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Ein privilegiertes Leben auf unserem Planeten

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Zuletzt aktualisiert am 11/10/2020

Mit 94 Jahren ist man gut beraten, sich Gedanken über sein Vermächtnis zu machen. Sir David Attenborough, einer der bekanntesten britischen Natur- und Dokumentarfilmer, hat das getan. In The Devil all the Time beschreibt er sein Leben als Transfrau und wie Friedrich Merz die Vergessenen Pfade auf der Theresienwiese erklimmen kann.

Ach nein, wir kommen hier ganz durcheinander. Korrekt ist es so: In der Netflix-Dokumentation David Attenborough: Mein Leben auf unserem Planeten lässt er sein Leben Revue passieren, nennt dies seine „Zeugenaussage“ („witness statement“) und natürlich geht es schwerpunktmäßig um seine Sorge um die Biodiversität in der Natur. Letztere hat er über 70 Jahre lang bereist, erforscht und für die gesamte Welt erfahrbar gemacht. Wie er mehrfach betont, empfindet er diese Freiheit, dieses Leben, als großes Privileg.

Die Biodiversität ist bedroht

Und dennoch – wer seine jüngeren Dokumentationen gesehen hat, wird das verstehen – sieht er unsere Welt in Gefahr. Menschliches Handeln und der menschengemachte Klimawandel führen zu einem Massensterben der Arten, das es in der Milliarden Jahre währenden Geschichte der Erde zwar schon mehrfach gegeben habe. In der Vergangenheit sei dies jedoch ein langer Prozess gewesen, während die derzeitige Situation viel schneller vonstatten gehe.

© Netflix / David Attenborough: A Life On Our Planet

Der Verlust der Biodiversität und die Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen bedrohen nach seiner Einschätzung die gesamte Menschheit. Mit dem Rückblick auf sein Leben und sein Wirken illustriert Attenborough überaus anschaulich, wie der Mensch die Natur in den letzten knapp einhundert Jahren verändert und geschädigt hat.

Eine Reise durch sein Leben zeigt, was der Mensch in einem Jahrhundert angerichtet hat

Einer der wohl folgenreichsten menschlichen Eingriffe war die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986. An diesem Ort steigt er ein und lässt seine Gedanken schweifen. Es gibt zusammengeschnittene Szenen aus seinem früheren Leben und Wirken. Ein junger, oberkörperfreier David Attenborough in den 1950er-Jahren auf einem Segelboot oder mit Affe und Känguru auf dem Arm, 1960 im Flugzeug über Ostafrika mit Blick auf die Gazellenherden am Boden oder ein schon etwas reiferer Mann Ende der 1970er-Jahre in der Wüste, am Strand und in den Polargebieten zeigen die Reisen und die Eindrücke eines wahrlich eindrucksvollen Lebens. Dies setzt sich ebenso wie der stets illustrierte gesellschaftliche Fortschritt selbstverständlich fort bis zu den umjubelten und eindrücklichen Auftritten des Forschers auf der UN-Klimakonferenz im polnischen Katowice 2018 sowie im Gespräch mit der damaligen IWF-Chefin Christine Lagarde 2019.

Aber nicht nur der Mann, der seine Geschichte selbstverständlich selbst erzählt, wird gezeigt. Natürlich sieht man viele seiner bekannten und teils auch weniger bekannten Aufnahmen. Einige – von Pinguinen und weiteren Tieren – gefallen uns selbstverständlich. Andere – Monokulturen von Ölpalmen zum Beispiel – verstören uns eher.

Eine Palmölmonokultur stößt auf unberührten Urwald. // © Netflix / David Attenborough: A Life On Our Planet

Aber genau das sollen sie auch. Sie sollen zeigen, welche Schönheiten die Natur und ihre Biodiversität zu bieten haben. Und gleichzeitig, wie der Mensch darauf hinarbeitet, diese zu zerstören. Die regelmäßigen Einblendungen von drei Zahlen – der Weltbevölkerung, der CO2-Konzentration in der Luft sowie dem Anteil der verbleibenden Wildgebiete – die hier in einem direkten Zusammenhang stehen, verdeutlichen wie schnell das Artensterben und die Biodiverstität in den letzten 80 Jahren voranschritten. Oder, um es mit Attenborough selbst in Bezug auf die Artenvielfalt zu sagen: „Tree diversity is the key to a rainforest.“ (dt.: „Die Baumvielfalt ist entscheidend für den Regenwald.“) Analog gilt dies nicht nur für unsere Gesellschaft, sondern auch für alle Ökosysteme.

Auswege und Gegenmittel werden sanft erläutert

Attenborough macht aber nicht bei einer Tatsachenbeschreibung halt. Er zeigt uns, dass es nicht zu spät ist zu handeln, anders als beispielsweise Fridays for Future aber nicht mit erhobenem Zeigefinger und kompromisslosen Maximalforderungen. Bereits in der Vergangenheit haben Studien beispielsweise gezeigt, dass es dem Klima hilft, weniger Kinder zu bekommen. Leider ist diese Thematik in unserer Gesellschaft noch immer ein kleines Tabu, denn Kinder sind toll und unsere Zukunft. Attenborough und die Macher der Doku schaffen es aber, diese Thematik mit großer Sanftheit anzusprechen und dennoch klarzumachen, dass wir weltweit eine bessere Geburtenkontrolle, Bildung für Mädchen, etc. brauchen.

Ähnlich sensibel geht er bei der Forderung nach einer nachhaltigeren Ernährung oder nach breiter (Wieder-)Aufforstung vor. Diese Appelle dringen bei der Zuschauerschaft durch. Und so dürfte er es auch schaffen, nicht nur die ohnehin übliche Zielgruppe aus umweltbewussten Menschen zu erreichen, sondern auch jene anzusprechen, denen das Thema Klima- und Umweltschutz noch immer nicht so nahe ist.

In Tschernobyl holt sich die Natur ihren Lebensraum zurück. // © WWF-UK / David Attenborough: A Life On Our Planet

David Attenborough hinterlässt mit dieser Dokumentation über sein Lebenswerk tatsächlich ein kleines Vermächtnis. Er verkörpert das Gegenteil vom Klischee der „Umweltsau“, im Gegenteil, er setzt sich noch hochbetagt dafür ein, die natürlichen Lebensgrundlagen auch für künftige Generationen zu erhalten. David Attenborough: Mein Leben auf unserem Planeten ist eine aufwändig gemachte, eindrückliche Dokumentation, die mit schönen Bildern und auf sanfte Weise Themen anspricht, mit denen wir uns alle mehr auseinandersetzen sollten. Von uns gibt es daher eine ganz klare Empfehlung für diese Aufzeichnung eines Lebenswerks.

David Attenborough: Mein Leben auf unserem Planeten (David Attenborough: A Life On Our Planet); Regie: Alastair Fothergill, Jonathan Hughes, Keith Scholey; Erzähler: Sir David Attenborough; Musik: Steven Price; Kamera: Gavin Thurston; Laufzeit: ca. 83 Minuten; FSK: 6; seit dem 4. Oktober auf Netflix

HMS, Mitarbeit: AS

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