Eine Geschichte, der wir nicht entkommen wollen

Beitragsbild: Alex und David im Clinch? – Szenenfoto (© Wild Bunch Germany) auf einem Bild vom Originalort Le Tréport.

In „Sommer 85“ erzählt François Ozon auf Grundlage des Romans „Tanz auf meinem Grab“ liebevoll und kitschbefreit die Geschichte einer junge Liebe… und eine von Verantwortungsbewusstsein ohne sich aufzugeben.

Wir haben zuletzt viel über erste Lieben geschrieben. Die Unwägbarkeiten und Schwierigkeiten, die mit dieser einhergehen. Mal aufgrund des Selbst, mal aufgrund der Umstände, mal aufgrund des Gegenübers – erste Liebe ist schwer. So ist sie auch in Sommer 85, dem neuen Film des französischen Kultregisseurs François Ozon, nicht einfach. Adaptiert hat er das Buch Tanz auf meinem Grab des Briten Aidan Chambers und dafür die Geschichte vom englischen Southend-on-Sea in die nordfranzösische Gemeinde Le Tréport, also in die Normandie, verlegt. 

Liebe und Begierde

Der Rezensent muss zugeben das Buch nicht zu kennen. Was vielleicht nicht so verkehrt ist, da er „unbelastet“ an den Film herangehen konnte. Und er meint: Nice. Ozon, der auf eine reichhaltige Kartei an Filmen zurückblicken kann, dabei aber auch manch Mittelmäßiges abgeliefert hat, glänzt hier als Regisseur und versteht es, die Geschichte, die ihm nach eigener Aussage viel bedeutet, exzellent an die Zuschauer*innen weiterzugeben. 

„Hör auf alles verstehen zu wollen“ – Alex und David // © Wild Bunch Germany 2021

In Sommer 85, der im Original auch schlicht Été 85 heißt, geht es um den 16-jährigen Alexis (Félix Lefebvre), der vor nicht allzu langer Zeit mit seinen Eltern nach Le Tréport gezogen ist. Dort trifft er auf David (Benjamin Voisin), der ihn nach einem Segelunfall rettet. Zwischen den beiden ist sofort Chemie, viel Neu- und Begierde. Für Alex scheint es die erste große, für David hingegen… ja doch auch eine Liebe, aber auch die große Angst, seine Eigenständigkeit zu verlieren. 

So tariert der Film einerseits das Verhältnis der beiden zueinander aus, ebenso wie den Umgang mit direktem Verlust, aber auch mit Verlustängsten und dem Verhalten gegenüber der Wahrscheinlichkeit von Verlust. So befasst sich Alex aus scheinbar ganz praktischem Interesse mit dem Tod und Bestattungsritualen, wohingegen David durch den Tod seines Vaters schon direkte Erfahrungen mit selbigem hat. Und ihn quasi ablehnt. Denn wer sich mit dem Tod die Zeit vertreibt, ist bekloppt. Und doch fordert er von Alex das Versprechen ein, dass wer immer den Anderen überlebe, auf dessen Grab tanzen solle.

© Wild Bunch Germany 2021

Daher auch der Buchtitel – Tanz auf meinem Grab. Wir wissen von Anfang an, dass David die Geschichte nicht überlebt. Wir wissen aber nicht wieso. Und wer das Buch nicht kennt, weiß hier auch nicht, was es mit dem Grabestanz auf sich hat. Ist das wörtlich gemeint, oder reden wir von einem Tanz im übertragenen Sinne? Und welche Rolle spielt Alex im Zusammenhang mit Davids Tod? So entfaltet sich parallel zur in Rückblenden erzählten Liebesgeschichte auch ein spannender und emotionaler Krimi, in dem auch Alex lernen muss, dass Verdrängung und Schweigen keine Hilfe sind. Dazu erzählt der Film auch von nicht-heteronormativer Sexualität in den 80ern, bringt er doch, neben der Liebesgeschichte von Alex und David, über Alex’ Onkel Jacky die von der Familie verdrängte Homosexualität ein. Und er zeigt auch hier und bei Davids Mutter (eine fantastische Valeria Bruni-Tedeschi): A mother knows. 

Alexis Verlaine und David Rimbaud 

Obwohl also Tod und durchaus Schmerz den Film begleiten, ist er dennoch sommerlich leicht. Das liegt nicht nur an einem sehr menschlichen Drehbuch von Ozon, sondern auch an der Natürlichkeit die Félix Lefebvre und Benjamin Voisin in die Figuren bringen. Voisin beschreibt seinen David als einen Skorpion, von dem man fasziniert und angezogen ist, dann aber den giftigen Schwanz erkennt. Die Beschreibung passt, gerade wenn wir bedenken, dass der Skorpion diesen zur Verteidigung einsetzt. David ist teilweise entsetzlich, nicht aber um des Furchtbaren willen, sondern weil sein Drang nach Freiheit und Eigenständigkeit ihn prägt. Er spürt die Geschwindigkeit vor sich und will sie einholen. Als er das im Film im sagt, hätte Alex gewarnt sein können.

Davids Mutter schätzt Alex // © Wild Bunch Germany 2021

Der aber stürzt sich voll und ganz in diese erste Liebe, in seine Begeisterung und auch in die sexuelle Vollkommenheit. Er liest David ein Gedicht vor, das Paul Verlaine an Arthur Rimbaud gerichtet haben soll. David macht währenddessen Liegestütze, erkennt das Gedicht, küsst Alex. Das ist ein Moment perfekter Nähe, aber auch ein Aha-Moment. Ihr Umgang mit diesem Gedicht ist ein anderer. Einer ist Verlaine, einer Rimbaud, nur wer wer? 

Das einzuordnen bleibt uns überlassen. Zumal, um kurz bei Verlaine und Rimbaud zu bleiben, beide recht entsetzlich zueinander und wohl auch füreinander waren. Emotional gebrannt haben sie aber allemal, wie auch Alex und David. Wenn Alex meint, er sei wütend und gleichzeitig traurig, verstehen wir das. Wer von uns kennt es nicht? Sommer 85 schafft es, komplexe Emotionen in simple und wahrhaftige Sätze und Momente zu packen ohne seicht oder plump zu sein.

Wer ist das dritte Rad? // © Wild Bunch Germany 2021

Der Film ist, bei aller Frische, reif. Mit der Verfilmung von Sommer 85 erfüllte sich Ozon einen lange gehegten Wunsch, entwarf er die erste Fassung des Drehbuchs doch schon mit 18 Jahren – im Jahr 1985. Nun, 35 Jahre später, konnte er den Film umsetzen. Im Presseheft zum Film hält Ozon in einem Interview fest, dass er erst bei der Umsetzung des Films merkte, wie sehr ihn Motive des dem Film zugrunde liegenden Buches, die er wohl verbildlichte, schon immer geprägt hätten. Und er sagt auch, dass Filme dann gemacht würden, wenn sie gemacht werden sollten. So fühlt sich Sommer 85 auch an. Als Zuschauer*innen spüren wir die filmische und erzählerische Reife, die François Ozon mittlerweile hat und die hier dabei hilft, die Geschichte mit einer gesunden, aber nie naiven, Leichtigkeit zu erzählen.

Dann fühlen wir eben

Auch sei es ihm ein Anliegen gewesen, die Geschichte dieser jungen Liebe in den 80er-Jahren zu belassen (die auch musikalisch und grobkörnig-filmisch präsent sind) und einen weniger düsteren Film zu erzählen. Schwule Filme in der Zeit seien dunkel und schmerzhaft gewesen, auch vor AIDS. Sein Ziel sei es hier gewesen, eine klassische Liebesgeschichte zu erzählen. Das erreicht er allemal. Und dazu erzählt er sie noch so charmant und lebensnah, wie es nur sein kann.

„Ich spüre die Geschwindigkeit vor mir“ // © Wild Bunch Germany 2021

Wir fühlen mit, wir schaudern, wir lachen, wir werden ein wenig verliebt. Sommer 85 ist großes Kino, das uns vielleicht auch dabei hilft, nicht immer alles verstehen, aber mehr und selbstverständlicher fühlen zu wollen.

JW

PS: Wir empfehlen in jedem Fall die Originalfassung mit Untertiteln.

Hier könnt ihr den Trailer sehen.

Sommer 85 (OT: Été 85); Frankreich, 2020; Regie und Drehbuch: François Ozon, nach einer Vorlage von Aidan Chambers; Kamera: Hichame Alaouie; Musik: Jean-Benoît Dunckel; Darsteller*innen: Félix Lefebvre, Benjamin Voisin, Philippine Velge, Valeria Bruni Tedeschi, Melvil Poupaud, Isabelle Nanty, Laurent Fernandez, Bruno Lochet; Laufzeit ca. 100 Minuten; FSK: 12, ab 8. Juli im Kino

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