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Es braucht kein Dorf, um ein Monster zu erschaffen

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Zuletzt aktualisiert am 15/08/2020

3. November 2020. An diesem Tag, einem Dienstag, finden in den USA die 59. Präsidentschaftswahlen statt. Die Hoffnung vieler Bürger.innen der USA und Menschen weltweit ist, dass das Ergebnis einen Wechsel vom 45. auf den 46. Präsidenten zulässt. Donald Trump also wieder dauerhaft auf den Golfplatz (und vielleicht vor Gericht) gestellt werden kann und Joe Biden mit Hilfe von Kamala Harris die Politik der USA wieder in halbwegs verlässliches Fahrwasser steuern wird. 

Kurz bevor Trump Präsident der Vereinigten Staaten wurde erschienen einige Bücher über ihn und seine vermeintlichen „Marotten“, seitdem er sich mit seiner Fernbedienung im Weißen Haus befindet, unzählige. Manche davon interessant und lesenswert, andere so lala und einige schlicht Bullshit. Nun, wo die heiße Phase des Wahlkamps in den USA beginnt, erscheinen weitere und sicherlich kommen noch ein paar mehr. Da stellt sich einem schon die Frage: Braucht man das, ja oder nein? Zumindest was das Buch Zu viel und nie genug – Wie meine Familie den gefährlichsten Mann der Welt erschuf von Donald J. Trumps Nichte, der promovierten Psychologin Mary L. Trump, angeht lässt sich diese Frage mit einem recht deutlichen „Ja“ beantworten. 

Mehr als „nur“ ein maligner Narzisst 

Die 1965 geborene Mary L. Trump ist die Tochter des ältesten, mit 42 Jahren verstorbenen, Sohnes Frederick „Freddy“ Jr. des vermeintlich übergroßen Familienpatriarchen Frederick „Fred“ Christ Trump und dessen Frau Mary Anne MacLeod Trump, von Mary Trump meist nur „Gam“ genannt. Die Nichte des derzeit amtierenden US-Präsidenten erzählt in ihrem Buch Zu viel und nie genug die Geschichte der Familie Trump, ihrer Familie, beginnend mit ihren Urgroßeltern Friedrich Trump und Elisabeth Christ, die aus Kallstadt in der Pfalz in die USA immigriert sind. Der Fokus liegt allerdings auf ihren Großeltern, deren fünf Kindern (Maryanne, Freddy, Elizabeth, Donald und Robert), unter welchen Bedingungen diese aufgewachsen sind, wie Mary selber aufwuchs und wie sie den, sicherlich zu verhindernden, frühen Tod ihres Vaters erlebte und was das alles mit der heutigen Shit Show zu tun habe.

Mary Trump beschreibt bereits in ihrem ausführlichen Prolog die offensichtlichen Symptome Donald Trumps, die weit über den sogenannten malignen Narzissmus hinausgehen, obwohl sie kein Problem damit habe, ihn als Narzissten zu bezeichnen, denn „alle neun Merkmale, wie sie im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5) dargelegt sind, treffen auf ihn zu“ (S. 25). Doch komme noch einiges hinzu, schreibt die klinische Psychologin weiter. Donald Trump erfülle „auch die Kriterien für eine Antisoziale Persönlichkeitsstörung, die […] sich aber auch auf chronische Kriminalität, Arroganz und der Missachtung der Rechte anderer bezieht“ (S. 26). Ebenso erfülle er einige Kriterien einer Abhängigen Persönlichkeitsstörung; möglicherweise habe er eine seit langer Zeit unbemerkte Lernschwäche; scheint koffeinabhängig zu sein und einiges mehr  (ebd.). 

Woher kommt das alles? Wie konnte dieser Frankenstein ohne Gefühle und Zuneigung für sein Monster (u. a. seine Anhängerschaft) entstehen? Ist Donald das Monster eines weiteren, emotionslosen Frankensteins, das Monster seines Vaters Fred? Auf der Basis dieser Frage, die auf Seite 28 aufgeworfen wird, setzt sich Mary Trump dann analytisch mit der Familie auseinander und erstellt so ein biographisch geprägtes Psychogramm nicht nur des orangenen Mannes Trump, sondern der ganzen, in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit, nach Bestätigung lechzenden und durch Geld und Gier, Kälte und Lügen zerrütteten Familie. 

Traurige, harte Dynamik

Die Kindheit der Sprösslinge Trump wird als zwar gut situiert, aber trostlos und kalt beschrieben. Eine durch Krankheiten und Selbstbezogenheit hervorgerufene häufige physische und psychische Abwesenheit der Mutter Mary; die völlige Gefühlskälte und Boshaftigkeit des Vaters Fred, der ohnehin nur auf sein Geschäft fokussiert war und keinerlei Ablenkung gebrauchen konnte, das war das Umfeld in dem die Kinder aufwuchsen. Der älteste Sohn, Freddy, sollte in die Fußstapfen des Vaters treten, doch so recht passte er nicht in das Bild, das sein Vater von einem echten Mann, einem Sohn und gebürtigen Nachfolger hatte. Er sollte immer das schwarze Schaf bleiben, schließlich tief in seine Alkoholsucht versinken und schwer krank im Haus der Eltern, genannt „The House“, allein gelassen werden, bis man ihn schließlich zu spät in ein Krankenhaus, allerdings keines der sonst von den Trumps genutzten, bringen und dort, allein, sterben ließ. Schon zuvor war klar, dass Donald seinem Vater nachfolgen und das immer wieder kleingerechnete Immobilienimperium übernehmen sollte. 

Mary L. Trump // © Peter Serling, 2020

Die harte, traurige Dynamik innerhalb der Familie, die Freddy früh zum Ausgegrenzten werden ließ, beschreibt Mary Trump äußerst ansehnlich und ausführlich, auch wenn es manches Mal zu unnötigen Wiederholungen kommt. Das hindert uns als Leser.innen aber nicht daran, zu verstehen, dass diese Familie durch Verdrängung und Gehorsam, Egoismus und gegenseitige Abhängigkeit, aufgrund von ausgegeben Gefallen, verbunden ist. Man hat das Gefühl in einem der düsteren Charles-Dickens-Erzählungen über sich selbst zerstörende Menschen und Familien zu stecken, doch leider ist das hier alles real. Nach der Lektüre sollte auch niemand mehr an dem Realitätsbezug von Serien wie der als Satire aufgemachten Perle Succession und anderen zweifeln.

Besonders grausam sind Stellen wie jene, an der Mary ihren Onkel Robert zitiert, der, als es um Erbstreitigkeiten geht, sagt: „In den Augen deines Großvaters ist tot, wer tot ist. Er kümmerte sich nur um seine lebenden Kinder“ (S. 225). Noch erschreckender wird diese Aussage, wenn die Leser.innen etwas später, ebenso wie Mary, erfahren, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Denn auch die Geschwister Freddys hatten keinerlei Interesse daran, auch nur einen Teil der Erbmasse an die Kinder ihres verstorbenen Bruders abzugeben. 

Ein paar kleine Seitenhiebe und gut gesetzte Kommentare lassen einen dann trotz aller Düsternis und allem Defätismus hier und da schmunzeln. Wenn Mary Trump beispielsweise schreibt, dass die Bibliothek in „The House“ “bis 1987, als Donalds von einem Ghostwriter verfasstes Buch Die Kunst des Erfolges veröffentlicht wurde, ein bücherloser Raum“ (S. 128) war. Das deckt sich auch damit, dass Mary einen Großteil der Familie, insbesondere Fred und Donald, als provinziell, absolut nicht gebildet und eher denkfaul beschreibt. Sicher schlau genug, um durchzukommen und eben hintertrieben, aber nicht klug. Oder als Mary Trump unerwartet nach einer beinahe ein Jahrzehnt währenden Funkstille plötzlich zur Hochzeit von Ivanka Trump und Jared Kushner eingeladen ist und die Rede Donalds, die er zur Ehre seiner Tochter hält, auf Seite 241 wie folgt kommentiert: „Hätte ich nicht gewusst, über wen er sprach, hätte ich gedacht, dass er auf die Tochter seiner Sekretärin anstößt.“

Mary Trump und die „failing“ New York Times

Vieles, das lange im Verborgenen lag, erfährt Mary erst im Rahmen ihrer die Reporter Susanne Craig, Russ Buettner und David Barstow der New York Times unterstützenden Recherchen für einen Artikel über Trumps „Steuersparmodelle“ und alle möglichen, teils illegalen, das Geschäft betreffenden Machenschaften. Mary Trump war die anonyme Informantin der drei Reporter für ihren beinahe 40-seitigen Artikel Trump Engaged in Suspect Tax Schemes as He Reaped Riches From His Father, der am 2. Oktober 2018 erschien.

Ohne diesen Artikel und ohne die bei einer zuerst unwilligen Mary Trump immer wieder nachhakende Reporterin Susanne Craig, wäre Mary wohl auch nicht auf die Idee gekommen dieses aufschlussreiche Buch zu schreiben. Sie begründet ihren Entschluss zum Schreiben eines Buches auch damit, dass sie dabei helfen wolle, Donald Trump zu Fall zu bringen und entdeckt da auch in sich etwas typisch Trump-ishes: Es ist nie genug, ein.e Trump hat in allem der oder die Beste zu sein.

Überhaupt merkt man Zu viel und nie genug an vielen Stellen an, dass es dieses Mal etwas Persönliches ist. Mary Trump ist nicht nur die quasi enterbte Enkelin, wobei es sehr oft auch darum geht, wie ungerecht sie das empfindet und ein wenig mag hier auch das Gefühl entstehen, dass sie doch auch neidisch ist, was im Grunde durchaus nachvollziehbar sein dürfte. Sie ist nicht nur die belogene und teilweise verleugnete Verwandte; nicht nur die Person, bei der die anderen Trumps plötzlich so taten, als hätte sie sich nie um die Familie gekümmert, obwohl sie sich lange Zeit beinahe jedes Wochenende mit der sonst alleingelassenen „Gam“ Mary traf. Sie ist auch Demokratin, sie steht für Menschen- und Bürgerrechte ein, sie ist lesbisch und sie hat genug.

Nehmt das Monster ernst und vertreibt es

So appelliert sie auch durch das Buch hindurch, aber insbesondere am Ende, dass Donald Trump keine zweite Amtszeit haben dürfe. Dass ein Mann der im Grunde immer noch dreijähriges Kind ist, ein Mann der von Covid-19-Opfern gelangweilt ist, ein Mann der statt Fehler zuzugeben, lieber eine nächste Krise, vielleicht sogar einen Bürgerkrieg, inszenieren würde (S. 271 ff.) auf keinen Fall Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika bleiben dürfe. Sie räumt auch damit auf, was viele Medienvertreter und politische Kommentatoren und Experten anfangs nahezu durchweg gemacht haben und inzwischen weniger, aber doch immer noch manches Mal machen: nämlich Donald Trump als infantilen Clown, als Witzfigur, als einen Bauer der republikanischen Partei hinzustellen. Wenn es darum geht, sich selbst zu schützen, seine Angreifer zu bestrafen und seine Lügen weiter seine Wahrheit sein zu lassen, dann ist dieser Mann zu nahezu allem bereit und vor allem äußerst fähig. Unterstützt wird das, so Mary Trump, durch die ihn umgebenden Personen, die nun ebenfalls Leichen im Keller haben, im Gegensatz zu ihm aber nicht die Dreistigkeit und Arroganz so verinnerlicht haben mögen, Personen die nich nur „betrügen und Zwietracht säen“ (S. 269) können, die weniger soziopathisch seien mögen, als Donald Trump.

Mary Trump enthüllt in ihrem (trotz einer manchmal holprigen und nicht ganz fehlerfreien Übersetzung) lesenswerten Buch nicht nur die kalte, grausame und empathielose Dynamik innerhalb der Familie Trump und den geschützten, vergoldeten, brutalen und eiskalten Kokon, in dem Donald Trump aufgewachsen ist. Sie beschreibt nicht nur die Geschichte eines abgestumpften Mannes, der sich nahezu alles erlauben kann, ohne je die Konsequenzen tragen zu müssen; eines Pleitiers, der Banken dazu brachte, für seinen Lebensunterhalt aufzukommen. Sie gewährt – im Gegensatz zu vielen vorhergehenden Veröffentlichungen – neue Einsichten in die Psyche eines krankhaften Betrügers und Egomanen, sie räumt mit Legenden auf, rechnet mit willfähriger Berichterstattung ab und ermahnt uns, die Sache verdammt nochmal ernst zu nehmen. Nicht zuletzt beschreibt sie, welche Menschen es braucht, diesen Mann entstehen und ihn und seine Grausamkeiten „gedeihen“ zu lassen. Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen und es braucht für den Anfang nur einen Vater und ein paar willige Medienvertreter, ein Monster zu erschaffen.

Trump, Mary L.: Zu viel und nie genug – Wie meine Familie den gefährlichsten Mann der Welt erschuf; 1. Auflage, August 2020; Hardcover mit Schutzumschlag; 288 Seiten; ISBN: 978-3-453-21815-4; Heyne Verlag; 22,00 € (eBook: ISBN: 978-3-641-27444-3; 17,99 €)

AS

Beitragsbild: artwork © the little queer review

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