Ein neues Standardwerk?

Auch in diesem Jahr wurde am 27. Januar der Opfer des Holocaust gedacht, auch der homosexuellen Opfer. In Berlin zum Beispiel am Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen am Tiergarten oder in Schöneberg an der Gedenktafel für homosexuelle Opfer des Nationalsozialismus. Am 27. Januar 1945, also vor nunmehr 76 Jahren, wurde das Lager Auschwitz-Birkenau durch Truppen der Roten Armee befreit. Seither gibt es Debatten über die Einordnung von Opfergruppen und die Frage, ob ein Gedenken an die sechs Millionen ermordeten Juden dadurch geschmälert würde, dass auch anderen Verfolgten, Internierten und Ermordeten gedacht würde. 

Dies und die allgemeine Haltung der Gesellschaft und Öffentlichkeit in Bezug auf Homosexualität in der Nachkriegszeit, insbesondere während der sogenannten „bleiernen Zeit“, führte dazu, dass Untersuchungen zu deutschen und nicht-deutschen KZ-Häftlingen die aufgrund des Paragraphen 175 (sowie des 1935 neu geschaffenen § 175a) des Strafgesetzbuches, beziehungsweise damals Reichsstrafgesetzbuches, verurteilt worden waren, kaum möglich sein konnten. Somit blieb die Forschung zu den Rosa-Winkel-Häftlingen jahrzehntelang aus und lief schließlich zwar schleichend, aber bestimmt an. 

Nicht in „Zwangskategorisierungen“ denken

Das von der Historikerin Joanna Ostrowska, der Anthropologin Joanna Talewicz-Kwiatkowska und dem Historiker und Schriftsteller Lutz van Dijk in polnisch-deutscher Zusammenarbeit herausgegebene, im Berliner Querverlag erschienene, Buch Erinnern in Auschwitz auch an sexuelle Minderheiten widmet sich in den vielschichtigen Beiträgen, unter anderem auch der Forschungsgeschichte (zum Beispiel: „Es machte keinen Unterschied – Warum das Schicksal Homosexueller in Auschwitz erst mit Verspätung erforscht wird“ von Michael Berenbaum), wie auch der gern gebrauchten „Hierarchisierung“ der Opfer, so zum Beispiel im Beitrag des Münchener Historikers Stephan Lehnstaedt („Gegen eine Hierarchie der Opfer – Herausforderungen beim Erinnern an sexuelle Minderheiten“). Er plädiert hier dafür, nicht weiter in den von den Nazis vorgegebenen „Zwangskategorisierungen“ zu denken, nicht in Wir- und Sie-Gruppen (ein Problem, das auch die Holocaust-Überlebende Hédi Fried beschreibt) zu unterteilen und nicht in eine „Opferkonkurrenz“ zu treten.

Kurt Hillers Aufsatzsammlung aus dem Jahre 1922 gegen den § 175. Auch Hiller wurde zeitweilig in Konzentrationslagern festgehalten.

Der 1935 geborene Jurist und Soziologe Rüdiger Lautmann führt diesen Gedanken fort und warnt in seinem Kapitel „Die Fremdheit überwinden – Rosa Winkel, Auschwitz und Erinnerungskultur“ zwar vor einer engen Parallelisierung der „NS-Homosexuellenverfolgung mit dem Genozid an den Juden“, denn auch wenn „beide Terrorakte einen eliminatorischen Charakter“ gehabt hätten, so betraf dies „im ersten Falle die Sexualform, die in ihrer Gänze zum Verschwinden gebracht werden sollte, im zweiten Falle aber die Existenz sämtlicher Menschen jüdischer Herkunft.“ Dennoch, so Lautmann, könne es nicht überzeugend sein, „die grauenhaften Einzelmaßnahmen allein vom Judenmord her zu denken; das nationalsozialistische Gesellschaftsmodell sah eine vieldimensionale Umgestaltung vor.“ So seien neben der sogenannten „germanischen Rassenreinheit“ eine „soziokulturelle Nivellierung und politische Vereinheitlichung“ sämtlicher Bürger*innen die Ziele gewesen.

Im Weiteren beschreibt Lautmann, wie er sich in den 1970er-Jahren seiner eigenen, in dieser Form ersten, empirischen Erforschung zu homosexuellen Häftlingen verschrieb und darüber hinaus nach Möglichkeiten suchte „Holocaust und NS-Homophobie in Kommunikation zu bringen.“ Sein Abschnitt liest sie wie ein autobiografisch geprägter, wissenschaftlicher Essay, was für einige der zweiundzwanzig Beiträge in dem in fünf Haupteile gegliederten („Grundlagen und Umfelder“, „Geschichte der Forschung“, „Einzelschicksale“, „Praktische Konsequenzen“ und „Biografische Informationen zu § 175-Häftlingen im KL Auschwitz“) Erinnern in Auschwitz auch an sexuelle Minderheiten gelten darf.

Vom Gestern ins Heute und zurück 

Dem vorangestellt sind zwei sehr bewegende Geleitworte der Holocaust-Überlebenden Esther Bejarano, die Ehrenpräsidentin des Auschwitz-Komitees Deutschlands ist, und Marian Turski, Menschenrechtsaktivist und Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, der schreibt, dass er sich dessen schäme, „dass in meinem Land [Polen, Anm. d. Red.] Menschen, die aufgrund ihrer Funktion die geistige Führung beanspruchen, von einigen Kanzeln aus Anti-LGBT-Argumente verwenden, um das konservative gesellschaftliche Denken zu erhalten.“ In dem Band werden den Leser*innen an mancher Stelle nicht nur eingeschobene Hinweise zu der im Sommer und Herbst 2020 bestehenden Situation für LGBTQ*-Personen begegnen, sondern auch ausführliche und sehr diverse Beiträge zur „ersten polnischen Ausstellung zu § 175-Häftlingen in der Gedenkstätte Stutthof“ (Piotr Chruścielski), der Arbeit Lutz van Dijks in Bezug auf einen offeneren und würdevolleren Umgang mit Homosexualität in der Gedenkstätte Auschwitz, wie auch den bezeichnenden Beiträgen „Es geht immer auch um heute“ von Mariusz Kurc, dem Chefredakteur des einzigen polnischen LGBTIQ-Magazins Replika, und „Das ‚christliche Wertesystem‘ und der ‚Regenbogen-Freitag‘“ von Anna Dąbrowska. So verknüpft der Band hervorragend das Gestern mit dem Heute – eine der wesentlichen Aufgaben im erinnerungspolitischen Diskurs.

Ein weiteres wesentliches Alleinstellungsmerkmal der exzeptionellen Veröffentlichung ist ein starker Fokus auch auf lesbische Frauen im Konzentrationslager Auschwitz und anderen Lagern (Auschwitz seht im Mittelpunkt, aber für Vergleiche und Einordnungen werden auch andere KL erwähnt und die dortigen Situationen beschrieben) und das bewusste Streichen selbiger aus der Erinnerung von weiblichen Häftlingen, auch aufgrund sozialer Ächtung homosexueller Frauen vor und nach der Nazi-Zeit. Insbesondere in den slawischen Staaten galten gleichgeschlechtliche Liebe und Verhältnisse aus im Band kurz angeführten Gründen immer als verpönt, illegal ebenso. 

Auch wird der sexuelle Missbrauch im Lager nicht ausgespart, ausführlich erläutert im Forschungsabschnitt „Pipels und Puppenjungen – Über sexuellen Missbrauch an Jungen und Männern in Auschwitz“ von den beiden Co-Herausgeber*innen Ostrowska und van Dijk. Hier wird auch mit gern bis heute vermittelten Klischees aufgeräumt, die bei vielen noch immer zu den Rosa-Winkel-Häftlingen bestehen. Vielmehr wird im Band auf die völlige Ausgrenzung dieser als abnormal empfundenen Opfer, die innerhalb des Lagers am untersten Ende der Hierarchie standen, hingewiesen. 

Jedes Schicksal zählt

Wie die oben beschriebene Gliederung es schon benennt, werden auch reichlich Einzelschicksale beschrieben; auch bei diesen werden sowohl Frauen als auch Männer behandelt. Raimund Wolfert, der Mitarbeiter der Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft in Berlin ist, hat drei wunderbare Beiträge zu Alice Carlé, Ruth Maier und Karl Kipp verfasst, beziehungsweise teils für diesen Band editiert und aktualisiert. Lutz van Dijk steuert einen kurzen aber alle für dieses Format notwendigen Informationen enthaltenden Text über Fredy Hirsch bei. Jörg Hutter schreibt über Karl Gorath, der im Buch häufig auftaucht, der „als schwuler Mann vor und nach 1945 verurteilt“ wurde und Joanna Ostrowska über Roman Igler,  dem in Polen ähnliches widerfuhr. An diesen Stellen setzt sich Erinnern in Auschwitz auch an sexuelle Minderheiten auch mit den vergeblichen Bemühungen der überlebenden homosexuellen NS-Opfer auseinander, in der Bundesrepublik Deutschland auf Straffreiheit oder Entschädigung hinzuwirken. 

Stolperstein für Fredy Hirsch in Aachen, Richardstraße 7 // Foto: ArthurMcGill, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

Diesen ausführlich beschriebenen Einzelschicksalen folgt die alphabetische Übersicht samt einiger Daten zu den 136 bisher nachgewiesenen § 175-Häftlingen in Auschwitz, wobei es sich in erster Linie, aber nicht ausschließlich, um deutsche Häftlinge handelt, was auch daran liegt, dass der rosa Winkel primär den Deutschen vorbehalten blieb, während Häftlinge anderer Nationalitäten beispielsweise gern als politische Gefangene (rot, ab Ende 1937) geführt worden waren. Diese Liste Rainer Hoffschildts ist Teil des Ergebnisses einer über drei Jahrzehnte währenden Forschungsarbeit. Insgesamt sind „zu jedem KZ und zu zahlreichen weiteren Haftorten nun Daten vorhanden mit rund 3.000 Biografien“, wie Hoffschildt an die Herausgeber*innen schrieb. Das bedeutet, die für das Lager Auschwitz aufbereitete Liste stellt nur einen marginalen Teil der NS-Opfer des Paragraphen 175 dar. Was zum einen an den weiter oben beschriebenen Gründen liegt, zum anderen daran, dass diese vielfach in anderen Konzentrationslagern interniert waren. 

Die Fülle an Informationen, Quellen und Querverweisen ist derart reichhaltig, dass es Leser*innen an mancher Stelle fast erschlägt, insbesondere in einigen der sehr theoretischen und wissenschaftlich formulierten und aufgebauten Beiträge. So hat der Band auch keinen kongruenten Ton, von sehr essayistischen Beiträgen kann es in eine exemplarische Studienaufarbeitung hin zu einem an Quellen und komplexen Argumentationslinien reichen (sehr lesenswerten) Appell für eine queere Geschichte des Holocaust gehen.

Ein Band voll mit wertvollen Debatten

Bei der Lektüre ist also hohe Konzentration erforderlich, nicht zuletzt auch durch die Gestaltung, die die Verweise und Anmerkungen auf der selben Seite einbindet (was auf der einen Seite praktisch, auf der anderen im Lesefluss störend ist). Nahezu fatal allerdings ist, dass es kein Namenregister gibt. So ist sich der Rezensent beispielsweise sicher, den Namen Kurt Hiller gelesen zu haben, findet ihn aber nicht mehr und hat sich an dieser Stelle auch ausnahmsweise keine Notiz gemacht. Bei einer neuerlichen und wünschenswerten weiteren Auflage wäre dies eine tolle Ergänzung. Ebenso dürften die aufmerksamen Leser*innen an verschiedenen Stellen über manch einen Zahlendreher stolpern, was bei einem sonst so aufmerksam ausgearbeiteten Band unglücklich, aber nicht völlig empörend ist.

Sehr positiv hingegen ist die nicht nur gelungene länderübergreifende, in Corona-Zeiten mindestens doppelt so schwierige, Kooperation zu erwähnen, sondern auch die intergenerationelle Zusammenarbeit. Esther Bejarano wurde 1924 geboren, Rüdiger Lautmann im Jahr 1935, Insa Eschenbach, die einen irritierend-interessanten Beitrag zur Erinnerungskonkurrenz innerhalb der LSBTQ*-Verbände im Kontext der Gedenkstätte Ravensbrück verfasst hat, 1954, Lutz van Dijk 1955, die Co-Herausgeberinnen Ostrowska und Talewicz-Kwiatkowska 1983 und 1980 und der jüngste Beitragende ist mit dem Geburtsjahr 1984 Piotr Chruścielski. Solch ein Konzept geht nicht immer auf, hier glücklicherweise schon.

So ist Erinnern in Auschwitz auch an sexuelle Minderheiten eine reiche und wertvolle Sammlung diverser Beiträge zum aktuellen Forschungsstand in Bezug auf die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus, eine eingängige Beschreibung von Einzelschicksalen und gleichsam eine erschreckende Schilderung der gegenwärtigen Situation von LGBTIQ*-Personen in Polen und die Forderung einer würdevollen Erinnerungskultur, ohne in die Falle der „Opferkonkurrenz“ zu treten. Ein sowohl in die Breite als auch in die Tiefe gehender Band, der zum Standardwerk werden sollte.

Eine Leseprobe findet ihr hier

Joanna Ostrowska, Joanna Talewicz-Kwiatkowska, Lutz van Dijk (Hrsg.): Erinnern in Auschwitz auch an sexuelle Minderheiten; 1. Auflage, September 2020; broschiert, mit zahlreichen Fotos, 272 Seiten; ISBN: 978-3-89656-289-0; Querverlag; 18,00 €; auch als eBook erhältlich

AS

PS: Der Band soll im kommenden Jahr auch in Polen erscheinen. Was sprichwörtlich fantastisch ist. 

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