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Eine form- und farbprächtige Gefühlsflut – Katharina Grosse im Hamburger Bahnhof

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Das Aufbrechen von Räumen und Formen, das Sprengen von Umgebungssituationen und das Herausfordern von Denkmustern und Sehgewohnheiten, das klingt alles reichlich destruktiv und einigermaßen anstrengend. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart am 14. Juni eröffnete Ausstellung It Wasn’t Us der Malerin Katharina Grosse steht für unkonventionelle Vielseitigkeit, Freiheit und das nach außen Dringen und Wirken von Kunst und Mensch. 

Grosse, 1961 in Freiburg im Breisgau geboren, gilt als eine der bedeutendsten Künstlerinnen der Gegenwart, auch wenn manch ein.e Künsterkolleg.in ihre Kunst als zu bunt und effektvoll empfindet, das fällt dann aber ganz einfach in die Kategorie verschiedener Geschmäcker (und vielleicht sogar ein wenig Neid, nicht um jede.n Kolleg.in reißen sich Ausstellungshäuser und Biennalen so sehr, wie um sie). Sie studierte an den Kunstakademien Münster und Düsseldorf. In Düsseldorf hatte sie auch von 2010 bis 2018 eine Professur inne. 

„Katharina Grosse. It Wasn’t Us“, Ausstellungsansicht Historische Halle im Hamburger Bahnhof, Berlin, 2020 / Courtesy KÖNIG GALERIE, Berlin, London, Tokyo / Gagosian / Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien © Katharina Grosse / VG Bild-Kunst, Bonn 2020 / Foto: Jens Ziehe

„Die Malerei kann überall auftauchen: auf einem Gummistiefel, auf einem Ei, in der Armbeuge, auf den gestauchten Falten eines Tuches, auf dem Boden, entlang des Bahngleises, am Strand, im Schnee, auf einem Skulpturengebilde oder vielleicht an der Fassade und auf dem Dach.“

Text Infoblatt zur Ausstellung

Raumübergreifende Kunst

Mit dem in seiner Architektur einzigartigen Hamburger Bahnhof und seinem großzügigen Außenbereich hat sich ein idealer Ort für die Form- und Farbspiele Katharina Grosses gefunden. Fläche, Farben und Formen werden so zu einer Gefühlsflut.

„Katharina Grosse. It Wasn’t Us“, Hamburger Bahnhof, Berlin, 2020 / Courtesy KÖNIG GALERIE, Berlin, London, Tokyo / Gagosian / Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien © Katharina Grosse / VG Bild-Kunst, Bonn 2020 / Foto: Jens Ziehe

Die raumübergreifende Ausstellung It Wasn’t Us beeindruckt nicht nur durch ihre schiere Größe und die die Historische Halle des Hamburger Bahnhofs einnehmende und den Raum auf den Kopf stellende Art der Installation, sondern auch durch ihre geschmeidig inszenierten Brüche. Es ist ein die Sinne anregendes Spiel, wie die mit einem heißen Draht in den Polystyrolkörper eingeschnittenen Formen in Kombination mit den Farben und durch den Wechsel der Perspektive der Betrachter.innen mal den Eindruck wuchtiger Härte vermitteln – fast so, als stünde man vor einer Karacke – und dann wieder von einer Sanftheit geprägt scheinen, so als handele es sich um einen sensiblen Vogel, der unbedingt geschützt werden müsste. An anderer Stelle entsteht der Eindruck, als sähe man den Längsschnitt einer zerklüfteten Felslandschaft. Brutalität und Weichheit wechseln sich ab, ergänzen einander, fließen zusammen um an anderer Stelle aneinander zu brechen. Das ist faszinierend, wenn man sich darauf einlässt.

Intensiviert wird die Erfahrung durch die Verlagerung der Kunst auf die gesamte Fläche. Durch die Möglichkeit auf ihr zu laufen, sie im Außenraum als ein die feste Umgebungsstruktur aufbrechendes Element zu erleben und sie schließlich an den Außenwänden der Rieckhallen gesprüht zu finden, um dann im wahrsten Sinne des Wortes durch die Kunst zu laufen um weitere Räume der Kunst, die in den Rieckhallen untergebrachte Flick-Collection, zu betreten. 

„Katharina Grosse. It Wasn’t Us“, Ansicht Rieckhallen & Zugang zur Flick-Collection, Hamburger Bahnhof, Berlin, 2020 / Courtesy KÖNIG GALERIE, Berlin, London, Tokyo / Gagosian / Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien © Katharina Grosse / VG Bild-Kunst, Bonn 2020 / Foto: Jens Ziehe

Ob der Direktor der Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin, Udo Kittelmann, der seinen am 31. Oktober 2020 auslaufenden Vertrag nach zwölf Jahren nicht mehr verlängern wollte, mit den so stark eingebunden Rieckhallen ein deutliches Zeichen an die  Kulturpolitik von Bund und Land senden wollte, wird wohl vorerst sein Geheimnis bleiben. Die Rieckhallen sollen Ende 2021 oder im Laufe 2022 vom Eigentümer und Vermieter, der CA Immo, abgerissen werden. An der Stelle sollen Eigentumswohnungen entstehen. Umso interessanter ist es, dass mit der Kunst von Katharina Grosse etwas Vergängliches präsentiert wird – mit dem Ende der Ausstellung am 10. Januar 2021 wird alles mit heißem Wasser abgewaschen. So bleiben am Ende die Bilder im Kopf, die geschossenen Fotos und der am 21. August erscheinende Katalog.

Katharina Grosse „It Wasn’t Us“; bis 10. Januar 2021; Hamburger Bahnhof, Haus der Nationalgalerie; Invalidenstr. 50/51.; Kuratoren: Udo Kittelmann/Gabriele Knappstein.; Katalog (Hatje Cantz) 44 Euro, erscheint am 21.8.2020.; Di-Fr 10-18/Sa+So 11­-18 Uhr, Besuch derzeit nur mit Zeitfenstertickets möglich: www.smb.museum/tickets

AS

Beitragsbild: Courtesy KÖNIG GALERIE, Berlin, London, Tokyo / Gagosian / Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien © Katharina Grosse / VG Bild-Kunst, Bonn 2020 / Foto: Jens Ziehe

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