Eine bunt gemischte Einheit

Bild oben: Buchcover mit einem Motiv von Henning von Berg; rechts: Person with Body Painting von Sharon McCutcheon

ACHTUNG: 18+ / NSFW-Beitrag.

„So was gib’s nur in Berlin“, sei der lakonische Kommentar eines Gastes aus den USA gewesen, als zwei Polizisten den Künstler Rinaldo Hopf und seine eben noch auf einem Brückengeländer im Tiergarten fickenden Models aufforderten, die Brücke freizugeben. Eine Radfahrerin hatte sich wegen der Unpassierbarkeit der schmalen Löwenbrücke (sie dürfte nicht wenigen ein Begriff sein) beschwert. 

Ost versus oder mit West?

Zugegeben mag diese Episode, die Hopf im gemeinsamen Vorwort mit seinem Mein schwules Auge 16 / My Gay Eye 16 – Berlin Gay Metropolis Special Co-Herausgeber Fedya Ili beschreibt schon einige Monde zurückliegen, doch dieser vergleichsweise entspannte Geist, der noch bis vor gut einer Dekade durch manch eine Gegend in Berlin zog, ist sicherlich einigen in lebendiger Erinnerung. Ob das auch durch die Verknüpfung zweier zwar städtischer, aber doch in mancher Hinsicht (teils unfreiwillig) unterschiedlicher Lebensentwürfe ab 1989 kam?

Diese Frage kann nach Lektüre so mancher Geschichte, die teils in die Kategorie der Literarischen Reportage fallen, in der sechzehnten Ausgabe des seit 2003 im konkursbuch Verlag erscheinenden Jahrbuchs der schwulen Erotik durchaus beantwortet werden (Ja.). Eindrücklich schildert Jochen Hick in einer Art Gegenüberstellung der schwulen Szenen und Homosexuellenbewegungen in Ost und West, wie sich Wechselbeziehungen ergeben haben mögen, manches ins queere Leben bis heute reicht, auch wenn sich Ansprüche und Erwartungshaltung nicht nur gegenüber dem „Sehnsuchtsort Berlin“ verändert hätten. 

Coming Out und KaDeWe

Wie sich das auf einmal verbindet und einen bleibenden Eindruck hinterlässt, zeigt auch die Premiere des großen ostdeutschen schwulen Films Coming Out, der ausgerechnet am 9. November 1989 seine Premiere im Kino International feierte, derweil der Grenzübergang an der Bornholmer Straße geöffnet wurde. Ein ausführliches Interview mit Hauptdarsteller Matthias Freihof ist eines der Highlights dieses vielschichtigen Text-Bildbandes. Dem gegenüber steht ein Beitrag von Marc Siegel über die „versäumte queere Westberliner Filmkultur“ unter dem Titel „Zu spät gekommen“ – die so genannte bleierne Zeit wirkte wohl auch lange über die spröden 50er- und 60er-Jahre hinaus.

Jürgen Wittdorf: Baubrigade der Sportstudenten, DDR 1964 // © Jürgen Wittdorf aus Mein schwules Auge 16/My Gay Eye 16 – Berlin Gay Metropolis Special

Auch persönliche Erfahrungen in Bezug auf die frühe Zeit nach dem Ende der physischen Mauer lesen wir, sowohl solche aus ost- wie westdeutscher Perspektive. Jürgen R. Tiedtke fährt mit homophober Verwandtschaft erstmals das KaDeWe besichtigen, um dort direkt sexuelle Erleichterung in einer Umkleidekabine zu erfahren. Die Bilder von Anja Müller wirken dabei wie für die Geschichte entwickelt. Jens Rosteck schreibt in „Über uns der Himmel“ von Lars und Jérôme, die sich vom Jubel anstecken lassen, vielleicht einen Dritten suchen, um „völkerübergreifend los zu rammeln“, nach einem aufpeitschenden Moment aber auch weiter zu zweit leidenschaftlich bleiben. Eine greifbare Geschichte, durchzogen von stillem Humor.

Der Schatten über Berlin

Dass aber nicht alles nur sexy, wild und frei ist, macht diese Berlin Gay Metropolis-Ausgabe ebenso klar, setzt sie sich doch auch in Bild und Textform mit der AIDS-Krise auseinander. So unter anderem im Text von Frank Wagner zur Ausstellung „Vollbild AIDS – eine Kunstausstellung über Leben und Sterben“ aus dem Jahr 1988 im Bahnhof Westend. Hierfür schuf Rinaldo Hopf das auch nur in der Abbildung eindrückliche 6 x 6 Meter messende, aus 54 Teilen bestehende Deckengemälde „Maler und Tod“, das Frank Wagner ganz treffend als „verrückten, entsetzlichen Totentanz“ beschreibt. 

Dem schließen sich Fotografien des Künstlers Jürgen Baldiga, der sich im Dezember 1993, von seiner AIDS-Erkrankung zerfressen, das Leben nahm, an. Auch das Foto mit roter Clownsnase, welches für seinen Nachruf verwendet wurde finden wir hier. Ein Text seines Freundes Aron Neubert aus dem Jahr 1995 ordnen die gemeinsame Zeit, Baldigas Fotos, wie auch jene die Neubert von ihm machte, ein. 

Gegenwärtige Vergangenheit

Wir begegnen Baldiga schon in der anschließenden Geschichte? Schilderung? Erneut Literarischer Reportage? … wieder. Autor und Aktivist Bernd Gaiser schildert in „Flügel im Schnee. Schwules Leben zwischen Weltzeituhr und Nollendorfplatz“ eben genau dieses und noch viel mehr darüber hinaus. Sein sechsseitiger Bericht ist ein Stakkato an teils reflektierten Erlebnissen,  teils vergangenen Orten, teils nicht mehr unter uns weilenden Namen:

„Mit ihnen als Freunden sind auch viele Stätten der Begegnung miteinander verschwunden.“

Bernd Gaiser, „Flügel im Schnee.“ in Mein schwules Auge #16, S. 140

…und bestehenden, wenn sich auch verändernden Erinnerungen (hier greift der Text hervorragend in den Jochen Hicks). Dass sich dem Gedichte von Mario Wirz (durchzogen von einnehmenden Schwarz/Weiß-Fotografien von Andreas Fux) und eine Anekdote über ihn wie auch ein Porträt Wirz’ von Rinaldo Hopf anschließen, wirkt dabei nur folgerichtig. 

Ein weiterer enorm eindrücklicher Text, dessen Geschehnisse so ähnlich sicherlich auch heute noch stattfinden könnten, ist jener von Michael Sollorz, in dem er in Form von Briefen an seinen Partner beschreibt, wie er als „Ossi“ im bayerischen Urzbach dabei helfen soll, in einem zu schaffenden kleinen schwulen Museum die ostdeutsche schwule Lebensrealität nachvollziehbar zu machen. An dem Wort Realität stört man sich dort allerdings eher, hat man doch ein recht konkretes Bild dieser ölverschmierten Ossis vor sich. Ein Wahnsinnstext, der viel richtige, manches Mal nur rhetorische Fragen stellt und nach Meinung des Rezensenten Pflichtlektüre an Schulen werden sollte. 

Rampen und Russen

Nun soll hier nicht jeder einzelne Text, auch nicht jedes Gedicht – feine, in diesem sonst meist deutsch/englisch verfassten Band nur in englischer Sprache auftauchende Miniaturen von Tom Veber sind ein weiteres Highlight – kommentiert werden. Zwei seien dennoch exemplarisch für die Mischung, ja Verbindung von Sex und Relevanz hervorgehoben.

Desmond B // © Rainer Fetting aus Mein schwules Auge 16/My Gay Eye 16 – Berlin Gay Metropolis Special

Michael Ampersant beschreibt in „Meine ruinierte Kindheit“ seine ersten sexuellen und Cruising-Erfahrungen am Teufelssee im Grunewald (Zeichnungen aus Kai Teicherts „Teufelssee“-Reihe begleiten die Geschichte), sein Aufwachsen zwischen prächtigen Villen, die nach dem Krieg nur noch „schwarze Skelette“ waren, einer „unscheinbaren Rampe“ neben dem S-Bahnhof Grunewald und vielen Akazien. Dieser Rampe begegnen wir übrigens auch in Zofia Nałkowskas Buch Medaillons

Die Geschichte Sam Balduccis, „Russen-Freunde“, ist in erster Linie eine Porno-Story (und nicht die einzige solcher), die sicherlich nicht wenigen einen Ständer verschaffen dürfte, zwischen den Zeilen aber auch eine interessante Wiedergabe gewisser Verhaltensrituale und der übergroß machenden Männlichkeits-Inszenierungen mancher Russlanddeutscher. 

Nackt im Reichstag und das Berghain

Es lässt sich also mit Fug und Recht sagen, dass die sechzehnte Mein schwules Auge-Ausgabe ihren Anspruch, das Metropolis Berlin in Breite und Tiefe darzustellen, gerecht zu werden vermag. Dazu trägt auch ein Text von Durk Dehner zur Lederkultur in Berlin bei und inwiefern diese den Künstler Tom of Finland beeinflusst haben mag oder auch inwieweit sie durch ihn geprägt wurde. Da sind sie wieder, die Wechselbeziehungen.

Einen Ausflug in Bild und Text gibt es auch ins Berghain, wo Reiner Narr unter anderem ein Gesicht als „fleischgewordene Süffisanz“ beschreibt und früh eine Entnachwuchsnazifizierung durch Pille und Tanz betreibt. Bei den zahlreichen Bilden dürfen natürlich auch einige sehr prominente, zuweilen eng mit Berlin verknüpfte Namen, nicht fehlen wie der große und geschätzte Norbert Bisky, Rainer Fetting, Helmut Röttgen und natürlich Henning von Bergs ikonische Fotografien nackter Männer in Berlin-Mitte und der Reichstagskuppel, die unter dem Titel „Berlin Naked – Liberal Capital City 1999“ für ein angenehmes Skandälchen sorgten und den Rezensenten als jungen Jugendlichen nachhaltig beeindruckten. Bilder von Bergs zieren auch Cover und Backcover von Mein schwules Auge 16

(Un)Zensierte Nacktheit 

Bruce LaBruce steuert einige Film-Stills bei; Co-Herausgeber Fedya Ili zeigt uns in „Naked Berlin“ Bilder von einzelnen Models und hat dazu ihre sehr unterschiedlichen Berlinerfahrungen aufgezeichnet; Florian Hetz beglückt uns mit einigen seiner beliebten, aber hier auch wenig überraschenden Close-Up-Aufnahmen; Wolfang Tillmanns Bilderreihe „International Cock Censorship“ lässt augenzwinkernd recht tief in eine primär verklemmte Gesellschaft blicken und Lars Theuerkauf reißt uns mit „Berlin / Guantanamo?“ gleich mal in eine ganz andere Gedankenwelt.

Junger Klassiker // © Julián Merlo aus Mein schwules Auge 16/My Gay Eye 16 – Berlin Gay Metropolis Special

Bilder von Joseph Wolfgang Ohlert, der wie auch einige andere hier auftauchende Fotografen auch in Benjamin Wolbergs wegweisendem Band New Queer Photography verewigt ist, finden sich hier genauso wie fantastische Latexbilder von Christian Guhl oder Zeichnungen von Suzanne Forbes und Mark Beard/Bruce Sargeant. Bildlich geschlossen wird der Band von einer anregend-erregenden Bildreihe von Pornceptual.

Zeitloses Erlebnis

Mein schwules Auge 16 – Berlin Gay Metropolis Special kann ohne jede Flunkerei als eine zeitlose Bestandsaufnahme des schwulen, in Teilen auch queeren, Lebens in Berlin gewertet werden. Dabei strahlt es in mancher Hinsicht weit über Berlin hinaus, egal ob geneigte Leser*innen sagen mögen, vieles aus Berlin wirke auf Deutschland und die Welt oder umgekehrt. Neben erwähnter Ost-Berlin-Urzbach-Geschichte seien hier noch die Geschichte „Mein Held, im Kopf, der gute Mensch – der Vorhang fällt und alle Fragen offen“ von Jannis Plastargias und die drei fantastischen Bilder von Chris Phillips zum Rosa Winkel und dem § 175 StGB genannt, auf einem hiervon sehen wir die Zahl auf einen harten Schwanz gelegt. 

Dass Hopf und Ili in ihrer facettenreichen Sammlung dabei etablierte Namen und solchen auf dem Weg dahin Raum geben, machen Betrachtung und Studium des Bandes noch feiner und lassen ihn gern immer wieder zur Hand nehmen. Die Mischung aus Porno und Geist, Geschichte und Gegenwärtigkeit, Kunst und Politik trägt zur erwähnten Zeitlosigkeit und einem mannigfaltigen Erlebnis bei.

QR

PS: Vor kurzem ist der aktuelle achtzehnte Band der Reihe unter dem Motto „Outdoors“ erschienen – inklusive eines Beitrags eines unserer Gastautoren. Auch diesen werden wir bald besprechen – selbstverständlich mit der gegebenen Objektivität.

PPS: Ab kommendem Sonntag, den 14. November, werden wir über einen Zeitraum von vier Wochen, also bis zum dritten Advent, ein Text-Bildband-Spezial haben. In der Zeit werden wir vermehrt Bildbände besprechen, uns genauer anschauen, was zur Entstehung eines solchen gehört und euch die reichhaltigen Themengebiete präsentieren, die Text-Bildbände abdecken können. 

Hier gibt es noch einen Überblick über die Reihe.

Rinaldo Hopf & Fedya Ili (Herausgeber): Mein schwules Auge 16 / My Gay Eye 16 – Special Edition Berlin Gay Metropolis 1989-2019; Oktober 2019; Paperback, Fadenheftung, 416 Seiten; 24 x 16,5 cm; ISBN: 978-3-88769-945-1; konkursbuch Verlag Claudia Gehrke; 19,90 €

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