen uns eines breiten Spektrums an. Viele Grüße.

  1. Queer meint immer gleichberechtigte Beziehungen. Das ist bei Pädosexualität nicht gegeben. Es ist auch nicht queer-freundschaftlicher. Es ist antiqueert und bedient reaktionäre Reflexe, dass Schwule pädophil sind und deswegen auch keine Kinder haben sollten.

    1. Lieber J*hannes, das ist unserer Einschätzung nach eine Interpretation, die du vornimmst. Diese Assoziation zeigt aus unserer Sicht umso mehr, dass hierüber viel mehr gesprochen werden muss, um das Stigma eines automatisierten Zusammenhangs zu nehmen. Nur wenn wir uns dem Diskurs stellen und Themen nicht den Mantel des Schweigens umlegen, kann hier ein Wandel stattfinden. Und zu diesem Wandel wollen wir auch mit unserem Beitrag zum streitbaren Film „Bester Mann“ beitragen.

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