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Ein Buch zum Staunen und Wundern

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Zuletzt aktualisiert am 22/09/2020

Für manche ist der tägliche Gang zum Supermarkt schon Abenteuer genug – bei manchen doof herumstehenden Co-Einkaufenden sehr nachvollziehbar. Andere haben das regelmäßige Abenteuer aber quasi zu ihrem Job gemacht. Erik Lorenz hat viele von ihnen in seinem Reisepodcast Weltwach interviewt und eine Auswahl seiner Gäste für sein Buchprojekt gewonnen. Abenteuer im Gepäck – Grenzgänger und Weltreisende erzählen ist das Ergebnis hieraus und es illustriert sehr gut, welche Erfahrungen seine Gäste auf ihren Reisen machen dürfen bzw. müssen.

Diverse Abenteuer außerhalb der Komfortzone

Lorenz füllt sein Buch mit Kapiteln zu 17 Abenteurerinnen und Abenteurern. Darunter sind so namhafte wie die am weitesten gewanderte Frau Christine Thürmer, der wohl bekannteste Bergsteiger Reinhold Messner oder der im Frühjahr verstorbene Survivalexperte Rüdiger Nehberg, dem Lorenz das Buch auch widmet. Darunter finden sich aber auch weniger bekannte Gesichter, wie beispielsweise Anselm Pahnke, der mit dem Fahrrad Afrika durchquerte, oder Stephan Meurisch, der vier Jahre lang von München nach Tibet wanderte.

Anselm Pahnke durchquerte Afrika von Süd nach Nord mit dem Fahrrad. // © Anselm Pahnke / National Geographic Buchverlag

Die meisten Gäste sind selbst publizistisch tätig und insgesamt dürften in Abenteuer im Gepäck die Autoren einer deutlich dreistelligen Zahl von Büchern und Publikationen versammelt sein. Das allein macht es zu einem sehr informativen Band mit hochwertigen Gästen, auch wenn auffällig ist, dass überproportional viele im Malik- und im National Geographic-Verlag veröffentlichen. Das ist einerseits zwar nachvollziehbar, denn auch Abenteuer im Gepäck erschien bei National Geographic, aber birgt auch die Gefahr, dass sich vieles in einer kleinen Blase abspielt und dort verbleibt. 

Hans Kammerlanders Weg führt nach oben. // © Hans Kammerlander / National Geographic Buchverlag

Für Erik Lorenz‘ Gastautoren besteht diese Gefahr nicht wirklich, denn sie leben ein Leben, in dem sie ihre Blasen und ihre Komfortzone verlassen und sich höchstens Blasen laufen. Wobei – nicht alle von ihnen erzählen von einer oder mehreren Wanderungen. Uli Kunz beispielsweise taucht ab in die Tiefen der Meere und Ozeane, Dirk Rohrbach paddelt mit dem Kanu durch Alaska und Hans Kammerlander besteigt zwar Berge, fährt sie dann aber per Ski hinunter (nicht irgendeinen, sondern den Mount Everest). Die Bandbreite der Beiträge ist also sehr imposant, aber dennoch sind fast alle Beiträge irgendwie mit der Ferne verbunden, weiten Gegenden, die man in Mitteleuropa mit seinen moderaten Temperaturen und Bedingungen nicht so kennt.

Buch oder Podcast?

Alle Gastautoren waren bereits bei Erik Lorenz im Weltwach-Podcast zu Gast. Insgesamt wurden bis dato mehr als 30 Folgen nur mit diesen Gästen veröffentlicht (einige mehr für die Mitglieder des zahlenden Weltwach Supporters Club). Die Beiträge sind ähnlich wie im Podcast im Interviewstil gehalten. Es gibt kursive Abschnitte, in denen Lorenz Infos gibt und auf den nächsten (nicht kursiven) Teil hinführt, in dem der oder die Gastautor/in ein Erlebnis oder einen Eindruck von dem Abenteuer schildert. Das ist eine sehr spannende und originelle Erzählweise, die man aus vielen anderen Reisebüchern nicht so kennt, vermittelt es doch einen gewissen Interviewcharakter. 

Stephan Meurisch lief vier Jahre von München nach Tibet. Hier ist er im Iran. // © Stephan Meurisch / National Geographic Buchverlag

Konsequenterweise ähneln sich die Folgen am Smartphone und die Kapitel im Buch zum Teil sehr. Wir haben sowohl die Gespräche mit den Gästen gehört als auch die dazugehörigen Kapitel gelesen und an vielen Stellen sind sie sich fast wortgleich. Das ist gut, um das Gehörte nochmal aufzufrischen und zu unterstreichen, aber es führt auch dazu, dass man sich überlegen kann, ob man nicht einfach mit dem Podcast zufrieden ist. 

Wo das Buch aber dennoch einen Mehrwert bietet, ist bei der Bebilderung. Anders als die Folgen, die nur etwas fürs Ohr bieten, gibt es in Abenteuer im Gepäck gute Illustrationen. Die Gastautoren haben hier zumeist tolle Bilder, die sie in Action, im Wartestand oder auch nur eine (meist) atemberaubend schöne Landschaft zeigen. Das hat man im Podcast natürlich nicht und das bietet einen deutlichen Mehrwert.

Eindrücke, wie diesen von Anselm Pahnke im Sudan, bekommt man im Podcast nicht zu sehen. // © Anselm Pahnke / National Geographic Buchverlag

Nicht immer trennscharf und ohne Fazit

Lorenz kategorisiert die Beiträge dies in den vier Kapiteln Aufbruch, Wildnis, Widerstände und Erkenntnis – quasi vier Phasen von Abenteuern. Das wirkt manchmal ein bisschen willkürlich und viele Beiträge könnten auch in mindestens einem weiteren Kapitel gut unterkommen. Das machen die Geschichten aber in der Regel wett, denn sie sind gut be- und geschrieben und fesseln die Leserinnen und die Leser unabhängig von ihren Labeln.

Erik Lorenz erklärt seine Kategorisierungen kurz in seinem Vorwort, ebenso wie die Motivation für seinen Podcast und sein Buch. Was allerdings ein wenig fehlt, ist eine alles zusammenfassende Klammer, ein Zwischenfazit nach jedem Kapitel oder ein Gesamtresümee am Ende von Abenteuer im Gepäck. Natürlich kann man aus den Titeln der Kapitel erahnen, was das verbindende Thema der jeweiligen drei bis fünf Beiträge ist, aber eine kurze Gesamteinordnung und -einschätzung seitens des Herausgebers wäre durchaus nett gewesen. Auch die Frage, warum Erik Lorenz gerade diese 17 Gäste ausgewählt hat und nicht andere aus den bisher mehr als 150 Folgen seines Podcasts, bleibt leider offen.

Stephan Meurisch hat seinen Aufbruch in die Wildnis trotz aller Widerstände nicht bereut. Auf dem Weg nach Tibet hat er Erkenntnis gewonnen. // © Stephan Meurisch / National Geographic Buchverlag

Alles in allem ist Abenteuer im Gepäck aber ein sehr spannendes Buch, das einen gerne zum Staunen bringt. Die Vielseitigkeit der Gastautoren, deren Reisen und Erfahrungen machen das Buch zu einem tollen Überblicksband über verschiedene Arten von Abenteuern und Erlebnissen. Im Reisegepäck ist das Buch daher genau so gut aufgehoben wie einige Folgen von Weltwach auf dem Smartphone, die sich überdies auch für die kleinen Einkaufsabenteuer gut eignen. Das mit dem Reisegepäck gilt allerdings nicht für Christine Thürmer, die ultraleicht unterwegs ist und das Buch als unnötigen Ballast empfände – für sie gibt’s nur die Audioversion 😉

Lorenz, Erik (Hrsg.): Abenteuer im Gepäck – Grenzgänger und Weltreisende erzählen; 1. Auflage, Mai 2020; Format: 16,8 x 24,1 cm; Hardcover, 192 Seiten, ca. 110 Abbildungen; ISBN: 978-3-86690-725-6; National Geographic Buchverlag; 24,99 €

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