„Es war nie so schön, gute Bücher zu verkaufen“

Wir wollen nicht immer nur über Bücher schreiben, sondern natürlich auch gern mal mit jenen, die diese schreiben, gestalten und entstehen lassen und jenen, die sie für die Leser*innen neben uns Rezensierenden schon einmal abklopfen und bestenfalls sorgsam kuratieren: den Buchhändler*innen. Also haben wir uns vor kurzem mal aufgemacht und mit Beate, der Inhaberin der Berlin-Friedrichshainer Kiezbuchhandlung lesen & lesen lassen gesprochen. Und da heute am 8. Oktober der Welttag der Buchhandlungen ist, meinen wir, es gäbe keinen besseren Tag als diesen, dem Gespräch Raum zu geben.

Bei unserem Besuch sprechen wir darüber, wie sich die lesen & lesen lassen-Buchhandlung mit der Zeit und ihren Kund*innen entwickelt hat; was es bedeutet, beruflich und doch genießend zu lesen; wie sich ein Kiez verändert und nicht zuletzt, wie Verlagsprogramme sich in Corona-Zeiten weiterentwickelt haben. 

Willkommen bei lesen & lesen lassen // © the little queer review

Wir starten mit dem Spruch, dass Mittwoch Bergfest sei und werden direkt „zur Ordnung gerufen“ – wer bis Samstag arbeite, habe Mittwoch ja kein Bergfest, sagt Beate. Da ist was dran. Damit streichen wir das Bergfest, schaffen wir doch irgendwie 24/7. Nein, wir einigen uns, es nicht zu streichen und bleiben beim anerkannten Mittwochs-Bergfest. Wenn doch alles so einfach wäre!

Eine kurze Geschichte des Friedrichshain

Und da wir, in diesem Sinne, ganz entspannt sein wollen, halten wir Beate einfach unser Mikro hin und sagen: „Erzähl doch mal nen Schlach! Zum Beispiel, wie lange es euch schon gibt und so…“ 

Beate: Wir feiern in diesem Jahr 25-jähriges Jubiläum! Worauf wir glaube ich echt total stolz sein können [im Hintergrund lacht Ulla, die bei lesen & lesen lassen arbeitet, sich dort auch um den gut gepflegten, ereignisreichen und bunten Instagram-Account kümmert und einen eigenen, sehr feinen und interessanten Instagram-Account samt Webpage betreibt; Anm. d. Red.], weil es auch fünfundzwanzig Jahre hier in unserem Kiez abbildet, in denen sich wirklich richtig was verändert hat, in denen richtig was passiert ist. Angefangen haben wir in der Simon-Dach-Straße, Anfang der 90er-Jahre haben wir da gewohnt. 

the little queer review: Gewohnt?

Beate: Ja, gewohnt, im Hinterhaus, so richtig wie das noch Anfang der 90er war. Und im Prenzlauer Berg hab ich gearbeitet und dort ging es schon so  allmählich los, dass man Buchhandlungen mit einem speziellen, tollen Angebot führen konnte. Da hab ich mir gedacht, wenn wir doch hier wohnen, könnten wir das doch hier auch machen. Nun war es aber so, dass hier im Friedrichshain die Bedingungen im Grunde noch nicht gegeben waren. Alles, was man heute in den Häusern als Geschäfte und Bars und so sieht, waren damals zum größten Teil Wohnungen. 

Gemütlich… und Fang Fang! // © the little queer review

Hier und da sieht man das auch, ein paar Fenster zeigen, dass es noch Wohnungen sind. So müsst ihr euch das vorstellen, war hier das ganze Stück Straße wo auch unser Laden ist. Und die Ecke hier am Wühlischplatz war eine der ersten, wo ein Vermieter aus Wohnungen tatsächlich Läden gemacht hat. Zuerst waren wir neun Jahre direkt nebenan, in dem kleinen Café-Laden, und da hat mal jemand sehr charmant gesagt, das sei eine wohlige, küchengroße Buchhandlung. 

Anfangs sei der Laden als Kiezbuchhandlung für Menschen, die hier wohnten, ausgelegt gewesen, erzählt Beate weiter. Ein wenig sehen wir, dass sie noch immer sehr gern an die Zeit denkt. Klar, vor allem in solchen Jubiläumsjahren wirken Erinnerungen noch einmal anders. Hinzu kommt sicherlich, dass sie diesen Kiez auch nie verlassen haben, der Laden mit dem Kiez und dem Publikum Veränderungen mitgemacht und durchlebt hat, vom persönlichen Leben einmal ganz zu Schweigen. Früher jedenfalls sei das Publikum noch ein anderes gewesen – sehr viel mehr Studierende, mehr alternative Personen, weniger prenzlauer-bergisiert halt, als es heute der Fall ist.

In den letzten fünfzehn Jahren habe sich die Gegend sehr verändert, sagt Beate, damit seien aber auch die Leute gekommen, die ein anderes Bewusstsein mitbrächten, sowohl in Bezug aufs Lesen, spezieller die Art, was und wie sie lesen, als auch auf Geld. So passte lesen & lesen lassen vorsichtig das Sortiment an, vorsichtig tasteten sie sich an das neue, veränderte (und wohl auch sich verändernde) Publikum heran. 

„Wir haben die Lizenz zum Bessermachen bekommen“

Beate: Was aber von Anfang der Fall war und sich bis heute nicht verändert hat, sind zwei, ja, Eckpfeiler. Das ist einmal der Kiezbonus. Es ist ja eine sehr inhaberin-geführte Buchhandlung, ich sozusagen als das Gesicht der Buchhandlung. Und tatsächlich dieses einfach toll ausgewählte Sortiment. Zwei Säulen, die wir von Anfang an gepflegt haben. 

Mit der Zeit stellten sie fest, dass der Platz nicht mehr reichte. Und als sollte der erwähnte Kiezbonus prompt zum Beweis geführt werden, ergab es sich, dass der Laden nebenan zur Verfügung stand. Zuvor seien hier, im jetzigen Ladengeschäft, vor allem Kneipen gewesen, die bei den Bewohner*innen auf wenig Gegenliebe stießen. Also zog das Team um.Jedenfalls nachdem sie den Laden selbstständig ausgebaut hatten. Der (wirklich schöne Fußboden), die Regale und Co. – sehr viel sei in Eigenarbeit erledigt worden. Farblich stimmige im Übrigen, was Besucher*innen wie Kund*innen prompt ein einladendes Gefühl vermittelt – #isso. Das sagt auch…

Immer noch etwas besser, bunter und vielseitiger – u. a. mit der Gewinnerin des Internationalen Literaturpreises, Fatima Daas, oder dem kritisch-motivierenden Buch von Aminata Touré. Natürlich auch dem neuen Daniel Schreiber Allein und dem jungen Kultbuch Real Life von Brandon Taylor. // © the little queer review

Beate: Das alles hat die Buchhandlung immer zu einem Wohlfühlort, einem Sehnsuchtsort, das sagen auch viele, gemacht. Das ist unsere Geschichte. Wir haben sehr viel Kommen und Gehen gesehen in der Straße. Es hat sich viel entwickelt und ist klar bunter geworden. 

Die Bereitschaft des Publikums sich auf schwierige Themen einzulassen sei auf jeden Fall gewachsen, ergänzt sie. Auch der Wille, Neues zu entdecken. So sei es auch von Beginn an so gewesen, dass auch Beate, ihr Mann und das Team die Kund*innen an Themen heranbringen wollten, natürlich ohne deren Bedürfnisse zu ignorieren. Ein konstantes Miteinander, ein Geben und Nehmen. 

Beate: Ich sag immer gern, was wir gut gemacht haben, wurde von unseren Kundinnen und Kunden bestätigt und damit haben wir immer die Lizenz zum Bessermachen bekommen. Das hat uns auch vorangetrieben. Wir durften nie stehenbleiben, nie dieses Gefühl zu eingeschaukelt zu sein geben [etwas, das aus anderen Gegenden und Buchhandlungen leider, leider nur allzu bekannt ist; Anm. d. Red.]. Aber diese Möglichkeit hätten wir hier auch gar nicht. Wir haben es immer wieder mit neuen, auch schwierigen Themen und Herausforderungen zu tun bekommen und mussten diesen immer einen Schritt voraus sein. 

Rundum-sorglos-Buchpaket mit Sasha Marianna Salzmann und Mithu Sanyal (beide nominiert für den Deutschen Buchpreis 2021), Jasmin Schreibers Marianengraben und Mauersegler und GOTT und anderen von Ferdinand von Schirach… und, und, und… // © the little queer review

Da ist es – dieses Miteinander. Immer wieder neue Herausforderungen, die nicht erst angenommen werden sollten, wenn sie vor einem im Laden stehen, wie Beate sagt. Wenn der sechste Kunde nach einem Thema im Laden frage und die Antwort wäre „Äh, nö…“, dann sei es eben auch zu spät. So müsse es im Grunde heißen: „Ja, da gibt es drei Bücher und drei andere kommen auch noch.“

Das fällt übrigens auf, als wir selber vor dem Gespräch noch stöbern und uns umsehen: Es gibt kaum ein „Nein.“ an interessierte, potenzielle Kund*innen. Es gibt dieses Buch, eine weitere Empfehlung oder eine alternative Lektüre. Kaum jemand kommt kurz und geht wieder. Es findet Austausch statt, es wird noch mehr Interesse geweckt. Das ist arg sexy.

„Die Begeisterung darf nicht fehlen“

Wir kommen darauf, dass hinter einem von uns das Buch Räuber von Eva Lapido liegt, das gerade gelesen wird. In diesem Buch beschreibt Lapido in einem teils etwas aus der Struktur laufenden Plot genau diesen Wandel von Kiezen, aber vor allem der Stadt Berlin im Allgemeinen. Sie charakterisiert gut die sich verändernde Struktur und die sich wandelnde Anspruchshaltung. Durch diese sich immer wieder umformende Haltung kommt es aber sicherlich auch, dass mensch und Beate selber auch als Lesende nicht stehenbleiben und das sicherlich auch Freude bereitet. In der Hoffnung, dass Menschen, die Buchhandlungen führen, nicht nur ein Buch kennen und gern lesen.

Räuber bei Brüsten und Eiern – läuft hier. // © the little queer review

Beate: Ja, der Buchhändler ist sowieso jeher immer der Bestinformierteste, aber immer mit dem Halbwissen unterwegs seiende Mensch [ein Satz zum Einrahmen, wie wir meinen; Anm. d. Red.]. Weil wir natürlich mit allem so ein bisschen zu tun haben, uns überall ein wenig was anlesen, aber nie so ganz als Experten einsteigen können, weil wir immer weiterziehen müssen. Das ist manchmal schade, aber vor allem beeindruckend, was so aufgenommen wird. 

Was interessant ist, wenn wir neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben, dass da oft eine große Begeisterung fürs Lesen ist, dann aber auch festgestellt wird, dass es eben auch Arbeit ist. Das ist dann kein sich einfach nur treiben lassen als Leserin oder Leser, sondern tatsächlich ein Lesen mit Ziel. 

Wir meinen, lesen sollte auch immer mal ein wenig herausfordern; die eigene Komfortzone ab und an zu verlassen schadet wohl auch nicht. Lesen als Teil von Arbeit ist aber natürlich noch einmal etwas anderes. Zumal Programme von Verlagen schon Arbeit sind, dann kommt es kurzfristig zu  Änderungen; plus die erwähnten, sich verändernden Wünsche und Ansprüche der Kund*innen; vielleicht auch Titel und Themen, die zuerst nicht wahrgenommen oder unterschätzt wurden – wie ein unberechenbares Pendel, dass immerfort schwingt. Sich dabei die Begeisterung zu bewahren ist vermutlich nicht für alle leicht und schon gar nicht möglich, oder?

An das Wilde glauben von Nastassja Martin ist ein Lieblingsbuch von Beate. Warum, das erzählt sie hier. // © the little queer review

Beate: Klar! Die Begeisterung darf nicht fehlen. Einige machen sich da auch falsche Vorstellungen davon, was es heißt, in einer Buchhandlung zu arbeiten. Wir sind, jemand hat das mal gesagt und es stimmt, so ein Zwischenglied zwischen Kultur und Wirtschaft. Ich muss natürlich auch immer daran denken, dass die Bücher nicht nur von Menschen geschrieben, teils übersetzt, hergestellt und verlegt werden, nur für den Selbstzweck oder um die Welt schöner zu machen. Es muss natürlich auch verkauft werden. Davon lebt eine Riesenbranche.

the little queer review: Apropos Verkauf und so: Wie war das denn während der Corona-Hochzeit?

Beate klärt uns, die wir irgendwie im Kopf hatten, Buchhandlungen hätten anfangs nur aus dem Fenster verkaufen dürfen, erst einmal auf, dass diese immer offen haben durften, zumindest in Berlin. Siehste mal – noch kein Buch gekauft, aber schon etwas gelernt (eigentlich haben wir im Gespräch zuvor schon einiges mehr gelernt, aber hey).

„Es ist eindeutig das Jahr des Buchhandels gewesen“

Beate: Also wir in Berlin hatten ja sozusagen unseren ganz persönlichen Schutzengel, Herrn Lederer [Klaus Lederer, Die Linke, zu der Zeit Kultursenator der Stadt Berlin; Anm. d. Red.], der durchgesetzt hatte, dass Buchhandlungen wie Lebensmittelgeschäfte offenbleiben durften. Natürlich mit Regeln zur Anzahl an Menschen im Laden und allem. Aber so oder so: Im ersten Lockdown waren wir schon überfordert. Wir haben erstmal drei Tage zugemacht. Es war nicht klar, wie gefährlich das alles wirklich ist und wir brauchten erstmal ein Konzept. 

the little queer review: Hat sich denn in der Zeit die Dynamik mit den Kund*innen verändert, oder haben die ihr Leseverhalten verändert?

Beate: Es wurde total viel mehr gelesen. Gerade am Anfang, als die Bibliotheken von einem Tag zum anderen schließen mussten. Da waren die Leute wirklich richtig dankbar, dass die Buchhandlungen aufhatten. Dann hatten viele auch relativ schnell alle Serien durchgeguckt und auch da wieder das Lesen entdeckt [über schauende Leser*innen und lesende Seriengucker*innen unterhalten wir uns übrigens auch mit Benedikt Gollhardt, dem Autoren sowohl des Buches als auch der bald startenden Serie Westwall, lest ihr demnächst bei uns; Anm. d. Red.]. 

Emma Bading als Julia und Jannik Schümann als Nick in der Mini-Serie zum Buch Westwall (voraussichtlich Ende des Jahres im ZDF) // © ZDF/Pawel Labe

Auch jüngere Lesende im Alter von zehn bis zwölf Jahren, die an andere Aktivitäten verloren gewesen seien, wären wieder mehr auf Bücher gekommen, sagt Beate. Apropos sagt: Unser Gespräch ist hier halb im Flüsterton, weil ständig Menschen in den Laden kommen, fragen, schauen und Ulla gut zu tun hat. Immer mal wieder unterbrechen wir, so dass auch Beate für manch eine Frage zur Verfügung steht. 

Vor allem seien auch diejenigen zwischen Anfang zwanzig und Mitte dreißig wiedergekommen; jene, die sich nun erinnerten, doch als Kinder mal gern gelesen zu haben. Auch, wie Beate meint, das Lesen als Rückzugsort wiederentdeckt hätten. Weiter sagt sie, die seit gut dreißig Jahren im Buchhandel unterwegs ist – mit einem Dreivierteljahr Unterbrechung, nicht fürs Kinderkriegen, das geschah nebenbei, sondern der Wende wegen -, dass sie noch nie eine solche Wertschätzung erlebt habe, wie im Corona-Jahr 2020. 

Beate: Das ist eindeutig das Jahr des Buchhandels gewesen. Auch die Verlage, das war merklich, haben sich wirklich was getraut. Das fand ich echt schön. Ich zumindest, in so einer Buchhandlung wie unserer, mit dieser Ausrichtung, diesem Programm, hatte nicht das Gefühl, dass da was hinten runterfällt. Das Niveau der Programme war alles in allem nach oben gegangen, statt nur zu sagen: „Wir machen mal, was sich definitiv verkauft und dann sehen wir mal, wie’s weitergeht.“ Dabei ist zu bedenken: Die brauchen ja auch Vorlauf, mal eben so ist das nicht. Das war, muss ich wirklich sagen, ganz beeindruckend. 

Ein Tisch, ganz passend zu einem guten Buch(Handels)jahr // © Ulla Scharfenberg

Ansonsten glaub ich, haben wir auch viele neue Leute in der Gegend beeindrucken können. Dazu kam, dass Amazon längere Zeit alle Büchersendungen ausgesetzt hatte und es da, meine ich und hoffe ich, vielen nochmal bewusst geworden ist, wessen Geistes Kind die eigentlich sind. Da ist vielen nochmal klargeworden: am Besten in die Buchhandlung. Und das ist, Corona auch mal außen vor, das Besondere an Berlin: Man geht einmal um die Ecke und hat meist so eine Buchhandlung wie diese hier…

the little queer review: …vor allem in den Kiez-Situationen…

Beate: …mit so einer Auslegung und so einem Sortiment, da kann hier niemand sagen, dass er unterversorgt wär. Und auch während Corona haben wir unser Programm, unsere Leistung durchgezogen. Wir hatten zum Glück so gut wie nie Lieferengpässe.

„Ich bin der Themenbreite verpflichtet“

Merkt ihr? Das ist im Grunde ein Appell daran, sich doch auch mal in der Umgebung umzuschauen und zu entdecken was es so zu entdecken gibt. Es stimmt ja auch, wie erwähnt, wir haben uns bei lesen & lesen lassen sonntäglich am gut kuratierten, nicht selten auch angequeerten Fenster die Nase plattgedrückt. 

Aufbau zum Deutschen Buchpreis, u. a. mit Grigorcea, Goldschmidt, Bazyar, Schmalz… auch Strunk. // © the little queer review

Wie erwähnt, wir stöberten vor dem Interview selbstverständlich selbst ein wenig durch den Laden, liebten es, dass er riecht, wie echte Buchhandlungen riechen sollten und blieben am eigens für die auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2021 eingerichteten Tisch hängen. Wir erblickten dort manchen Favoriten und auch unser Patenbuch zum #buchpreisbloggen Es ist immer so schön mit dir von Heinz Strunk. Im Nachgespräch wird uns erläutert, dass ausgerechnet das Buch, das sich uns am wenigsten interessiert, am besten verkaufe. Nun gut, Geschmäcker sind halt divers – ist auch gut so, wie wir nun sehen.

the little queer review: Jetzt haben wir so oft drüber gesprochen, wie vielseitig und doch speziell euer Programm wäre. Dass es eben nicht nur die Nische Gegenwartsliteratur oder kurzfristigen Thrill bietet. Woher kommt das, was ist der Anturner zu den verschiedenen – vermeintlichen – Pageturnern?

Beate: Wir sind doch alle unterschiedlich. Wir haben alle unterschiedliche Interessen. Und ich darf [das Wort betont Beate; Anm. d. Red.] als Buchhändlerin gar nicht sagen, das ist jetzt etwas, das überhaupt gar nicht gelesen werden sollte. Klar führen wir ganz viele Sachen auch nicht. Da sage ich dann: Ja, vom Anspruch her, da darf ich eine Entscheidung treffen. Aber in der Themenbreite, da bin ich verpflichtet, hier doch recht viel anzubieten. 

Und, was wir hier sehen, das ist doch im Grunde die große Kunst des Weglassens. Ihr müsst euch vorstellen, zu jedem Thema gibt es fünfzig Möglichkeiten und ich suche drei oder fünf vom Niveau, der Gestaltung und so passend für uns aus. Da spielen ganz unterschiedliche Aspekte rein und wenn du dann als Kunde reinkommst und sagst: „Wow, die Arbeit muss ich mir nun nicht mehr machen“, dann haben wir haben es richtig gemacht. Die Leute vertrauen uns da auch, dass wir schon gut und genau geguckt haben. 

Dazu kommt, dass die Kunden auch was für sich entdecken, Nachfragen haben oder, wie ihr sagtet, wir vielleicht auch mal was unterschätzt haben. Und so kommt dann eben diese Vielfalt, die sich immerfort entwickelt. So vielfältig sind wir aber doch auch alle. Jetzt ja auch endlich verstärkt, dass diese Vielfalt sichtbar wird, sichtbar ist. Ich find das übrigens auch eine tolle Branche dafür, eine Branche, die es sichtbar machen kann.

In einem Regal zwischen uns sehen wir Jonas Eikas Erzählungssammlung Nach der Sonne stehen, eines unseren Highlights und, wie wir meinen, verpasster Träger des HKW-Literaturpreises. Das Buch steht nicht überall (auch wenn es an der Stelle, an der es genau platziert ist, etwas verloren wirkt, aber nun gut).

Auch die Sachbücher sind bunt: Nora Eckerts fantastische Memoiren finden sich ebenso wie Benno Gammerls eindrückliche Emotionsgeschichte // © the little queer review

Wir stellen auch noch fest, dass wir Beate vollkommen recht geben, was den Mut der Verlage zu mehr literarischen Experimenten und jüngeren, auch queeren und bisher noch zu wenig stattfindenden Stimmen angeht. Über vieles lässt sich in der Verlagslandschaft streiten, manches prompt wieder zerpflücken (gerade in manch einer Bubble), wenn es denn unbedingt sein müsste, aber auch hier lässt sich sagen: Steter Tropfen und so. 

Buchhandlungen wie lesen & lesen lassen, deren Fenster und Tische inhaltlich wie auch farblich bunt abgemischt sind, steuern dazu einiges bei. Der Kund*innen Ohr, aber auch Berater zu sein, ebenso. Das Verhalten von Ver- und Einkäufer*innen prägt die Programme. Auch Beate sagt, dass sie darauf achte, wenn sie Leute einstellte, dass hier keine Einseitigkeit einzöge. Andere Stimmen, andere Ideen – herzlich willkommen. Das ergänze die Buchhandlung natürlich. 

Jubiläumsfeier ohne Party

Wir meinen, hier wäre ein guter Moment wieder auf die Anfänge und das 25-Jahre-Jubiläum zu kommen. Also plant ihr was? Einen großen Lese-Marathon?

Beate: Nee, wir machen leider nix. Ich hatte wirklich einiges geplant; wir wollte das mit verschiedenen Gruppen feiern, um da auch diese Vielfalt leben zu lassen. Ich hab das über fünfundzwanzig Jahre aufgebaut und das ist mein Leben. Das wollte ich feiern. Sichtbar feiern, selbst wenn’s nur acht Leute wären. Aber das ist gerade wieder einfach zu unsicher. 

Unser Gespräch findet einen Tag bevor Marlen Pelny aus ihrem Buch „Liebe / Liebe“ liest, statt. Beate erzählt, dass bis kurz zuvor noch nicht sicher gewesen sei, ob auch alle Leute, selbst wenn sie durchgeimpft sind, noch einen Test bräuchten. Weder auf den Internetseite der IHK noch des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels – O-Ton Beate: „unserem Dachverband!“ – habe es dazu Infos gegeben. Das müsse man sich mal vorstellen. Ja, tun wir, ugh. 

Beate: Aber, das muss dazu gesagt werden: Als wir hier angefangen haben, haben wir sehr viele Lesungen gemacht. Das wurde dann weniger, weil es irgendwann überall immer etwas gab und dann ist es auch nicht mehr schön. Ich bin dann da auch müde geworden, das war nicht mehr so toll. Da habe ich dann angefangen auszuwählen und nur noch etwa zwei Lesungen pro Jahr zu machen. 

Viel Licht, viel Liebe // © the little queer review

Ich brauche das auch nicht mehr. Mit meinen Mitarbeiterinnen hier mache ich sechs Tage die Woche von zehn bis neunzehn Uhr Kultur [siehe was wir vorher über die Erfahrungen im Laden schrieben; Anm. d. Red.]. Und im Grunde machen wir für jeden Kunden ne eigene Veranstaltung [lachen], und je nachdem, an wen man hier gerät, bekommt man sowieso ne ganz spezielle, eigene Veranstaltung. 

Wir müssen ja gestehen, auch wenn wir Lesungen und Co. schätzen, dass wir durchaus Fans von Buchhandlungen sind, die durch ihr Programm und ihre Personen überzeugen. Das ist doch noch einmal etwas anderes als ein Laden, der sich anfühlt wie eine mit Buchregalen dekorierte Bühne. 

So oder so sei es für Beate zwar schade, aber nicht tragisch, denn 25. nicht sooo feiern zu können: „Dass es uns nun 25 Jahre gibt, ist nichts, das nun nur auf einen Tag fällt.“ Überhaupt sei es eine Nummer für sich, dass ein Buchladen, ja ein Unternehmen, hier nach dieser Zeit noch so stattfinde und sich nach und nach gewandelt und weiter modernisiert habe. 

„Tag und Nacht liegen dicht beieinander“

Was uns zur Frage bringt: Über den Wandel haben wir gesprochen, aber was ist so mit Laufkundschaft? Touristischer wird’s hier ja auch. 

Beate: Das ist eine angenehme Durchmischung. Also gerade an den Samstagen merken wir, dass Leute kommen, weil sie wissen, dass ich da bin. Wir merken aber auch, dass viele Menschen kommen, die mal so durch die Gegend schlendern und finden, dass das toll aussieht und was finden. Trotzdem ist es erfreulich zu merken, dass wir nicht von den Touristen abhängig sind. 

Das Berlin-Regal für Besucher und Einheimische // © the little queer review

Und wenn die Frage nach dem Sommerloch kommt: Naja, dann sind die Touristen da und wenn die nicht so zahlreich da sind, dann haben wir unsere Stammklientel und die Leute um uns herum, die Berliner. Es ist wirklich eine gut durchmischte Sache. Was wir immer wieder hören und gern hören, ist, dass Leute die hier wohnen, ihre zu Besuch kommenden Freunde gern zu uns bringen. 

Aber es gibt auch Leute, die kenne ich die 25 Jahre. Menschen, die jetzt erwachsen sind. Die kannte ich, da waren die halt noch ganz klein. Das wollen die dann so gern auch nicht hören, wenn deren Mütter dann sagen: „Weißte noch wie der …“ und so… Und dann meinen die eben, so im übertragenen Sinne: „Ja, so klein war ich mal, aber nun lese ich selber.“ 

Es ist toll, dass die, die noch kommen, mich duzen, mich ihr Leben lang kennen, ich und diese Buchhandlung irgendwie immer schon dazugehören. Es gibt Familien, die sagen: „Na, über dich reden wir ja, als ob du zur Familie gehören würdest.“ Das ist was ich hier auch immer wollte und noch will, dass es zusammengehört und es etwas für- und miteinander ist.

Wir reden noch darüber, wie sich die Gegend nun wieder verändert; dass es wieder Kippmomente gibt, in denen es schwankt. Beate erzählt, dass es ihr nicht gefällt, was abends teilweise los ist; Dreck der herumliegt, wenn sie am nächsten Tag zu ihrer Buchhandlung kommt. Das weckt teilweise ambivalente Gefühle. Das verstehen wir (übrigens etwas, das der Herr Lederer nicht so im Griff hat *hust*).

Beate: Aber so ist das eben in Friedrichshain. Hier liegen Tag und Nacht dicht beieinander. Im Großen und Ganzen kann ich sagen: Es war nie so schön, gute Bücher zu verkaufen.

Was für ein wunderbarer Schluss. Hach. Und nun, nehmt euch ein Buch.

Eure queer-reviewer

Buchhandlung lesen & lesen lassen, Wühlischstraße 30, 10245 Berlin-Friedrichshain; Öffnungszeiten: Mo – Sa 10:00 bis 19:00 Uhr; Bücher können online reserviert werden

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