Es hat keine „Hetzjagd“ stattgefunden

Bild: Marias (Anna Herrmann) schlimmste Befürchtungen bewahrheiten sich, als sie am Rheinufer die Leiche ihres Freundes Tilmann sieht, dessen Tod von Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) untersucht wird. // © SWR/Jacqueline Krause-Burberg

Wir sind sehr gespannt, ob der heutige Tatort: Hetzjagd ein großer Flop wird. Schließlich ist den Leuten mit #ActOut kürzlich noch einmal klar gemacht worden, dass die Lena Odenthal-Darstellerin Ulrike Folkerts eine lesbische Frau ist. Gab es doch nach dem Coming Out der Schauspielerin Karin Hanczewski, die im Dresdner-Tatort Kriminaloberkommissarin Karin Gorniak spielt, in der letzten Woche Kommentare wie: „Schade, dass sie sich outen musste, ich mochte den Tatort eigentlich.“ Das ist natürlich ärgerlich, ne?!

Und heute wird’s noch schlimmer: Der Antagonist, Vollzeit-Nazi Ludger Rehns, wird von dem schwulen Schauspieler Daniel Noël Fleischmann gespielt; wer genau hinschaut, sieht im Verlauf des Tatorts immer wieder mal queere Momente im Hintergrund und das gesamte Team vor und hinter der Kamera ist recht divers. Und das Thema erst: Rechtsextremist verübt vermeintlich einen Anschlag auf einen Rock gegen Rechts-Konzertveranstalter. Und, herrje, Clueso hat einen Gastauftritt als er selbst. Harter Tobak für jene, die doch nur in Ruhe gelassen werden wollen. Und das am Sonntagabend! Pah.

Keine Intoleranz den Intoleranten gegenüber?

In Hetzjagd steht der rechtsextremistische Ludger Rehns (Daniel Noël Fleischmann), unter Verdacht, den Organisator von „Rock gegen Rechts“-Konzerten, Tillmann Meinecke (Tom Sommerlatte), ermordet zu haben. Den Anschlag soll er gemeinsam mit seiner Freundin Hedwig Joerges (Anne-Marie Lux) geplant haben, nun sind beide flüchtig. Auf der Flucht geraten sie in eine Polizeikontrolle und es kommt zu einer fatalen Konfrontation mit Polizeioberkommissarin Katja Winter (Petra Mott). 

Die Kommissarinnen Odenthal (Ulrike Folkerts) und Stern (Lisa Bitter) müssen wohl oder übel mit dem Verfassungsschützer Thomas Leonhardt (Oliver Stritzel) zusammenarbeiten. // © SWR/Jacqueline Krause-Burberg

Derweil befragen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) die Freundin des Ermordeten, Maria Karich (Anna Herrmann), als der Verfassungsschutz, in Gestalt von Thomas Leonhardt (Oliver Stritzel), mit weichem „d“, auftaucht und die Ermittlungen übernehmen will. Im Laufe dieser geraten die Dinge allerdings durcheinander und es scheint nicht mehr unmöglich, dass Rehns womöglich gar nicht der Mörder war. 

Die Ausgangslage des Films ist also eine spannende und das Thema ist und bleibt natürlich aktuell, vor allem auch die im Film immer wieder vermittelte Frage der Notwendigkeit von Kommunikation. Regisseur und Drehbuchautor Tom Bohn sagt zu Hetzjagd, er sehe wie massiv es am linken und rechten Rand zugehe, man aber dennoch die Hand reiche müsse: „Ich ertrage nicht Intoleranz… Und wir werfen immer den Radikalen Intoleranz vor, links wie rechts, sind es aber ihnen gegenüber teilweise auch.“ Solange sie keine Waffen trügen, denke er allerdings könne es immer noch einen Weg zurückgeben.

Autor und Regisseur Tom Bohn am Set. // © SWR/Jacqueline Krause-Burberg

Wer spricht noch mit wem?

Dieser Gedanke wird im Tatort am deutlichsten durch Ulrike Folkerts’ Lena Odenthal formuliert, wenn sie zu ihrer Kollegin Stern sagt: „Vielleicht müssen wir lernen, einander wieder mehr zuzuhören.“ Die allerdings erwidert: „Nem Nazi mag ich echt nicht zuhören.“ Was auch wiederum verständlich ist. Insbesondere wenn man sich die tief ideologisierten, menschenverachtenden und von Hass erfüllten Worte Ludger Rehns, der im Netzwerk „Revenge88“ organisiert ist, anhört. 

In Untersuchungshaft spricht Ludger Rehns (Daniel-Noël Fleischmann) zwar mit Lena Odenthal (Ulrike Folkerts), doch so richtig eins wird man sich nicht. // © SWR/Jacqueline Krause-Burberg

Hier ist es ein Glück, dass die Macher*innen vom Tatort mit Fleischmann einen Schauspieler gefunden haben, der es schafft, die Aggression und die vollkommene und verkommene Überzeugung, aber auch Angst, Panik und Zweifel zum Ausdruck zu bringen. Was er hier innerhalb von Sekunden mit seiner Mimik anstellt und so zum Ausdruck bringt, gehört zu den Highlights dieses und der letzten Tatorte. Hier findet ihr ein Porträt-Gespräch mit ihm, auch zur Vorbereitung auf die Rolle und sein Engagement bei #ActOut. 

Überhaupt ist dieser Tatort sehr gut besetzt: Anna Herrmann spielt die verzweifelte und zweifelnde Freundin Maria Karich überzeugend, die zusätzlich noch den einen oder anderen Kampf mit ihrer kritisch zu beäugenden Mutter Julia Karich (Valerie Niehaus) auszufechten hat. Anne-Marie Lux ist glaubwürdig als in sich gekehrte, aber nicht weniger überzeugte, Rehns-Freundin Hedwig. Als die beiden jungen Frau aufeinandertreffen, nicht wissend wer die jeweils andere ist, ist das nicht zuletzt auch deswegen spannend, weil die beiden sich einander mit neugieriger Skepsis annähern, wohl wissend, dass sie heute nicht allein sein sollten. Jedoch nimmt dieser Part in Anbetracht der anderen Nebenschauplätze ein wenig zu viel Raum ein.

Maria (Anna Herrmann) und Hedwig (Anna-Maria Lux) wissen beide nicht wohin mit sich, das verbindet die beiden Unbekannten. // © SWR/Jacqueline Krause-Burberg

Wie bei Maaßen: Keine Hetzjagd. Wirklich nicht.

So treffen wir noch den ehemaligen Kompagnon von Meinecke, Veranstalter Jim Takke (Sebastian Fräsdorf), der wirklich sehr authentisch charakterisiert ist, manch ein*e Zuschauer*in wird diesen Lebensbereich kennen und wissend schmunzeln. Hier kommt es auch zum Gastauftritt von Clueso, der nett, aber auch für die Handlung irrelevant ist, trotz eines gelieferten Alibis. Weniger irrelevant und doch irgendwie zu kurz gekommen ist der von Oliver Stritzel wunderbar dargestellte Verfassungsschützer Thomas Leonhardt, der genau auf die richtige Art Arsch ist, ohne unfair oder Arschloch zu sein. Man nimmt dem süffisanten Mann ab, dass er eben auch mit harten Vorurteilen zu kämpfen hat.

Clueso mit Johanna Stern (Lisa Bitter) und Lena Odenthal (Ulrike Folkerts). // © SWR/Jacqueline Krause-Burberg

Apropos: Wenn in diesem Tatort: Hetzjagd von einer Sache nicht gesprochen werden kann, dann ist es eine Hetzjagd. Ganz ohne Maaßen’schen Scheiß. Es ist nachvollziehbar, warum der Titel gewählt wurde, im übertragenen Sinne mag der auch irgendwie funktionieren, Metaebene und so, doch wirklich mit der Handlung verknüpft ist er halt nicht. Zumal wir es am Ende mit einer der konventionellsten – und vorhersehbarsten – Auflösungen seit langem zu tun haben. Das ist auf der einen Seite nett, weil es theoretisch trickreich mit den Konventionen spielt. Auf der anderen Seite ist es blöde, weil wir die Auflösung mit Anlauf und in Zeitlupe kommen sehen.

Dafür erfüllt Hetzjagd seinen Bildungsauftrag allemal: Odenthal: „Wir schalten niemanden aus. Nazis schalten Menschen aus. Wir nicht.“, möchte die Gesprächskanäle offenhalten, zeigt, dass der Verfassungsschutz nicht der Feind sein muss (die zweischneidige Rolle von Geheimdiensten hat übrigens auch Ljudmila Ulitzkaja am Beispiel des sowjetischen NKWD in ihrem jüngst erschienenen Drama Eine Seuche in der Stadt beschrieben), dass Menschlichkeit auch im Düstersten zu finden ist (Schokolade und Bier!), niemand frei von Fehlern und kaum wer von Rachegedanken ist und dass das Leben auch nach dem Drama weitergehen muss, irgendwie. 

Tatort: Hetzjagd: Heute um 20:15 Uhr im Ersten, um 21:45 Uhr auf one und für sechs Monate in der ARD-Mediathek verfügbar.

Tatort: Hetzjagd; Deutschland, 2021; Regie & Buch: Tom Bohn; Kamera: Cornelia Jansen; Musik: Hans Franenk; Darsteller*innen: Ulrike Folkerts, Lisa Bitter, Oliver Stritzel, Annalena Schmidt, Anne-Marie Lux, Daniel Noël Fleischmann, Anna Herrmann, Petra Mott, Clueso, Valerie Niehaus, Peter Espeloer; Laufzeit ca. 88 Minuten; Eine Produktion des Südwestrundfunks

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