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Eine Ode an die Liebe und gegen Homophobie

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Zuletzt aktualisiert am 07/08/2020

Ein Film über zwei junge Frauen, die sich ineinander verlieben, obwohl ihre Väter politische Opponenten sind und sie aus unterschiedlichen Verhältnissen kommen. Das klingt nach einer recht typisch vertrackten, aber möglicherweise charmant-spannenden, Unterhaltung. Die in Rafiki erzählte Liebesgeschichte spielt in Nairobi, Kenia, einem Land, in dem Homosexualität verboten ist und unter Strafe steht. Einem Land, in dem Filme und TV-Programme verboten werden, weil sie LSBTI*-Themen beinhalten. Einem Land, in dem dieser Film zuerst verboten wurde, weil er Homosexualität zu positiv darstelle und ein zu hoffnungsvolles Ende hätte. Dagegen klagte Regisseurin Wanuri Kahiu und gewann, so dass der Film wenigstens sieben Tage in Kenia gezeigt werden musste. Rafiki war der erste kenianische Film, der auf den Internationalen Filmfestspielen von Cannes, wo er 2018 seine Premiere feierte, gezeigt wurde.

Märchenhafte Bilder einer sehr echten Welt

Regisseurin & TED-Follow Wanuri Kahiu beim TED2017 – The Future You, April 24-28, 2017, Vancouver, BC, Canada // © Bret Hartman / TED

Rafiki bedeutet auf Suaheli „Freund“ oder „Freundin“ und wird verwendet, wenn Kenianer.innen, die in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft sind, doch die jeweilige Partnerin oder den jeweiligen Partner oder Geliebte.n, Ehefrau/-mann, etc. nicht als solche.n vorstellen können. Um dieses Wort, diesen gesellschaftlichen Gegenstand herum, baut Regisseurin und Co-Drehbuchautorin Wanuri Kahiu ihren Film, der auf der preisgekrönten Kurzgeschichte Jambula Tree von Monica Arac de Nyeko basiert, auf. Als Mitbegründerin der Firma Afro-Bubblegum, die „Afrika auf hoffnungsvolle, vergnügliche Art darstellen“ soll und als eine Art Fortführung oder Ergänzung der Bewegung des Afrofuturismus verstanden werden kann, war es ihr ein Anliegen, den Film eben auf jene farbenfrohe – vor allem rosa und gelb dominieren – energiegeladene und hoffnungsfrohe Weise zu inszenieren, wie Afrika eben (auch) ist. Sie wendet sich damit dagegen, dass Afrika immer nur als Krisen- und Entwicklungsgebiet dargestellt wird, wo es nur Hunger, Kriege und HIV gebe; gegen das, was die Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie „single story“ nennt.

Der Film ist aber natürlich nicht ausschließlich Bubblegum, wir bekommen kein Märchen vorgelegt, auch wenn einige Momente und Bilder durchaus märchenhaft anmuten. Nein, die Geschichte ist völlig in der Realität verwurzelt und zeigt uns, wie zwei recht unterschiedliche junge Frauen erst Sympathie und dann Liebe füreinander entwickeln, einander annähern und sich aufeinander einlassen. So schaffen es Kena und Ziki abseits des Trubels ihres Viertels in Nairobi und fern der vorgefertigten Ansichten über „gute kenianische Mädchen“ und der extremen Homophobie, für sich einen „echten Ort“ zu schaffen. Einen Ort, an dem sie füreinander da sind und sich gegenseitig Mut geben. So rät Ziki Kena mit ihrem Intellekt nicht Krankenschwester, sondern doch besser Ärztin oder Chirurgin zu werden und bringt damit für einen Moment Kenas Augen zum Leuchten.

Die Grausamkeit von Intoleranz und Hass

Es entsteht eine wirkliche Freundschaft zwischen den beiden jungen Frauen, nicht nur Begeisterung und Leidenschaft prägen ihr Verhältnis, sondern echtes Interesse und völlige gegenseitige Zugewandtheit. Diesen Zauber der ersten Liebe inszeniert Regisseurin Kahiu dann auch auf eine möglichst persönliche Weise. So sagte sie: „Wir haben auch Momente unangenehmer Stille zugelassen, gehaltene Blicke, improvisierte Dialoge und fließende Bewegungen zwischen Kena und Ziki.“

Kena (Samantha Mugatsia) und Ziki (Sheila Munyiva) // © Edition Salzgeber

Ein sehr schöner, farbenfroher und lebensbejahender Moment ist es, als Kena und Ziki gemeinsam einen Tag und eine Nacht verbringen: gemeinsam durch die Gegend ziehen, Tretboot fahren, tanzen gehen, beginnen, sich noch mehr aufeinander einzulassen. Das Ganze ist begleitet von mitreißender Musik (der Soundtrack von primär kenianischen Musiker.innen ist überhaupt toll), die dem Date-Nicht-Date-Zusammenschnitt eine ganz besonderen Stimmung verleiht. 

Diese Leichtigkeit verführt allerdings auch zu Leichtsinn. So ist es die vor Lebensfreude sprühende Ziki, die immer mal wieder etwas zu unbedarft mit der gegenseitigen Zuneigung umgeht, was Kena einigermaßen aufbringt und in einem Viertel, in dem Privatsphäre Luxus ist, natürlich nicht unbeobachtet bleibt und schon gar niemandem gleichgültig wäre, wie Ziki es zu wissen meint. Insbesondere die vertratschte Kioskbesitzerin Mama Atim und ihre, ohnehin auf Kena eifersüchtige, Tochter sind für das junge Glück nicht zu haben. So kommt es dann schließlich auch dazu, dass die beiden Mädchen erwischt und von einer aufgebrachten Gruppe brutal zusammengeschlagen werden. 

„Der Film soll dort schreien, wo andere zum Schweigen gebracht worden sind“

Nicht nur, wir hier dargestellt, in Kenia ist Homosexualität noch immer illegal, sondern auch die – institutionalisierte – Religion unterstützt und verstärkt den Hass auf gleichgeschlechtlich Lebende und Liebende, beides thematisiert der Film auch. Das allerdings ist ein Problem in vielen Ländern Ostafrikas, beispielsweise dem Nachbarland Uganda, wie auch die Regisseurin anmerkt: „In den fünf Jahren, in denen wir den Film entwickelt haben, haben wir leider besorgniserregende Entwicklungen im Bereich des Anti-LGBTI-Klimas in Ostafrika erlebt.“ So sind es im Film auch Kena und Ziki, die eher strafrechtliche Konsequenzen und familiären Liebesentzug zu befürchten haben, als der archaisch auftretende Schlägertrupp. Kena soll dann auch noch ihr „Dämon“ ausgetrieben werden, was einen schaudern lässt. 

Kena (Samantha Mugatsia) und Ziki (Sheila Munyiva) // © Edition Salzgeber

Getragen wird der Film auch von den beiden Hauptdarstellerinnen Samantha Mugatsia (Kena), die hier ihr Schauspieldebut gibt und eigentlich Schlagzeugerin, bildende Künstlerin und Teil der Underground-Szene Nairobis ist sowie Sheila Munyiva als Ziki, die die nach außen getragene Lebensfreude eben so toll vermittelt, wie ihre Zweifel und Unsicherheiten.

Rafiki soll laut Regisseurin Kahiu „als eine Ode an die Liebe verstanden werden, deren Verlauf nie leichtgängig ist, und als eine Botschaft der Liebe und der Unterstützung an all jene, die sich zwischen Liebe und Sicherheit entscheiden müssen. Dieser Film soll dort schreien, wo andere Stimmen zum Schweigen gebracht worden sind.“ Dem haben wir nichts hinzuzufügen. Ansehen.

Rafiki; Kenia 2018; Regie: Wanuri Kahiu; Drehbuch: Wanuri Kahiu & Jena Cato Bass; basierend auf der Kurzgeschichte „Jambula Tree“ von Monica Arac de Nyeko; Musik: siehe Soundtrack; Kamera: Christopher Wessels; Darsteller: Samantha Mugatsia, Sheila Munyiva, Neville Misati, Jimmy Gathu, Nini Wacera, Muthoni Gathecha, Patricia Amira, Dennis Musyoka, Githae Njogu; Laufzeit: ca. 82 Minuten; FSK: 12; Edition Salzgeber; Originalfassung in Suaheli und Englisch mit deutschen Untertiteln; erhältlich auf DVD (ca. 13,00 €), als VoD und Download.

AS

Seht hier den deutschsprachigen Trailer:

  1. […] Nachdem sich die ersten beiden rbb QUEER Filmreihen vor allem mit Filmen aus europäischer Perspektive beschäftigt haben, geht es dieses Jahr um die ganze Welt. Die Reise führt nach von Vorpommern (Lichtes Meer) nach Österreich (Siebzehn), Frankreich (120 BPM, La belle saison – Eine Sommerliebe) bis nach Brasilien (Heute gehe ich allein nach Hause) und in die USA (Beach Rats) und sogar nach Kuba (Viva) und Kenia (Rafiki). […]

  2. […] Den Abschluss machte dann einer der aufregendsten, verstörendsten und doch lebensbejahendsten Filme: Der kenianische Film Rafiki der Regisseurin Wanuri Kahiu erzählt die Liebesgeschichte der beiden Mädchen Kena und Ziki, deren Väter in einem Viertel Nairobis als politische Konkurrenten gegeneinander antreten. Doch das ist nicht das größte Problem, sondern vor allem sind es Homophobie und ein rückständiges Frauenbild, das den beiden zu schaffen macht. Trotz des ernsten Themas ist der Film doch bunt, lebens- und hoffnungsfroh. Wieso Rafiki erst nach erfolgreichen Klage von Wanuri Kahiu überhaupt in Kenia gezeigt werden konnte und welchen Hintergrund die Regisseurin hat, lest ihr hier. […]

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