„Flucht“: Ein Drama als Sachbuch

„Flucht. Eine Menschheitsgeschichte“ ist ein selten treffender Titel, nicht nur programmatisch passend zum neuen Buch des Historikers Andreas Kossert, sondern auch bitterlich präzise als solcher für das Fluchtgeschehen. Wie präzise, wird im ausgezeichneten ersten Teil des Buches deutlich, wenn Kossert die Geschichte der Flucht beschreibt und den Theologen Johann Hinrich Claussen mit den folgenden Worten zur Bibel zitiert: „Ein Buch von Flüchtlingen für Flüchtlinge.“

Individuen, keine gesichtslosen Massen

Andreas Kossert, der sich schon seit Langem mit Flucht und Vertreibung beschäftigt und unter anderem zu ethnischen, konfessionellen und nationalen Minderheiten in Ostmitteleuropa sowie der Geschichte Polens, Ostpreußens und der Masuren forscht und publiziert, hat für sein unter anderem mit dem NDR Kultur Sachbuchpreis prämiertes und für den ersten Deutschen Sachbuchpreis nominiertes Buch einen neuen und sehr interessanten Ansatz gewählt: Er lässt in Flucht die Flüchtlinge als Individuen zu Wort kommen und eben „nicht gebündelt zu kulturellen oder politischen Gruppen, zwischen denen Hierarchien oder Konkurrenzen konstruiert werden“ (S. 21 f.). Konkret tut er dies in den meisten Fällen durch das Heranziehen literarischer Quellen: Die oft autobiografisch geprägten Romane von Flüchtlingen oder ihrer Kinder, ihrer Enkel; die zumeist veröffentlichten Briefwechsel zwischen Geflüchteten und/oder Daheimgebliebenen; Gedichte und an mancher Stelle auch ein Vortrag oder Gespräch mit Flüchtlingen oder ihren Nachkommen. 

Diese Herangehensweise stellte nicht nur einen enormen Rechercheaufwand für den Verfasser dar, sondern fordert auch von den Leser*innen ein hohes Konzentrationsvermögen, vor allem für den in fünf Themenbereiche („Weggehen“, „Ankommen“, „Weiterleben“, „Erinnern“, „Wann ist man angekommen?“) gegliederten Hauptteil des Buches. So geht es im Buch nicht nur durch die unterschiedlichsten Epochen, historischen Kontexte und gesellschaftlichen Befindlichkeiten, sondern ebenso durch sehr viele verschiedene, oft schnell wechselnde Tonlagen. Immer eingerahmt von Andreas Kosserts thematischer Einordnung, die an so gut wie keiner Stelle den konkreten Bezug zu den Zwischenkategorien wie „Vertrieben werden“, „Exil“ oder „Kulinarisches Heimweh“ aus den Augen verliert.

Durch diese Geradlinigkeit ist zwar die erwähnte Konzentration geboten, aber zu einem Brainfuck kommt es dankenswerterweise nicht. Unterstützend wirkt da auch der oben erwähnte fantastische erste Teil des Buches, der uns unter dem Titel „Jeder kann morgen ein Flüchtling sein“ nach einem gewissenhaften und nachdenklich stimmenden Appell, zuerst mit einer klar formulierten und historischen Begriffserklärung „vom Refugié zum Flüchtling in der Moderne“ versorgt und schließlich auf knapp einhundert verdammt interessanten, rasanten und mitunter erschreckenden Seiten die „endlose Geschichte der Flucht“ darlegt.

Die Ursachen stehen nahezu unverändert

Wir begegnen natürlich häufig dem Konzept der „ethnischen Reinheit“, vorrangig zur Sicherung und Ausweitung von Territorien, aber natürlich auch willkürlicher Grenzziehung und somit einer „Umsiedlungs“-, also Vertreibungsspirale. Wir lesen den Satz des irischen Historikers Raymond Douglas, der die auf der Potsdamer Konferenz im August 1945 beschlossene ethnische Neuordnung für einen „gewaltigen Ausbruch staatlich geförderter Gewalt“ (S. 103) verantwortlich macht. Wir begegnen Bevölkerungsgruppen, die mehr als einmal vertrieben werden. Wir begegnen dem Unwillen von Staaten und den Staatenlenkern samt all ihrer „Staatskunst“ („World Statesmanship“, wie es der Karikaturist Herbert Lawrence Block in einer im Buch abgebildeten Karikatur aus dem Jahr 1939 im Zuge der Konferenz von Évian und den Novemberpogromen nennt) und der unglaublichen Macht von Opportunismus und Wegsehen.

Bezeichnend ist, dass die Motive für Vertreibung, die Gründe für Flucht sich im Wesentlichen nicht geändert haben. Es sind zumeist ethnische und konfessionelle Konflikte und so sehr Kossert auch die Wirkung des UNHCR (zu deutsch: Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen) positiv hervorhebt, steht dem der ebenso mehrmals von ihm erwähnte Fakt, dass viele der Staaten, oder vornehmlich ihrer Staatenlenker, der Vereinten Nationen Auslöser und Teilnehmer von Konflikten und somit Ursache für Flucht und Vertreibung, Heimatverlust und Exil sind, entgegen. Vertreibung und Flucht sind menschengemachte Probleme, im Weiteren kann das übrigens auch auf die unvermeidlich zunehmenden Bewegungen durch den Klimawandel übertragen werden.

Vielfältige Stimmen

Die Stimmen, die zu all den Folgen in Flucht zu vernehmen sind, zeichnen sich durch eine unglaubliche Vielfältigkeit aus. Zum Teil handelt es sich dabei um jahrhundertalte Texte, viele stammen allerdings aus den letzten etwa einhundertfünfzig Jahren. Darunter finden sich unter anderem Kurt Wolff, Stefan Zweig, Jean Améry, Pascale Hugues, Reinaldo Arenas, Victor Gardon, Magdalena Reiswich, André Aciman, Christa Wolf, Ilija Trojanow, Widad Nabi oder auch die Künstlerin Kalliopi Lemos. Somit ist das Werk, auch dank eines ausführlichen Quellenverzeichnisses und einer zusätzlich weiterführenden Literaturliste, vorzüglich als Kompendium zum Themenbereich Flucht, Vertreibung und allem was hinzukommt zu betrachten.

Ergänzt wird das Buch darüber hinaus um nicht wenige Schwarz/Weiß-Fotografien, die mal die Familien Geflüchteter oder einzelne Personen, wie den homosexuellen Schriftsteller Reinaldo Arenas, der 1980 im Zuge der Mariel-Rettungsaktion aus Castros Kuba in die USA flieht, zeigen, entweder in ihrer alten Heimat oder im Exil. Oder mitgebrachte Gegenstände, wie ein Gefäß namens Ghara, in dem Lassi hergestellt wird, aus der Heimat; alte Schilder, die auf die alten, ursprünglichen Bewohner*innen hinweisen oder verwilderte Friedhöfe. Oder für die Flüchtlinge errichtete Siedlungen. Aber auch der Rettung der vietnamesischen Boatpeople oder von Dresdner Demonstranten im Jahr 2016 die sich vor „Überfremdung“ fürchten. 

Ein roter Faden, der Flucht durchzieht, sind vor allem zwei Erkenntnisse: Zum einen um den immer wieder für politische Zwecke missbrauchten und aufgeladenen Begriff „Heimat“, den Andreas Kossert im Buch als ein Konstrukt bezeichnet, das eine Bandbreite an Sichtweisen zulasse und sich so mitunter kaum zu überbrückende Widersprüche einstellten (S. 137). Im Weiteren ordnet er es mit einem für ihn für alle Vertriebenen geltenden Zitat von Jean Améry trefflich wie folgt ein: „Man muß Heimat haben, um sie nicht nötig zu halten.“ (S. 331) Wie vielschichtig der dahinterstehende Gedanke ist, wird nicht nur durch die Erläuterungen des Autors in Bezug auf die erwähnte politische Vereinnahmung des Wortes für politische Agenden klar (bei uns in Deutschland beispielsweise durch die AfD), sondern auch durch die vielseitigen, persönlichen im Buch wiedergegebenen Geschichten, die über Generationen hinweg eine Verbundenheit mit und ein Sehnen nach der verlassenen Heimat zeigen. Das Wort „Entwurzelung“ taucht oft auf, ist an keiner Stelle zu viel und ist zum Ende des Buches als biographische Zäsur, die vielfach als kollektive Erfahrung fortwährt, eindeutig definiert (vgl. S. 336).

„Geister im Exil und am alten Ort“

Zum anderen, und nur folgerichtig, steht die Erkenntnis, dass Flucht nie endet. Ob, wie es zu Beginn des Buches steht, Flüchtlinge nicht einfach weiterflüchten können, wenn sie am (zumeist beliebig zugewiesenen) Ziel angelangt und wieder unerwünscht sind, somit schon der Versuch eines wirklichen Ankommens vereitelt wird oder wenn es eben um jene Folgen der Entwurzelung geht, die an vielen Stellen des Buches nicht ohne eine gewisse Dramatik und emotionale Schwere erzählt werden. Immer wieder durchsetzt von sehr pragmatischen Betrachtungen und hoffnungsfrohen Erzählperspektiven. Ergänzt um simple Anmerkungen wie „Vertreibung macht aus Menschen Objekte fremden Willens“ (vgl. S. 178), die an dieser Stelle in Zusammenhang mit sexueller Gewalt fällt. So trägt Flucht bestenfalls auch dazu bei, dass wir Leser*innen, insbesondere jene ohne derlei Erfahrungen, ob nun im Heute oder familienhistorischen Gestern, den Flüchtlingen mit mehr Empathie begegnen werden. 

Die Dichte an wirklich lebhaften Beispielen tut hier ihr Übriges. Ebenso manch kunstfertiger Kniff, derer sich Andreas Kossert öfter bedient. So zum Beispiel, wenn er eine Erzählung erst einmal ohne zeitliche und geografische Einordnung stehen und uns überlegen lässt, wann und wo diese sich nun abgespielt haben könnte. Diesen Gedanken im Kopf fällt im weiteren Verlauf des Buches auf, an wie vielen Stellen das gemacht werden könnte, was letztlich auch den ganzen frustrierenden Irrsinn bereits umrissener Ursachen für Flucht und Vertreibung gewahr werden lässt.

Keine „Kollateralschäden“, keine Unausweichlichkeit

Somit kommt Andreas Kossert – der bereits zu Beginn seines hochgradig informativen Buches feststellt, dass die Genfer Flüchtlingskonvention vom 28. Juli 1951 dringend ihre Definition von Flüchtlingen auf Menschen ausdehnen sollte, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung verfolgt werden und überhaupt einer Aktualisierung bedürfe, auch in Bezug auf klimatische Veränderungen (vgl. S. 29 f.) – zum Ende logischerweise unter anderem zu dem Schluss, dass es neben klaren Regeln ein Grundrecht auf Asyl brauche. Dass es nicht sein könne, dass als Reaktion auf schreckliche Bilder in den Abendnachrichten ein Rückzug ins Nationale erfolge und Flüchtlinge „wie schon so oft in der Geschichte als ‚Kollateralschäden‘“ gälten und man ihnen mit Abwehr und Härte begegne (vgl. S. 344 ff.). Auch die Vielfalt, die Flüchtlinge mit sich brächten, beschreibt Kossert ebenso wie die treibende Kraft, die sie für Modernisierung werden könnten (vgl. S. 350). Denn, wie es der auf Seite 352 zitierte Schriftsteller Ilija Trojanow auf den Punkt bringt: „Der Geflüchtete ist eine eigenen Kategorie Mensch.“ 

Flucht. Eine Menschheitsgeschichte ist ein ausgezeichnet strukturiertes und vielschichtiges Werk, das Menschen zu Wort kommen lässt und so den vermeintlichen Abstand zwischen „Uns“ und „Ihnen“ verringert. Dazu eine hervorragende Betrachtung eines jahrtausendealten Problemkomplexes und Teufelskreises, dessen Unausweichlichkeit so irreal ist, wie dessen Durchbrechen möglich sein sollte. Und nicht zuletzt ein fantastisches literarisches Nachschlagewerk.

AS

Cover von Flucht von Andreas Kossert, erschienen im Siedler Verlag

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Andreas Kossert: Flucht. Eine Menschheitsgeschichte; 1. Auflage, Oktober 2020; Gebunden mit Schutzumschlag; 432 Seiten; mit ca. 50 s/w-Fotografien; ISBN: 978-3-8275-0091-5; Siedler Verlag; 25,00 €

Hier findet ihr verschiedene Beiträge rund um den Themenkomplex „Flucht“.

Beitragsbild: Das Buchcover auf einem Lost-Place-Foto von Lumiphil/Getty Images via Canva // Komposition: the little queer review

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