Ein Leben wie gegrillter Oktopus

Dank Ehe für alle gibt es heute zunehmend Kinder, die zwei Mütter oder zwei Väter haben. Es gibt aber schon lange Kinder, die sogar zwei Familien und zwei Elternpaare haben. Die Geschichte einer solchen Kindheit in und mit zwei Familien erzählt der Journalist Alem Grabovac in seinem autobiografisch geprägten – er selbst spricht von einer Autofiktion, also einer Autobiografie mit fiktionalen Handlungsebenen – Roman Das achte Kind, der heute im Verlag hanserblau erscheint.

Ein behütetes Leben mit Friktionen

Der Hauptcharakter Alem Grabovac kommt Anfang 1974 als Sohn der Kroatin Smilja und des Bosniaken Emir in Würzburg zur Welt. Beide Eltern sind als Gastarbeiter in Deutschland, aber der Vater wird die Familie schon bald verlassen. Er war ein Taugenichts, landete später auf Goli Otok, dem schlimmsten jugoslawischen Gefangenen- und Umerziehungslager, das selbstverständlich auch in Marie-Janine Calics Biografie über Tito kritische Erwähnung findet. Nach einem Besuch Smiljas bei Emir verbannte diese ihn aus ihrem Leben. Sie zog mit Alem nach Frankfurt am Main, nahm dort einen neuen Job an und erzählte ihrem Sohn, dass sein Vater tot sei.

Da Smilja aber bald zurück zur Arbeit muss, gibt sie ihn mit sechs Wochen in eine Pflegefamilie. Marianne und Robert Behrens haben sieben teils bereits erwachsene Kinder und pflegen fünf fremde Kinder. Während die anderen Pflegekinder nach und nach Familie Behrens verlassen, bleibt Alem wegen einiger Umstände dauerhaft bei seinen Pflegeeltern und fährt nur an den Wochenenden zu seiner Mutter und ihrem neuen Freund Dusan.

Dass Pflegevater Robert Zeit seines Lebens den Nationalsozialismus verherrlicht und die Gräueltaten jener Zeit abstreitet, fällt dem kleinen Alem naturgemäß erst einmal nicht auf. Er fühlt sich wohl in seiner deutschen Familie, nicht zuletzt, weil die jugoslawische Familie in Frankfurt wegen Dusans Trinkerei und der Prügel, die Alem und Smilja einstecken müssen, so zerrüttet ist. Da sieht auch der heranwachsende Alem lange über die tief sitzende nationalsozialistische Gesinnung seines Pflegevaters hinweg, der ihn dennoch sehr gut behandelt und eine im Großen und Ganzen gute Vaterfigur abgibt. Trotz einiger Widrigkeiten wird Alem so eine relativ behütete Kindheit und Jugend ermöglicht, allerdings nicht, ohne dass er die Friktionen seiner Biografie und seiner Herkunft miterleben muss.

Als Rahmenhandlung dient die Geschichte um Alems Eltern: Smilja möchte nach vielen Jahren doch noch Dusan heiraten und sich somit von Emir scheiden lassen. Sie erfuhr, dass Emir bis 2016 in Belgrad gelebt hatte und erst dort gestorben war. Nun erzählt sie dem erwachsenen Alem die Wahrheit und er begibt sich nach Belgrad, um das Grab seines Vaters zu besuchen und auf seinen persönlichen Spuren zu wandeln.

Eine Geschichte führt Geschichten zusammen

Alem Grabovac erzählt in Das achte Kind überaus anschaulich, wie das Leben zwischen jugoslawischer und deutscher Tradition sein Leben und seine Kindheit beeinflusste und dabei auch unterschiedliche Pole aus der Vergangenheit zueinander brachte. Während der deutsche Pflegevater noch bis ins hohe Alter den Nationalsozialismus und seine Gräueltaten verherrlichte, fuhr der junge Alem jedes Jahr im Sommer mit seiner Mutter zu deren Eltern nach Jugoslawien. In dem ärmlichen Bauerndorf seiner Großeltern erlebte Alem ein ganz anderes Leben, ohne Luxus oder Sanitäranlagen. Dafür war sein Großvater ein alter Partisan, der im Zweiten Weltkrieg gegen die Nationalsozialisten kämpfte – also die Mitstreiter von Ziehvater Robert Behrens.

Ein Grab in Belgrad. Wenn auch nicht von Alems Vater, sondern von Titos letzter Frau Jovanka. // © HMS, the little queer review

Jede der verschiedenen Seiten erzählt ihre Geschichte, ihre Perspektive: der Großvater vom Kampf gegen die deutschen Besatzer, der Pflegevater davon, dass der Krieg nicht so schlecht gewesen sei und auch der Holocaust nicht so schlimm, wie es nun – in den 1980ern – immer wieder kolportiert wurde. Überhaupt werden die Männer- bzw. Vaterfiguren ganz überwiegend als fehlerbehaftet, großteils aggressiv, dargestellt, viele der Frauen hingegen als mut- und kraftlose Untertanen ihrer starken Männer – Marianne großteils ausgenommen.

Der junge Alem sitzt hier zwischen allen Stühlen, was im Verlauf des Buchs immer wieder deutlich wird. Aber anders als Großvater und Ziehvater spürt Alem Unverständnis für beide Seiten. In ihm stecken sowohl eine deutsche als auch eine jugoslawische Identität und diese führen ihn zu einer Abwägung, die nur jemand treffen kann, der beide Perspektiven betrachtet und dabei nichts schönredet.

Diese Abwägung, dieses Aufwachsen in zwei verschiedenen Welten, beschreibt Alem Grabovac sehr schön. Die unterschiedlichen Dimensionen einer inneren Zerrissenheit manifestieren sich in der Person des Protagonisten Alem sehr gut: deutsch versus jugoslawisch; leibliche versus Pflegeeltern; Auseinandersetzung versus Verdrängung. Ob es der zweigeteilte Urlaub mit Familie Behrens in Italien und anschließend der Mutter in Jugoslawien ist, die Karriere als Fußballer oder im Bildungsbürgertum oder einfach das Wochenende bei Mutter Smilja und dem prügelnden Dusan oder bei Familie Behrens und dem aufgebauten Freundeskreis im Schwäbischen – Alem wird zeit seines Lebens vor Entscheidungen gestellt und muss verschiedene Pole zusammen bringen.

Klar, es ist zu großen Teilen seine eigene Kindheit, die Alem Grabovac hier zu Papier bringt, die er um fiktionale Aspekte anreichert. Ganz bewusst habe der Autor „alles so schlicht und kristallklar wie nur möglich aufgeschrieben“ und Biografie und Fiktion untrennbar miteinander verwoben. Das ist einerseits sehr charmant, denn für aufmerksame Leserinnen oder Leser wird immer wieder die Frage aufgeworfen, was nun Fiktion und was Realität ist. Andererseits birgt das auch ein wenig die Gefahr, fiktive Elemente für sich selbst zu Realitäten zu erklären, zumal die Hauptfiguren mit Klarnamen auftauchen.

Eine Geschichte führt Geschichte fort

Alles in allem ist Das achte Kind aber ein überaus aufschlussreicher Roman, der die Geschichte eines Jungen und einer ganzen Gruppe junger Menschen erzählt. Die Zerrissenheit zwischen mehreren Heimaten, mehreren Identitäten, mehreren Geschichten wird in Alem Grabovacs gleichnamiger Romanfigur mehr als deutlich. Der Autor siedelt seine Handlung in einem Teil deutscher und jugoslawischer Geschichte an, der unser Land wie auch Jugoslawien lange prägte und so ein Band knüpfte, das Marie-Janine Calic in ihrer oben erwähnten Tito-Biografie bereits andeutete. Mehr darüber hinaus gehende Zeitgeschichte – ganz vorne die Balkankriege der 1990er-Jahre – werden ebenfalls angerissen.

Gleichzeitig spricht Alem Grabovac eine Reihe von Themen an, die wir nicht nur in der Woche des Gedenkens an die Befreiung von Auschwitz stets vor unserem kollektiven Auge haben müssen, die sich aber nicht nur aus einer Perspektive erzählen lassen. Das achte Kind ist somit ein Buch, das neben der Geschichte einer bewegten Kindheit die vielen Facetten und Perspektiven der Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs thematisiert und zugleich gekonnt fortführt. 

Alem Grabovacs Roman „Das achte Kind“ führt gekonnt wie ein Oktopus verschiedene Facetten seiner Kindheit zwischen deutscher Pflegefamilie und jugoslawischer Abstammung zusammen. Auch die unterschiedlichen Perspektiven der Historie und seiner Identität prägen die Jugend des Autoren und somit seine Autofiktion.

Eine Leseprobe findet ihr hier (unter Leseproben als pdf und epub).

Alem Grabovac: Das achte Kind; 1. Auflage, Januar 2021; 256 Seiten; Hardcover mit Schutzumschlag; ISBN: 978-3-446-26796-1; hanserblau; 22,00 €; auch als eBook erhältlich, 16,99 €

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