Einfach nicht die Zeit verschwenden

Bevor es morgen mit der vierten Runde rbb Queer losgeht und auch Xavier Dolans lang erwarteter neuer Film Matthias & Maxime Ende Juli offiziell in die deutschen Kinos kommt, strahlt arte heute Abend Dolans Film Einfach das Ende der Welt aus. Leider strapaziert dieser auch das Ende unserer Geduld und kann bei aller Ambition nur als großer Reinfall betrachtet werden.

Was da wohl alles lauert…

Dabei treffen wir eigentlich auf eine solide-dramatische Ausgangslage: In einer nicht näher definierten, aber wohl auf Anfang der Nullerjahre festzumachenden, Zeit besucht der 34-jährige Louis (Gaspard Ulliel) nach zwölf Jahren erstmals wieder seine Familie. Seine Mutter Martine (Nathalie Baye), der ältere Bruder Antoine (Vincent Cassel) und seine Frau Catherine (Marion Cotillard) wie auch Louis Schwester Suzanne (Léa Seydoux) wissen nicht, dass er kommt, um ihnen seinen Tod anzukündigen. Louis ist schwul und wir können vermuten, dass er HIV-positiv ist, auch wenn es nie geäußert wird. Denn er kommt nicht dazu, seiner äußerst lauten, fahrigen und auf Nebenschauplätzen konzentrierten Familie zu sagen, weswegen er gekommen ist.

Stattdessen brechen sich lange zurückgehaltene Vorwürfe Bahn, werden Enttäuschungen in harte Anwürfe verpackt formuliert und werden verklausulierte Geschichten als Wut-Ventile genutzt. Einzig Catherine scheint zu wissen, dass Louis’ Besuch einen bestimmten Grund hat, doch immer wenn sie versucht, das Feld für einen ruhigeren Austausch zu bereiten, fährt ihr ihr aggressiver Mann Antoine in die Parade.

Einfach das Ende Welt ist im Grunde neunzig Minuten lang lautes Gerede über Dinge, die da womöglich unter der Oberfläche lauern könnten. Und ein perfektes Beispiel dafür, was alles so schiefgehen kann, wenn ein Theaterstück für die Leinwand adaptiert wird. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück von Jean-Luc Lagarce der, selber HIV-positiv, 1995 starb und sicherlich eigene Erfahrungen in dem in Frankreich weithin bekannt Stück verarbeitete. 

…interessiert niemanden

So hat auch die Verfilmung durchaus ihre Momente, von einer fabelhaften Besetzung mal ganz zu schweigen. Dennoch ist nicht nur alles entsetzlich überinszeniert, sondern, was die Zeichnung der Charaktere angeht, leider schlampig. Jedes Bild ist durchkomponiert, jede Einstellung perfekt ausgeleuchtet, seine handelnden Personen hingegen scheinen für Dolan nur Staffage gewesen zu sein. An sich schätzen wir den Regisseur und das nicht nur für I Killed My Mother. Doch hier wird eine schwierige Geschichte mit schwierigen Menschen auf eine Art erzählt, die bestenfalls Desinteresse und schlimmstenfalls Wut in uns Zuschauer*innen hervorruft.

© Shayne Laverdière/Sons of Manual Foto: ARTE France

Es ist okay, wenn Xavier Dolan, der auch das Drehbuch schrieb, manches im Ungenauen lässt und uns somit dazu auffordert, selber Reaktionen und Personen zu interpretieren. Doch hier gibt es so viele Lücken, dass es kaum mehr als Aufforderung zur Interpretation, sondern schlicht als Faulheit in der Charakterzeichnung verstanden werden muss. Und so wichtig es ist, die Mimik und Gestik von handelnden Personen wahrzunehmen, so sehr übertreibt Dolan es hier mit bedeutungsschwangeren Blicken, emotional aufgeladener Symbolik wie auch dem leider extrem aufdringlichen Soundtrack von Gabriel Yared.

Einfach das Ende der Welt ist eine permanent laute (durch die schlechte Synchronisierung noch anstrengendere), nie auf das Wesentliche kommende und sich selber als Kunstarbeit viel zu ernst nehmende Nummer – und das verhindert eben, dass wir den Film ernst nehmen können. Ein ganz ähnliches Thema behandelt übrigens der Film 1985 mit Cory Michael Smith in der Hauptrolle und dieser zeigt uns, wie eine solche Story mit all ihren familiären Hürden auf Augenhöhe mit den Zuschauer*innen und Respekt vor der Geschichte erzählt werden kann.

So fein es also ist, dass der Film im Free-TV ausgestrahlt wird, so sehr bedauern wir es, euch davon abraten zu müssen, ihn zu schauen. Ihr werdet die 90 Minuten nicht zurückbekommen und euch im Zweifel noch darüber ärgern, dass ihr der Ego-Nummer Dolans erwartungsvoll gefolgt seid. Dann doch lieber gucken, wie viele Fans heute Regenbogenfahnen in der Allianz Arena schwingen.

Einfach das Ende Welt läuft am 23. Juni um 20:15 auf arte und ist bis zum 30. Juni in der Mediathek verfügbar.

Einfach das Ende der Welt (OT: Juste la fin du monde; Regie & Drehbuch: Xavier Dolan; Kamera: André Turpin; Musik: Gabriel Yared; Darsteller*innen: Gaspard Ulliel, Nathalie Baye, Marion Cotillard, Vincent Cassel, Lea Seydoux; FSK: 12; Laufzeit ca. 95 Minuten

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