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Ein Wiedersehen mit Vorgeschichte

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Mit romantischen Dramen – egal ob schwul, lesbisch, queer oder hetero – kann es ja manchmal ein wenig schwierig werden. Es kann aber auch sehr gut werden (ein Beispiel dafür hier). Der Trailer, wie auch die Festivallaufbahn, des argentinischen Films End of the Century ließen uns bereits vermuten, dass wir es auch hier mit einem episch angehauchten romantischen Drama der besseren Kategorie zu tun haben. Dieser Eindruck soll uns alles in allem nicht getäuscht haben. Trotz eines leicht befremdlichen Kniffs zum Ende, haben wir es bei End of the Century mit einem der besten schwulen Filme zu tun, die es zuletzt gegeben hat.

Ein vermeintlicher One-Night-Stand & eine alte Verbindung 

Der argentinische Dichter Ocho (Juan Barberini) will nach einer Trennung seine neu gewonnene Freiheit genießen und verbringt seinen Urlaub in Barcelona. Schnell fällt ihm ein attraktiver Mann auf. Und dann erneut. Der Mann läuft ihm ständig über den Weg und Ocho kann seine Augen dabei kaum von ihm lassen. Diese Anziehung beruht wohl auf Gegenseitigkeit, denn als Ocho den spanischen Filmemacher namens Javi (Ramón Pujol) in seine Airbnb-Wohnung einlädt, landen die beiden prompt miteinander im Bett.

Der erste One-Night-Stand miteinander? // © PRO-FUN MEDIA

Am nächsten Tag treffen sie sich wieder und im Laufe eines längeren Gesprächs kommt heraus, dass sie einander kennen. Bereits vor 20 Jahren haben sie sich das erste Mal getroffen. Ein Treffen, das den Verlauf ihrer beider Leben und ihren Blick auf die Welt grundlegend veränderte. Wird es dieses Mal wieder so sein? Und: Kann es andauern?

Charaktere mit Charakter 

So vielschichtige und universelle Gefühle aufgreifend wie End of the Century klingt, ist er dann auch wirklich. Zu Beginn kann man sich nicht so sicher, als welche Art von Touristen wir Ocho einzuschätzen haben und auch nicht, wie er und Javi in Kontakt kommen werden. Das hat nahezu eine Katz-&-Maus-Spiel-ähnliche Faszination, bietet durchaus einen gewissen Nervenkitzel. Dieser leicht elektrisierende Effekt nimmt auch nicht ab, als sie sich das zweite Mal treffen: An welcher Stelle und auf welche Art wird ihre vormalige Bekanntschaft aufgedeckt?

Ocho und Javi entdecken mehr und mehr Gemeinsamkeiten. // © PRO-FUN MEDIA

Wie es zu dieser kam und wie Ocho und Javi damals einen gemeinsamen Moment fanden, erzählt Regisseur und Drehbuchautor Lucio Castro dann in nahtlos übergehenden Rückblenden, die uns charakterlich zwei andere Menschen zeigen, als diejenigen, die wir zuvor trafen. Das ist umso spannender, da die Schauspieler die selben bleiben und wir somit lediglich durch veränderte Verhaltensweisen und einen anderen Umgang miteinande den Zeitunterschied ausmachen. 

Einer der größten Unterschiede ist, dass beide zu der Zeit noch ungeoutet, vermutlich auch ihrer Sexualität unsicher waren. Dies wird einfühlsam und dennoch nicht überemotionalisiert thematisiert und bietet uns als Zuschauer.innen die Möglichkeit ebenso nach uns in den beiden zu suchen. Das wiederum lässt End of the Century auch eine Erfahrung sein.

Perfekte Chemie in grandiosen Bildern

Ein.e Jede.r hat ihre / seine eigene Biografie. // © PRO-FUN MEDIA

Die natürlich wirkende Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern Juan Barberini und Ramón Pujol hebt den Film noch ein weiteres Stück über den Durchschnitt. Das macht sich natürlich vor allem in den klasse inszenierten Sexszenen bezahlt, aber auch ihre gemeinsamen Spaziergänge und ihre Unterhaltungen auf dem Dach eines Hauses strahlen eine Zwanglosigkeit aus, wie sie allzu oft nicht zu sehen ist. Dazu liefert die Kamera von Bernat Mestres noch Bilder, die teilweise so wirken, als sei die Kamera nur zufällig an den beiden vorbeigeflogen und an anderer Stelle solche, die wie ein durchkomponiertes Gemälde wirken – und das nicht nur in einer der lustigsten Szenen in einem Museum. Das alles ergänzt einander wunderbar. 

Ein immer wiederkehrendes Thema in End of the Century ist das Konzept ‚Falsche Zeit – Falscher Ort‘ und das gilt nicht nur für die zwei Hauptcharaktere. So wohnt dem Film von Anfang an eine sowohl dezent philosophische, als auch tragische Komponente inne.

Ein Abschied oder ein Wiedersehen? // © PRO-FUN MEDIA

Zum Ende gibt es eine Art von Was-wäre-wenn-Moment, der zwar interessant angelegt ist, dann aber etwas zu langatmig gerät und leider den letzten Schritt nicht geht. Nämlich den, die Frage danach, was Realität ist und was nicht, aufzuwerfen. Das hätte sicherlich einen stärkeren Effekt gehabt, als eine hypothetische Einspielung, die zudem den Erzählfluss bricht.

Dieser kleine Wermutstropfen ruiniert jedoch nicht das gesamte Werk. Das bleibt stark und ebenso stark in Erinnerung. Die Bilder, die dezente Musik, die natürlichen und dennoch nicht belanglosen Dialoge, die Chemie zwischen den Darstellern und die Möglichkeit auch sich selbst zu sehen, das alles wird hier nachgerade grandios verknüpft und lässt einen der sehenswertesten Filme der letzten Zeit entstehen.

End of the Century; Argentinien 2019; Regie & Drehbuch: Lucio Castro; Musik: Robert Lombardo; Kamera: Bernat Mestres, Darsteller: Juan Barberini, Ramón Pujol, Mia Maestro, Helen Celia Castro-Wood; Laufzeit: ca. 84 Minuten; FSK: 12; Pro-Fun Media; erhältlich auf DVD, als VoD und Download; spanische Originalfassung mit deutschen Untertiteln

AS

Seht hier den Trailer:

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