Eine nicht in Gänze zu ertragende Wirklichkeit

Entsetzliches Grauen in Worte zu fassen ist eine Kunst. Vor allem, wenn vermieden werden soll, dass diese jenes Grauen, die Erzählungen und Erfahrungen, die rückwirkenden Betrachtungen zum Mitleidsporno und zu melodramatischer Prosa mit Ekelfaktor degradieren. Die sehr präzisen und zumeist schnörkellosen Formulierungen der polnischen Schriftstellerin Zofia Nałkowska, übersetzt von Marta Kijowska, treffen genau den richtigen Ton, um Unfassbares zwar nicht greifbar, aber doch erfahrbar zu machen. 

Opfer – Täter – Mitläufer

Dabei ist die Lektüre der acht auf Aussagen von Menschen vor der Hauptkommission zur Untersuchung von NS-Verbrechen aus dem Jahr 1945 basierenden Miniaturen, die Nałkowska als Mitglied der Kommission sammelte und mit Medaillons, wie der Schöffling & Co.-Verlag sehr treffend schreibt, „glasklaren, intensiven Porträts“ verdichtete, herausfordernd, zuweilen verstörend, ebenso erkenntnisreich und unbedingt empfehlenswert. Ein als Fazit wirkendes Schlusskapitel und ein Nachwort von Marta Kijowska helfen zusätzlich dabei, das Gelesene einzuordnen.

Die Erzählungen oder Berichte kommen dabei von ganz verschiedenen Menschen in ganz unterschiedlichen Rollen, wenn wir es einmal so nennen wollen. Zu Beginn erzählt ein Handlanger, wie aus Menschenknochen Seife hergestellt wurde und der auf die Frage, ob ihm jemand gesagt habe, dass die Herstellung von Seife aus menschlichem Fett ein Verbrechen sei nur „mit völliger Aufrichtigkeit“ zu antworten weiß: „Das hat mir niemand gesagt.“

Der taktlose individuelle Tod

Eine Frau mit „Tränen, die erscheinen und wieder verschwinden, ohne über ihre Wagen zu fließen“ berichtet von ihren Erfahrungen in Ravensbrück, der Arbeit in einer Munitionsfabrik und den Bunkern, in die Menschen meist nur zum Verenden geschickt worden sind. Eine andere Frau, die stoische „Friedhofsfrau“, berichtet von Strapazen neben einem Juden-Ghetto zu leben, dem Lärm, den Schreien, den Geräuschen, die die sich aus dem Fenster stürzenden Menschen machen. 

Dort steht der Satz, der auch den Titel der Besprechung anregte, der für diese ganze Zeit gilt, der womöglich gar als Erklärungsversuch zögerlichen Aufarbeitens und noch immer blinder Flecken dienen könnte: „Die Wirklicht ist erträglich, weil wir sie nicht als Ganzes erfahren.“ Zofia Nałkowska schreibt an mancher Stelle ihrer erstmals 1946 erschienen Erzählungen, es sei offensichtlich, dass die Berichtenden manches verschwiegen. Vielleicht aus Scham, aus Verdrängung, aus Ohnmacht.

Ständige Dividende aus menschlicher Qual

Wie ohnmächtig scheint zeitweilig auch die „Grüne Dwojra“, als sie sich, ganz allein, eigentlich entschließt, nicht mehr allein überleben zu wollen, da doch lieber mit anderen, ihr unbekannten Menschen gemeinsam zu sterben, aber überlebte, auch wieder leben wollte, ganz knapp, dank der Sowjets. Die Geschichte der Flucht aus einem Waggon, die zu einer vollkommen abstrusen, von einem Bewohner des anliegenden Dorfes beobachteten, Szenerie führt, die aber auch die Angst all jener, die womöglich zu helfen bereit gewesen wären, vor Augen führt und mit einer nochmals auf einer ganz anderen Ebene bitteren Pointe endet, ist auch ein psychologischer Gipfelpunkt der Medaillons.

Überhaupt schafft Nałkowska es an verschiedenen Stellen nicht nur scharf zu beobachten und diese Beobachtung treffend wiederzugeben, sondern auch mit reduzierten Worten zu analysieren. Das kulminiert nach der entsetzlichen Geschichte eines jungen Mannes, der in der Nähe eines „Palastes“ in Chełmno Massengräber in einem Wald aushebt, in erwähnter, die Geschichten einrahmender letzter Miniatur „Erwachsene und Kinder in Auschwitz“, in der sie feststellt, dass „das ideologische Postulat der Ausrottung von ganzen Rassen und Völkern“ allein einem Zweck diente: Der effizienten Ökonomisierung der Vernichtung.

„Polnische Todeslager“ und Peinlichkeiten

Diese Vernichtung wurde nach den Worten Zofia Nałkowskas eben auch in den polnischen Todeslagern vollzogen. Im Übrigen eine Formulierung, die, wie Marta Kijowska in einer Fußnote anmerkt, das polnische Parlament und die PiS-Partei nach Verabschiedung ihres Holocaust-Gesetzes im Jahr 2018 ein wenig in Bedrängnis brachte. Denn genau solch eine Formulierung sollte durch das Gesetz unter Strafe gestellt werden; dumm nur, dass das Buch Nałkowskas Pflichtlektüre an polnischen Schulen ist (darüber könnte auch bei uns nachgedacht werden) und sie mit diesem 75 Jahre alten Werk einer Anbiederung an die weichen und ach so polenfeindlichen Westeuropäer eher unverdächtig sein dürfte.

Verdächtig war die 1885 in Warschau geborene und 1954 auch dort gestorbene Schriftstellerin, die „Grand Dame der polnischen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts“ dafür anderer Dinge. Eines scharfen Verstandes wohl ebenso wie einer spitzen Zunge, dazu diverser Affären oder wenigstens der Kolportage dieser. Das und mehr erfahren wir im Nachwort von Übersetzerin Marta Kijowska, das auch den Weg aufzeigt, den die Schriftstellerin in ihrem Schaffen ging, die stilistischen und thematischen Veränderungen, die sie vor und nach jeweils erstem und zweitem Weltkrieg durchlief.

Notwendiges Unwohlsein und Erfahrungsgewinn

Nun sind die Medaillons zugeklappt und der Versuch einer ersten Einordnung missglückt, zu vieles arbeitet im Kopf, im Herzen, eigentlich im ganzen Körper. Unwohlsein und Erfahrungsgewinn wollen zusammengebracht werden. So dürfte es vielen der dem Buch zahlreich zu wünschenden Leserinnen und Leser gehen. Genau das hebt es aber auch von nicht wenigen anderen Erzählungen ab, rechtfertigt die vorliegende, sacht kommentierte Neuübersetzung. 

Dabei steht das Buch, zu dem einer oder einem womöglich auch das Wort „Panorama“ einfiele, das jedoch nach einem Moment des Nachdenkens seltsam unpassend wirkt, unter dem Motto „Dieses Schicksal haben Menschen den Menschen bereitet“, was in seiner scheinbaren Einfachheit, vor allem aber der treffenden Präzision letztlich die Aktualität der acht Erzählungen verdeutlicht. 

AS

Eine Leseprobe findet ihr hier

Zofia Nałkowska: Medaillons; Oktober 2021; Aus dem Polnischen und mit einem Nachwort von Marta Kijowska; Hardcover, gebunden, mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 144 Seiten; ISBN: 978-3-89561-464-4; Schöffling & Co.; 20,00 €; auch als eBook erhältlich

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