„Du schläfst mit mir, als würdest du mich lieben“

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Es gibt diese Bücher, da gehen wir nicht nur aufgrund der vorhandenen Stimmen zum Buch mit einer gewissen, hier hohen, Erwartungshaltung ran, sondern auch, weil wir selber das Gefühl haben, ein Buch in der Hand zu halten, das es so noch nicht gibt. Dass beides in keinem Zusammenhang stehen muss, wird in dem Moment purer antizipierter Begeisterung gern einmal ignoriert. Ein Beispiel dafür ist in gewisser Weise das von Rezensent*innen weithin gefeierte Buch Die jüngste Tochter von Fatima Daas. In der Tat meinen wir ein Buch dieser Art noch nie in der Hand gehabt zu haben und ebenso ist es in Teilen schlichtweg beeindruckend. Doch ist es auch so, dass es dafür steht, wie eine große Geschichte auf den letzten gut zehn Seiten völlig kaputt gemacht werden kann.

„Ich bin eine Lügnerin. Ich bin eine Sünderin.“

Das Debüt der 1995 in Frankreich als Kind algerischer Eltern geborenen Fatima Daas, das in deutscher Übersetzung von Sina de Malafosse im Verlag claasen erschienen und für den Internationalen Literaturpreis 2021, der am 30. Juni vergeben wird, nominiert ist, ist wie gefühlt nicht wenige Bücher der letzten Zeit autobiografisch oder auch autofiktional. Ein großes Verdienst dieser in vielen Momenten sprachgewaltigen Geschichte ihres nach ihr benannten Alter-Egos, das im Buch jedoch schon mal etwas älter ist als die echte Fatima Daas, ist, dass es sehr unterschiedlich gelesen werden kann.

Das bedeutet, für manche von uns kann es ein Buch über eine junge Frau sein, die ihren Platz im Leben zwischen Glauben und Selbst sucht, dabei mit ihrer Homosexualität hadert. Für andere kann es ein Buch über eine junge homosexuelle Frau sein, die nie gelernt hat, wie Gefühle nicht nur ausgedrückt, sondern auch für sie selbst als annehmbar und völlig in Ordnung zu betrachten sind. Es kann ein Buch über eine junge muslimische Frau sein, die von ihrer Familie nie wirklich vermittelt bekommen hat, wie der Glaube zu leben ist. Es kann auch als die Suche nach Liebe in diversen Beziehungsformen gelesen werden, obwohl der Figur Fatima Daas Liebe im Grunde unbekannt ist.

Die jüngste Tochter bietet also schon einmal vielschichtige Betrachtungsmöglichkeiten. Dies wird durch die sehr kurzen, fragmentarischen Kapitel noch verstärkt. Dazu springen wir fröhlich durch die Zeit. Von der jüngsten Kindheit, an die sie sich kaum erinnert, zur Jugend, dem sehr jungen Erwachsensein und dem Bereich ihrer Mit- und Endzwanziger. Dabei ergibt sich manches Mal aus den Namen und Zusammenhängen in welcher Lebensphase wir uns gerade mit ihr befinden, manches Mal schreibt sie eine Jahreszahl oder ihr Alter. 

So entsteht für uns Leser*innen nach und nach aus einem stark verstreuten Puzzle ein eingängigeres Bild der mit vielen Dingen und Undingen hadernden Person Fatima Daas. Da ist ihre Homosexualität, die nicht mit dem gelebten muslimischen Glauben vereinbar ist. Hier sucht sie auf gewisse Art auch Selbstbestrafung, indem sie nicht nur ihrer bösen Seele die Schuld dafür gibt, sondern auch Gespräche über Homosexualität im Glauben sucht, wohl wissend, wie diese ausgehen werden. 

Da sind ihre diversen körperlichen und psychischen Erkrankungen und Belastungen, sicherlich verstärkt durch manch emotionales Trauma, das ihr ihre Kindheit mitgegeben hat. Eine beeindruckende und sprachlich starke, aber nicht an Wortreichtum krankende Stelle ist jene, in der Fatima Daas die Alkoholsucht ihres Vaters sehr deutlich andeutet. Groß! Wie die Übersetzung Sina de Malafosses überhaupt einen fantastischen Sprachfluss behält und uns dabei spüren lässt, dass „wir“ hier in Frankreich geschrieben wurden.

„Ich bin ein Irrtum, ein Unfall.“

Da ist das Nicht-Dazugehören: Sie ist keine Algerierin, auch wenn ihre Familie dort sie herzt. Sie ist keine echte Französin, bleibt dort immer fremd, auch weil es ihr aufoktroyiert wird. Sie ist kein richtiges Mädchen, auch weil sie hätte gar nicht sein oder, wenn doch, ein Junge sein sollen. Sie ist keine richtige Muslima, allein schon, da sie den Namen einer heiligen Figur des Islam trage und diesen beschmutzt habe, wie sie immer wieder schreibt. Sie ist keine Liebende, vielleicht aber eine Polyamore. Was sie noch am ehesten ist, ist eine verhaltensgestörte Beobachterin.

Ob sie dabei ihre Umgebung beobachtet wie während ihrer langen, eindrücklich beschriebenen Zugfahrten, oder sich selbst und ihre Reaktion auf andere, dabei auch manches Mal vielleicht unbewusst Grenzen austestend, ist beinahe nachrangig. Es scheint immer als würde sie sich damit auf einer Ebene selbst sehr nah kommen, um auf anderer Ebene die zu intensive Beschäftigung mit sich doch wieder zu vermeiden. In Teilen hat Die jüngste Tochter beinahe etwas autobiografisch-ethnologisches, ganz ähnlich wie ein anderes Buch der Stunde, das sonst jedoch gänzlich anders sein dürfte.

So führt Fatima Daas uns in ihrer Geschichte an mancher Stelle auch mal auf falsche Fährten. Wenn sie uns etwa mitteilt, dass die Heldin ihrer Geschichte Nina heißt, mögen wir denken, sie wird diejenige sein, die in großer Geste Befreiung bringt. Schnell lernen wir, dass wir uns nicht darauf verlassen sollten, allein weil die Die jüngste Tochter kein Buch großer Gesten ist. Es ist eines grausamer Momente und schmerzender Worte, nicht aber großer – sprachlicher – Gesten. Mit Ausnahme vom Ende. Wir werden dazu kommen.

Als größere Geste können zuvor noch die Worte verstanden werden, die sie insbesondere im letzten Drittel nutzt, um zu beschreiben, warum es immer weniger in ihren Kopf gehen mag, dass Homosexualität in ihrem Glauben keinen Platz haben soll, auch wenn ihr hier im Gespräch mit ihrer Mutter die Worte „schwul“ und „lesbisch“ nicht über die Lippen gehen wollen. Natürlich schon gar nicht, dass sie von sich redet. Auch hier tariert sie Grenzen aus.

„Ich habe eine Schwäche für Zerbrechlichkeit.“

Das macht die Autorin Daas auch beim Stil: Bis auf sehr wenige beginnt jedes Kapitel mit „Ich heiße Fatima [Daas]“ und baut sich dann von dort aus ihrer Erinnerung heraus auf. Manches Mal finden sich nicht nur im Kapitel Gebete, sondern sie lassen sich beinahe auch wie solche lesen. Andere sind beschreibend, wieder andere wertend, manche analysierend und weitere irgendwo dazwischen. Dabei klingen sie durch die Struktur oftmals ähnlich und es ist an uns, sie entsprechend einzuordnen. Da sind wir dann wieder am oben beschriebenen Punkt, dass wir alle ein sehr anderes Buch lesen können.

Dieser Stil hat aber auch Tücken. Er nutzt sich ab. Bei einer Buchlänge von knapp zweihundert Seiten sind wir gerade noch einmal davongekommen uns zu denken: Jetzt reicht’s bald. Ebenso mag es sicherlich Leser*innen geben, denen es zu lange uneindeutig ist, worauf die Autorin hinaus will oder ob sie überhaupt auf etwas hinaus will. Was manche fasziniert, mag andere befremden. So dürfte es nicht wenige geben, die sagen „Das Buch hat mich nicht erreicht“ oder Ähnliches. Die jüngste Tochter ist durchaus sehr experimentell und wie das bei Experimenten so ist, haben die eben nicht nur Anhänger*innen.

Ganz konventionell wird es dann allerdings leider, leider, leider am Ende. Nach allem, das vage gehalten, uns zur Interpretation überlassen wurde und wir uns schon auf eine Ende einstellten, das uns ein wenig im Ungefähren lässt und nicht gänzlich durchdekliniert ist, geschieht jedoch genau das. Ein Gespräch verändert alles, die Selbstbefreiung geschieht wortreich in zwei Etappen und schließlich auch derart kitschig, dass wir beinahe meinen auf den letzten Seiten habe eine andere Person geschrieben, weil sie mehr so ein Happy End wollte. 

Nun kann und soll jede Autorin schreiben, was und wie sie will. Sie erzählt ihre Geschichte, ob rein fiktional oder autobiografisch geprägt. Es irritiert hier jedoch arg, da es so scheint, als wäre Fatima Daas irgendwann klar geworden, diese Geschichte müsse nun zu einem Ende kommen und uns Leser*innen wäre dabei nicht allzu viel Interpretationsraum zu gestatten. Als solle dies noch gesagt werden, weil es vielleicht schön-er wäre?! Das Problem ist: Es hat weder im Ton noch in seiner Bedeutung irgendetwas mit dem Buch zu tun, das wir bisher gelesen hatten. Vielleicht ist es auch alles genau so gewesen, aber nicht jede Wahrheit bringt eine gute und erzählerisch wahrhaftige Geschichte.

Die jüngste Tochter ist eine teils beeindruckende, sehr experimentelle und sprachlich intensive Erfahrung, die nicht nur inhaltlich, sondern auch erzählerisch Grenzen austestet und gerade noch im Rahmen des nicht allzu Prätentiösen arbeitet. Es ist lesenswert. Aber klappt es auf Seite 183 zu. 

AS

Fatima Daas: Die jüngste Tochter; Aus dem Französischen von Sina de Malafosse; 1. Auflage, Mai 2021; Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag; 192 Seiten; ISBN: 978-3-454610-024-3; claasen; 20,00 €

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